Liebeslieder der Völker (Volkslieder)


 

Russische Liebeslieder



Lieder der Liebe


Das glückliche Mägdlein

Wiegt' auf schlankem Stiel sich keine Lilje,
Wiegt' auf weißer Hüfte sich mein Mägdlein;
Glänzten nicht zwo Sonnen her vom Himmel,
Gingen Strahlen aus von Liebchens Aeuglein.

Flogen Täubchen nicht durchs weite Brachfeld,
Sondern flogen Wort' aus ihrem Munde;
Rief die Golddrommete nicht zum Kampfe,
Sondern klangen Worte voller Friedens.

Oeffnete kein weißer Schwan den Schnabel,
Sondern öffnet' ihren Mund die Jungfrau;
Sprach die schöne Ssof'ja Andrejewna
Herzerfreuend zu mir solche Rede:

Heil mir, Lew, Du meine schöne Sonne,
Heil mir, Du mein heller Mond, Lasaritsch,
Nicht ist morgen heil'ger Ostertag,
Sondern morgen unsrer Hochzeit Feier.

Aus: Russische Volkslieder
gesammelt und ins Deutsche übertragen
von Julius Altmann [1814-1873]
Berlin 1863 Ferdinand Schneider Verlag
(S. 163)
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Die Begleitschaft

In dem dunklen Forste ging das Mägdlein,
Durch die düstre Nacht hin ging die Jungfrau,
Aber ohne Furcht hin ging die Schöne,
Und nicht Angst füllt ihre junge Seele.

Warum bebte nichts die Brust der Holden?
Warum zagte nicht das Herz der Süßen?
War ja einsam nicht das weiße Mägdlein,
Ging allein ja nicht die schöne Jungfrau.

Hatte zur Begleiterin im Wald sie
Liebe, die die junge Brust ihr füllte!
Hatte zur Gefährtin durch die Nacht sie
Hoffnung, die das junge Herz ihr schwellte!


Aus: Russische Volkslieder
gesammelt und ins Deutsche übertragen
von Julius Altmann [1814-1873]
Berlin 1863 Ferdinand Schneider Verlag
(S. 164)
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Der Sswirjelkabläser

Saß mein Liebster auf dem Berge,
Auf dem sand'gen Uferberge,
An dem jähen Wolga-Abhang,
Bei der Mutter Wolga.

Spielte die Sswirjel mein Knabe,
Spielte lieblich die Swirjelka.
Blies so tönend auf dem Rohre,
Auf den sieben Pfeifen:

Daß die Uferberge hallten,
Daß der Wolga-Abhang dröhnte,
Daß die Mutter Wolga tanzte
Und ich selber hüpfte.

Aus: Russische Volkslieder
gesammelt und ins Deutsche übertragen
von Julius Altmann [1814-1873]
Berlin 1863 Ferdinand Schneider Verlag
(S. 165)
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Der falsche Verdacht

Fraß am Herzen böser Gram mir,
Mir am Herzen böser Kummer,
Weil ich sah die weiße Schwänin
Schnäbeln mit dem jungen Aar sich.

Fraß am Herzen böser Gram mir,
Mir am Herzen böser Kummer,
Weil ich sah mein wackres Liebchen
Küssen einen fremden Jüngling.

Flog sie lachend an das Herz mir,
Hüpft sie jauchzend mir entgegen,
Rief: mein Bruder ist gekommen,
Aus dem Krieg, mein tapfrer Bruder.

Drückte ich die Hand dem Bruder,
Und umarmt' ihn ein, zwei, drei Mal.
Küßt' ich scheu die liebe Jungfrau,
Sah ihr gar nicht in die Aeuglein.


Aus: Russische Volkslieder
gesammelt und ins Deutsche übertragen
von Julius Altmann [1814-1873]
Berlin 1863 Ferdinand Schneider Verlag
(S. 166)
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Die unachtsam Liebenden

Gingen beide wir im Birkenwäldchen -
Oder war's vielleicht ein Tannenwäldchen?
War's vielleicht ein breiter, dunkler Eichwald?
Oder war's etwa ein schöner Nußwald?

Flatterten auf allen Zweigen Finklein -
Oder waren's etwa Turteltäubchen?
Oder waren es wohl blaue Spechtlein?
Oder waren's etwa gelbe Ammern?

Fragte ich danach den Herzgeliebten,
Wußte nicht Bescheid der Herzgeliebte.
Hatten beide wir es übersehen,
Waren gar vertieft in tiefes Denken.


Aus: Russische Volkslieder
gesammelt und ins Deutsche übertragen
von Julius Altmann [1814-1873]
Berlin 1863 Ferdinand Schneider Verlag
(S. 167)
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Die Reisigsammlerin

Keine schlanke Lilje sah mein Auge,
Sondern sah mein herzgeliebtes Mägdlein,
Keine silberne Drommet' erschallte,
Sondern klang Mawruscha's süße Stimme:

Komm mit mir, o Du mein heller Falke,
Komm mit mir, o Du mein wackrer Jüngling
In den Wald, ins grüne Eichenwäldchen,
Hilf mir Reisig sammeln in dem Walde!

Fiel der Sonne Strahl mir in das Herz nicht,
Sondern Freude füllte meine Seele,
Hüpften muntre Rehe durch das Feld nicht,
Sondern schnelle Wort' aus meinem Munde.

Gehn will ich, Du meine weiße Schwänin,
Gehn will ich, Du herzgeliebte Jungfrau,
In den Wald mit Dir, ins grüne Wäldchen,
Helfen Reisig sammeln Dir im Walde!


Aus: Russische Volkslieder
gesammelt und ins Deutsche übertragen
von Julius Altmann [1814-1873]
Berlin 1863 Ferdinand Schneider Verlag
(S. 168)
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Die glückliche Mascha

Mascha schlug die Balalaika,
Daß die Saiten fast zersprangen,
Mascha sang mit heller Kehle
Jubelnder als Lerchen sangen.

Ssascha war's, den sie ersehnte,
Den sie sahe kommen eben,
Ssascha war's, ihr liebes Seelchen,
Ssascha war's, ihr süßes Leben.

Drum schlug sie die Balalaika,
Daß die Saiten fast zersprangen,
Drum sang sie mit heller Kehle
Jubelnder als Lerchen sangen.

Aus: Russische Volkslieder
gesammelt und ins Deutsche übertragen
von Julius Altmann [1814-1873]
Berlin 1863 Ferdinand Schneider Verlag
(S. 169)
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Das liebende Mädchen

Du meine helle Sonne,
Du Mond, so roth wie Gold,
Wie lieb' ich Dich mit Wonne,
Wie bin ich Dir so hold!

Du Freund in Lust und Schmerzen,
Herzliebster mir so treu,
Und hätt' ich auch zwei Herzen,
Dir schenkt' ich alle zwei.

Aus: Russische Volkslieder
gesammelt und ins Deutsche übertragen
von Julius Altmann [1814-1873]
Berlin 1863 Ferdinand Schneider Verlag
(S. 169)
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Was ist ohne Dich das Leben

Was ist ohne Lenz die Rose,
Was die Rose ohne Lichtstrahl,
Was die Rose ohne Wärme,
Was die Rose ohne Sonne?

Was ist ohne Dich das Leben,
Ohne Dich, mein trauter Jüngling,
Ohne Dich, mein süßes Seelchen,
Ohne Dich, mein goldne Herzchen?

Aus: Russische Volkslieder
gesammelt und ins Deutsche übertragen
von Julius Altmann [1814-1873]
Berlin 1863 Ferdinand Schneider Verlag
(S. 170)
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Es ist lange her

Ach wie lange nicht, wie lange
Nicht hab' ich gesehn Dich, Seelchen!
Ach wie lange nicht, wie lange
Nicht hab' ich geküßt Dich, Liebchen!

Schon seit gestern, schon seit gestern
Ists, daß ich gesehn Dich, Seelchen!
Schon seit gestern, schon seit gestern
Ists, daß ich geküßt Dich, Liebchen!


Aus: Russische Volkslieder
gesammelt und ins Deutsche übertragen
von Julius Altmann [1814-1873]
Berlin 1863 Ferdinand Schneider Verlag
(S. 170)
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Vergleiche

Waren's Strahlen? nein, es war nur Abglanz
Von der Schönheit meiner lieben Darja;
Doch geblendet hat mich fast die Schönheit,
Gleichwie Strahlen aus dem Aug' der Sonne.

Waren's Blitzte? nein, es waren Blicke
Aus den Augen meiner lieben Darja;
Doch entzündet haben fast die Blicke
Gleichwie Blitze mir das Herz im Busen.

Waren's Flammen? nein, es waren Küsse
Von den Lippen meiner lieben Darja;
Doch durchflammet haben mich die Küsse
Gleichwie Flammen, daß noch jetzt ich lodre.

Aus: Russische Volkslieder
gesammelt und ins Deutsche übertragen
von Julius Altmann [1814-1873]
Berlin 1863 Ferdinand Schneider Verlag
(S. 171)
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Dreierlei Gaben

Hat mein Liebster mir ein Ringlein
An das Fingerlein gestecket,
O ein Ringlein, o ein goldnes -
Und wie lieb ist mir das Ringlein!

Hat mein Liebster mir ein Sträußlein
An das Kleidlein angeheftet,
O ein Sträußlein, o ein duftges -
Und wie lieb ist mir das Sträußlein!

Hat mein Liebster mir ein Küßlein
Aufgedrücket auf das Mündlein,
O ein Küßlein, o ein süßes -
Und wie lieb ist mir das Küßlein!

Aus: Russische Volkslieder
gesammelt und ins Deutsche übertragen
von Julius Altmann [1814-1873]
Berlin 1863 Ferdinand Schneider Verlag
(S. 172)
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Die unvergleichlichen Farben

Wo ist Schwärz', und wären's Kohlen,
Wie Mawruscha's schwarze Aeuglein?
Wo ist Weiß', und wär's ein Schneefeld,
Wie Mawruscha's weiße Stirne?
Wo ist Röth', und wären's Rosen,
Wie Mawruscha's rothes Mündlein?


Aus: Russische Volkslieder
gesammelt und ins Deutsche übertragen
von Julius Altmann [1814-1873]
Berlin 1863 Ferdinand Schneider Verlag
(S. 172)
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Die Herbstnacht

Stürmt' es draußen, schneit' es in der Herbstnacht,
Heulten Winde, fielen große Flocken,
Weiße Flöcklein eis'gen, kalten Schnees.

Saß ich drinnen, in dem warmen Stüblein,
In dem Stübchen meiner Herzgeliebten,
Küssend heiß sie, heiße Küss' empfangend.

Hätte kaum den Sturm bemerkt, die Flocken,
Hätte kaum geachtet auch der Herbstnacht,
Hätte nicht die Schwiegerin gesprochen:

Stürmt es draußen, schneit es in der Herbstnacht,
Heulen Winde, fallen große Flocken,
Weiße Flöcklein eis'gen, kalten Schnees.

Aus: Russische Volkslieder
gesammelt und ins Deutsche übertragen
von Julius Altmann [1814-1873]
Berlin 1863 Ferdinand Schneider Verlag
(S. 173)
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Pilgerfahrt

Vom Waldaiwald, vom See Waldai,
Hör' ich Glocken klingen, Glöcklein läuten,
Rufen fromme Pilger in das Kloster,
O mein Kind, so will denn ich auch pilgern.

Zum Waldaiwald, zum See Waldai,
Wo die Glocken klingen, Glöcklein läuten,
Pilgr' ich auch, doch gar nicht in das Kloster,
O mein Kind, zu Dir hin will ich pilgern.

Aus: Russische Volkslieder
gesammelt und ins Deutsche übertragen
von Julius Altmann [1814-1873]
Berlin 1863 Ferdinand Schneider Verlag
(S. 174)
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Daß ich Dich, Du süßes Haupt, gesehen

Daß ich Dich, Du süßes Haupt, gesehen,
O Tat'jana, als im Abendglanze
Du im Teich Dich badetest, im kühlen,
O, verzeih' es mir, mein liebes Leben,
Meine nicht, daß ich Dich wollt' erschrecken,
Oder überraschen freien Willens,
Zufall führte mich vorbei des Weges,
Wo ich Dich, Du süßes Haupt, gesehen,
O Tat'jana, als im Abendglanze
Du im Teich Dich badetest, im kühlen.
Wußte kaum, daß Du es seist gewesen,
Daß ich schaute Deine wonn'ge Schöne,
Ueberstrahlt vom Glanz des Abendhimmels,
Dachte fast, Marija sei gestiegen,
Mar'ja sie, die fromme Gottesmutter,
Aus den Wolken nieder auf die Erde,
Wollte rein von unsrer Sünd' uns waschen,
Wollte Dich und mich von Schuld erlösen.


Aus: Russische Volkslieder
gesammelt und ins Deutsche übertragen
von Julius Altmann [1814-1873]
Berlin 1863 Ferdinand Schneider Verlag
(S. 175)
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Liebe läßt sich nicht verbergen

Liebe läßt sich nicht verbergen,
Und Ignascha und Parascha
Küßten sich im Birkenbusche,
Liebe läßt sich nicht verbergen.

Liebe läßt sich nicht verbergen,
Und vom Kuß erzählt die Wachtel
Ihrem Mühmelein, der Drossel,
Liebe  läßt sich nicht verbergen.

Liebe läßt sich nicht verbergen,
Und es schwatzten von dem Kusse
Tochter Thau und Mutter Welle,
Liebe läßt sich nicht verbergen.

Liebe läßt sich nicht verbergen,
Und es plauderten vom Kusse
Sonnenblum' und Nachtviole,
Liebe läßt sich nicht verbergen.

Liebe läßt sich nicht verbergen,
Und es sprachen von dem Kusse
Gras und Moos und alle Kräuter,
Liebe läßt sich nicht verbergen.

Liebe läßt sich nicht verbergen,
Und es flüsterten vom Kuß auch
Wind und Luft und Frühlingshauche,
Liebe läßt sich nicht verbergen.

Liebe läßt sich nicht verbergen,
Und es hörten das Geflüster
Ein Paar Wandrer im Walde,
Liebe läßt sich nicht verbergen.

Liebe läßt sich nicht verbergen,
Und die Wandrer trugen weiter
Das Geflüster von dem Kusse,
Liebe läßt sich nicht verbergen.

Liebe läßt sich nicht verbergen,
Und es wissen schon vom Kusse
Viele Leutchen in dem Kruge,
Liebe läßt sich nicht verbergen.

Liebe läßt sich nicht verbergen,
Und es werden bald vom Kusse
Plaudern alle Leut' im Dorfe,
Liebe läßt sich nicht verbergen.


Aus: Russische Volkslieder
gesammelt und ins Deutsche übertragen
von Julius Altmann [1814-1873]
Berlin 1863 Ferdinand Schneider Verlag
(S. 176-177)
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Die Ungeschminkte

Nicht zu weißer Schmink' und schwarzer Schminke,
Nicht zu rother Schminke greifet Mascha,
Braucht sich nicht die Stirne weiß zu machen,
Braucht sich nicht die Brauen schwarz zu machen,
Braucht sich nicht die Wangen roth zu schminken,
Weiß von selber ist die Stirne Mascha's,
Schwarz ja selber sind die Brauen Mascha's,
Roth von selber auch sind Mascha's Wangen.


Aus: Russische Volkslieder
gesammelt und ins Deutsche übertragen
von Julius Altmann [1814-1873]
Berlin 1863 Ferdinand Schneider Verlag
(S. 178)
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Die Kahnfahrt

Saßen beide wir im Kahne,
Fuhren auf dem Flusse Kljasma,
Unterhalb der Stadt Wladimir,
Unter ihrem hohen Kremel,
Und den hohen weißen Mauern.
Sahen wir nicht auf zum Kremel,
Auf nicht zu den weißen Mauern,
Sahen wir uns in das Antlitz,
Blickten wir uns in die Augen,
Schauten einzig auf einander.
Klangen viele Stimmen nieder
Von der hohen Stadt Wladimir,
Tönten Stimmen vieler Leute;
Mischten wir nicht unsre Stimmen
In die Stimmen andrer Leute.
Stiegen aus dem Kahn wir Beide.
Sprach ich nur: Lebwohl, Marina,
Immer Dein werd' ich gedenken!
Sprach sie nur: Lebwohl, Nikita,
Nimmer Dein werd' ich vergessen!


Aus: Russische Volkslieder
gesammelt und ins Deutsche übertragen
von Julius Altmann [1814-1873]
Berlin 1863 Ferdinand Schneider Verlag
(S. 179)
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Die Schäferin

Weidet' ich des Gutsherrn Schafe,
Weiße Schäflein auf der Weide,
Saß ich auf dem grünen Hügel
Unter'm grünen Birkenbusche,
War im Träume gar versunken,
Gar in Grübelei vergraben,
Ganz in Sinnen eingewieget,
In Gedanken ganz verloren,
Dacht' ich an den weißen Jüngling,
An den schönen Herzgeliebten,
An den trauten Vielgeliebten,
In den lieben Foma Fomitsch!
Nannte flüsternd seinen Namen,
Seufzte flüsternd: Foma Fomitsch!
Rief es aus dem Birkenbusche,
Aus dem grünen Birkenbusche,
Rief ganz nahe: Anna L'wowna!
Flog mein Jüngling an das Herz mir.

Aus: Russische Volkslieder
gesammelt und ins Deutsche übertragen
von Julius Altmann [1814-1873]
Berlin 1863 Ferdinand Schneider Verlag
(S. 180)
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Könnt' ich einen Brief ihr senden

Könnt' ich einen Brief ihr senden,
Einen Brief der lieben Jungfrau,
Einen Brief dem weißen Mägdlein,
Meiner schönen Anverlobten!

Aber durch die Wüste streif' ich,
Disteln sind hier viel und Dornen,
Nicht doch ist Papier vorhanden,
Keine Feder, keine Dinte.

Fehlt' allein es an der Feder,
Wollte dann wohl nimmer klagen;
Gleich den Adler wollt' ich schießen,
Aus ihm zieh'n die beste Feder.

Fehlt' allein es an der Dinte,
Wollte dann wohl nimmer klagen;
Gleich in's Herz wollt' ich mir schneiden,
Schrieb' ihr dann mit meinem Blute.

Aber an Papier gebricht es,
Aber nicht Papier besitz' ich,
Disteln träget nur die Wüste,
Dornen trägt allein die Wüste.

Könnt' ich einen Brief ihr senden,
Einen Brief der lieben Jungfrau,
Einen Brief dem weißen Mägdlein,
Meiner schönen Anverlobten!


Aus: Russische Volkslieder
gesammelt und ins Deutsche übertragen
von Julius Altmann [1814-1873]
Berlin 1863 Ferdinand Schneider Verlag
(S. 181-182)
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Des Mädchens Wünsche

Sah das Mädchen reiten den Geliebten,
Den sie liebte still im stillen Herzen,
Sprach sie still zu ihrem Herzen also:

Wär' ich doch die Halfter, daran legte
Seine Rechte mein geliebter Jüngling,
Willig ging ich, wohin er mich lenkte.

Oder wär' der Sattel ich des Rößleins,
O wie wollt' ich weich sein jenem Jüngling,
Nicht ihm drückend seine weißen Schenkel.

Besser noch, wär' ich das Rößlein selber,
Drauf er sitzt und das so sanft er streichelt,
Hell dann wiechert' ich vor lauter Freude.

Aus: Russische Volkslieder
gesammelt und ins Deutsche übertragen
von Julius Altmann [1814-1873]
Berlin 1863 Ferdinand Schneider Verlag
(S. 182)
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Des Mägdleins Wunsch und Klage

Duckte sich die weiße, weiße Taube,
Zärtlich angeschmiegt an ihren Tauber,
Girrten beid' und schnäbelten sich lustig.

Sprach betrübt das weiße, weiße Mägdlein:
Wär' ich doch die weiße, weiße Taube,
Wollte schmiegen mich an meinen Tauber!

Aber ach, ich bin so öd' und einsam,
Bin ein armes und verwaistes Mägdlein,
Und wer fragt, wer fragt nach meinem Herzlein?

Aus: Russische Volkslieder
gesammelt und ins Deutsche übertragen
von Julius Altmann [1814-1873]
Berlin 1863 Ferdinand Schneider Verlag
(S. 183)
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Trost

Es kann ja noch Alles
Zum Guten sich lenken,
Was willst Du denn trauern,
Was zitterst Du, Herz!

War oft nicht der Himmel
In Wolken gehüllet,
Und schwand nicht im Windhauch
Hinweg das Gewölk?

Ist immer denn Winter,
Ist immer denn Schneezeit,
Und weichet der Eishauch
Dem Lenze denn nie?

Schwoll einst nicht die Wolga
Wild über die Ufer?
Wo sind nun die Spuren?
Sieht heut man sie noch?

Es kann ja noch Alles
Zum Guten sich lenken,
Was willst Du denn trauern,
Was zitterst Du, Herz?


Aus: Russische Volkslieder
gesammelt und ins Deutsche übertragen
von Julius Altmann [1814-1873]
Berlin 1863 Ferdinand Schneider Verlag
(S. 184)
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Die Einsame

O wie gern am Arm Nikita's
Wandert' ich durch Feld und Flur:
Aber ich muß einsam wandern
An der Hand der Sehnsucht nur!

O wie gern am Blick Nikita's
Hing' ich süß beseligt doch:
Aber stets in Thränen hang' ich
An dem Blick der Hoffnung noch!

Aus: Russische Volkslieder
gesammelt und ins Deutsche übertragen
von Julius Altmann [1814-1873]
Berlin 1863 Ferdinand Schneider Verlag
(S. 185)
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Sehnsucht der Geliebten

Anikita, Du mein Leben,
Anikita, Du mein Licht,
Warum bleibst Du fern so lange,
Warum kehrest Du mir nicht?

Kehrt doch auch der Lenz, der holde,
Neu der Welt in jedem Jahr:
Aber Du bleibst immer ferne,
Deiner Schwänin, Du o Aar!

Kehre doch, mein süßes Seelchen,
Nimm mir ab mein bittres Leid!
Stürb' ich auch vor lauter Wonne,
Solcher Tod wär' Seligkeit!


Aus: Russische Volkslieder
gesammelt und ins Deutsche übertragen
von Julius Altmann [1814-1873]
Berlin 1863 Ferdinand Schneider Verlag
(S. 185)
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Der Genügsame

Nicht will ich herrschen
In Land und Meeren,
Will nicht, ein Zarlein,
Gebieten Heeren.

Siegreich ein Herz nur
Möcht' ich bewohnen,
Soja, im Herzen
Dir möcht' ich thronen!


Aus: Russische Volkslieder
gesammelt und ins Deutsche übertragen
von Julius Altmann [1814-1873]
Berlin 1863 Ferdinand Schneider Verlag
(S. 186)
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Verzage nur nicht

Was hilft es zu klagen,
Ist Liebe vorüber?
Was hilft es zu trauern,
Verschwand uns das Glück?

Frischauf Du mein Herze,
Verlerne das Alte,
Gedenke der Zukunft,
Verzage nur nicht!


Aus: Russische Volkslieder
gesammelt und ins Deutsche übertragen
von Julius Altmann [1814-1873]
Berlin 1863 Ferdinand Schneider Verlag
(S. 186)
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Die Sehnsüchtige

O wann kehrst Du, goldner Adler?
O wann kehrst Du, heller Falke?
Kehrst Du bald denn nicht zurücke,
Kehrst Du nicht an's Herz mir bald?

Nikolascha, Nikolascha,
Oft ruf' ich den süßen Namen.
Nikolascha, Nikolascha,
Tönet hell zurück der Wald.

Und dann jauchz' ich im Gesträuche,
In dem schönen Laubgesträuche,
Denke: aus den grünen Zweigen
Tritt mir Deine Lichtgestalt.

Aus: Russische Volkslieder
gesammelt und ins Deutsche übertragen
von Julius Altmann [1814-1873]
Berlin 1863 Ferdinand Schneider Verlag
(S. 187)
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Der Jüngling vom Don

Kam vom stillen Don ein wackrer Jüngling,
Zu der Mutter Moskwa, der berühmten,
Der weißsteinernen, goldhäupt'gen, hehren.

Sah er Anblick, nie zuvor geseh'nen,
Sah er Herrlichkeit, noch ungeahnte,
Sah er Pracht, zuvor noch kaum erträumte.

Und die schönen Krämerdirnen seufzten,
Und der Handelsgäste weiße Töchter
Schmachteten hold an den wackern Jüngling.

Schlug er über's Herz die beiden Arme,
Blickte südwärts nach dem schönen Asow,
Blickte südwärts hin zum Don, dem stillen.

Rief er thränenvollen Blicks: Du schöne
Heimath, nimmer werd' ich Dein vergessen,
Und der Jungfrau nie, die drüben weilet.

Aus: Russische Volkslieder
gesammelt und ins Deutsche übertragen
von Julius Altmann [1814-1873]
Berlin 1863 Ferdinand Schneider Verlag
(S. 188)
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Die unfolgsame Tochter

Mutter sprach, die liebe Mutter:
"Laß das Freien. laß die Hochzeit,
Abschied gieb Du dem Verlobten,
Bleib' noch in der Schaar der Jungfraun!

Sieh sie tanzen, sieh sie springen,
Wie sie sich im Reigen drehen,
Wie sie lachen, wie sie scherzen,
Wie sie recht von Herzen jubeln!

Bist Du Gattin, bist vermählet,
Angetraut dem bösen Manne:
Essen mußt Du ihm bereiten,
Mußt' für seinen Trank auch sorgen.

Mußt ihm helfen bei der Arbeit,
Mußt ihm wirken viele Werke,
Mußt ihm dienen und gehorchen,
Mußt befolgen seinen Willen.

Dafür Dir zum Lohne giebt er
Bald ein Kind, ein schreiend Kindlein,
Was Dich quält die langen Tage,
Ach und die viel längern Nächte."

Also hat die liebe Mutter,
Also Mütterlein gesprochen,
Aber ich will nicht befolgen
Solche Worte, solche Lehren.

Käm' er nur, ja käm' Ignascha,
Holt' er mich nur erst zur Hochzeit,
Schenkt' er mir nur erst ein Kindchen,
Ja ein Kind, ein süßes Kindlein!


Aus: Russische Volkslieder
gesammelt und ins Deutsche übertragen
von Julius Altmann [1814-1873]
Berlin 1863 Ferdinand Schneider Verlag
(S. 189-190)
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Hätt' ich doch nur einen Mann

Hätt' ich doch nur einen Mann,
Wär's Andrei, wär's Iwan!
Ach, es gilt mir alles gleich,
Ob er arm sei oder reich;
Ob er krumm sei, ob gerade,
Nimmer rief' ich: schad', o schade!
Nein, ich riefe froh: Glück zu,
Gar ein schöner Mann bist Du!

Hätt' ich doch nur einen Mann,
Wär's Wassili, wär's Stepan!
Ach, es gilt mir alles ein,
Hat zwei Bein' er, hat er keins;
Wär' von Holz auch seine Wade,
Nimmer rief ich: schad', o schade!
Nein, ich riefe froh: Glück zu,
Gar ein prächt'ger Mann bist Du!

Hätt' ich doch nur einen Mann,
Wär's Taraßi, wär's Bogdan!
Ach, es ist mir alles recht,
Ob er gut sei, oder schlecht;
Schlüg' er auch mich ohne Gnade,
Nimmer rief' ich: schad', o schade!
Nein, ich riefe froh: Glück zu,
Gar ein braver Mann bist Du!

Aus: Russische Volkslieder
gesammelt und ins Deutsche übertragen
von Julius Altmann [1814-1873]
Berlin 1863 Ferdinand Schneider Verlag
(S. 191)
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Das entschlossene Mädchen

In die Fremde will ich mit Dir ziehen,
Mit Dir ziehen, mein geliebtes Leben,
Bei Dir wohnen in der neuen Heimath,
bei Dir weilen in der lieben Fremde.

Wird ja doch der Himmel in der Fremd' auch
Wölben sich und scheinen hell die Sonne;
Aber wölbte sich auch nicht der Himmel,
Aber schiene hell auch nicht die Sonne:

Will doch in die Fremde mit Dir ziehen,
Mit Dir ziehen, mein geliebtes Leben,
Bei Dir wohnen in der neuen Heimath,
Bei Dir weilen in der lieben Fremde!

Aus: Russische Volkslieder
gesammelt und ins Deutsche übertragen
von Julius Altmann [1814-1873]
Berlin 1863 Ferdinand Schneider Verlag
(S. 192)
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Die Liebe hilft suchen

Hat mein Schäfchen sich verlaufen,
Ach, mein Schäfchen sich verirret,
Ging verloren mir mein Schäflein,
Weißes Schäflein, reines Schäflein.

Bat ich meine lieben Eltern:
Helfet suchen mir mein Schäflein.
Schalten mich die lieben Eltern,
Sprachen: Zeit fehlt uns zum suchen.

Bat ich meine lieben Brüder:
Helfet suchen mir mein Schäflein.
Schalten mich die lieben Brüder,
Sprachen: Lust fehlt uns zum suchen.

Bat ich meine lieben Schwestern:
Helfet suchen mir mein Schäflein.
Schalten mich die lieben Schwestern,
Sprachen: suche Du allein es.

Bat ich meinen lieben Liebsten:
Hilf doch suchen mir mein Schäflein.
Schalt mich nicht der liebe Liebste,
Suchte viel und fand mein Schäflein.


Aus: Russische Volkslieder
gesammelt und ins Deutsche übertragen
von Julius Altmann [1814-1873]
Berlin 1863 Ferdinand Schneider Verlag
(S. 193)
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Das erhaschte Mägdlein

Hüpfte nicht ein Reh im Walde,
Hüpft im Wald ein schlankes Mägdlein.
Jagte nicht danach ein Jäger,
Sondern flog ihr nach ein Jüngling.

Bat das Knäblein: schöne Schwänin,
Hemme Deinen Lauf ein Weilchen.
Rief die Jungfrau: heller Falke,
Wer das Glück sucht, muß es haschen!*

Hascht Iwan das traute Mägdlein
Und umschlingt den weißen Leib ihr:
Küsse nur mich, sprach Mawruscha,
Duldung ziemt ja den Besiegten.*

*  Russische Sprichwörter.

Aus: Russische Volkslieder
gesammelt und ins Deutsche übertragen
von Julius Altmann [1814-1873]
Berlin 1863 Ferdinand Schneider Verlag
(S. 194)
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Scherzlied

Lieben wollt' ich Dich, ja lieben,
Brächt' es nur nicht bittre Noth;
Treu sein wollt' ich Dir wohl immer,
Aber nur nicht bis zum Tod.

Zu Dir ging' ich, o wie gerne,
Wär' nur nicht der Weg so weit;
Bei Dir blieb ich wohl bis morgen,
Aber heim schon muß ich heut.

Aus: Russische Volkslieder
gesammelt und ins Deutsche übertragen
von Julius Altmann [1814-1873]
Berlin 1863 Ferdinand Schneider Verlag
(S. 195)
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Beim Scheiden

"Lebewohl, mein heller Falke,
Du mein goldbeschwingter Adler,
Lebewohl, mein Heldenjüngling,
Lebewohl, mein trautes Schätzchen,
Lebewohl, Du Strahl, mein Lichtstrahl,
Du mein Glanz, o Du mein Feuer
Du mein Dasein, meine Freude;
Liebster, ach, wann kehrst zurück Du
Kehre bald mir wieder, wieder!"

""Lebewohl, mein weißes Täubchen,
Du o meine süße Schwänin,
Lebewohl, mein wackres Mädchen,
Lebewohl, mein schönes Goldchen,
Lebewohl, Du rothe Sonne,
Du o Mond, mein Sternenhimmel,
Du mein Leben, meine Wonne;
Liebste, bald kehr' ich zurücke!
Kehre bald Dir wieder, wieder!""


Aus: Russische Volkslieder
gesammelt und ins Deutsche übertragen
von Julius Altmann [1814-1873]
Berlin 1863 Ferdinand Schneider Verlag
(S. 196)
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Worte beim Abschied

Höre mich, o süße Ssonja!
Ssonjuschka, still' meinen Jammer!
Kling' an Deines Herzens Glöcklein
Meine Red' als eh'rner Hammer!

O wie weithin muß ich wandern,
Wieviel Werst mich fern Dir biegen!
Wieviel grause Tag' und Nächte
Muß ich mich in Kummer wiegen!

Werden mir die Trauertage
Ach dahin wie Schnecken schleichen,
Und dem ew'gen Lauf der Wolga
Meine Thränennächte gleichen.

Ssonja, helfe Deine Treue
Mir die Ferne hold besiegen!
Ssonja, mache Deine Liebe
Mich die Trennung überfliegen!

Aus: Russische Volkslieder
gesammelt und ins Deutsche übertragen
von Julius Altmann [1814-1873]
Berlin 1863 Ferdinand Schneider Verlag
(S. 198)
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Der fortziehende Geliebte

Jagte nicht die Wolke übers Blachfeld,
Sprengt' ein Knabe fort auf seinem Rosse,
Auf dem braunen Rößlein fort ins Weite.
Hielt er auf der Brücke still und blickte
Noch einmal zurück zum trauten Dörfchen,
Hin zum Hüttchen, wo die Liebste wohnte.

Sprach er trauervoll zu seinem Herzen:
Ich zwar ziehe fort auf meinem Rosse,
Auf dem braunen Rößlein fort ins Weite,
Aber Du mein Herz, mein armes Herze,
Bleibest hier zurück im trauten Dörfchen,
Bleibst im Hüttchen, wo die Liebste wohnet.

Aus: Russische Volkslieder
gesammelt und ins Deutsche übertragen
von Julius Altmann [1814-1873]
Berlin 1863 Ferdinand Schneider Verlag
(S. 199)
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Als der Liebste übers Meer zog

Flog nicht übers Meer ein Falke,
Flog nicht übers Meer ein junger Adler;
Uebers blaue Meer hin zog mein Jüngling,
Uebers Meer hin zog mein schöner Knabe.

Rauschten bebend nicht der Espe Blätter,
Rauschte rieselnd nicht die kühle Quelle;
Sprach zu mir mein herzgeliebter Jüngling,
Sprach zu mir der treue Ssemen L'wowitsch:

Muß ich scheiden nun, Du weiße Schwänin,
Muß ich scheiden nun, Du schönes Täubchen!
Seh' ich nicht mehr Deine hellen Aeuglein,
Seh' ich nur des blauen Meeres Wellen!

Bebten nicht gelinde Frühlingslüfte,
Girrte nicht ein klagend Nachtigallchen;
Zitterte mein banges Herz im Busen,
Seufzete mein bebend Herz voll Kummer.

Rauschten bebend nicht der Espe Blätter,
Rauschte rieselnd nicht die kühle Quelle;
Sprach ich trauervoll zu meinem Jüngling,
Thränenvoll zum treuen Ssemen L'wowitsch:

Ach, was fliehst Du mich, Du rothe Sonne?
Ach, was ziehst Du fort, o Licht, mein Seelchen?
Hüllt nun Nacht allimmer meine Aueglein,
Ist es dunkel stets um meine Blicke!


Aus: Russische Volkslieder
gesammelt und ins Deutsche übertragen
von Julius Altmann [1814-1873]
Berlin 1863 Ferdinand Schneider Verlag
(S. 200)
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O wie gern würd' ich dein Bräutchen

Watet durch die Furth die Jungfrau,
Sie die weiße, sie die schöne,
Sah die Watende der Jüngling;
Rief ihr nach der schmucke Jüngling;
Rief ihr nach  wohl übers Wasser:
Ei, wie weiß bist Du, o Magdlein,
Ei, wie schön bist Du, o Jungfrau,
Und wenn Du mich möchtest lieben,
O wie gern wär' ich Dein Liebster!
Schrak zusammen sehr die Jungrau,
Ließ verschämt die Kleider sinken,
Und erwiedert nicht ein Wörtlein.
Doch zu sich im Herzen sprach sie:
Ei, wie hold sprachst Du, o Knäblein,
Ei, wie süß sprachst Du, o Jüngling,
Und wenn Du mich ernstlich wähltest,
O wie gern würd' ich Dein Bräutchen!

Aus: Russische Volkslieder
gesammelt und ins Deutsche übertragen
von Julius Altmann [1814-1873]
Berlin 1863 Ferdinand Schneider Verlag
(S. 201)
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Der Kreuzweg

Kam sie von der Linken, ich von rechts her,
Trafen wir uns in des Weges Mitte,
Trafen uns am Werstpfahl bei dem Kreuzweg,
Sah'n einander an mit Liebesblicken,
Schauten nach einander um mit Sehnsucht,
Blickten nach einander um mit Thränen.
Fuhren weiter beide, fuhren weiter,
Haben niemals wieder uns gesehen,
Haben nimmer uns erblickt aufs Neue.

Aus: Russische Volkslieder
gesammelt und ins Deutsche übertragen
von Julius Altmann [1814-1873]
Berlin 1863 Ferdinand Schneider Verlag
(S. 202)
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Der schüchterne Ignascha

Bin ich kühl doch nicht und wehrsam -
Was ist dreister nicht Ignascha?
O was ist er doch so ehrsam,
Spricht nur leise: süße Mascha!

Einmal glaubt' ich schon, es dränge
Muth ihm in die scheue Seele.
Doch er sprach zu sich gestrenge:
Ach, mein Herz ist voller Fehle!

Künftighin, ob es auch schmerzt mich,
Werd' ich ihm befehlen müssen:
Jetzt geliebt mich! jetzt geherzt mich!
Jetzt umarmt mich unter Küssen!

Aus: Russische Volkslieder
gesammelt und ins Deutsche übertragen
von Julius Altmann [1814-1873]
Berlin 1863 Ferdinand Schneider Verlag
(S. 203)
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Die Begegnung

Durch das reine Feld hin wandelt
Züchtig eine schöne Jungfrau,
Kam des Wegs ein schöner Knabe,
Ging sittsam an ihr vorüber.

Blickten beide nach einander
Nicht sich um und schwiegen beide,
Aber still im Herzen flüsternd
Sprach die Eine wie der Andre:

O mein Glück wie wollt' ichs preisen,
Mein Geschick wie wollt' ichs segnen,
Könnt' ich doch mit Dir hinwandeln
Immer meines Lebens Pfade!


Aus: Russische Volkslieder
gesammelt und ins Deutsche übertragen
von Julius Altmann [1814-1873]
Berlin 1863 Ferdinand Schneider Verlag
(S. 204)
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Die weinende Jungfrau

Rann vom Berg herab kein helles Bächlein,
Sondern flossen Zähren ihr vom Aeuglein;
Flogen rasche Pfeile durch das Feld nicht,
Sondern sprach die Jungfrau diese Worte:

Weh, Du scheidest nun, mein süßes Seelchen,
Du, mein helles Licht, mein liebes Leben,
Ach, Du gehst hinfort, mein weißer Jüngling,
Und Du gehst hinweg, mein schöner Knabe.

Scheint am Tage ja die helle Sonne:
Wirst Du freudig sein, o Du mein Trauter!
Hüllen trübe Wölklein Nachts den Himmel:
Werd' ich traurig sein, mein Herzgeliebter!

Blühen Blumen viel auf allen Fluren,
Giebt es ringsum viele schöne Jungfraun,
Ist doch Keine, die, wie ich, Dich liebet,
Und die treu, wie ich, Dir angehöret.


Aus: Russische Volkslieder
gesammelt und ins Deutsche übertragen
von Julius Altmann [1814-1873]
Berlin 1863 Ferdinand Schneider Verlag
(S. 205)
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Der Jungfrau Wehklage

Nicht der Uhu stöhnt im grünen Walde,
Und nicht kreischt der unglücksvolle Vogel;
Sondern Klag' erhebt die weiße Jungfrau,
Und das arme Mägdlein rufet Wehe.

Nicht vom Berge rinnt die rasche Quelle,
Und im Thale murmelt nicht das Bächlein;
Sondern Thränen stürzen von den Augen
Einer Maid, die weiße Brust ihr netzend.

Also ruft die arme, jammerreiche,
Also klagt die arme, thränenvolle:
Ach, wer mag die Last der Berge tragen?
Und wie soll ich tragen meinen Jammer?

Ach, wer mag des Meeres Grund ermessen
Und wie soll ich messen dieses Unglück?
Ach, wer mag den Baumstumpf grünen sehen
Und wie soll mein todter Freund erwachen?

Ach, wer pflückte je im Winter Röslein?
Und wie soll mir Freude noch erblühen?
Ach, der Winter ist ohn' allen Segen,
Und ich bin auf immer elend, elend!

Aus: Russische Volkslieder
gesammelt und ins Deutsche übertragen
von Julius Altmann [1814-1873]
Berlin 1863 Ferdinand Schneider Verlag
(S. 206)
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Klagelied des verschmähten Jünglings

Stäuben Tropfen nicht herab vom Himmel,
Sondern rinnen Thränen mir vom Auge;
Schlägt der Klöpfel nicht die bleiche Glocke,
Sondern meine Hände ring' ich wund mir.

Aechzt der Wind nicht auf dem falben Blachfeld,
Nein, ich seufze trostlos und im Jammer;
Ritzen scharfe Stoppeln nicht den Fuß mir,
Nein, die Liebe schneidet tief ins Herz mir.

Schöne Jungfrau, Du, o weiße Schwänin,
Ruhm der Mutter, o Du Herzgeliebte,
Meiner Zukunft Stolz, Du meiner Sehnsucht
Goldnes Ziel, warum denn weichest Du mir?

Ach, Dein Herz, es fühlet kein Erbarmen,
Und Dein Herz empfindet keine Liebe,
Und Du willst mich nimmerdar beglücken,
Und erhören willst Du nie mein Flehen!

Nun, so will ich sterben! sterben will ich!
Denn nicht leben kann ich, kann nicht leben,
Du ja bist allein mein liebes Leben,
Und Dir ferne muß ich ja verschmachten.

Sagt doch nicht, ihr wackeren Genossen:
Wähle Dir, o Knab', ein andres Mägdlein!
Kann die Birke denn im Mondlicht wachsen,
Wenn die Sonne nicht will auf sie scheinen?


Aus: Russische Volkslieder
gesammelt und ins Deutsche übertragen
von Julius Altmann [1814-1873]
Berlin 1863 Ferdinand Schneider Verlag
(S. 207-208)
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Klage der Braut über den Tod des Geliebten

O mein Schmerz, für Deine Qualen
Wo denn blüht des Trostes Rose?
Düft' entsteigen Liljenfeldern,
Doch nicht Balsam meinem Grame.

Süße Nachtigallchen schlagen,
In mein Herz dringt keine Freude.
Trauermelodien hör' ich,
Denn mein Liebster ruht im Grabe.

Aus: Russische Volkslieder
gesammelt und ins Deutsche übertragen
von Julius Altmann [1814-1873]
Berlin 1863 Ferdinand Schneider Verlag
(S. 208)
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Die Gußlispielerin

Klang nicht Schall aus einer Silberpfeife,
Oder Hall aus einer Golddrommete,
Sondern tönten einer Gußli Saiten,
Sang dazu ihr Lied ein trauernd Mägdlein:

"Flattern keine Tauben körnersuchend
Durch das öde, weite Blachgefilde;
Und nicht schauen um sich meine Blicke,
Weil den Liebsten nimmer sie erspähen.

Ist's kein Wasserbach, der plätschernd thalwärts
Fließet in die grüne Erlenwiese:
Sondern strömen aus dem Auge Thränen,
Rieselnd über meine bleichen Wangen.

Nicht ein Jäger schoß vom laub'gen Baume
Ihn den Hahn der Nachtigall hernieder:
Sondern Tod, Du böser Schütze, trafest
Meines Liebsten ach mit herbem Pfeile!"

Klang nicht Schall aus einer Silberpfeife,
Oder Hall aus einer Golddrommete,
Sondern tönten einer Gußli Saiten,
Sang dazu ihr Lied ein trauernd Mägdlein.

Aus: Russische Volkslieder
gesammelt und ins Deutsche übertragen
von Julius Altmann [1814-1873]
Berlin 1863 Ferdinand Schneider Verlag
(S. 209)
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Das fehlende Haupt

Von dem Himmelszelt die Sterne
Riss' ich sie auch all' hernieder,
In mein Herz käm' keine Freude,
Meinem Mund kein Lächeln wieder.

Auf dem Erdenfeld die Liljen,
Die da prangen voll von Glanze,
Bräch' ich sie auch allzusammen,
Wo das Haupt fänd' ich zum Kranze?


Aus: Russische Volkslieder
gesammelt und ins Deutsche übertragen
von Julius Altmann [1814-1873]
Berlin 1863 Ferdinand Schneider Verlag
(S. 210)
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Die seufzende Jungfrau

Klagt nicht eine Nachtigall im Walde,
Stöhnt kein Kuckuck in dem düstern Forste;
Trauert eine Maid im Fraungemache,
Aechzt ein Mägdlein in dem Erkerstübchen:

Wieder eine lange Nacht verlassen
Netz' ich meine Kissen ach mit Thränen!
Und so kamen viele lange Nächte,
Und so kommen noch viel lange Nächte!

Aber nicht wirst Du, Geliebter, kehren,
Ach, Du fielest ja im heil'gen Kriege!
Warum fiel ich nicht an Deiner Seite?
Warum wehrtest Du mir's, Dir zu folgen?

Ach, es sprach zu mir Dein Mund, Du Tapfrer,
Sprach zu mir, mein Licht, die herben Worte:
Darfst nicht ziehn mit mir ins Kriegeslager,
Ziemet nicht der Jungfrau mitzuwandern.

Mußt daheim bei Deinen Eltern bleiben,
Mußt verweilen bei den alten Eltern,
Dort erwarten mußt Du mich, o Jungfrau,
Mich empfangen, wenn ich kehr', o Seelchen!

Aber nicht ja bist Du mir gekehret,
Nicht gekehrt ja aus dem blut'gen Kampfe.
Haben sie verspritzt Dein Blut, o Liebster,
Ja Dein Heldenblut, Du wackrer Jüngling!


Aus: Russische Volkslieder
gesammelt und ins Deutsche übertragen
von Julius Altmann [1814-1873]
Berlin 1863 Ferdinand Schneider Verlag
(S. 211)
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Auf dem Felde liegt so dicht der Schnee

Auf dem Felde liegt so dicht der Schnee,
Und in meiner Brust das Herz trägt Weh.

Warum liegt im Feld der Schnee so dicht?
Ist ja Winter und fehlt Sonnenlicht.

Warum in der Brust trägt Weh mein Herz?
Ach, mein Liebster zog ja fernewärts.

Liegt der Schnee denn immer auf dem Feld?
Hat für mich denn nichts als Schmerz die Welt.

Kehrt der Frühling, dann zerrinnt der Schnee,
Kehrt mein Jüngling, endet all' mein Weh.

Aus: Russische Volkslieder
gesammelt und ins Deutsche übertragen
von Julius Altmann [1814-1873]
Berlin 1863 Ferdinand Schneider Verlag
(S. 212)
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Kehre, lieber Freund, mir wieder

Schreitend hin im Sandgelände,
Wandernd längs dem Binsenufer,
Ging das zarte, ros'ge Mägdlein,
Blickend auf die Wasserwiege.

Thränen aus den braunen Augen
Flossen viel zum Strande nieder,
Mischten mit der salz'gen Welle
Sich des Meers, des übervollen.

Warum wohl das Mägdlein weinte?
Was die Freuden ihr verwehrte?
Was den frohen Sinn ihr trübte?
Was ihr armes Herz beschwerte?

Hin auf fremdem Schiff gefahren
War ihr Liebster in die Weite,
Fragte sie ihr Herz stilltraurig:
Seh' ich je mein Leben wieder?

Eine Sonne strahlt am Tage,
Und Ein Mond nur leuchtet nächtens,
Und Ein Glück für mich nur giebt es -
Kehre, lieber Freund, mir wieder!


Aus: Russische Volkslieder
gesammelt und ins Deutsche übertragen
von Julius Altmann [1814-1873]
Berlin 1863 Ferdinand Schneider Verlag
(S. 213)
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Weine, Mägdlein, wein', o weine

Weine, Mägdlein, wein', o weine!
Warst so unhold Deinem Freunde,
Weigertest ihm süße Küsse,
Wechseltest nicht sanfte Worte,
Gabst ihm nicht die Hand zum Abschied,
Batest nicht, wie sonst: kehr wieder!
Kommen wird die Morgenröthe,
Hoch erhebt sich dann die Sonne,
Sinkt am Firmamente nieder,
Abend naht und Nacht wird nahen,
Stunden, Tage, Jahre werden
Kommen, schwinden, wiederkehren -
Deinen Freund hast Du verscheucht Dir,
Nie wird er zurück Dir kehren!


Aus: Russische Volkslieder
gesammelt und ins Deutsche übertragen
von Julius Altmann [1814-1873]
Berlin 1863 Ferdinand Schneider Verlag
(S. 214)
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Dulde nur, mein Herz, im Busen

Dulde nur, mein Herz im Busen,
Falle nur herab, o Thräne,
Bleiche nur, Du blasse Wange,
Hangt nur welk herab, ihr Arme,
Neige Dich, mein müdes Haupt nur;
Kein Erbarmen hat die Erde,
Meinen Jammer fühlet Niemand,
Tag und Nacht rollt hin im Kreise,
Und nach mir nicht fragt die Schöpfung,
Und das Weltall spottet meiner;
Einer aber schaut hernieder
Auf mich Arme, wenn ich ächze,
Wenn ich seufze, wenn ich weine,
Wenn ich müd' in Traum versinke,
Gott im Himmel hört und sieht mich,
Und erlöst einst meine Seele,
Wird mir nehmen jede Sorge,
Alles Weh und allen Jammer,
Wird in meine Wunden träufeln
Balsam – wenn ich ruh' im Grabe,
Wenn die stille Gruft mich bettet.


Aus: Russische Volkslieder
gesammelt und ins Deutsche übertragen
von Julius Altmann [1814-1873]
Berlin 1863 Ferdinand Schneider Verlag
(S. 215)
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Die Küssespenderin

Schüttelte die schwarzen Locken,
Blickte finster mein Geliebter,
Sprach er zornig: warum giebst Du
Mir nicht einen Kuß, Du Böse?

Einen Kuß will ich Dir geben,
Aber glätte doch die Stirne!
Nimm den zweiten, dritten, vierten,
Aber lächle doch, mein Leben!

Strich mein Liebster mit der weißen
Hand sich durch die schönen Locken,
Blickte freundlich wie ein Engel:
Sprach: nun bin ich froh, mein Seelchen!

Aus: Russische Volkslieder
gesammelt und ins Deutsche übertragen
von Julius Altmann [1814-1873]
Berlin 1863 Ferdinand Schneider Verlag
(S. 216)
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Der stolze Knabe

Irinuschka, Irinuschka,
Also fleht der wackre Jüngling,
Schenk' mir Deine Lieb', o Mädchen,
Werd', o Jungfrau, Du, die Meine!

O Ignascha, o Ignascha,
Also lacht das böse Mägdlein,
Wirb Du um ein schlechter Mädchen,
Frei' um eine andre Jungfrau!

Steigt der Knabe stolz zu Rosse,
Reitet fort, blickt nicht zurücke.
Was erwiederte Ignatij?
Nicht ein Wort hat er gesprochen.

Aus: Russische Volkslieder
gesammelt und ins Deutsche übertragen
von Julius Altmann [1814-1873]
Berlin 1863 Ferdinand Schneider Verlag
(S. 217)
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Die launige Geliebte

Fekla wehrt nicht ihren Launen,
Fekla wehrt nicht ihren Grillen,
Plagte Jascha, ihren Liebsten,
Plagt den armen Jaschin'ka.

Jascha wehrt nicht seinem Grolle,
Jascha wehrt nicht seinem Grimme,
Sagte Lebewohl der Liebsten,
Sagte Fekla Lebewohl.


Aus: Russische Volkslieder
gesammelt und ins Deutsche übertragen
von Julius Altmann [1814-1873]
Berlin 1863 Ferdinand Schneider Verlag
(S. 217)
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Verwünschung

Jemel'jan, o böser Jüngling,
Ungetreuer Herzgeliebter,
Welches von den weißen Mägdlein,
Welche von den schönen Jungfraun
Hat Dein treulos Herz erobert?
Hat Dein falsches Herz gefesselt?

Ist es Ssof'ja – so verblüh' sie!
Ist es Mar'ja – so verwelk' sie!
Ist's Alëna – so vergeh' sie!
Ist's Fedoß'ja – mag sie enden!
Ist's Praßkow'ja – mag sie sterben!
Ists's Agaf'ja – mag sie todt sein!


Aus: Russische Volkslieder
gesammelt und ins Deutsche übertragen
von Julius Altmann [1814-1873]
Berlin 1863 Ferdinand Schneider Verlag
(S. 218)
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Des verlassenen Mägdleins Fluch

Weh was mußt' ich mich dem falschen Jüngling,
Ihm dem falschen ungetreuen Jüngling,
Weh was mußt' ich ihm mich anvertrauen,
Weh was mußt' ich schenken ihm mein Herzlein!
Eine Andre liebt er, eine Schön're,
Eine Andre herzt er, eine Weiß're,
Kos't mit einer neuen schmucken Buhle,
Ja mit einer neuen lieben Liebsten!
War ihm einst ja lieb doch meine Schönheit,
War ihm einst ja werth doch meine Weiße,
War ich einst ihm eine schmucke Buhle,
War ja einst ihm eine liebe Liebste!
War ihm einst genügend meine Liebe,
Hat mit mir gekos't er gar vergnügsam,
Und mit mir geschäkert ganz zufrieden,
Und mit mir getändelt recht beglücket!
Was doch ist er untreu nun geworden,
Ach der falsche ungetreue Jüngling?
Was doch liebt er eine andre Schön're,
Was doch herzt er eine andre Weiß're,
Kos't mit einer neuen schmucken Buhle,
Ja mit einer neuen lieben Liebsten?
Müss' ihm Falschheit wiederum begegnen,
Müsse Untreu wiederum ihn treffen!
Müsse rasch vergehen ihre Schönheit,
Ha, die Schönheit seiner neune Buhle!


Aus: Russische Volkslieder
gesammelt und ins Deutsche übertragen
von Julius Altmann [1814-1873]
Berlin 1863 Ferdinand Schneider Verlag
(S. 219-220)
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Der trotzige Jüngling

Durch die finstre Nacht hin wandelt
L'wowitsch, er, der trotz'ge Jüngling,
Ging in Grimm von seinem Liebchen,
Von der lieben weißen Jungfrau.

Hat sie ihm versagt ein Küßchen,
Ja ein Händchen ihm verweigert,
Hat sie ihm verwehrt, zu drücken
An die weiße Brust sein Mädchen.

Sprach zu seinem muth'gen Herzen
Peter L'wowitsch diese Worte,
Dachte er in seinem wackern
Geiste solcherlei Gedanken:

Nicht begehr' von Dir ich, Mädchen,
Weder Kuß mehr, weder Handschlag,
Weder Herzung und Umarmung,
Weder Kosung und Umfangung.


Aus: Russische Volkslieder
gesammelt und ins Deutsche übertragen
von Julius Altmann [1814-1873]
Berlin 1863 Ferdinand Schneider Verlag
(S. 220)
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Verstoßung der Treubrüchigen

Wohl hab ich Dich einst gelitten,
Wohl hab' ich Dich einst geliebet,
Als Du sanft noch warst an Sitten,
Als Du Schlimmes nicht verübet,
Und noch nicht mein Herz betrübet,
Ach, mein Herz in tiefster Mitten.

Aber jetzt hast Du's verschuldet,
Denn die Treu hast Du gebrochen!
Nicht sei es von mir geduldet,
Wenn mich ein Skorpion gestochen,
Nein, es sei der Stich gerochen
An dem der den Stich verschuldet!

Geh hinfort aus meiner Stube,
Hebe Dich hinweg, Du Schlange!
Nehme auf Dich jener Bube,
Daß er Dich, die Buhl', umfange!
Hebe Dich hinweg, Du Schlange,
Geh hinfort aus meiner Stube!

Aus: Russische Volkslieder
gesammelt und ins Deutsche übertragen
von Julius Altmann [1814-1873]
Berlin 1863 Ferdinand Schneider Verlag
(S. 221)
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Einst und jetzt

Einst dahin wie Schwalben flogen
Meine Tage, meine Nächte,
Als noch Wan'ka mein Geliebter
War, Wanjuschka mein Getreuer!

Nun dahin wie Schnecken schleichen
Meine Tage, meine Nächte,
Seit Wanjuschka mich verlassen,
Seit mir Wan'ka untreu worden!

Aus: Russische Volkslieder
gesammelt und ins Deutsche übertragen
von Julius Altmann [1814-1873]
Berlin 1863 Ferdinand Schneider Verlag
(S. 222)
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Rascher Entschluß

Nicht um Dich will ich mich härmen,
Warin'ka, Du falsche Jungfrau!
Nicht das Herz soll mir verbluten
Deinethalb, Du Ungetreue!
Giebt ja mehr der schönen Jungfraun,
Giebt ja mehr der weißen Mägdlein,
Eine Andre will ich wählen,
Eine Andre will ich lieben.

Aus: Russische Volkslieder
gesammelt und ins Deutsche übertragen
von Julius Altmann [1814-1873]
Berlin 1863 Ferdinand Schneider Verlag
(S. 222)
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Schlechter Trost

Ei was sitzest Du so traurig,
Ei was sitzest Du so weinend,
Schöne Täubin, weißes Mägdlein,
Warum bist Du so voll Harmes?

Ach es ging dahin mein Liebster,
Nicht zum Kriege, nicht zum Treffen,
Ging zum Krug, zur schönen Wirthin,
Darum bin ich so voll Harmes!

Ei so sei denn nicht so traurig,
Ei so trockne Deine Thränen,
Mägdlein, also machen's Alle,
Untreu sind die Männer alle.

Aus: Russische Volkslieder
gesammelt und ins Deutsche übertragen
von Julius Altmann [1814-1873]
Berlin 1863 Ferdinand Schneider Verlag
(S. 223)
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Ich hätt' es nicht geglaubt

Nicht geglaubt hätt' ich euch, guten Leute,
Wenn ihr einst gesagt mir: das sind falsche,
Eitle Zähren, falsche Liebesschwüre!
Denn Vertrauen füllte meine Seele,
Und mein Herz, es war so unerfahren!

Nicht geglaubt hätt' ich euch, lieben Freunde,
Wenn ihr einst gesagt mir: falsch ist Wan'ka,
Ungetreu ist dieser schöne Jüngling!
Denn Vertrauen füllte meine Seele,
Und mein Herz, es war so unerfahren!

Nicht geglaubt hätt' ich Dir selbst, o Liebster,
Wenn Du einst gesagt mir hättest: Mascha,
Nur ein Spiel treib' ich mit Deiner Liebe!
Denn Vertrauen füllte meine Seele!
Und mein Herz, es war so unerfahren!


Aus: Russische Volkslieder
gesammelt und ins Deutsche übertragen
von Julius Altmann [1814-1873]
Berlin 1863 Ferdinand Schneider Verlag
(S. 224)
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Das liebende Mädchen

Willst Du denn der Sonne fluchen,
Weil sie auch für Andre flammt?
Ach, ich werd' ihn ewig suchen,
Lieb' ihn immerdar aufs Neue,
Er der schöne Ungetreue,
Nicht sei er von mir verdammt!

Willst Du denn den Mond verdammen,
Weil er rings die Flur erhellt?
Ach, ich glüh' für ihn in Flammen,
Lieb' ihn immerdar aufs Neue,
Er der schöne Ungetreue,
Ja, er bleibe meine Welt!

Aus: Russische Volkslieder
gesammelt und ins Deutsche übertragen
von Julius Altmann [1814-1873]
Berlin 1863 Ferdinand Schneider Verlag
(S. 225)
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Natterbisse

In dem Laubgesträuch, ach im Gesträuche
Eine Natter hat mich einst gebissen,
In den Fuß gebissen, eine Natter,
Und zu sterben wähnt' ich von dem Gifte,
Doch durch Gottes Huld bin ich genesen.

In dem Laubgesträuch, ach im Gesträuche
Wandelt' ich, da hört' ichs nahe flüstern,
Gruschka sah ich, ach, die falsche Liebste,
Weh, die ungetreue weiße Jungfrau,
Liegen in den Armen Janikitas.

In dem Laubgesträuch, ach im Gesträuche
Eine Natter hat mich neu gebissen,
In das Herz gebissen, eine Natter,
Ach nun werd' ich sterben von dem Gifte,
Kann durch Gottes Huld selbst nicht genesen.


Aus: Russische Volkslieder
gesammelt und ins Deutsche übertragen
von Julius Altmann [1814-1873]
Berlin 1863 Ferdinand Schneider Verlag
(S. 226)
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Der närrische Liebste

Mein närrischer Liebster
Ist just wie ein Kind,
Ist taub auf den Ohren,
Von Augen gar blind.

Ich rufe Ignascha,
Gleich springt er heran,
Und Jedermann weiß doch,
Er heißet Iwan.

Ich deut' auf Kirilla,
Iwan springt herzu,
Er meint, daß ich immer
Nur denke: Du, Du!

Das Närrchen gefällt mir
Und macht mir viel Spaß,
Nur ist er langweilig
Oft über die Maß.

Am meisten ihn lieb' ich,
Wenn fern er sich hält,
Dann kann ich doch küssen
Grad wer mir gefällt!

Aus: Russische Volkslieder
gesammelt und ins Deutsche übertragen
von Julius Altmann [1814-1873]
Berlin 1863 Ferdinand Schneider Verlag
(S. 227)
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Der forteilende Jüngling

Stürmte nicht der Schneesturm übers Feld,
Sondern spornt ein Jüngling an sein Roß.
Flammten Blitz' aus schwarzer Wolke nicht,
Sondern Funken schlug des Rosses Huf.

Warum sprengt der wackre Bursch hinfort?
Warum schaut er nicht einmal sich um?
Eilet in die Fern' der Junggesell,
Wollte kehren nach der Heimath nie.

Drangen die Tataren in das Dorf?
Hatten seine Habe sie entführt?
Nein, ihm ward sein Liebchen ungetreu,
Darum mied er stolz der Falschen Haus.

Aus: Russische Volkslieder
gesammelt und ins Deutsche übertragen
von Julius Altmann [1814-1873]
Berlin 1863 Ferdinand Schneider Verlag
(S. 228)
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Der Lastträger

Durch das Brachfeld ging der Jüngling,
Bürde trug er auf dem Nacken,
Trug den vollen Hafersack er,
Und den Gerstensack, den vollen.
Schien die Sonne heiß am Himmel,
Rann der Schweiß ihm von der Stirne,
Troff der Schweiß ihm auf die Wangen,
Sprach also der wackre Jüngling:
Muthig, Schultern, starke Schultern!
Laßt euch diese Last nicht pressen,
Diese Bürd' euch nicht bedrücken,
Seid doch schmiegsam, seid geschmeidig,
Rinnt der Schweiß mir von der Stirn auch,
Trieft der Schweiß mir auf die Wang' auch,
Schleppet weiter eure Bürde,
Traget eure Last geruhig.
Mehr ja mußt Du Herz ertragen,
Größ're Last mußt Du ja schleppen,
Du mein Herz, mein tapfres Herze,
Du, o Seele, Du bewegte!
Mußt die Falschheit der Geliebten
Tragen und den Hohn erdulden
Ihres Buhlen, des Bojaren,
Und darfst sagen nicht ein Wörtchen.

Aus: Russische Volkslieder
gesammelt und ins Deutsche übertragen
von Julius Altmann [1814-1873]
Berlin 1863 Ferdinand Schneider Verlag
(S. 229)
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Der Flatterhafte

Prangen nicht der Blumen
Viel' auf Feld und Flur?
Fänd' ich denn Vergnügen
An der Rose nur?

Blühen nicht der Schönen
Viel' im Mägdereih'n?
Warum soll genügen
Mascha mir allein?

Aus: Russische Volkslieder
gesammelt und ins Deutsche übertragen
von Julius Altmann [1814-1873]
Berlin 1863 Ferdinand Schneider Verlag
(S. 230)
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Die drei Liljen

Ha, lieben muß ich Daschen'ka, die Lilje,
Was hat sie doch so schlanken Wuchs, die Schöne!

Und lieben muß ich Paschen'ka, die Lilje,
Was hat sie doch so weiße Haut, die Schöne!

Muß lieben auch Nataschen'ka, die Lilje,
Was hat sie doch solch' rein Gemüth, die Schöne!


Aus: Russische Volkslieder
gesammelt und ins Deutsche übertragen
von Julius Altmann [1814-1873]
Berlin 1863 Ferdinand Schneider Verlag
(S. 230)
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Der schnell Verliebte

Saß im Krug ich, in dem zar'schen Kruge,
Bat um Bier, ein Kännlein schwarzen Bieres,
Brachte mir's des Krügers ernste Tochter,
Sie die schwarze schöne Marfa L'wowna.
Ward ich gleich verliebt in Marfa L'wowna,
Dachte: wär' ich Marfa L'wowna's Gatte.

Saß im Krug ich, in dem zar'schen Kruge,
Bat um Meth, ein Krüglein braunen Methes,
Brachte mir's des Krügers holde Tochter,
Sie die braune schöne Ssofja L'wowna.
Ward ich gleich verliebt in Ssof'ja L'wowna,
Dachte: wär' ich Ssof'ja L'wowna's Gatte.

Saß im Krug ich, in dem zar'schen Kruge,
Bat um Wein, ein Fläschlein blanken Weines,
Brachte mir's des Krügers lust'ge Tochter,
Sie die blonde schöne Fekla L'wowna.
Ward ich gleich verliebt in Fekla L'wowna,
Dachte: wär' ich Fekla L'wowna's Gatte.


Aus: Russische Volkslieder
gesammelt und ins Deutsche übertragen
von Julius Altmann [1814-1873]
Berlin 1863 Ferdinand Schneider Verlag
(S. 231)
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Sei Du stark, mein armes Herze

Einst wie war doch treu Kirila,
Einst wie treu war er mir Armen,
Mir der niedern Alëna,
Seiner einstgeliebten Braut.

Ach, verlockt hat ihn Malan'ja,
Ach den Thoren, sie die Reiche,
Sie die hochgeborne Fürstin,
Und der Thor ist ganz verliebt.

Kurzweil treibt sie mit dem Armen,
Folget spaßhaft ihren Grillen,
Bald doch werden diese Späße
Selber sie ermüden wohl.

Und dann wird Kirila kehren,
Reuig büßend zu mir Armen,
Zu mir Niedern, wird geloben
Seine Treu' auf's Neue mir.

Aber ach, mein armes Herze,
Sei Du stark und sei Du standhaft,
Nicht dem ungetreuen Jüngling
Schenke wieder Deine Gunst.


Aus: Russische Volkslieder
gesammelt und ins Deutsche übertragen
von Julius Altmann [1814-1873]
Berlin 1863 Ferdinand Schneider Verlag
(S. 232)
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Dann werd' ich Dich lieben

Es fragt' mich Astafij,
Mich fragte Nikititsch:
O Daschen'ka, sage,
Wann willst Du mich lieben?
Ich sagte: Astafij
Nikititsch, Dir künd' ichs,
Du horche bedachtsam,
Dann werd' ich Dich lieben:

Wann Eis auf der Wolga
Im Sommer dahintreibt;
Wann Blüthen der Winter,
Der frost'ge, hervorbringt;
Wann unten im Thale
Die Quelle hervorspringt;
Und oben zum Berge
Der Fluß seinen Lauf nimmt,

Wann Du in den Wäldern
Suchst Bäume vergebens;
Wann Störe der Berg trägt
Und Adler die Wolga:
Dann werd' ich Dich lieben,
Astafij Nikititsch!
Vernahmst Du's auch richtig?
Und merktest Du recht es?


Aus: Russische Volkslieder
gesammelt und ins Deutsche übertragen
von Julius Altmann [1814-1873]
Berlin 1863 Ferdinand Schneider Verlag
(S. 233)
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Die Eitele

Asra prahlt mit ihren Liebsten,
Prahlet stolz mit ihren Freiern,
Mit den seufzenden Bewerbern,
Mit den schmachtenden Geliebten,
Laut vorm ganzen Dorfe prahlt sie,
Prahlet laut vor allen Leuten,
Zählend auf an ihren Fingern,
An den Fingern beider Hände
Ihrer Freier Zahl, die große,
Und die Menge der Bewerber.
Also zählet Asra zählen,
Nennet prahlend diese Namen:

Jascha Wassil'jewitsch liebt mich,
Mich liebt Matfij Makßimowitsch,
Mich Mafußal Dmitrijewitsch,
Amplij liebt mich Jewgrafowitsch,
Mein ist Ssascha Matwejejewitsch,
Mein Petruscha Loginowitsch,
Mein Wolodin'ka Florowitsch,
Mein auch Jermil Terent'jewitsch,
Mir gehört Lew Ignat'jewitsch,
Nikolascha mir Nikititsch,
Luka mir Ferapontowitsch,
Auch Danilo Stanißlawitsch.

Diese Namen alle nannt' sie,
Prahlend stolz mit solchen Freiern,
Und mit so viel Herzgeliebten.
Wer doch von den Freiern nahm sie?
Wer doch wählte sie zur Gattin?
Wer doch schloß mit ihr den Ehbund?
Wer doch führte in sein Haus sie?
All' die seufzenden Bewerber,
All' die schmachtenden Geliebten,
Wählten Alle andre Jungfraun,
Nahmen Alle andre Weiber,
Schlosse Alle andern Ehebund,
Führte Keiner in sein Haus sie!

Aus: Russische Volkslieder
gesammelt und ins Deutsche übertragen
von Julius Altmann [1814-1873]
Berlin 1863 Ferdinand Schneider Verlag
(S. 234-235)
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Kolinka und Lisaweta

Kolin'ka und Lisaweta,
Warum nicht für euch doch bliebt ihr?
Hieltet stets nicht zu einander?
Gnügt' euch denn nicht eure Liebe?
Die Gemeinschaft eurer Herzen?
Was kann euch die Welt doch bieten,
Was die Welt euch zum Ersatz?

Kolin'ka er sucht Gesellschaft,
Freunde fand er, böse Freunde,
Hämisch-neidische Gesellen,
Neideten ihm recht von Herzen
Seine Lieb', die treue Liebe,
Regten auf die Eifersucht ihm,
Und die Liebe wich von ihm.

Lisaweta sucht Gesellschaft,
Freundinnen, gar böse fand sie,
Boshaft-tückische Gespielen,
Neideten ihr recht von Herzen
Ihre Lieb', die treue Liebe,
Weckten ihr den Ungehorsam,
Und die Liebe wich von ihr.

Kolin'ka und Lisaweta,
Warum nicht für euch doch bliebt ihr?
Hieltet stets nicht zu einander?
Gnügt' euch denn nicht eure Liebe?
Die Gemeinschaft eurer Herzen?
Was kann euch die Welt doch bieten,
Was die Welt euch zum Ersatz?

Aus: Russische Volkslieder
gesammelt und ins Deutsche übertragen
von Julius Altmann [1814-1873]
Berlin 1863 Ferdinand Schneider Verlag
(S. 236-237)
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Die Verabschiedung der Geliebten

Sprach sie: wärst Iwan nur nicht ein Bauer,
Könntest schöne Kleider Du mir schenken,
Dein in Lieb' und Treue wollt' ich denken -
Aber Deine Armuth macht mir Trauer.

Sprach Iwan: weil ich denn nur ein Bauer,
Und nicht reich bin, Kleider Dir zu kaufen,
Laß' ich Dich, Du schnöde Dirne, laufen -
Und der Abschied wird mir gar nicht sauer.

Aus: Russische Volkslieder
gesammelt und ins Deutsche übertragen
von Julius Altmann [1814-1873]
Berlin 1863 Ferdinand Schneider Verlag
(S. 237)
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Was der Edelmann sprach und dachte

Sprach der Edelmann: o Dirnlein,
Sollst um theuren Lohn hier spinnen!
Dacht' er: bist Du nur im Schlosse,
Will ich küssen Dich und herzen!

Sprach der Edelmann: o Mägdlein,
Gnügt mir schon ein sanfter Handdruck!
Dacht' er: gabst Du erst die Hand mir,
Giebst Du bald mir auch Dein Herzlein.

Sprach der Edelmann: o Jungfrau,
Glücklich machet mich ein Küßlein!
Dacht' er: nach dem Küssen duldet
Sie auch willig die Umarmung!

Sprach der Edelmann: o Liebste,
Ewig schwöre Dir ich Treue!
Dacht' er: morgen eine Andre
Will ich küssen und umfangen!

Aus: Russische Volkslieder
gesammelt und ins Deutsche übertragen
von Julius Altmann [1814-1873]
Berlin 1863 Ferdinand Schneider Verlag
(S. 238)
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Verschiedene Liedlein

Stieg der Edelmann vom Lager,
Hob sich der Bojar vom Bette,
Schnallte Flintlein um und Tasche,
Ging zu jagen Hirsch und Eber,
Pfiff ein Liedlein, recht ein muntres.

Stieg die Bäuerin vom Lager,
Hob das Dirnlein sich vom Bette,
Nahm den Flachs und nahm die Spindel,
Kehrt zurück zur Hütte trauernd,
Summt ein Lied, recht unter Thränen.

Aus: Russische Volkslieder
gesammelt und ins Deutsche übertragen
von Julius Altmann [1814-1873]
Berlin 1863 Ferdinand Schneider Verlag
(S. 239)
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Das schluchzende Mädchen

Schluchzete die Maid mit bangem Schluchzen,
Seufzete die Jungfrau schwer aufseufzend,
Klagte sie mit thränenschwerer Klage,
Aechzte sie mit kummervollem Leide:

Liegt die Nuß noch in der grünen Schale,
Keiner schilt sie unreif und verdorben!
Ist der Apfel noch nicht angeschnitten,
Niemand sagt: es schmeckt der Apfel sauer!

Ach, ich will nicht Schande selbst erleben,
Und nicht Schande Dir, o Kind, bereiten,
Wollen beide wir der Welt entsagen,
Wollen beide wir die Menschen fliehen.

Wollen in den stillen Don uns stürzen,
Stürzen uns in tiefe Wasserwogen,
Werfen an ein Herz uns, an ein kühles,
Und umfassen einen kalten Busen.

Don Iwanowitsch! O hab Erbarmen,
Don Iwanowitsch! O sei uns gnädig,
Oeffne weit uns Deine lieben Arme,
Und in Schnelle ende uns're Qualen!

Aus: Russische Volkslieder
gesammelt und ins Deutsche übertragen
von Julius Altmann [1814-1873]
Berlin 1863 Ferdinand Schneider Verlag
(S. 240)
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Lebewohl auf immer, lieber Jüngling

Ueberm Strom, dem rauschend schwarzen Strome,
Schwebet nicht ein goldbeschwingter Adler,
Sondern schwebt ein Kahn, ein leichter Nachen,
Saß darin die weiße, schöne Jungfrau,
Sah mit Thränen nieder in die Wellen.
Laut nicht sprach sie, nein, nur leis' im Herzen
Sprach sie flüsternd diese bange Klage:
Ach, mich hat verlassen nun mein Jüngling,
Er, mein Licht, er, meine helle Sonne.
Wie kann blühn die Rose ohne Lichtstrahl?
Wie kann leben fern ich dem Erwählten?
Lebewohl, Du schöner Ungetreuer,
Lebewohl, Geliebter, Dein gedenk' ich
Liebend selbst in meiner letzten Stunde,
Liebend selbst am Rand des finstren Todes.
Lebewohl, lebwohl mein brauner Knabe,
Lebewohl auf immer, lieber Jüngling!
Magst Du lachen, magst Du fröhlich scherzen,
Magst Du glücklich sein Dein ganzes Leben,
Glücklich sein im Arm der neuen Liebsten,
Ach im Arm der neuen Herzgeliebten!
Liebt sie mehr Dich, als ich selbst Dich liebte,
Dann vergiß mein! Doch liebt sie Dich minder,
Dann gedenke mein, o schöner Jüngling,
Dann gedenke mein, und wär's ein Weilchen!

Aber ich will treiben hin im Nachen
Auf dem Strom, dem rauschend schwarzen Strome,
Zu der Stelle, wo die Flut am schwärz'sten,
Zu der Stelle, wo der Strom am tiefsten,
Betten will ich mich im schwarzen Strome,
Betten will ich mich im tiefen Grunde!


Aus: Russische Volkslieder
gesammelt und ins Deutsche übertragen
von Julius Altmann [1814-1873]
Berlin 1863 Ferdinand Schneider Verlag
(S. 241-242)
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O weh mein Herz, mein armes Herz

O weh mein Herz, mein armes Herz,
Ich möchte bitter weinen,
Ich mache Scherz, wohl Andern Scherz,
Und spüre selber keinen.

Ach dem Genuß, selbst ohn' Genuß
Hab' ich geweiht mein Leben.
Und jeden Kuß, ach jeden Kuß
Geb' ich mit Widerstreben.

Was sucht ihr Lieb' und wollet Lieb'
Ach bei mir Armen suchen?
Ich fluche ja, fluch' eurem Trieb
Und möchte mir auch fluchen.

Aus: Russische Volkslieder
gesammelt und ins Deutsche übertragen
von Julius Altmann [1814-1873]
Berlin 1863 Ferdinand Schneider Verlag
(S. 242)
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Lieber Jüngling, tritt doch ein in's Pförtchen

Lieber Jüngling, tritt doch ein ins Pförtchen,
Sieh' ich öffne Dir mein trautes Stübchen.
Böser Jüngling, geh doch nicht vorüber,
Laß den Markt doch, laß den bösen Schacher.

Du mein Knäbchen, Dich betrügt der Heide,
Kaufe nicht die theuren falschen Sachen,
Du mein Knäbchen, nicht betrüge ich Dich,
Kaufst Du Liebe, geb' ich Dir mein Herzchen.

Lieber Jüngling, tritt doch ein ins Pförtchen,
Sieh, ich öffne Dir mein trautes Stübchen.
Böser Jüngling, geh doch nicht vorüber,
Laß den Markt doch, laß den bösen Schacher.

Aus: Russische Volkslieder
gesammelt und ins Deutsche übertragen
von Julius Altmann [1814-1873]
Berlin 1863 Ferdinand Schneider Verlag
(S. 243)
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O Du mein schöner, lockiger Knabe

O Du mein schöner,
Lockiger Knabe,
O Du mein fremder,
Herzlieber Jüngling.

Komm an das Herz mir,
Mir an den Busen,
Hast hier ja Heimath,
Findest hier Liebe.

O wie Dein Auge
Blicket so feurig!
O Du blauäugig
Freundlicher Knabe!

O wie Dein Herz brennt
Mir an dem Busen:
Nicht mich versenge
Liebheißer Jüngling.

Aus: Russische Volkslieder
gesammelt und ins Deutsche übertragen
von Julius Altmann [1814-1873]
Berlin 1863 Ferdinand Schneider Verlag
(S. 244)
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Liebet doch, liebet

Liebet doch, liebet,
Ihr zarten Knaben,
Ihr schönen Buben,
Ihr wackern Männer.

Liebe, Dich lieb' ich,
Liebe, Dich lob' ich,
Liebe, dich sing' ich
Mit Lobgesange.

Liebe, Dich rühm' ich,
Liebe, Dich feir' ich,
Liebe, Dich preis' ich
Mit Harfenklange.

Liebet doch, liebet,
Ihr zarten Knaben,
Ihr schönen Buben,
Ihr wackern Männer.


Aus: Russische Volkslieder
gesammelt und ins Deutsche übertragen
von Julius Altmann [1814-1873]
Berlin 1863 Ferdinand Schneider Verlag
(S. 245)
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Die glücklichen Gatten

"Heil Dir, Du mein Licht und Leben,
Heil Dir, Luka Dmitrijewitsch!
Gott beschied mir hohe Wonne,
Gott beschied mir süße Freude,
Da er Dich mir gab zum Manne,
Zum geliebten Ehgenossen.
Heil Dir, Du mein Licht und Leben,
Heil Dir, Luka Dmitrijewitsch!"

""Heil Dir, Du mein Glanz und Lichtstrahl,
Heil Dir, Olga Stepanowna!
Gott beschied mir werthe Freude,
Gott beschied mir süßes Labsal,
Da er Dich mir gab zum Weibe,
Zur geliebten Ehgenossin.
Heil Dir, Du mein Glanz und Lichtstrahl,
Heil Dir, Olga Stepanowna!""


Aus: Russische Volkslieder
gesammelt und ins Deutsche übertragen
von Julius Altmann [1814-1873]
Berlin 1863 Ferdinand Schneider Verlag
(S. 246)
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Die Genügsamen

"Zwar die Bojaren
Trinken Mader'schen,
Aber auch Schwarzbier
Mundet dem Gaumen.
Haben wir Schwarzbier,
Oder sei's Kwaßchen,
Was denn uns fehlet,
Pascha, zum Glücke?"

""Zwar die Bojaren
Essen Pastetchen,
Aber von Kohl auch
Mundet ein Süpplein.
Haben wir Schschi nur,
Haben wir Kascha,
Was denn, Ignascha,
Fehlt uns zum Heile?""


Aus: Russische Volkslieder
gesammelt und ins Deutsche übertragen
von Julius Altmann [1814-1873]
Berlin 1863 Ferdinand Schneider Verlag
(S. 247)
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Vorwürfe
gerichtet an die Eltern

Ach, ihr bösen Eltern, bösen Eltern.
Ach, Du harter Vater, strenge Mutter,
Warum doch verlobt ihr mich dem Fernen,
Was vermählt ihr mich dem fremden Jüngling?
Was soll ruhen ich in seinen Armen,
Ach, an Grischka's kaltem, frost'gem Herzen?
Warum nicht verlobt ihr mich dem Nahen,
Und vermählt mich nicht dem Holdbekannten?
Könnt' ich ruhen, ach, in seinen Armen,
Ach, an Sschascha's heißem, glüh'ndem Herzen!

Aus: Russische Volkslieder
gesammelt und ins Deutsche übertragen
von Julius Altmann [1814-1873]
Berlin 1863 Ferdinand Schneider Verlag
(S. 248)
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Klage einer Jungvermählten über ihren alten Mann

Wehe mir, dem armen Röslein,
Wehe mir, der armen Blume,
Die aufs Distelfeld geplanzt ward,
Die gesä't ward unter Dornen!

An der Seite eines alten,
Welken, siechen, dürren, bleichen,
Gichtgeplagten, lendenlahmen
Mannes muß ich Aermste wandeln!

Keinen Stab' hab' ich beim Wandeln!
Keine Stütz' hab' ich beim Gehen!
Neben mir, an mich sich lehnend,
Wackelt, ach, mein greiser Gatte!

Aus: Russische Volkslieder
gesammelt und ins Deutsche übertragen
von Julius Altmann [1814-1873]
Berlin 1863 Ferdinand Schneider Verlag (S. 249)
_____



Die Nachtigallstimme

Ach so hörest Du,
Mein herzinn'ger Freund?
So verstehest Du,
Leben, Seele mein?
In dem Garten dort
Singt die Nachtigall;
Ja sie singet, singt,
Pfeifet dort gar fein;
Liebessprüchelein
Sie süssplaudernd sprach -
Sie gab Stimme mild
Durch den dunkeln Wald;
Durch den dunkelnden
Feuchten Fichtenhain,
Auf dem Söllerlein
Jener holden Maid.

aus: Balalaika. Eine Sammlung slawischer Lieder
von Wilhelm von Waldbrühl
[Ps. von Anton Wilhelm Florentin von Zuccalmaglio 1803-1869]
Leipzig Verlag von C. L. Hirschfeld 1848 
(S. 1)
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Der Fehlende

Schon vorbei, vorbei die Lustfahrten all',
Jene rüstigen.
Jene Spiele all' unser Wackeren
Sind verschollen längst.
Ohn' den Jüngling dürrt, welket Alles rings
In dem Garten grün.
Aus dem Garten auch flogen bald davon
Alle Vögelein.
Blos ein Vögelein in dem Garten grün
Noch geborgen blieb.
Blieb im Garten noch nur das einzige,
Nur die Nachtigall.
O wie fein, wie fein diese Nachtigall
Helle Lieder singt.
An dem Fenster sitzt da die schöne Maid,
Weinet bitterlich.

aus: Balalaika. Eine Sammlung slawischer Lieder
von Wilhelm von Waldbrühl
[Ps. von Anton Wilhelm Florentin von Zuccalmaglio 1803-1869]
Leipzig Verlag von C. L. Hirschfeld 1848
(S. 18)
_____



Die Herbstnacht

O Du süsse Nacht,
Süsse dunkle Nacht,
Holde dunkele
Nacht, Du herbstliche!
Womit bringe ich
Dich langwier'ge hin?
Sag', o herbstliche,
Wie verkürz' ich Dich?
Keinen Vater mehr,
Auch kein Mütterlein,
Einzig hab' ich nur
Einen Herzensfreund:
Doch der Eine liebt
Arme mich nicht mehr!

aus: Balalaika. Eine Sammlung slawischer Lieder
von Wilhelm von Waldbrühl
[Ps. von Anton Wilhelm Florentin von Zuccalmaglio 1803-1869]
Leipzig Verlag von C. L. Hirschfeld 1848
(S. 19)
_____



Die Erwartung

Es ist traurig, Mutter, einsam sein im Lenz,
Traur'ger, dass noch nicht mein Geliebter kömmt.

Und ich Junge gehe schwer vor Sorg' und Gram,
An der Thüre Giebel stelle mich hin,

Schaue, schaue scharf hin nach der Seiten vier,
Ob hierher nicht flieget mir mein heller Falk';

Ob sein schillerfarb'ger Flügel noch nich facht.
Gehe eilig, gehe durch das neue Thor,

Lug', entlang die Strasse bis zum Ende hin,
Ob der Freund, der theure, mir nicht dorten naht.

Ha! ein Schneegewirbel fern die Strasse fegt,
Hinter dem Gewölke geht mein Herzensfreund,

Fächelt mit dem Tuche, mit dem zitzenen:
Warte, warte, meine Allerschönste Du!

Halte, und gewähre, zu betrachten Dich,
Deine hohe Schönheit, meine Wonne Du!

Welche mir befangen gänzlich den Verstand,
Die mich jungen Burschen aufgerieben ganz.

Als die Allerschönste bist Du weit bekannt,
Ach, wie bleich und hager bist Du, Liebe, jetzt!

aus: Balalaika. Eine Sammlung slawischer Lieder
von Wilhelm von Waldbrühl
[Ps. von Anton Wilhelm Florentin von Zuccalmaglio 1803-1869]
Leipzig Verlag von C. L. Hirschfeld 1848
(S. 24-25)
_____



Die Bewachte

Ach, mein Knabe Du, junger Knabe mein,
Auf der weiten Welt Du Herztheuerster!
Stehe nicht so da, zu erwarten mich!
Ohne dies bin ich schon gedrückt genug,
Ohne dies bin ich schon zu sehr gequält!
Unter'm Giebel lässt man nicht mehr mich stehn,
Will nicht, dass ich Dich dort erharren soll.
In dem Garten grün geh' ich kummerschwer,
Dass ich dort Dich seh', trauter Herzensfreund,
Ich auf kurze Frist all' mein Leid vergess'!


aus: Balalaika. Eine Sammlung slawischer Lieder
von Wilhelm von Waldbrühl
[Ps. von Anton Wilhelm Florentin von Zuccalmaglio 1803-1869]
Leipzig Verlag von C. L. Hirschfeld 1848
(S. 29)
_____



Nachtlied

Du, mein Spahn, mein Spähnelein, Du, mein birkenes!
Sage, weshalb, Spähnchen, brennst Du mir nicht hell auf?
Nicht hell auf weshalb willst Du mir nicht flackeren?
Warst Du, Birkenspähnchen, denn in dem Ofen nicht?
Oder warst Du, Spähnchen wohl getrockenet?
Schwiegermutter hatt' vielleicht tückisch Dich benetzt? -
"Täubchen Ihr, Gespielinnen, leget schlafen Euch,
Schlafet, Ihr erwartet ja Niemand über Nacht;
Aber ich, ich junge, schlief nicht die ganze Nacht;
Schlief nicht ein die ganze Nacht, hielt mein Bett' bereit,
Hielt bereit das Bett, erharrte meinen lieben Freund."
Es entwich der erste Traum: eh' dass er mir kam;
Es entwich der zweite Traum: aussen blieb mein Herz;
Es entwich der dritte Traum: weisse Welt nun schien.
Mit der Morgenröthe auch mir mein Liebster kömmt;
Es erknarren an dem Fuss' ihm die Stiefelchen,
Und es rauschet um ihn rings schon sein Zobelpelz,
Und die Knöpfe auf dem Pelz' schon erklingelen.


aus: Balalaika. Eine Sammlung slawischer Lieder
von Wilhelm von Waldbrühl
[Ps. von Anton Wilhelm Florentin von Zuccalmaglio 1803-1869]
Leipzig Verlag von C. L. Hirschfeld 1848
(S. 35)
_____



Fernwirkung

Abendroth, mein Abendroth,
Abendliches Abendroth!
Abendroth, weshalb bist Du
Also frühe mir verlöscht?
Nicht vergönnest Du mir Zeit,
Aufzuräumen in dem Feld.
"Ach ihr Diener, Diener ihr,
Meine treuen Diener hört:
Gehet mir in aller Eil',
Geht in meinen Pferdestall;
Gehet, schirret dorten mir
Flugs der grauen Rosse drei,
Dass ich steige ein, und heim
Fahr' ich, guter Bursche ich!"
Von den andern Allen nahm
Abschied wohl der Herzensfreund,
Nur mir armen Maid allein
Sagte er kein Abschiedwort.
Lang' lief ich auf seiner Spur,
Rief aus vollem Halse ihm;
Ich schrie zu dem Lieben auf:
Doch die Stimme hört' er nicht.
Mit dem Tüchlein winkte ich,
Mit dem seidnen Tüchelein;
Mit dem Tüchlein winkt' ich ihm,
Doch das Tüchlein schaut' er nicht.
Aber als mein Herz erseufzt',
Hörte es mein Freund alsbald.

aus: Balalaika. Eine Sammlung slawischer Lieder
von Wilhelm von Waldbrühl
[Ps. von Anton Wilhelm Florentin von Zuccalmaglio 1803-1869]
Leipzig Verlag von C. L. Hirschfeld 1848
(S. 42-43)
_____
 


Liebesfieber

Täubchen Ihr, Gefährtinnen,
Liebe Schwesterlein!
Alle kommet mit mir, kommt:
Lasst uns fröhlich sein!
Bittet meinen Vater doch,
Dass er Euch besucht.
Euer Garten ist so schön;
Bei dem Vogelsang'
Wird mir armen Maid um's Herz,
Beides, wohl und bang. -
Auf dem Terem hoch vor Gram
Sitz' ich thränennass.
Händeringend auf mein Bett'
Fall' ich müd' und lass.
Will erheben mich nicht eh'r,
Bis die Sonne steigt.
Auf die Sonne steigt, - vielleicht,
Dass mein Schatz sich zeigt.
An dem Berghang', von dem Stein'
Rasch ein Bächlein lief; -
Und ein Liebesfieber brennt
Mir im Herzen tief!

aus: Balalaika. Eine Sammlung slawischer Lieder
von Wilhelm von Waldbrühl
[Ps. von Anton Wilhelm Florentin von Zuccalmaglio 1803-1869]
Leipzig Verlag von C. L. Hirschfeld 1848
(S. 129-130)
_____




 


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