Liebeslieder der Völker (Volkslieder)

 


Ukrainische Liebeslieder



Nachtfahrt

O Du Mond, Du holdes Mondchen,
Im Gewölke zaudre!
Dass ich mit der Herzgeliebten
Nur ein Wenig plaudre.
O Du Mond, Du holdes Mondchen,
Tauche mir nicht nieder!
Wenn Du scheidest, mein Geliebter,
Kehre bald nur wieder!
O Du Mond, Du holdes Mondchen
Mit dem hellen Scheine,
Scheinest auf ein feines Mädchen
Dorten überm Haine.
Was sie flüsterten und sprachen,
Was für ein Gemunkel
Von dem Mädchen, von dem schönen,
Mit den Brauen dunkel!
Auf des Mohnes Blüthe knosp'te
Dunkler, dunkler immer;
Der Kasake kehrt' vom Mädchen
In dem Morgenschimmer!
Auf des Mohnes Blüthe knosp'te
Schimmernd hinterm Hage;
Der Kasake kehrt' vom Mädchen
Am hellichten Tage!

aus: Balalaika. Eine Sammlung slawischer Lieder
von Wilhelm von Waldbrühl
[Ps. von Anton Wilhelm Florentin von Zuccalmaglio 1803-1869]
Leipzig Verlag von C. L. Hirschfeld 1848 (S. 257-258)
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Die Lieben

Zarte Kinder, zweie,
Die sich herzlich lieben,
Hat der Herr, der wilde,
Auseinander trieben.
Wie sie heiss sich lieben,
Und sich nicht mehr sehen,
Müssen alle Beide
Siechend da vergehen.
 Bald fiel da das Mädchen
Auf das Bettlein, weiche;
Unter weisse Birke
Fiel der Knab', der bleiche.
Vater, Mutter, weinten
An des Mädchens Grabe;
Aber dem Geliebten
Krächzt' ein schwarzer Rabe.
An des Mädchens Grabe
Sippen sich betrüben;
Ueber dem Geliebten
Klagt ein Kuckuck drüben!
Schon lässt man dem Mädchen
Einen Grabstein setzen,
Aber den Kasaken
Vögel nun zerfetzen!


aus: Balalaika. Eine Sammlung slawischer Lieder
von Wilhelm von Waldbrühl
[Ps. von Anton Wilhelm Florentin von Zuccalmaglio 1803-1869]
Leipzig Verlag von C. L. Hirschfeld 1848 (S. 276-277)
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Der Entfernte

Wie das Haupt mir Armen schmerzet!
Wie der Blick mir schwindet!
Weiss ich selbst, warum ich bange?
Was mein Herz empfindet?

Du, mein Mädchen, Du, mein Schwanchen,
Trägst die Schuld im Grunde,
Dass ich also lang' erhalten
Von Dir keine Kunde!

Dort sind Mädchen, dort sind Brauen,
Dort sind schwarze Augen,
Dort sind helle rothe Wangen,
Reden, die was taugen!

Mädchen, Mädchen, mache meinen
Bangen Kopf nicht wirren!
Lass Dich nicht von mir ablocken,
Nicht von Andern kirren!

Wegen meiner bang' nicht, Liebe,
Ich bleib' stets Dir treue,
Bete für Dein Wohl zum Himmel
Alle Tag' auf's neue!


aus: Balalaika. Eine Sammlung slawischer Lieder
von Wilhelm von Waldbrühl
[Ps. von Anton Wilhelm Florentin von Zuccalmaglio 1803-1869]
Leipzig Verlag von C. L. Hirschfeld 1848 (S. 278-279)
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Die Harrende

Von dem Rand' des Brunnens schaut man
Bis zum Grunde;
Warum noch von meinem Liebsten
Keine Kunde!
O den ganzen Tag sie weilte
An dem Bronnen;
Sah' den Lieben nicht, die Woche
War verronnen.
Wenn ich meinen Liebsten heischte
Von der Quelle,
Musst' er immer mir erscheinen
Auf der Stelle!
Aber wo mag der Geliebte
Jetzt nur weilen,
Dass er nicht zum Abendkosen
Her will eilen?


aus: Balalaika. Eine Sammlung slawischer Lieder
von Wilhelm von Waldbrühl
[Ps. von Anton Wilhelm Florentin von Zuccalmaglio 1803-1869]
Leipzig Verlag von C. L. Hirschfeld 1848 (S. 280)
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Am Brunnen

Liegt ein Berg von dieser Seiten,
Dort von jener Seiten;
Und die helle Abendröthe
Leuchtet zwischen Beiden.
Ich schaut' in die Abendröthe,
Hatte lang gesonnen,
Als ein Mädchen kam nach Wasser,
Hinstieg zu dem Bronnen.
Ich, statt nach der Abendröthe,
Jetzt ihr nach, und schnelle,
War auf meinem grauen Rosse
Bald dort an der Quelle.
Mädchen, Mädchen, eine Bitte:
Mir mein Ross zu tränken!
Eh' ich noch nicht bin die Deine,
Darfst Du d'ran nicht denken!
Aber bin ich erst die Deine,
Gilt's Dein Rosslein tränken,
Will ich meinen neuen Eimer
In den Brunnen senken!
Und wie will ich Deine Güte,
Mädchen, Dir bezahlen,
Lasse Dich, o Holde, Liebe,
Auf Damast mir malen.
Will die Ochsen gar nicht sparen,
Die in meiner Heerden,
Auf dass nur Dein Bild, mein Herzchen,
Mag recht artig werden. -
Ja, Du magst von Haus zu Hause
Alle Welt durchwandern,
So wie ich Dich innig liebe,
Find'st Du keinen Andern!


aus: Balalaika. Eine Sammlung slawischer Lieder
von Wilhelm von Waldbrühl
[Ps. von Anton Wilhelm Florentin von Zuccalmaglio 1803-1869]
Leipzig Verlag von C. L. Hirschfeld 1848 (S. 286-287)
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Der Geneckte

Komm', mein Knab', ich will Dir etwas schenken,
Sagt die Lose, Du sollst mein gedenken;
Will Dir schenken, Du sollst mein gedenken!
Komm', mein Knab', ich will Dir etwas schenken.

Kam am Montag zu ihr voll Verlangen,
Da war sie zum Jäten ausgegangen.
Ja, das Mädchen war da nicht zu treffen,
Wollte sie mich Burschen etwa äffen?

Kam am Diensteg bei ihr anzupochen,
Wohl hätt' ich gestanden vierzig Wochen.
Ja, das Mädchen war noch nicht zu treffen,
Wollte sie mich Burschen etwa äffen?

Mittwoch eilt' ich wieder mich zu bieten,
Sie war aus, die Heerden sich zu hüten.
Ja, das Mädchen war noch nicht zu treffen,
Wollte sie mich Burschen etwa äffen?

Ging darauf zu ihr am Donnerstage;
Wo sie jetzt gewesen? schwere Frage!
Ja, das Mädchen war noch nicht zu treffen,
Wollte sie mich Burschen etwa äffen?

An dem Freitag' liess ich mich nicht beten;
In dem Waitzen war sie wieder jäten.
Ja, das Mädchen war nicht anzutreffen,
Wollte sie mich Burschen etwa äffen?

Samstags sollt' der Gang mich nicht verdriessen,
Doch sie war die Wochenarbeit schliessen.
Immer war das Mädchen nicht zu treffen,
Wollte sie mich Burschen etwa äffen?

Sonntag wollt' ich hin zum Letzten traben:
Hier, mein Bursch', ein Hemdchen sollst Du haben.
Feines Hemdchen schenkt' mir da das Süsschen,
Gab mir obendrein noch gar ein Küsschen!

aus: Balalaika. Eine Sammlung slawischer Lieder
von Wilhelm von Waldbrühl
[Ps. von Anton Wilhelm Florentin von Zuccalmaglio 1803-1869]
Leipzig Verlag von C. L. Hirschfeld 1848 (S. 288-289)
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Die Getrennten

In der Fremde welch' Sehnen!
Jahr'lang Stunden sich dehnen;
Tag und Nacht in dem Innern
Will Dein Bild mich erinnern!

Ob ich stehe, ob gehe,
Immer, Schatz, ich Dich sehe.
Tag und Nacht in dem Innern
Will Dein Bild mich erinnern!

Mag nicht trinken, noch essen,
Geh', gleich ob ich besessen.
Tag und Nacht in dem Innern
Will Dein Bild mich erinnern!

Ob rings Viele auch prangen,
Sie nur hält mich gefangen.
Tag und Nacht in dem Innern
Will Dein Bild mich erinnern!

Ob auch Andre mich kirren,
Keine soll mich verwirren.
Tag wie Nacht in dem Innern
Will Dein Bild mich erinnern.

Ob sie Andre mir zeigen,
Fühl's im Herzen doch schweigen.
Tag wie Nacht in dem Innern
Will Dein Bild mich erinnern.

O Du Liebe, Du Liebe!
Wie's im Herzen so trübe!
Tag und Nacht in dem Innern
Will Dein Bild mich erinnern!

Herzlein, willst Du verbluten,
Dass Du ferne der Guten!
Tag und Nacht in dem Innern
Will Dein Bild mich erinnern.

Komme, komme, o Liebe!
Eile zu mir herüber!
Tag und Nacht in dem Innern
Will Dein Bild mich erinnern!

Mag mein Rufen mir nützen?
Himmel woll' ihn beschützen!
Tag und Nacht in dem Innern
Will Dein Bild mich erinnern!

Komme, komme bei Zeiten,
Schon die Arme sich breiten.
Tag und Nacht in dem Innern
Will Dein Bild mich erinnern!

Will den Hals Dir umfangen,
Küssen Mund Dir und Wangen.
Tag und Nacht in dem Innern
Will Dein Bild mich erinnern.

aus: Balalaika. Eine Sammlung slawischer Lieder
von Wilhelm von Waldbrühl
[Ps. von Anton Wilhelm Florentin von Zuccalmaglio 1803-1869]
Leipzig Verlag von C. L. Hirschfeld 1848 (S. 299-301)
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Wo, wo, meine Liebe, jetzt weilest du?
Tönt dir mein Flehen, mein Rufen nicht zu?
Es könnte die starren Gefilde selbst rühren;
Wie mein Aug' und mein Herz nach dir suchen und spüren!
Doch ich suche vergebens schon lange Zeit,
Und ich finde dich nicht, du bist weit, bist weit!
Und ich welk' und vergehe vor Herzeleid!
Bist unter Kaufleuten auf blauem Meer,
Und fährst und spähest nach Schätzen umher?
Oder bist du bei schmucken Damen zu Gast,
Und durchjubelst die Nächte im Prachtpalast?
Oder entscheidest in lichten Himmelshöh'n
Das Schicksal der armen Sterblichen?
Oder spielst bei lauschendem Mondenschein
Mit den Locken blühender Mägdelein?
Oder blühest du nicht als Mohnblume wild
Am Meeresufer im Thalgefild?
Oder singst des Kuckuks Prophetenlied?
Unter maienfrischer Hollunderblüth?
O höre mich! komm meine Liebe, mein Glück,
Setz dich zu mir her!
Nur einen einz'gen Augenblick,
Und ich klage nicht mehr! ...

aus: Die poetische Ukraine
Eine Sammlung kleinrussischer Volkslieder
Ins Deutsche übertragen von
Friedrich Bodenstedt [1819-1892]
Stuttgart und Tübingen J. G. Cotta'scher Verlag 1845 (S. 35-36)
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Vor Weh' mir Herz und Kopf vergeh'n,
Die Thrän' ins Auge bricht;
Hab meinen Liebsten nicht geseh'n,
Nicht gestern, heute nicht!

Scheint mir, daß ich nicht traurig bin,
Mein Herz nicht kummerschwer;
Doch geh' ich aus dem Hause hin,
So schwank' ich hin und her. -

Scheint mir, daß keine Thräne fließt,
Und weine doch so sehr!
Viel fremder Leute Schwarm mich grüßt:
Von Ihm kommt Niemand her!

Mein Liebster, mein Herzlieb verblich,
Schwand meine Sonne hin -
Und Nichts kann mich jetzt freu'n, wenn ich
Allein am Fenster bin!

Mein Liebster, meine Sonne blich,
Des schwarzen Auges Pracht -
Mit wem jetzt plaudre, kose ich
In stiller, dunkler Nacht?

O immergrüner, schlanker Strauch,
Senk' dich herab zu mir!
Herzliebster mit dem schwarzen Aug',
Komm', setz' dich her zu mir!

O immergrüner, schlanker Strauch,
Senk' tiefer dich zu mir!
Herzliebster mit dem schwarzen Aug',
Komm', setz' dich näher mir!

Er hört nicht meiner Stimme Ton,
Mein Lieb ist nicht mehr hier!
Verhüllt jetzt Gras und Raute schon
Die Spur des Fußes mir.

Das Gras, das hohe, werf' ich fort,
Die Rauten reiß' ich aus:
Vielleicht daß dann mein Liebster dort
Zurücke kehrt nach Haus.

Nein, nicht zu suchen geh' ich mehr
Den der mich so betrübt!
Nein, nicht den Einen lieb' ich mehr,
Den ich so sehr geliebt!

Ich streife nicht im Morgenlicht
Beim Schlosse mehr umher;
Ich treffe meinen Liebsten nicht,
Mein Liebster ist nicht mehr!

Ich wandle nicht mehr waldeswärts
Zum Nüssesuchen d'rin -
Der Jugend heit'rer Tand und Scherz
Sind längst für mich dahin!

'S ist traurig mich so jung zu seh'n
Wie Reiz und Herz verdorrt ...
Nichts bleibt mir als zum Strom zu geh'n
Hinabzuspringen dort! -

aus: Die poetische Ukraine
Eine Sammlung kleinrussischer Volkslieder
Ins Deutsche übertragen von
Friedrich Bodenstedt [1819-1892]
Stuttgart und Tübingen J. G. Cotta'scher Verlag 1845 (S. 39-41)
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Mein Mädchen, viel schöne, viel stolze Maid!
Warum kamst du nicht gestern zur Abendzeit?
"O wie kann ich, mein Lieber, zu dir gehen,
Wenn mich rings die bösen Menschen umspähen?"
Laß sie schwatzen mein Kind, sich tadelnd geberden;
Es wird kommen die Zeit wo sie ruhig werden.
"Doch bis die Zeit kommt, meine Ehre sie nehmen,
Und muß ich dann lebelang weinen, mich grämen!"
O mein Mädchen, was schaust du so traurig d'rein,
Wie der dunkle Hollunder am Ufer allein!
Solltest fröhlich seyn, solltest lächeln und kosen,
Wie zur Zeit der Blumen die duftenden Rosen!
O lieb' Mädchen, werf' ich mein Aug' auf dich hin,
Wie schön du mir scheinst, wie ich stolz auf dich bin!
Dem Fischlein, das ohne Wasser darbt, gleich,
Bin ich ohne dich schmachtend und kummerbleich!
"Und auch ich liebe dich, mein Kosack, meine Freude!
Strafe Gott die bösen Menschen, die uns trennen, uns Beide!"

aus: Die poetische Ukraine
Eine Sammlung kleinrussischer Volkslieder
Ins Deutsche übertragen von
Friedrich Bodenstedt [1819-1892]
Stuttgart und Tübingen J. G. Cotta'scher Verlag 1845 (S. 55)
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Dunkel ist die Nacht, ich fliege
Durch die Nebel, die rings zieh'n -
O mein armer Kopf, wo leg' ich
Dich heut Nacht zur Ruhe hin?
Ist's im Feld, auf nackter Steppe -
Ist's im grünen Wiesenrain? -
Oder wird's am weichen Busen
Meines jungen Mädchens seyn?
Das mich toll gemacht, bezaubert
Durch die schwarzen Aeugelein! -

aus: Die poetische Ukraine
Eine Sammlung kleinrussischer Volkslieder
Ins Deutsche übertragen von
Friedrich Bodenstedt [1819-1892]
Stuttgart und Tübingen J. G. Cotta'scher Verlag 1845 (S. 56)
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O ihr Augen, schwarze Augen,
Weh' mir, daß ich euch gesehen!
Die Nachbarn wie wilde Feinde
Uns umringen, uns umspähen -

Machen durch ihr bös Gerede
Mich erzürnen, dich erröthen -
Doch nicht lange werd' ich's tragen,
Und der Kummer wird mich tödten.

Aber du, o junge Freundin,
Sollst noch leben, Freude haben -
Doch vergiß mein einsam Grab nicht,
An der Donau Bord gegraben!

Wirst zu meinem Grabe kommen,
Du mein Mädchen, meine Liebe!
Wirst zu meinem Grabe kommen,
O, wie ist mein Herz so trübe!

Aber daß mein Grab von deiner
Hand nicht mit beworfen werde;
Weißt ja selber, wie es graus ist
Schlafen in der kalten Erde.

Darfst auch nicht nach meinem Tode
Zu viel weinen, zu viel klagen;
Denn sonst werden unsre Feinde
Nachher spottend von uns sagen:

"Liebten sich mit treuer Liebe,
Doch kein Ehebund sie einte -
Und es wurde ihre Liebe
Zum Gespötte ihrer Feinde."


aus: Die poetische Ukraine
Eine Sammlung kleinrussischer Volkslieder
Ins Deutsche übertragen von
Friedrich Bodenstedt [1819-1892]
Stuttgart und Tübingen J. G. Cotta'scher Verlag 1845 (S. 66-67)
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Schon fällt auf die Steppe das nächtliche Graus,
Und noch bleibt mir ein langer Weg bis nach Haus.
An dies einsame Bäumchen bind' ich mein Thier,
Ich aber werde schlafen auf dem Grabe hier ...
Doch woher kommt das junge Mägdlein dort?
Sie rührt die Schulter des Kosacken und sagt ihm dies Wort:
"Steh' auf, mein Kosack! Genug ist's der Ruh',
Auf dein Roß steig', eile dem Lager zu;
In der Stille der Nacht die Tartaren nah'n
Dich und dein müdes Rößlein zu fah'n.
Mit dem Rößlein, dem müden, hat's keine Noth:
Der Kosack kauft ein neues, ist das alte todt -
Doch wenn dir ein Tartar den Kopf abhieb',
Was würde aus mir, deinem jungen Lieb?"

aus: Die poetische Ukraine
Eine Sammlung kleinrussischer Volkslieder
Ins Deutsche übertragen von
Friedrich Bodenstedt [1819-1892]
Stuttgart und Tübingen J. G. Cotta'scher Verlag 1845 (S. 68)
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