Johanne Charlotte Unzer (1725-1782) - Liebesgedichte

Johanne Charlotte Unzer

 

Johanne Charlotte Unzer
(1725-1782)


Inhaltsverzeichnis der Gedichte:

 

Damis und Phillis

Damis
Als ich mir noch die süßen Küsse raubte,
Die Phillis itzt mir unerwartet giebt;
Da hab ich sie mehr, als ich selber glaubte,
Mehr als mich selbst, hab ich sie da geliebt.

Phillis
Als Damis Herz zuerst für mich entbrannte;
Da war mein Glück dem Glück der Fürsten gleich.
Als er mich noch sein braunes Mädchen nannte;
Galt mir sein Kuß mehr, als ein Königreich.

Damis
Nun macht die Eh der alten Gunst ein Ende,
Und Doris nur befeuret meinen Trieb.
Wie drückten wir einander jüngst die Hände!
Wie war ich ihr, wie war sie mir so lieb!

Phillis
Itzt könnt ich mich an Thyrsis Kuß ergetzen,
Der meine Reu, nicht ohne Mitleid, hört.
Er ist bereit, mir Damis zu ersetzen,
Und ach! sein Kuß ist einer Sünde werth.

Damis
Wie? wenn ich itzt die alte Gunst erneute?
Wie? wenn ich dich, die mich zuerst entzückt,
Durch einen Kuß der ersten Art erfreute,
Daß Doris säh, wie mich dein Bund beglückt!

Phillis
Ich seh es oft aus deinen satten Blicken,
Daß in dein Herz ein kleiner Kaltsinn schleicht:
Doch darf nur ich Dich an mein Herze drücken;
So ist für mich kein Liebster, der Dir gleicht.

Aus: Versuch in sittlichen und zärtlichen Gedichten,
von Johannen Charlotten Unzerinn, gebohrnen Zieglerinn,
Kaiserlicher gekrönter Dichterinn, und der Königlich-
Großbrittannischen, wie auch der Herzoglich-Braunschweigischen,
deutschen Gesellschaften, zu Göttingen und Helmstädt, Ehrenmitgliede.
Halle im Magdeburgischen
Verlegt von Carl Hermann Hemmerde 1754 (S. 141-143)
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Wunsch eines Verliebten

Bacchus! Vater froher Scherze!
Lehre doch mein Mägdchen scherzen!
Lehre sie die Sorgen hassen:
Denn sie machen sie nur mürrisch!
Lehre sie, den muntern Scherzen
Geist und Anmuth zugesellen!
Lehre sie, so oft zu trinken,
Als ich ihr den Kelch will bringen,
Daß sie recht die Lust empfindet,
Die der Trauben Säfte geben.
Hast du ihr den Scherz gelehret,
Und trinkt sie dir, liebster Vater,
Täglich frischen Most zu Ehren;
O! so lehre sie auch lieben;
Lehre sie recht feurig küssen,
Und noch täglich mehr zu küssen:
Dann hast du sie recht gelehret.

Aus: (Johanne Charlotte Unzerinn geb. Zieglerin)
Versuch in Scherzgedichten
Zweite veränderte und vermehrte Auflage
Halle im Magdeburgischen,
Verlegt von Carl Hermann Hemmerde 1753 (S. 38)
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Traum

Damon! hier in diesen grünen Grotten,
Wo die Zephyrs sich vertraulich küssen,
Und verliebte Vögel zärtlich scherzen,
Wünscht ich sehnlich, dich bey mir zu sehen:
Und sogleich schloß mir der Schlaf die Augen;
Und der süßen Träume listiges Schmeicheln
Suchte mich von neuem zu vergnügen.
Laß dir einen solchen Traum erzählen,
Meinen besten Traum, so lang ich träume:
Bacchus saß dort trunken in der Hecke;
Sahe mich von ferne einsam sitzen;
Wies mir lächelnd seinen vollen Becher;
Und rief heiser, und mit schwerer Zunge:
Höre, Mägdchen! was für schwarze Sorgen
Schwärmen da, auf deiner jungen Stirne?
Willst du nicht von diesem Safte trinken?
Nimm und trink! Dann wirst du freudig lachen!
Dann wird Kummer, Gram und Sorge weichen!
Als mir Bacchus so den Becher reichte;
Nahm ich ihn und wollte eben trinken:
Doch ich sah gleich hinterm Vater Bacchus
Venus Sohn, mit seinem schlimmen Bogen,
Und er zielte schon nach meinem Herzen;
Und er dräuete, mich zu verwunden.
Schreckhaft ließ ich drauf den Becher sinken!
Gleich verschwand mein Traum. Noch bin ich durstig.
Hätt ich wenigstens nur erst getrunken.
Hätt ich wenigstens nur drey und neunmal
Den verwünschten Becher ausgetrunken!

Aus: (Johanne Charlotte Unzerinn geb. Zieglerin)
Versuch in Scherzgedichten
Zweite veränderte und vermehrte Auflage
Halle im Magdeburgischen,
Verlegt von Carl Hermann Hemmerde 1753 (S. 54-55)
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Unterschied zwischen einer Uhr
und einem Frauenzimmer

Die ihr mit Schönen bloß, als mit Maschinen, spielet,
Und ihre Küsse nur, nicht ihre Seelen, fühlet,
Lernt noch den Unterschied, der unter beyden ist.
Ein zärtlicher Poet hat ihn gerührt empfunden:
Die Uhr, sprach Fontenell, erinnert uns der Stunden:
Doch eine Phillis macht, daß man sie froh vergißt.

Aus: Fortgesetzte Versuche in sittlichen und zärtlichen Gedichten,
von Johannen Charlotten Unzerinn,
gebohrnen Zieglerinn.
Rinteln, bey Gotthelf Christ. Berth 1766 (S. 44)
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An Damis Geburtstage

Dir, bester Inhalt meiner Lieder,
Dir tönt dieß Lied der Lieb und Lust,
Dein Tag, der schöne Tag kömmt wieder,
Und Freude klopft in meiner Brust.
Sie klopft; das Herz fühlt mit Entzücken
Dein Wohl, die Kraft sich zu beglücken.

Es sey, daß mir die Worte fehlen,
Spricht doch mein Blut, von Lieb erregt;
Dieß kann Empfindungen erzählen,
Und nennt den Trieb, der es bewegt.
Der Liebe Macht, ein Herz zu zwingen,
Läßt sich empfinden, nicht besingen.

Ein immerwährendes Getümmel
Von treuen Trieben zeichnet mich.
Die Seufzer eilen nach dem Himmel,
Und bitten da den Lohn für Dich.
Den Lohn, ein lang und frohes Leben,
Kann Dir allein der Himmel geben.

O brauche Deine frohen Stunden,
Erkenne Deine goldne Zeit.
Gott schickt sie Dir. Wann sie verschwunden,
Ist sie ein Raub der Ewigkeit.
Dein Lohn, genoßne Augenblicke,
Beglückten Dich und sind mein Glücke.

Was sind der Weisheit strenge Lehren
Dem, den die frohen Freuden fliehn?
Willst Du Dir die Natur verwehren,
Die Dir Herz und Gefühl verliehn?
Willst Du nur Geist seyn? Feind der Triebe?
O werde wieder Mensch, und liebe.

Aus: Fortgesetzte Versuche in sittlichen und zärtlichen Gedichten,
von Johannen Charlotten Unzerinn,
gebohrnen Zieglerinn.
Rinteln, bey Gotthelf Christ. Berth 1766 (S. 28-29)
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Die Verliebte

Doris ach! du willst nicht fühlen,
Wie die Zephyrs lispelnd spielen?
Diese Gärten, diese Wiesen,
Werden dir umsonst gepriesen?
Die Natur, mit ihren Schätzen,
Kann dich nicht einmal ergetzen?
Vermuthlich bist du verliebt.

In das Kloster willst du ziehen?
Vor den Menschen willst du fliehen?
Finstre, räthselvolle Schriften,
Sollen deine Ruhe stiften?
Und das Glück, vergnügt zu leben,
Soll die Einsamkeit dir geben?
Ohnfehlbar bist du verliebt.

Deine Jugend hinzubringen,
Willst du bethen oder singen?
Um dein Leben wohl zu enden,
Läßt du dir den Cubach senden?
Und, um unbeklagt zu sterben
Soll dein Kloster von dir erben?
Wahrhaftig bist du verliebt!

Sieh, hier kömmt Myrtill gegangen.
Sieh, er zittert vor Verlangen,
Dich inbrünstig zu umfangen.
Sieh, es blühn auf seinen Wangen
Rosen, die bey Liljen prangen!
Sieh, itzt wird er dich umfangen!
O! Doris, wärst du verliebt!

Doch was seh ich? voll Entzücken,
Wandelst du mit deinen Blicken,
Die doch schon im Himmel irrten,
Auf den Wangen dieses Hirten?
Ach sie küßt ihn! Kinder! bebet!
Sarg und Bahre - - - Nichts! sie lebet.
Sie ist gewaltig verliebt.

Aus: (Johanne Charlotte Unzerinn geb. Zieglerin)
Versuch in Scherzgedichten
Zweite veränderte und vermehrte Auflage
Halle im Magdeburgischen,
Verlegt von Carl Hermann Hemmerde 1753 (S. 94-95)
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Aufmunterung zum Vergnügen

Doris, eile doch mit den Gespielen!
Eile doch! die stille Lust zu fühlen,
Die des Frühlings Wiederkunft kann geben.
Wenn er kömmt, fängt alles an zu leben;
Wenn er flieht, entfliehen alle Freuden,
Und du mußt die stillen Küsse meiden,
Welche, wenn sein Hauch dich sanft berühret,
Zephyr oft dir schmeichelnd zugeführet.
Wiesen, die wie ganz erstorben schienen,
Fangen itzt von neuem an zu grünen.
Alles lebt, mit neuer Lust, vergnüget,
Weil der rauhe Winter ist besieget.
Sey vergnügt bey deines Thyrsis Küssen,
Laß ihm oft sein größtes Glücke wissen,
Das er nur in deinem Arm genießet:
Dadurch wird der Liebe Schmerz versüßet.

Aus: (Johanne Charlotte Unzerinn geb. Zieglerin)
Versuch in Scherzgedichten
Zweite veränderte und vermehrte Auflage
Halle im Magdeburgischen,
Verlegt von Carl Hermann Hemmerde 1753 (S. 51)
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Ein böser Traum
An Doris

Dort, Liebste, wo die Ruh nichts störet,
Die die Zufriedenheit mir schenket,
In jenem anmuthsvollen Busche
Vergnügte ich mich.

Die Zephirs hascheten sich scherzend;
Sie zischten, lispelnd, sich entgegen,
Wie sie in schatticht düstern Grotten
Die Spröden behorcht.

Harmonische Gesäng der Vögel
Befeurten die beglückte Liebe.
Im nahen Felde schlug die Wachtel;
Das Echo erscholl.

Ein Bach, der wie Kristallen blitzte,
Schlung sich gekrümmt durch zweene Felsen.
Mich lockte sein verliebtes Murmeln;
Hier setzt ich mich hin.

Die Sonne, stolz auf ihren Schöpfer,
Der ihr ein reines Licht geschenket,
Beschaut neugierig sich im Wasser;
Hier bricht sich das Licht.

Von Lust entzückt, lag ich am Bache.
Das liebliche Geräusch der Quelle
Lockt bald auf meine Augenlieder
Den Schlummer herab.

Das Auge, mit Verdruß sich schließend,
Blickt nur noch einmal nach dem Bache,
Die Farbenstralen, zu besehen:
Dann schließet es sich.

Gleich seh ich träumend Damis kommen.
Ich fürchte mich vor seinen Kriegen,
Weil Amor immer für ihn streitet:
Ich lief, und entkam.

Ich hielt mich hinter einem Baume,
Und sahe, schalkhaft, ihn mich suchen.
Er gieng vorüber, und ich küßte
Zum Danke, den Baum.

Gleich wach ich auf, und ach! mein Engel!
Küß niemals einen Baum im Schlafe!
Ich hatte meinen Freund im Arme,
Den hatt ich geküßt.

Aus: (Johanne Charlotte Unzerinn geb. Zieglerin)
Versuch in Scherzgedichten
Zweite veränderte und vermehrte Auflage
Halle im Magdeburgischen,
Verlegt von Carl Hermann Hemmerde 1753 (S. 35-37)
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An Damis Geburtstage

Du meiner Wünsche Ziel, mein Damis! welch Entzücken
Fühlt heute Deiner Freundinn Brust!
Du lebst! und liebest mich! mein Leben zu beglücken
Erkohrst Du Dir zur größten Lust.

Die Vorsicht wolle doch mich lange würdig finden,
Von Dir, mein Freund, geliebt zu seyn.
O! möchte sie mich nie der süßen Pflicht entbinden,
Mich diesen Tag mit Dir zu freun!

Jedoch, wenn dermaleinst mit seinen Mordgewehren
Der Todes-Engel uns wird dräun:
O Freund! dann müsse noch Dein Leben lange währen
Und Dir mein Tod ein Opfer seyn.

Aus: Fortgesetzte Versuche in sittlichen und zärtlichen Gedichten,
von Johannen Charlotten Unzerinn,
gebohrnen Zieglerinn.
Rinteln, bey Gotthelf Christ. Berth 1766 (S. 14)
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Die Liebe

Moliere
Je trouve, que le Coeur est ce qu'il faut gagner.

Du, würdige Liebe!
Verdienst es vor allen,
Daß man dich besinget.
Ihr größten der Dichter!
Singt nicht mehr von Schlachten,
Und blutigen Kriegen,
Und mächtigen Helden.
Lobt nicht mehr das Donnern
Der Mörser und Stücke,
Womit man die Felder
Und Lüfte erschüttert.
Ihr Helden, sucht Ehre,
Da siegreich zu streiten,
Wo mächtige Schönen,
Mit feurigen Blicken,
Und lächelnden Minen
Die Herzen bekriegen!
Erobert die Herzen
Der sprödesten Schönen!
Erreget da Liebe,
Wo Unschuld und Jugend
Die Herzen verhindert,
Die zärtliche Liebe
Zu wünschen, zu fühlen.
Könnt ihr denn die Herzen
Wie Schlachten gewinnen;
So seyd ihr unsterblich:
Eur Ruhm ist der größte.
So singt denn, ihr Dichter,
Von nichts als von Liebe!
Ihr mächtigen Helden!
Gebt Bogen und Pfeile
Nur Amorn zu streiten.
So seyd ihr verewigt!

Aus: (Johanne Charlotte Unzerinn geb. Zieglerin)
Versuch in Scherzgedichten
Zweite veränderte und vermehrte Auflage
Halle im Magdeburgischen,
Verlegt von Carl Hermann Hemmerde 1753 (S. 62-63)
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Die Gewalt der Liebe

Ein finstrer Algebraicus,
Ein Feind des keuschen Scherzens,
Bewies, durch einen strengen Schluß,
Die Kälte seines Herzens.

Wer meditirt, verliebt sich nicht;
Nun meditir ich immer:
Daher lieb ich kein schön Gesicht,
Und hasse Frauenzimmer.

Kaum hat er den Beweis geführt;
So läßt sich Phillis schauen:
Er sieht sie, liebt sie, meditirt,
Hält an und läßt sich trauen.

Aus: (Johanne Charlotte Unzerinn geb. Zieglerin)
Versuch in Scherzgedichten
Zweite veränderte und vermehrte Auflage
Halle im Magdeburgischen,
Verlegt von Carl Hermann Hemmerde 1753 (S. 52)
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An Damis
in der Abwesenheit

Freund, den das strenge Geschick nun meiner Umarmung entrissen,
Und weit von der zärtlichsten Freundinn geführt;
Freund, der Du vormals die Kraft der siegenden Liebe empfunden,
Empfindst Du sie itzt noch; so höre dieß Lied.

Dort, wo die Schatten des Hayns uns Liebende willig empfingen,
Wo nie ein nachspürender Blick uns entdeckt;
Dort, wo die Zephirs ins Thal auf weichem Moose sich welzten,
Und uns in vertrauten Gesprächen behorcht;

Wo seit Jahrhunderten schon ehrwürdige Eichen sich breiten,
Und stolz sich die schlankere Fichte erhebt:
Da, Freund, da sank ich dahin, in deine mir wartenden Arme,
Entzückt, wie die Wollust, und froh, wie der Scherz.

Die heitre, lachende Stirn umwölkte kein trüber Gedanke,
Dein Blick traf gewaltig, wie Blitze, mein Herz.
O Zeit! - - - In Dir, liebster Freund, da hatte ich alles gefunden,
Die Freundschaft, die Liebe, Trost, Hoffnung und Rath.

Du sachest den Trieb in mir auf zur sel'gen Erkenntniß der Weisheit,
Und Du, Du entwickeltest mich selber erst mir.
Ihr Stunden flohet vorbey, wie Morgenträume dahin fliehn,
Und alle, die folgen, ersetzen euch nicht.

Du nun verödeter Hayn, nun düstere traurige Schatten,
Nun nicht mehr willkommene Zephirs, nicht mehr
Mein lieblichs heiliges Thal! itzt seyd ihr mir schrecklich und einsam!
Ist Damis hier nicht mehr; so lieb ich euch nicht.

O Freund! Wenn seh ich Dich einst! Wenn schlagen, in deiner Umarmung,
Die pochenden Adern mit doppelter Kraft!
O! Damis, könnt ich Dich sehn; ich würde die Wüsten nicht scheuen,
Ich irrte begierig, mit strauchelndem Fuß,

Auf steilen Bergen umher, und stieg in die finstersten Thäler,
Und wollte Dich rufen im einsamen Hayn;
Wie eine Hindinn, voll Furcht, in Wüsteneyen herum irrt,
Den ihr entrissenen Liebling zu sehn.

Aus: Versuch in sittlichen und zärtlichen Gedichten,
von Johannen Charlotten Unzerinn, gebohrnen Zieglerinn,
Kaiserlicher gekrönter Dichterinn, und der Königlich-
Großbrittannischen, wie auch der Herzoglich-Braunschweigischen,
deutschen Gesellschaften, zu Göttingen und Helmstädt, Ehrenmitgliede.
Halle im Magdeburgischen
Verlegt von Carl Hermann Hemmerde 1754 (S. 103-105)
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An Damis

Freund, könnte mir ein Lied gelingen,
Das schwülstig wär von Zärtlichkeit;
Vielleicht würd ich mit Beyfall singen,
Zum wenigsten für unsre Zeit.
Allein der Trieb, der mich entzündet,
Entsagt der Kunst und Schmeicheley.
Die Liebe, die mich Dir verbindet,
Hat keinen Glanz der Heucheley.

Dich, Gatte, den der Vorsicht Lenken
Zur Lust des Lebens mir ersah,
Beschloß sie, huldreich, mir zu schenken,
Sie thats, und sieh, mein Glück war da.
Ich weis sonst nirgends Lust zu finden,
Als die mir deine Liebe giebt.
Die will allein mein Herz empfinden,
Das Dich mehr, als sich selber, liebt.

Der Neigung Siegel sey mein Leben,
Das mir doch nur um Dich gefällt.
Ich sey dem Tode übergeben,
Wenn Dich, nur Dich mein Tod erhält.
O! laß Dir diese Treu gefallen,
Die ewig, wie der Himmel, ist,
Unschuldig, wie der Kinder Lallen,
Und zärtlich, wie Du selber bist.

Aus: Versuch in sittlichen und zärtlichen Gedichten,
von Johannen Charlotten Unzerinn, gebohrnen Zieglerinn,
Kaiserlicher gekrönter Dichterinn, und der Königlich-
Großbrittannischen, wie auch der Herzoglich-Braunschweigischen,
deutschen Gesellschaften, zu Göttingen und Helmstädt, Ehrenmitgliede.
Halle im Magdeburgischen
Verlegt von Carl Hermann Hemmerde 1754 (S. 136-137)
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Aufmunterung zum Clavierspielen
An Damis

Freund, was für ein sanft Entzücken
Flößest Du in meine Brust?
Deine Liebe kann beglücken,
Und dein Umgang weckt die Lust,
Wenn dein zaubernd Spiel erklinget,
Das der Sorgen Heer verdringet.

Oft hat deine Hand, durch Spielen,
Strenger Kenner Ohr ergetzt,
Und Du zwingst selbst den, zu fühlen,
Der sonst keine Tonkunst schätzt.
Deine Saiten klagen, scherzen,
Flehn und zwingen Dir die Herzen.

Ach! wie oft, in trüben Stunden,
Wenn die Sorgen Meister sind,
Hab ich es mit Lust empfunden,
Wie dein Spiel das Herz gewinnt.
Freund, in diesen Augenblicken
Könntest Du mich schon entzücken.

Eil und sieh mich deinen Tönen
Folgen in der Leidenschaft.
Laß mich scherzen, klagen, sehnen,
Alles steht in deiner Kraft.
Doch, darf ich mir selber wählen;
Laß es nicht an Scherzen fehlen.

Aus: Versuch in sittlichen und zärtlichen Gedichten,
von Johannen Charlotten Unzerinn, gebohrnen Zieglerinn,
Kaiserlicher gekrönter Dichterinn, und der Königlich-
Großbrittannischen, wie auch der Herzoglich-Braunschweigischen,
deutschen Gesellschaften, zu Göttingen und Helmstädt, Ehrenmitgliede.
Halle im Magdeburgischen
Verlegt von Carl Hermann Hemmerde 1754 (S. 139-140)
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Der Sieg der Liebe

De Voltaire
- Malheureux! qui n'en parle, qu'en Vers

Ich fühl in der Brust
Die zärtlichsten Triebe,
Den Ursprung der Lust,
Die göttliche Liebe.

Schon siegt der Affect!
Entzückende Schmerzen,
In Freude versteckt,
Erwachen im Herzen.

Es tobt in der Brust,
Bey Seufzern und Thränen,
Ein Vorwitz zur Lust,
Ein treibendes Sehnen.

So oft ich dem Witz
Zu lächeln befehle;
Durchdonnert der Blitz
Von Schrecken die Seele.

Wie Rosen verblühn,
So schwinden die Kräfte:
Wie Wetter aufziehn,
So schleichen die Säfte.

Doch, dennoch entreißt
Kein Zufall, kein Leiden,
Dem muthigen Geist
Die seligen Freuden.

Verzweiflung bedroht
Die Hoffnung vergebens:
Ich wünsche den Tod,
Zur Rettung des Lebens.

O glücklicher Krieg!
O fröhliche Stunden!
Ich habe den Sieg
Der Liebe empfunden.

Aus: (Johanne Charlotte Unzerinn geb. Zieglerin)
Versuch in Scherzgedichten
Zweite veränderte und vermehrte Auflage
Halle im Magdeburgischen,
Verlegt von Carl Hermann Hemmerde 1753 (S. 39-41)
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Trost der Liebe
An Damis

Kaum erwäg ich recht mein Glücke,
Das mir deine Liebe giebt;
Freund, so wird im Augenblicke
Mein erschrocknes Herz betrübt:
Denn es wird die Stunde schlagen,
Und wie schnell rückt sie heran!
Da ich nichts, als mich beklagen,
Und kein Mensch mich trösten kann.

Der Gedanke, wenn wir scheiden,
Mischt zu meiner Freude Gift,
Webt in meine Ruhe Leiden,
Lähmt den Scherz, auf den er trifft.
Damis, laß uns zeitig trachten
Unsre Trennung auszustehn,
Lehre mich den Tod verachten,
Oder doch unschreckhaft sehn. - - -

Träum ich? Nein! noch darf ich hoffen,
Mein Entsetzen mindert sich.
Seh ich nicht die Zukunft offen,
Und dort, hinterm Grabe, mich?
Seh ich nicht, in jener Ferne,
Neue Welten prächtig gehn?
Neue Sonnen, neue Sterne,
Neue Menschen auferstehn?

Fleuch von hinnen, banges Schrecken,
Störe nicht die sanfte Ruh!
Herr, dein Wink wird mich erwecken:
Deine Liebe sagt mirs zu.
Sanfter Strom zukünftger Freuden!
Süße Hoffnung, die mir blüht,
Muß ich einst von Damis scheiden,
Daß mein Geist Ihn wieder sieht.

Aus: Versuch in sittlichen und zärtlichen Gedichten,
von Johannen Charlotten Unzerinn, gebohrnen Zieglerinn,
Kaiserlicher gekrönter Dichterinn, und der Königlich-
Großbrittannischen, wie auch der Herzoglich-Braunschweigischen,
deutschen Gesellschaften, zu Göttingen und Helmstädt, Ehrenmitgliede.
Halle im Magdeburgischen
Verlegt von Carl Hermann Hemmerde 1754 (S. 125-127)
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An die Liebe

Liebe, die du mich belehret,
Wie man süße Lieder singt:
Liebe, die die Scherze nähret,
Gib, daß mir ein Lied gelingt.
Weihe mit verliebten Scherzen
Meinen Trieb zur Dichtkunst ein,
Und bezwing durch mich die Herzen:
Ich will gern dein Herold seyn.

Theile dich mir mit, o! Liebe,
Wie dem Weisen, der dein Lob
Noch mit feurig starkem Triebe,
Bey des Alters Frost, erhob.
Ja, ich fühle schon dein Feuer:
Doch dein Einfluß wirkt den Scherz
Nicht in Liedern meiner Leyer,
Nein, er wirkt ihn in mein Herz.

Ach, ich fühl ihn! Deine Freuden
Sind ein süßer, banger Schmerz - -
Laß ihn toben, ich will leiden,
Und verwandl' ihn nicht in Scherz.
Lehr mich, bitt ich itzt, vor allen,
Wenn mich Scherz und Jugend flieht,
Meinem Damis zu gefallen,
Der mein Herz stets nach sich zieht.

Aus: Versuch in sittlichen und zärtlichen Gedichten,
von Johannen Charlotten Unzerinn, gebohrnen Zieglerinn,
Kaiserlicher gekrönter Dichterinn, und der Königlich-
Großbrittannischen, wie auch der Herzoglich-Braunschweigischen,
deutschen Gesellschaften, zu Göttingen und Helmstädt, Ehrenmitgliede.
Halle im Magdeburgischen
Verlegt von Carl Hermann Hemmerde 1754 (S. 128-129)
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Unterschied in Antworten

Mägdchen! wenn die Männer schreyn:
Kommt und laßt euch zärtlich küssen!
Wißt ihr, was wir sagen müssen?
Nein!

Fiel es einem etwan ein,
Einen Blick von uns zu wollen;
Wißt ihr, was wir sagen sollen?
Nein!

Sollt ein Mann so dreiste seyn,
Und nach dem und dem gelüsten;
Wißt ihr, was wir sagen müßten?
Nein!

Käm ein Herr, voll Lieb und Wein,
Einen Tanz uns vorzuschlagen;
Wißt ihr, was wir müssen sagen?
Nein!

Aber stünd ein Jüngling da,
Gar die Eh uns anzutragen;
Wißt ihr, was wir müßten sagen?
Ja!

Aus: (Johanne Charlotte Unzerinn geb. Zieglerin)
Versuch in Scherzgedichten
Zweite veränderte und vermehrte Auflage
Halle im Magdeburgischen,
Verlegt von Carl Hermann Hemmerde 1753 (S. 108-109)
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Mein Geschmack

Mich rührt kein finstrer Weiser,
Der seine Stirn beständig
Mit Falten überziehet,
Und der nur von Monaden,
Von andern schlechten Welten,
Und von der Seelen Nahrung
In Räthseln mit mir redet.
Auch der nicht, der nur Zahlen,
Nie aber Scherz und Küsse
Quadriret und cubiret,
Und der aus unsern Körpern
Nur die Mechanik lernet.
Auch nicht der stolze Dummkopf,
Der immer disputiret;
Der unter Popens Schöpsen
Den ersten Rang verdiente,
Weil er sich selbst vergöttert,
Und in sich selbst die Dummheit;
Der keine Pflicht sonst übet,
Als solche, die ihn zwingen.
Der Dummkopf würde täglich
Um Küsse mit mir rechten,
Und mich mir gar zu ofte
Mit Schreyen übertäuben.
Soll mir ein Freund gefallen,
So muß er weislich denken;
Er muß die Wissenschaften
Verstehen und verehren,
Doch muß die ernste Weisheit
Nie sein Gesicht entstellen.
Er muß die frohen Scherze,
Doch feuerreiche Scherze,
In seinen Umgang mischen,
Und muß die süßen Triebe
Der Freundschaft in sich fühlen.
Ein solcher Freund ist Damis.

Aus: (Johanne Charlotte Unzerinn geb. Zieglerin)
Versuch in Scherzgedichten
Zweite veränderte und vermehrte Auflage
Halle im Magdeburgischen,
Verlegt von Carl Hermann Hemmerde 1753 (S. 8-9)
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Ein Schluß

Mir kann der Saft der Reben
Stets neu Vergnügen geben.
Ich lache, scherz und singe,
Ich jauchze, hüpf und springe,
Es fliehen alle Schmerzen
Aus meinem frohen Herzen.
Bey Damis stillen Küssen,
Kann ich leicht alles missen,
Was andern Wollust dünket:
Drum Schwestern, liebt und trinket!

Aus: (Johanne Charlotte Unzerinn geb. Zieglerin)
Versuch in Scherzgedichten
Zweite veränderte und vermehrte Auflage
Halle im Magdeburgischen,
Verlegt von Carl Hermann Hemmerde 1753 (S. 59)
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Bey Damis Genesung

O! welche Unruh, was für Sorgen
Bestürmten mein betrübtes Herz!
Ein jeder Abend, jeder Morgen
Erneute grausam meinen Schmerz!
Wie wünscht' ich da, mein doch unnützes Leben,
Für meinen Freund zum Opfer hinzugeben.

Nun dank ichs Dir, daß diesen Tag noch Wonne
In meine matte Seele dringt;
Dir dank ichs, Gott, daß mir das Licht der Sonne
Noch einmal Freud und Ruhe bringt.
O! laß doch nie des besten Freundes Leben
So viel Gefahr, als diesesmal, umgeben!

Aus: Fortgesetzte Versuche in sittlichen und zärtlichen Gedichten,
von Johannen Charlotten Unzerinn,
gebohrnen Zieglerinn.
Rinteln, bey Gotthelf Christ. Berth 1766 (S. 25)
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Meine Art zu lieben

Ohne Schmerzen wirkt die Liebe
Ekel beym Genuß.
Ohne Martern sind die Triebe
Laue Flammen lauer Liebe,
Die man Greisen gönnen muß.

Von der Unruh in dem Herzen
Nährt die Liebe sich.
Heiße Liebe mischt die Schmerzen
In die Wollust junger Herzen,
Und, mein Freund, so lieb ich Dich.

Bald ein Abgrund, bald ein Himmel
Oeffnet sich für mich.
Im beständigen Getümmel
Aller Triebe, wacht, vom Himmel,
Ein getreuer Trieb für Dich.

Aus: Versuch in sittlichen und zärtlichen Gedichten,
von Johannen Charlotten Unzerinn, gebohrnen Zieglerinn,
Kaiserlicher gekrönter Dichterinn, und der Königlich-
Großbrittannischen, wie auch der Herzoglich-Braunschweigischen,
deutschen Gesellschaften, zu Göttingen und Helmstädt, Ehrenmitgliede.
Halle im Magdeburgischen
Verlegt von Carl Hermann Hemmerde 1754 (S. 124)
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An Damis

Schon dreyzehn Jahre sind vergangen;
Da Dich mein Arm zuerst umfieng,
Da ich mit zärtlichem Verlangen
An Deinem treuen Busen hieng.
Freund, seit dem süßen Augenblicke
Fühl ich den Werth von meinem Glücke.

Ganz von der Liebe hingerissen,
Folgt ich mit treuem Herzen Dir.
Der Aeltern Haus nicht zu vermissen,
Fand ich mein Glück, mein Alles, hier,
Bey Dir, der mich vor allen wählte,
Damit nichts meinem Glücke fehlte.

Noch brennt mein Herz von gleicher Liebe,
Ob gleich die Zeit sonst alles schwächt.
Noch folgt' ich Dir, mit gleichem Triebe;
Dich wählt ich noch, und wählte recht.
Recht! – Um beglückt und froh zu leben,
Muß ich mich Dir allein ergeben.

Oft schlägt mich die Besorgniß nieder,
Daß Deine Liebe kälter wird:
Doch zärtlich findt mein Herz Dich wieder,
Und freudig, daß es sich geirrt.
Wie weiß ich dann ein Glück zu schätzen,
Das kein Verhängniß kann verletzen!

O Damis, der so redlich liebet,
Und mehr, als es mein Herz gedacht:
Sieh, wie es Dir sich ganz ergiebet,
Sieh seiner Liebe ganze Macht.
Der Freude will der Ausdruck fehlen,
Dir, was ich fühle, zu erzählen.

O lehre mich mein Glück stets kennen,
Du, Liebe, Göttinn meiner Lust!
Uns müsse kein Verhängniß trennen!
Bewohn auf ewig meine Brust
Du, und die Freundschaft uns zur Seiten,
Wir trotzen aller Wuth der Zeiten.

Aus: Fortgesetzte Versuche in sittlichen und zärtlichen Gedichten,
von Johannen Charlotten Unzerinn,
gebohrnen Zieglerinn.
Rinteln, bey Gotthelf Christ. Berth 1766 (S. 22-23)
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Eine Warnung

Gleim
Es läßt der Gott der Liebe
Sich von keinem Krieger sehen.

Schwestern! wollt ihr euch verlieben;
O! so liebt, die es verdienen.
Liebet zärtliche Poeten;
Liebet muntre Philosophen;
Liebet Priester; liebet Aerzte;
Liebet junge Rechtsgelehrte:
Aber liebet keine Krieger,
Welche nichts als Schlachten zählen,
Und beym Wein und besten Freunden
Nur vom Donnern der Canonen
Und bestürmten Städten sprechen;
Die die Fahnen und Stardarten
Ihrer Feinde siegend zählen;
Die nur den geschärften Säbel,
Wenn er noch vom Blute rauchet,
Mit der größten Lust erblicken.
Solche Männer sind zu grausam!
Euer Reiz wird sie nicht rühren!
Und der Liebe Schmerz und Kummer
Kann ihr wildgewöhntes Herze
Nie mitleidig sanft bewegen;
Und wenn ihr dereinst erblasset,
Werden sie bey eurem Grabe
Niemals euren Tod beweinen:
Denn sie sinds gewohnt, an Leichen
Ihre größte Lust zu sehen.

Aus: (Johanne Charlotte Unzerinn geb. Zieglerin)
Versuch in Scherzgedichten
Zweite veränderte und vermehrte Auflage
Halle im Magdeburgischen,
Verlegt von Carl Hermann Hemmerde 1753 (S. 49-50)
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Mittel zum Vergnügen

Schwestern! wollt ihr wissen,
Wie ich mich vergnüge,
Daß ich immer scherze,
Daß ich immer singe,
Daß ich auch im Winter,
Wenn auch schon die Rosen
Unser Haupt nicht krönen,
Doch noch immer scherze?
Machts wie ich, und liebet!
Doch liebt nicht nur Männer:
Liebet auch die Tugend;
Liebet schöne Bücher;
Stimmet auch die Saiten,
Dichtet schöne Lieder;
Singet von der Liebe!
Liebt ihr aber Männer;
O! so liebt nur einen,
Liebet ihn recht zärtlich,
Scherzt mit eurem Freunde:
So seyd ihr recht glücklich!

Aus: (Johanne Charlotte Unzerinn geb. Zieglerin)
Versuch in Scherzgedichten
Zweite veränderte und vermehrte Auflage
Halle im Magdeburgischen,
Verlegt von Carl Hermann Hemmerde 1753 (S. 4-5)
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Bestätigung in der Liebe

Tobet, gräßliche Gedanken!
Tobt, daß Herz und Seele bebt:
Macht nur nicht die Liebe wanken,
Die für Damis in mir lebt!
Daß des Gleichsinns Ekel fliehe,
Der die besten Herzen trennt!
Daß er nie mein Herz beziehe,
Das von reiner Liebe brennt!
Nein! ich scheue keine Plagen;
Unglück, Neid, Gefahr und Pein,
Soll in meinen besten Tagen
Stets ein Trieb zur Liebe seyn.

Aus: Fortgesetzte Versuche in sittlichen und zärtlichen Gedichten,
von Johannen Charlotten Unzerinn,
gebohrnen Zieglerinn.
Rinteln, bey Gotthelf Christ. Berth 1766 (S. 21)
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Die Liebe

An die Frau Legationsräthinn Zink,
geb. Grund, bey Ihrer Vermählung

Von dir durchströmt, durch dich entzückt,
Besing' ich dich, du süße Liebe!
Die Kunst, womit du mich beglückt,
Die Dichtkunst preise deine Triebe.
Dein Einfluß schenk ihr Stärk und Geist
Und sanfte Gluth und rührend zarte Töne:
Damit sie dich in einem Liede preist,
Das deiner Wunder würdig heißt,
Und aller Zeiten Beyfall kröne.

Stark, wie der wilde Ocean,
Doch lieblich, wie das Licht der Sonne,
Meldst du dich in den Herzen an,
Und überströmst du sie mit Wonne.
Der Jüngling, den dein Feuer brennt,
Das wie ein Blitz sein bebend Herz entzündet,
Das erstemal sein träges Blut durchrennt
und ihn verzehrt, eh' er es kennt,
Der lehre, wie man dich empfindet.

Noch ist sein Herz ein Sitz der Ruh,
Noch fließt das ruhige Geblüte
Nur sanft den sichern Herzen zu,
Noch wacht dein Trieb nicht im Gemüthe:
Jetzt aber streicht des Schicksals Hand
Die erste Reih von seinen jungen Jahren,
Die Kindheit, aus, und ihm ist unbekannt,
Was er für einen neuen Stand,
Für neue Wunder soll erfahren.

Er schläft. Die stille Mitternacht
Hängt schwebend über seinem Haupte,
Und auf der jungen Stirne lacht
Die Unschuld, die sich sicher glaubte.
Doch schnell erscheint ihm ein Gesicht,
Die Liebe selbst, ein Bildniß einer Schöne,
Aus deren Aug ein blitzend Feuer bricht,
Das rührender: ich liebe! spricht,
Als des verliebtesten Dichters Töne.

Jüngst aufgeblüht, schön, wie der Tag,
Durchglüht von zärtlichen Affecten,
Beschämt ihr Antlitz, wo sie lag,
Die Blumen, die sie halb versteckten;
Ein leicht Gewand, das flatternd spielt,
Verräth dem Blick den Wunderbau der Glieder;
Die reiche Brust, wo Amor eingewühlt,
Des Mädchens Gluth wollüstig fühlt,
Bebt voll von Sehnsucht auf und nieder.

Jetzt, Jüngling! bricht sie in dein Herz:
Jetzt wiederstreb ihr, oder leide!
Wie? fühlt er schon den neuen Schmerz,
Vermischt mit wollustreicher Freude?
Seht! wie sein Herz gewaltig schlägt;
Wie unruhvoll, wie heiß ist sein Verlangen!
Die Wangen glühn, wie Purpur glimmt. Bewegt,
Erhebt er sich, sie zu umfangen.

So stund das ausgeschaffne Bild
Pygmalions, mit starren Blicken,
Schon eh die Gottheit es erfüllt,
Voll Leidenschaft und voll Entzücken:
So sah es sich erstaunt und neu,
Als es dem Gott zuerst entgegen lachte;
So ungewohnt der süßen Sclaverey
Fühlt es bestürzt, was Liebe sey,
Wie dieser, als er jetzt erwachte.

Nun floh die Unschuld mit der Ruh
Auf ewig aus dem bangen Herzen;
Kein Balsam schloß die Wunde zu,
Kein Mittel linderte die Schmerzen.
Das süße Gift der schönsten Lust
Schoß wie ein Strom, der seinen Grund durchwühlet,
Durch Nerv und Mark, und die entzückte Brust
Fühlt, ach, schon gern! den Brand der Lust,
Und nimmermehr wird er gekühlet.

So schnell, so stark, so unbereut,
Mit so viel Beystand aller Triebe,
So glücklich für die Menschlichkeit
Bezwingst du unser Herz, o Liebe!
Wo ist dein Feind? wo soll ich ihn
In der Natur weitläufigen Reichen finden?
Ich mag die Luft, das Land, das Meer durchziehn.
Man muß, um deine Macht zu fliehn,
Nicht leben, oder dich empfinden.

Dort, wo der finstre Menschenfeind,
Der Philosoph, der jung veraltet,
Die Einrichtung der Welt beweint,
Und die umwölkte Stirne faltet;
Selbst dort bey ihm find ich die Spur
Der großen Macht der allgewaltgen Liebe,
Oft fühlt er bey der Logik die Natur,
Er fühlt und definirt nicht nur
Die Kunst, die ich entzückend übe.

Der Held kömmt aus der Schlacht zurück,
Wo, von zerfleischter Menschen Blute,
Sein Mordschwert dampft; sein wilder Blick
Auf keinem Gegenstande ruhte;
Noch dräut der Grimm im Angesicht,
Noch bebt die Faust vom Morden und Verwüsten,
Doch Doris kömmt; und sanfte Freude bricht
Aus dem beruhigten Gesicht,
Und er erbebt von zarten Lüsten.

Wer seufzt? Ein bärtger Moralist,
Ein Vater neuer Enkratiten,
Verflucht die, deren Kind er ist,
Und nennt sie eine Pest der Sitten.
Er, der die Lust der Welt verlacht,
Bleib ungestört im Vorzug dieser Ehre!
Ach! hättest Du, die ihn hervorgebracht,
Natur, nur so, wie er gedacht,
Daß er der Welt entronnen wäre!

Jedoch, was täuscht mich für ein Schein?
Seh ich nicht dort den strengen Richter,
Durchglüht von deiner Kraft, o Wein!
So weltlich thun, als einen Dichter?
Wie? darf ich wohl dem Auge traun?
Ist dieß das Haupt mit den geweihten Mienen?
Was will er jetzt Dorinden anvertrauen?
Doch, Liebe, laß es mich nicht schaun!
Er will dir im Verborgnen dienen.

Ja! er und jeder frohnet dir.
Dein Einfluß dringt in alle Seelen,
In die, vornehmlich, glaubt es mir,
Ihr Liebenden! die ihn verheelen.
Umsonst versteckt ein Thor den Trieb,
Den die Natur, zum Glück der Creaturen,
Als sie sie schuf, in ihre Herzen schrieb,
Und der ihr einzigs Mittel blieb,
Wodurch sie ihre Huld erfuhren.

Ja! ja! die Dichtkunst zeigt sie mir,
Und Lieb und Weisheit ihr zu Seiten;
Die Elemente folgen ihr,
Versehn mit tausend Fähigkeiten.
Im Umkreis braust das wüste Meer,
Wo in der Nacht das Nichts und Chaos thronen,
Und Thorheit, Traum, Vernichtung, Ohngefähr,
Glück, Zufall, Lügen und Chimär,
Und Wahn und Tand und Unsinn wohnen.

Sie schafft. Die göttliche Natur
Ruft den geschäfftgen Elementen,
Zur Bildung jeder Creatur,
Die sich hier sammleten, dort trennten.
Die Weisheit sieht mit scharfem Blick
Das Ganze durch, vernimmt den Rath der Liebe,
Und ordnet selbst das neue Meisterstück,
Damit der Creaturen Glück
Der Zweck der ganzen Schöpfung bliebe.

Dieß Glück gewährt die Lieb allein.
Sie ward von der Natur erlesen,
Des Thierreichs Schöpfersinn zu seyn,
Und blies ihr Feuer in die Wesen.
Der Seelen Trieb, der Herzen Gluth,
Der feine Stoff der zärtlichsten Empfindung,
Der Quell der Lust, das feuervolle Blut
Der Schmerz, worinn ihr Glück beruht,
Sind ihre Gaben und Erfindung.

Kaum fühlt der Staub, und spricht: ich bin!
So fühlt er sie schon in dem Herzen.
Die Thiere taumeln vor ihr hin
In trunkenen, entzückten Schmerzen;
Der Mensch, o wie entzückt er sie!
Mit segnendem, holdseligem, sanftem Blicke
Sah sie ihn an, und sprach: vergiß es nie,
Daß ich dein Herz für mich erzieh,
Und nur die Liebe dich beglücke.

Vergiß es nie, entzückte Braut!
Du Kind und Unterthan der Liebe!
Bekenn es frey, beschwör es laut:
Du suchst Dein Glück in ihrem Triebe.
Es höre den verliebten Eid
Der Philosoph, der Heuchler und die Spröde.
Man tadle Dich, man nenn es Weichlichkeit;
Beschwör es laut! Bekenn es heut!
Dein Freund wird fragen: Liebste Du: Rede!

Sey Sappho in der Zärtlichkeit,
Er sey Anacreon im Scherzen;
Seyd Philosophen zu der Zeit,
Wenn sich einst eure Enkeln herzen.
Sucht in der Liebe Glück und Ruhm,
Vergnügen, Trost: Ihr werdet alles finden!
O Liebe! sieh, Sie ist dein Eigenthum,
Sey nun Ihr Glück, Ihr Trost, Ihr Ruhm!
Laß sie Dich ganz, stets neu empfinden!

Vergilt ihr die erwiesne Treu,
Durch Sehnsucht und durch Gegenliebe,
Damit Ihr Herz dein Tempel sey,
Bis die Verwesung es zerstiebe.
Furcht, Wehmuth, Ungeduld und Schmerz,
Die ganze Reih von deinen süßen Plagen,
Wird Sie so gern, als deinen keuschen Scherz,
Den Lohn für ein verliebtes Herz,
Ach! wie vergnügt wird Sie sie tragen.

Aus: Fortgesetzte Versuche in sittlichen und zärtlichen Gedichten,
von Johannen Charlotten Unzerinn,
gebohrnen Zieglerinn.
Rinteln, bey Gotthelf Christ. Berth 1766 (S. 30-38)
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An Damis

Was fühlt mein Herz? welch reges Feuer
Erregt der Dichtkunst Trieb in mir?
O, lehnte mir Horaz die Leyer,
Gefiel ich, Freund, noch einmal Dir;
Mit Zuversicht würd ich sie nehmen.
Ich spielte dann von Lieb und Treu,
Den Wahn vom Ehstand zu beschämen,
Daß er der Gift der Liebe sey.

Mein treues Herz, Dir ganz ergeben,
Das nur bey Deiner Freude lacht;
Dieß Herz, das dann beginnt zu beben,
Wenn Dich ein Unglück traurig macht:
O könnt ich dieses Herz Dir schildern,
Und was es diese Stunde fühlt,
So mahlt ich Dir in schönsten Bildern
Den Zweck, worauf mein Leben zielt.

Ja, Freund, einst lehrte mich die Liebe,
Dir und der Freude Lieder weihn.
Noch folg ich ihrem starken Triebe,
Noch lehrt sie mich glückselig seyn.
Die Pflicht, mein Leben, Dir zu leben;
O dieß ist meine liebste Pflicht:
Nur Dir mich ewig zu ergeben,
Mehr, als dieß Glück, verlang ich nicht.

Und reißt Gott einst, im Todesschrecken
Von Deiner Seite mich ins Grab;
Geräth dieß Herz, dieß Blut in Stecken,
Das mir für Dich der Himmel gab:
So wart ich in den Ewigkeiten
Unsterblich liebesvoll auf Dich,
Und mit verneuten Zärtlichkeiten
Umfangen unsre Seelen sich.

Aus: Fortgesetzte Versuche in sittlichen und zärtlichen Gedichten,
von Johannen Charlotten Unzerinn,
gebohrnen Zieglerinn.
Rinteln, bey Gotthelf Christ. Berth 1766 (S. 26-27)
_____

 

Am Geburtstage ihres Ehegatten

Welche Freude, welch Entzücken,
Strömt durch mein befriedigt Herz!
Dich als Gatte heut erblicken,
Freund, dieß lindert allen Schmerz.
Tag! sey Zeuge meiner Triebe!
Sey du ein geheiligt Fest,
Daß der Himmel wahrer Liebe
Recht und Sieg erfahren läßt.

Heute sey dem treuen Herzen
Keine Fröhlichkeit verwehrt.
Weicht ihr Sorgen! weicht den Scherzen,
Die beglückte Liebe nährt.
Ja sie strömt durch meine Glieder,
Holde Freude, poche nur!
Geuß dich aus in meine Lieder,
Und beleb sie, durch Natur.

Gatte, der in meine Seele
Sein mir theures Bild gesenkt,
Bleib mir hold, auch wenn ich fehle:
Weil ich Dir mein Herz geschenkt.
Deine Liebe zu verdienen,
War mein Wunsch und ist mein Glück.
Und wenn mir es nicht geschienen;
So verspricht mir's doch dein Blick.

Selbst der Himmel soll es zeugen,
Wie mein Herz Dich zärtlich ehrt.
Lieb und Treue sind mir eigen,
Dank und Pflicht hat sie vermehrt.
Euch, ihr angenehmen Stunden,
Da wir uns auf Lebenslang
Willig und erwünscht verbunden,
Dank ich diesen süßen Zwang.

Vorsicht, die Du ewig wachest
Ueber unser Wohlergehn,
Freuden uns entgegen lachest,
Und Gefahr kannst widerstehn:
Sey stets meinem Freund zugegen,
Lohne der getreuen Brust,
Schenk ihm, huldreich, deinen Segen,
Leben, Wohlergehn und Lust.

Aus: Versuch in sittlichen und zärtlichen Gedichten,
von Johannen Charlotten Unzerinn, gebohrnen Zieglerinn,
Kaiserlicher gekrönter Dichterinn, und der Königlich-
Großbrittannischen, wie auch der Herzoglich-Braunschweigischen,
deutschen Gesellschaften, zu Göttingen und Helmstädt, Ehrenmitgliede.
Halle im Magdeburgischen
Verlegt von Carl Hermann Hemmerde 1754 (S. 110-112)
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An Damis, zu ihrem Bildnisse

Wenn einst nach meinem Tod dieß Bild Dein Aug erblicket,
So denke, daß ich Dir, nur Dir allein gelebt!
Wenn Dich ein schönres Kind mit ihrer Lieb entzücket,
Und Deine ganze Seel in neuer Wollust schwebt:

Dann, Damis, stelle ihr, zum Muster seltner Treue,
Dieß Bildniß, das mir gleicht, als ihr Exempel dar;
Und sprich: o lebte sie; ich liebte sie aufs neue,
Sie, deren treue Seel in ihren Mienen war.

Freund, wenn es möglich wär, ich würde gleich belebet,
So sehr entzückt Dein Lob und Deine Liebe mich! -
Vor Unglück und Gefahr hab ich noch nie gebebet:
Doch vor Verlust von Dir, ach! der erschüttert mich!

Aus: Fortgesetzte Versuche in sittlichen und zärtlichen Gedichten,
von Johannen Charlotten Unzerinn,
gebohrnen Zieglerinn.
Rinteln, bey Gotthelf Christ. Berth 1766 (S. 20)
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An Damis

Wen reizt nicht deine stete Freude,
Die Freyheit und Genügsamkeit,
Glückseliger, der auch dem Leide
Durch seine Tugenden gebeut.
Du, das Vergnügen Deiner Freunde,
Wann scheint Dir nicht Dein Schicksal schön?
Wann darf Dein Herz dem Menschenfeinde,
Dem schwarzen Unmuth, offen stehn?

Du lachst, wenn Neid und Schicksal toben,
Und sagst mit heiterem Gesicht:
Jetzt wollen wir den Himmel loben;
Nur bitten wollen wir ihn nicht.
An Dir verschwenden Feind und Spötter,
Die Phantasey, die Mitternacht,
Der Hypohonder, böse Wetter
Und Dünste fruchtlos ihre Macht.

Kein Ehrgeiz, der mit stillem Nagen,
Den Keim der Lust, die Ruh, verdirbt,
Reizt Dich, der Freyheit abzusagen,
Die neben hohen Aemtern stirbt.
Wie lächerlich sind Dir die Ehren,
Wodurch sich vieler Wahn entspinnt,
Als ob sie große Herren wären,
Da sie doch kleine Diener sind.

Das Glück, wornach die meisten schmachten,
Der Reichthum, seines Heeres Last,
Wird Dir nicht schwerer zu verachten,
Als wie ein Feind den andern haßt.
Ein Lied, das Deiner Kunst gelungen,
Und das Dein Freund mit Beyfall hört,
Und das ein schöner Mund gesungen,
Ist Dir schon Tonnen Goldes werth.

Ein leichter Kuß kann Dich entzücken,
Ein reiner Wein vergnügt Dein Herz;
Wohin nur Deine Augen blicken,
Entdeckst Du Stoff zur Lust, zum Scherz.
Du suchst in viel geringern Schätzen,
Als in dem Geld und Ruhm, Dein Heil,
Bist reich an Gaben, zu ergötzen,
Und keinem Herrn auf Erden feil.

Du hast die schwere Kunst erfunden,
Wie man vernünftig fröhlich ist;
Dein Lachen ist mit Ernst verbunden;
Dein Scherz zeigt, daß Du weise bist.
Dein feiner Spott ist voller Lehren;
Dein muntrer Witz wird angebracht,
Nicht eben, Sünder zu bekehren:
Doch auch nicht, daß er Sünder macht.

Glückseliger! an Deiner Seite
Genieß ich jeden Augenblick
Dich, der sein Herz mir ewig weihte,
Und Dein Vergnügen ist mein Glück.
Ergieb Dich stets der Lust und Liebe,
Der treuen Redlichkeit, dem Scherz,
Und Deinem großmuthsvollen Triebe
Für Deiner treuen Phillis Herz.

Aus: Fortgesetzte Versuche in sittlichen und zärtlichen Gedichten,
von Johannen Charlotten Unzerinn,
gebohrnen Zieglerinn.
Rinteln, bey Gotthelf Christ. Berth 1766 (S. 39-41)
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