Johanna Wolff (1858-1943) - Liebesgedichte

Johanna Wolff



Johanna Wolff
(1858-1943)


Inhaltsverzeichnis der Gedichte:

 





Da sang eine graue Nachtigall

Da sang eine graue Nachtigall
von Sonne und blauendem Flieder,
sang mit so süßem schwerem Laut
als wie ein Bräutigam der Braut
allerschönste Lieder.

Grabt unter blühendem Busch ein Grab,
ich misse ihr zärtliches Singen;
wenn sie nicht singt, dann ist sie tot,
sollt eine Krone rosenrot
der kleinen Nachtigall bringen.

Aus: Du schönes Leben Dichtungen von Johanna Wolff - Hamburg
Berlin 1907 Verlegt bei Schuster & Loeffler
(S. 31)
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Durch blaue Weltenräume
ging meiner Seele Einsamsein,
spann ihre stillen Träume
in eilende Wolken hinein.
Da schien im Wandern mir ein Strahl,
so voll Sonne,
ich neigte mich zitternd vor Wonne
wie die Blüte im Tal.

Nun geht ein großes Weinen
durch meiner Seele Einsamsein;
ich hatte nur den Einen,
der wollte mir eigen sein.
Wie ist ein Haus auf Erden weit,
so voll Leere,
daß in die dunkelnde Schwere
verrinnt meine Seligkeit!

Aus: Du schönes Leben Dichtungen von Johanna Wolff - Hamburg
Berlin 1907 Verlegt bei Schuster & Loeffler
(S. 32)
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Dir sang ich meine Lieder!
Du und ich, du und ich
wandern zusammen diesen Weg
weltenlang nicht wieder.

Mein Herz hatt sich gegeben
in deine Hand, in deine Hand,
das war wohl wert ein Leben.

Nun steht mein Licht ganz tief gebrannt
und zittert hin und wieder
im kalten Wind - den deine Hand
zum Sturm entfacht.
Ich gab dir Lieb und Lieder,
was hast du aus mir gemacht!

Aus: Du schönes Leben Dichtungen von Johanna Wolff - Hamburg
Berlin 1907 Verlegt bei Schuster & Loeffler
(S. 33)
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Wähnte, ich wäre so reich, aus meiner Herrlichkeit Gründen,
der Offenbarung mehr
als sieben Himmel zu künden.

Wähnte, ich wäre so klug, dir in verworrenen Tagen
der weisen Lösungen mehr
als andre Leute zu sagen-

Wähnte, ich wäre so fromm, der Wunder größtes zu schaffen,
deiner Seele selige Ruh -:
Abgründe klaffen
und ich seh hilflos zu!

Aus: Du schönes Leben Dichtungen von Johanna Wolff - Hamburg
Berlin 1907 Verlegt bei Schuster & Loeffler
(S. 34)
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Ich träumte: Er müsse zu Füßen mir sinken
und küssen mir Haar und Gewand,
und müsse mit Jauchzen und Singen trinken
Glanztropfen aus meiner Hand.

Er kam: Und ich hab ihn mit Jubel umfangen,
ich küßte ihm Haar und Gewand -
und konnte doch nicht erlangen
seine Seele, die mir entschwand.

Aus: Du schönes Leben Dichtungen von Johanna Wolff - Hamburg
Berlin 1907 Verlegt bei Schuster & Loeffler
(S. 35)
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Gebt Rosen her!
- - - - - - - - - - - - - - -
Rosensüchtig war mein Herz,
Rosen wollte ich umfangen,
empfing von Dornen nur Schmerz.

Blüten raffte ich an mein Gewand,
füllte mit Knospen die sehnende Hand,
Rosen, purpurne Rosen!

Weiß nicht, was gestern geschehn;
mein Kleid, meine Hände sind leer.
Sah meine Rosen bei Anderen stehn

und mußte lächelnd vorüber gehn,
das Herz zum Sterben schwer.
- - - - - - - - - - - - - - -
Gebt Rosen her!

Aus: Du schönes Leben Dichtungen von Johanna Wolff - Hamburg
Berlin 1907 Verlegt bei Schuster & Loeffler
(S. 36)
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Möchte in flutende Schöpfungsgewalten
hinunter mich wühlen
und wie eine Stein
lassen in Splitter zerspalten.

Und bleibe doch ganz
und ganz voll Weh,
daß ich das wunderschöne Leben
vor Tränen nicht mehr seh.

Einen ragenden Gipfel im Morgenlicht
taste ich mühsam hinan.
Die Sonne sieht mein verweintes Gesicht
und der Wind, der Wind
trocknet es dann und wann.

In weite stille Tafeln von Stein
grab ich mein Leid hinein,
viel quälende Stunden.
Bis durch Nacht und Seelenpein,
ein schaffender Gott und der Sonnenschein
und ein Lächeln sich zu mir gefunden.


Aus: Du schönes Leben Dichtungen von Johanna Wolff - Hamburg
Berlin 1907 Verlegt bei Schuster & Loeffler
(S. 37)
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Zu schwer hat in der Nacht mein Herz gerungen,
das gab so dumpfen Klang,
als ob in einem wundervollen Dome
eine Glocke zersprang.

Mein Liebster schweift doch wieder fern im Weiten,
tot ist mir Sinn und Sein,
da will ich steigen in die Ewigkeiten,
Geist mit Geistern sein.

Du Sonnenschein, ihr meine goldnen Lieder,
husch, husch, so gings vorbei;
das Auge blind, die Seele tönt nicht wieder -
einsam und vogelfrei.


Aus: Du schönes Leben Dichtungen von Johanna Wolff - Hamburg
Berlin 1907 Verlegt bei Schuster & Loeffler
(S. 38)
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Mein Brüderchen hab ich erschlagen,
das war wohl schlimmer Dank.
Nun höre ichs wimmern und klagen,
wie Totengesang.

Meine Laute höre ich beben
mit irrem Kling und Klang,
geisternde Lieder umschweben
mich jahrelang.

Die Laute, die mußte sterben,
sie wußt von uns beiden zu viel.
Mag ich nun selber verderben -
kein Weg - kein Ziel!


Aus: Du schönes Leben Dichtungen von Johanna Wolff - Hamburg
Berlin 1907 Verlegt bei Schuster & Loeffler
(S. 39)
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Ich dachte zu wissen,
was Schmerz ist;
ich wußte es nicht!
Erst jetzt steig ich in deine Tiefen,
Menschenleid,
und fühle deinen Jammer,
Kreatur,
mit eigner Seele.

Ich wälze schlummerlos
des Nachts mein Haupt
und trag des Tages
lautlos
meine Bürde;
den Mund versiegelt übergroße Qual.

Aufklafft der Boden
mir unterm Fuß,
des Himmels Schönheit stürzt in sich zusammen,
in Rausch und Flammen
steht alles,
was ich anbete -
und sterben lassen muß.

Aus: Du schönes Leben Dichtungen von Johanna Wolff - Hamburg
Berlin 1907 Verlegt bei Schuster & Loeffler
(S. 40)
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Unstät und flüchtig fall ich dir zu Füßen,
glänzende Göttin sei mir mild!
Dein benedeites Bild
will die gelöste Seele lautlos grüßen.

Verstummt und wissend schau ich auf das Leben,
das Liebste ging mir weltenfern;
so mag auf fremdem Stern
ein Geist sich über alle Dinge heben.

Zum Dienst bereit seh ich den Strahlen-Nachen
an unbekannten Ufern stehn,
in blaue Weiten gehn
wird nun mein Geist - wo andre Sonnen lachen.

Aus: Du schönes Leben Dichtungen von Johanna Wolff - Hamburg
Berlin 1907 Verlegt bei Schuster & Loeffler
(S. 41)
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Und rinnt mein Leid durch perlende Lieder
ganz sacht,
es kommt das Leben und lockt sie wieder
und lacht!

Und dunkeln Tränen den Glanz meiner Lieder
zur Nacht,
wie leuchtende Vögel aufflattern sie wieder
mit Macht!

Und sind mit Singen und Klingen erst wieder
erwacht,
die Tränen geben dem Klang meiner Lieder
die Pracht!

Aus: Du schönes Leben Dichtungen von Johanna Wolff - Hamburg
Berlin 1907 Verlegt bei Schuster & Loeffler
(S. 42)
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Feinsliebchen

Blühende Wiesen in weißem Klee
und rote Rosen im Garten,
am Wege flimmerndes Lindengold.
Feinsliebchen hold,
Feinsliebchen weiß und rosenrot:
Warten,
Warten macht Liebesnot!

Ich weiß vor lauterer Zärtlichkeit
nicht wo ich mich soll hinwenden;
Könnt ich nur fassen dein Schürzelein,
Feinsliebchen mein.
Feinsliebchen weiß und rosenrot:
Warten,
Warten macht Liebesnot!

Doch wenn am Wege die Linde verblüht,
der Klee und die Rosen im Garten,
haben wir beide ein Nestchen gebaut,
Feinsliebchen wird Braut.
Feinsliebchen weiß und rosenrot:
Warten,
Warten macht Liebesnot!

Aus: Du schönes Leben Dichtungen von Johanna Wolff - Hamburg
Berlin 1907 Verlegt bei Schuster & Loeffler
(S. 68)
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Sommernacht

Klee und Nachtviolen duften
süß bedrängend durch das Dunkel.
O wie lieb ich diese Düfte
und wie lieb ich diese Nacht!

Und mein Ruder gleitet leise
durch die Wellen mondumflimmert.
O wie lieb ich diese Wellen
und wie lieb ich diesen Glanz!

Wenn aus dunkelblauen Tiefen
mit den Lüften, mit den Düften
ein Vergessen und Verlieren
mich umdämmert weich und sacht
und mein Nachen lautlos gleitet
durch die Nacht.


Aus: Du schönes Leben Dichtungen von Johanna Wolff - Hamburg
Berlin 1907 Verlegt bei Schuster & Loeffler
(S. 71)
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Das ist die Zeit

Wenn der Wald im Nebel steht,
wenn der Wind mit müdem Streichen
durch verschlafne Föhren weht,
ringsum will der Tag verbleichen:
das ist die Stunde, das ist die Zeit,
wann die Einsamkeit
aufs Wandern geht.

Wenn der Wald im Bluste bebt,
Maienwind mit scheuem Schweigen
um die jungen Knospen webt
und die Säfte drängend steigen:
das ist die Stunde, das ist die Zeit,
wann die Sehnsucht schreit
und Liebe zur Liebe strebt.

Wenn der Wald im Reife blinkt,
Sonnenlicht mit hartem Scheinen
durch kristallne Zweige klingt,
dir im Auge friert das Weinen:
das ist die Stunde, das ist die Zeit,
die das Herzeleid
zur Ruhe bringt.


Aus: Du schönes Leben Dichtungen von Johanna Wolff - Hamburg
Berlin 1907 Verlegt bei Schuster & Loeffler
(S. 78)
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Du bist der Klang

Sing ich ein Lied, du bist der Klang,
auf den gestimmt mein ganzes Leben.
Frag nicht was dein in dem Gesang,
wo alles dein,
mein ganzes Sein, das mühsam rang,
um Wohllaut dir zu geben.

Und bin ich reich, du bist mein Gut,
und bin ich still, bist du mein Frieden.
Du bist der Schrein, darinnen ruht
die Seele mein.
Die Seele mein ist gut und ruht
im Himmel schon hienieden.


Aus: Du schönes Leben Dichtungen von Johanna Wolff - Hamburg
Berlin 1907 Verlegt bei Schuster & Loeffler
(S. 101)
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Wir Beide

Wir haben manche Fahrt gewagt,
Geliebter, du und ich.
Ins Blaue, Weite unverzagt,
wir Beide!
Wenn wir uns stießen
ungesagt im Leide:
wir gingen du und ich
doch im Feierkleide.

Gott schenk noch manchen guten Tag,
Geliebter, dir und mir!
Und daß uns Blitz und Donnerschlag
nicht scheide!
Es geht vorüber Blitz und Schlag:
wir Beide,
was auch kommen mag,
gehn im Feierkleide!

Aus: Du schönes Leben Dichtungen von Johanna Wolff - Hamburg
Berlin 1907 Verlegt bei Schuster & Loeffler
(S. 102)
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Du

Du!
Wenn ich dein gedenke,
schon silbert sich mein braunes Haar,
dann klopft das Herz im Busen mir
hochauf,
als wär ich siebzehn Jahr:
Mein Mann!

Du!
Wenn ich dein gedenke,
dann drängt herauf ein Überschwang
der Liebe, die das Wort verzehrt.
Hab Dank!
Und Dank und Liebe wird Gesang:
Mein Mann!

Aus: Du schönes Leben Dichtungen von Johanna Wolff - Hamburg
Berlin 1907 Verlegt bei Schuster & Loeffler
(S. 103)
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Mein liebster Mensch

Ich bin dir nie ans Herz gesunken
in eines Waldes trauter Nacht,
ich habe nie, vor Wonne trunken,
die Augen zugemacht.

Am Boden hab ich oft gelegen,
mit kranker Seele müd und wund.
Du sahst es, ohne dich zu regen -
einsam ward ich gesund.

Du hältst dich selber eingefangen
in eines Grames Gruft und Nacht
möcht sehnsuchtzitternd hingelangen,
mir wird nicht aufgemacht.

Nur tastend noch um deine Türen,
die Seele wie ein brennend Licht
will ich nur deinen Odem spüren -
mehr will ich nicht!


Aus: Du schönes Leben Dichtungen von Johanna Wolff - Hamburg
Berlin 1907 Verlegt bei Schuster & Loeffler
(S. 104)
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Die Braut

Du führtest mich heim, hinein in dein Haus,
wie man den Freund geleitet
und ihm die Stätte bereitet
am Tische mit blühendem Strauß.
Und Alles lag ganz still und traut,
da war kein fremder, störender Laut
für deine Braut.

Ich wanderte mit dir von Raum zu Raum,
trug in der Hand die Schuhe.
Es folgte mir keine Truhe,
mein Köfferchen sah man kaum.
Die Braut war arm, die Braut war schlicht
an Hab und Gut und Angesicht -
du sahst es nicht.

Du schautest vergrämt - du warst so bleich
und lächeltest trotz der Schmerzen.
Ich löschte schweigend die Kerzen
und bettete dich weich.
Und schwätzte ganz leise dich zur Ruh.
Sacht schlossen sich deine Augen zu -
- Du! -


Aus: Du schönes Leben Dichtungen von Johanna Wolff - Hamburg
Berlin 1907 Verlegt bei Schuster & Loeffler
(S. 105)
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Schmerzen und Lieder

Du fragst warum mein Herz so schwer?
Das sind die Schmerzen und Lieder.
Als wie in einem blauen Meer
die silbernen Fischlein hin und her,
spielen auf und nieder.

Und wenn im hellen Sonnenschein
die Wellen raunen und klagen,
möcht ich so gerne fröhlich sein,
ganz leise dir ins Herz hinein
Schmerzen und Lieder sagen.


Aus: Du schönes Leben Dichtungen von Johanna Wolff - Hamburg
Berlin 1907 Verlegt bei Schuster & Loeffler
(S. 106)
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Sprich

Sprich wie mit deinem Freund mit mir,
weil draußen noch die Sonne scheint;
auf deiner Schwelle sitzt und weint
mein Seele nach dir.

Sprich wie mit deinem Gott mit mir,
ich habe ein blaues Himmelreich,
das fällt zusammen grau und bleich
vor Sehnen nach dir.

Wie mit dir selber sprich mit mir
und sag mir dein geheimstes Wort -
ich gebe den blauen Himmel fort
um einen Laut von dir!


Aus: Du schönes Leben Dichtungen von Johanna Wolff - Hamburg
Berlin 1907 Verlegt bei Schuster & Loeffler
(S. 107)
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Wo weilt der Sommer

Nur einmal möchte ich in deinen Armen
solch eine schöne Sommernacht verträumen,
ich sehne mich!

Zur Zeit der Lindenblüte,
zur Zeit der Rosenblüte
ists wunderschön!

Wenn heimlich aus den kaum erschlossnen Kelchen
der laue Nachtwind duftendes Geständnis
der Wonne trinkt,

dann müßtest du in einem großen Kusse
mir das Geheimnis unsres Daseins künden,
und meine Seele würde dich umfassen
verständnisvoll.

Glühwürmchen würden lautlos um uns funkeln,
wie Lichtgedanken unsrer stillen Seelen
in weitem Raum ...

Wo weilt der Sommer, sage an, Geliebter!
Die jungen Rosen knospen schon im Garten,
es reift das Gold der neuen Lindenblüte,
der Glühwurm blinkt -
- - - - - -
Ich sehne mich!

Aus: Du schönes Leben Dichtungen von Johanna Wolff - Hamburg
Berlin 1907 Verlegt bei Schuster & Loeffler
(S. 109-110)
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Maria - Laach

So leuchtete der Himmel nie!
Hell aus der unermessnen Ferne
hernieder funkelten die Sterne,
als jauchzten sie!

Und du und ich so ganz allein
in nächtig-stillem Waldeskreise,
die Klosterglocken stimmten leise
anbetend ein.

Wir wagten kaum ein Wort zu tauschen,
es schein wie nahes Geisterrauschen
um uns und über uns zu sein;

wir Beide fern hinausgehoben
und alle Grenzen fortgeschoben -
so ward ich dein.


Aus: Du schönes Leben Dichtungen von Johanna Wolff - Hamburg
Berlin 1907 Verlegt bei Schuster & Loeffler
(S. 111)
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Meerweiten

In Meerweiten
kristallenes Wogen,
mit weißen Brüsten
kommts hergezogen.
Und dann ein Stürmen
und Wogentürmen,
grün-zackigt Bäumen
und Überschäumen.
Am Riffe kreischender Möwen-Schrei -
Meerkönigs Rosse, herbei, herbei!

In Schöpfungsschauern,
in Schaffensschmerzen
hält deine Hand mich fest
nah deinem Herzen.
Im Auf und Nieder
werdender Lieder
singt meine Seele
voll Leid und Lachen
sich in die deine,
du Lieber, Liebe-Reichster
und ganz der Meine!

Aus: Du schönes Leben Dichtungen von Johanna Wolff - Hamburg
Berlin 1907 Verlegt bei Schuster & Loeffler
(S. 112)
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Lachende Seligkeit

Ich trug in der Seele großes Weh
und hätte verdrossen geschwiegen,
da brach mich deine Zärtlichkeit,
ich laß mich wieder wie befreit
an deinem Herzen wiegen.

Du meine Heimat, mein Paradies,
das ich voll Rosen pflanze:
Heut stichst du mir die Seele wund
und morgen brichst du einen Bund
von Blüten mir zum Kranze.

O du gesegnete Unrast du,
willst Glück wie Blumen pflücken!
Und wär deine Bosheit abgrundweit,
es soll meine lachende Seligkeit
mit Rosen sie überdrücken!

Aus: Du schönes Leben Dichtungen von Johanna Wolff - Hamburg
Berlin 1907 Verlegt bei Schuster & Loeffler
(S. 113)
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In fernen Lüften

Die Liebe will noch immer Ketten schlingen -
das ist vorbei!
Ein Neues kommt und wird das Alte zwingen,
ich hör es schon in fernen Lüften singen:
Wer liebt, macht frei!

Und legtest du den Freund in seidne Schlingen,
die Seide drückt!
Willst du mit Rosenschnüren ihn umringen,
auch Rosen können Wundenmale bringen,
nur Eins entzückt:

Das wird so einfach dir, so schlicht gelingen,
wenn Ketten-frei,
erlöst von dir, des Freundes Kräfte springen!
Das Alte ist vorbei,
ich hör es schon in fernen Lüften klingen:
Wer liebt - macht frei!


Aus: Du schönes Leben Dichtungen von Johanna Wolff - Hamburg
Berlin 1907 Verlegt bei Schuster & Loeffler
(S. 114)
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Du weißt

Meine Seele, mein Liebling, wie soll ich dich fragen?
Deine quälenden Schmerzen willst du nicht sagen.
Binde in dir all dein Elend los
und wirf es ganz ruhig mir in den Schoß.
Meine Seele, mein Liebling,
du weißt, ich kanns tragen.

Meine Seele, mein Liebling, dein Wundsein zu heben,
Spezereien und Narden wollt ich dir geben.
Doch lockte ich auch in dein einsames Zelt
alle morgenjungen Freuden der Welt,
sie könnten deiner Lasten nicht eine heben,
dein Leben mußt du doch selber leben.
Meine Seele, mein Liebling,
wie wenig kann Eins dem Andern geben!


Aus: Du schönes Leben Dichtungen von Johanna Wolff - Hamburg
Berlin 1907 Verlegt bei Schuster & Loeffler
(S. 115)
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Und dennoch

Und dennoch bin ich dir die Schwesterseele,
die dich ergänzt,
die jeden Wert, der dir im Innern ruht,
ausglänzt,
und dir die bleiche Stirn
mit Blut-Rubinen kränzt.

und dennoch bin ich deiner Seele Freund
und bin das Weib, das wissend du erkoren,
und bin der Sohn, den ich dir nie geboren,
der dein bedürftig, strauchelnd zu dir strebt
und hilflos kleine Kinderhände hebt.

Und dennoch bin ich Kraft aus deinen Kräften
gelöst ein Stück!
Aus allem was dein Sommer zugereift,
ein Glanz, ein Glück.
Das Leben band uns ein
und nimmt uns nicht zurück.


Aus: Du schönes Leben Dichtungen von Johanna Wolff - Hamburg
Berlin 1907 Verlegt bei Schuster & Loeffler
(S. 116)
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Verlassenheit

Die Stille hör ich wandern auf den Steigen
des kleinen Gartens, der uns jahrlang teuer -
uns beiden.
Der Sommer kam, du bist fernhin gegangen,
vergebens tastet meine Hand nach deiner,
und zitternd ruf ich, du vernimmst mich nicht,
Verlassenheit geht um wie ein Gespenst.

Und einsam stehn die knospenreichen Lauben,
die wir in stiller Heiterkeit der Seele
gezogen wir beide.
Wo du gesessen, such ich hingebückt
den Boden ab nach deiner Tritte Spur -
heut brachst du keine Rose dir vom Strauch.

Im Sonneneckchen, an dem kleinen Tische,
zwei Vöglein picken emsig noch die Krümchen,
die wir verstreut in letzter Morgenfrühe -
wir beide;
sie schnäbeln sich, sie äugen klug umher
und zwitschern bang und ziehn befremdet fort.

Weitoffnen Kelches schwanken an der Mauer
die Sonnenblumen, die du, Liebster, liebtest;
und ihre Dunkelkelche sehn mich an
wie Augen, die sich wissend nach uns wenden -
uns beiden.
Von goldnen Blütenrändern flirren sacht
verliebte Schmetterlinge in das Licht.

Und Licht und Leuchten zwängt sich durchs Geäste
des alten Flieders, der die Pforten schattet.
Uns benedeit die Sonne heute nicht -
uns beide.
Am Boden spielend tanzt wie sonst ihr Strahl,
wie sonst, ach alles! Nur das Herz voll Qual.

Ich wollt es käme jemand durch die Stille
und faßte meine Hand und spräche herzlich;
es gibt so wenig Herzlichkeit im Leben,
wenn wir unherzlich miteinander -
wir beide.
Es geht ein kalter, kalter Wind.

Ich möcht in Händen eine Sonne halten
wie eine Blume, so ein goldnes Auge
mir ins vergrämte Angesicht zu glänzen.
Wie haben Freuden sich gelöst von Freuden
uns beiden.
Auf trauter Stätte schauert mir das Herz
und Tränen tropfen heimlich in den Wind.

Aus: Von Mensch zu Mensch Gedichte von Johanna Wolff
Literarische Anstalt Rütten & Loening
Frankfurt am Main 1917
(S. 15-16)
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Meinem Mann

Wir halten uns fest an der Hand, an der Hand
auf schwankem, zitterndem Steg;
es heult der Sturm, und der Regen fällt,
nur der rote züngelnde Blitz erhellt
deinen und meinen Weg.

Wir wollen Schulter an Schulter bestehn
des Lebens dräuende Not.
Wir stehn für einander mit Seele und Leib,
Eins Diesseits und Jenseits - ein Mann und ein Weib
treueinig bis in den Tod.

Aus: Von Mensch zu Mensch Gedichte von Johanna Wolff
Literarische Anstalt Rütten & Loening
Frankfurt am Main 1917
(S. 41)
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Bei dir

Ich wandre heim durch die stille Nacht,
in meinem Fenster wacht ein Licht
und hell
wird mir das liebste Angesicht,
zwei Hände recken sich mir zu
und deine dunkle Stimme spricht:
Wo bliebst du so lange -
du?

Ins Fenster drängt sich der Lindenduft,
die Erde atmet und weich geht die Luft,
und hier
auf schmalem begrenztem Raum,
träum ich beglückten Daseinstraum,
bei dir.

Aus: Von Mensch zu Mensch Gedichte von Johanna Wolff
Literarische Anstalt Rütten & Loening
Frankfurt am Main 1917
(S. 42)
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Mein liebster Mensch

Zerbrich mir nicht ...
Ich jauchze, daß du lebst
und bist.
Und wie du bist geworden,
hast du ein Recht zu sein,
ob ich dich halte, ob ich dich verlier,
nicht anders habe ich ein Recht an dir.
Wie dich das Leben formte, bist du not dem Leben,
notwendig mir.
Wärst du ein andrer, wärst du nicht mehr mein,
da liegt uns beiden Trost und großes Stillesein -
mein liebster Mensch.

Seit Jahren wandern wir den Weg zu zwein,
und viele Wasser liefen von den Bergen,
und mancher Schatten dunkelte den Pfad;
mit Schwerem hat das Leben nie gespart ...
Ist es nicht wundervoll, mein liebster Mensch,
wie du und ich - aus sprödem Holz geschnitten,
so biegsam wurden und in Güte zart?
Die vielen Wasser trugen uns zusammen,
in Glut und Flammen
ward unsre Liebe hart.

Und groß und wundervoll däucht mir an jedem Tag,
wie du durch alles uns die Wege fandest;
du schaffst für uns und andre täglich Brot,
nie nahte Mangel, ängstete die Not.
Ich kann am Schönen mich erfreun,
ich kann vom kleinen Überfluß der Dinge
in fremde Furchen unsre Körnchen streun.
Das sind des Daseins goldne Wirklichkeiten,
und alle Schatten wandeln sich in Licht - -
Zerbrich mir nicht.

Aus: Von Mensch zu Mensch Gedichte von Johanna Wolff
Literarische Anstalt Rütten & Loening
Frankfurt am Main 1917
(S. 43-44)
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Lied einer Verlassenen

Dein Herz ging seinen eignen Weg,
ich blieb zurück,
und all mein Glück
brach mir zu Füßen Stück für Stück.
Allein
die ganze Seele mein
bedrängt von bitter-süßer Pein
blieb dein - blieb dennoch dein!

Vor meinem Fenster weint der Wind,
das Käuzchen klagt.
Mein Herzleid nagt
verschwiegen bis der Morgen tagt.
Allein
die ganze Seele mein,
bei Sonnenlicht und Sternenschein
blieb dein - blieb dennoch dein!

Komm liebstes Herz zurück zu mir,
daß graue Not
wird rosenrot.
Sonst sei willkommen, lieber Tod!
Allein
die ganze Seele mein,
und würd' sie auch im Himmel sein,
bleibt dein - bleibt dennoch dein!

Aus: Von Mensch zu Mensch Gedichte von Johanna Wolff
Literarische Anstalt Rütten & Loening
Frankfurt am Main 1917
(S. 45)
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Stilles Kämpfen

Mir ist, als ob du längst gestorben seist
und nur das Kleid blieb mir zurück auf Erden,
das liebe Kleid - -!

Die Seele aber, die darinnen wohnte,
ist ausgezogen - fort. Wohin?
Ich weiß es nicht.
Ob sie ihr Spiel treibt hinter grünen Hecken,
ob sie ganz heimlich in den Himmel fuhr
die Pforte fand zu einer andern Hütte,
die sich für sie geschmückt?
Ich weiß es nicht.

Und doch ist mir bewußt, daß deine Seele
von meiner ging um einer andern willen -
die - dich - zwang!
Nicht ihre Fülle bannte dich und nicht ihr Reichsein,
die ungeheure Leere tat's dir an.
Du wähntest eine Stätte dort zu finden,
weitaufgetan von Sehnsucht jeder Art.
Erfüllte ich zu großen Raum?
Hat meine Art die Sonne dir gedunkelt,
die Heimstatt dir beengt?
Wolltest du - - wachsen?

Du - - ich will klein sein,
will anders dein sein
finde dich zu dir selber zurück - -
Es gibt Seelen totgeboren,
Seelen gibt es, die verloren,
die von andrer Blut sich nähren,
die von fremdem Frieden zehren.
Wirf keinen Laut in ihre tote Ruh,
wirf ihnen nicht die Lebens-Rosen zu.
- - Du - ich will klein sein.
will anders dein sein,
aber unser beider Glück
und wenns der Herrgott selber wär,
geb ich aus Händen nur
Stück für Stück.

Aus: Von Mensch zu Mensch Gedichte von Johanna Wolff
Literarische Anstalt Rütten & Loening
Frankfurt am Main 1917
(S. 46-47)
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Merkst du's nicht?

Lautlos wie die Wolken eilen,
leise wie das Mondenlicht
schleicht sich in das Herz die Liebe,
und du merkst es nicht!

Wie der Sonnenglanz vom Himmel
in der Blumen Angesicht,
spiegelt sich im Aug' die Liebe,
und du merkst es nicht!

Wie sich dort die grüne Ranke
zärtlich um die Mauer flicht,
spinnt dich ein die süße Liebe,
und du merkst es nicht!

Heimlich ist der Lenz gekommen,
jede Knospe schwillt und bricht
und ein ganzer Liebesfrühling
leuchtet, lacht dir ins Gesicht - -
Und du merkst es nicht!

Aus: Von Mensch zu Mensch Gedichte von Johanna Wolff
Literarische Anstalt Rütten & Loening
Frankfurt am Main 1917
(S. 48)
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War zu alt

War zu alt mit dir zu gehn,
war zu reif für deinen Morgen
und zu reich um eignen Wert zu sorgen -
und so ist's geschehn.

Ganz voll Zuversicht war meine Seele,
daß sich so mein Glück wegstehle,
hätt' mich's nie versehn!

War doch sonst so klug und klar -
wollte seltne Schätze schenken,
und nun muß mein Herz sich kränken,
daß es gläubig war.

Aus: Von Mensch zu Mensch Gedichte von Johanna Wolff
Literarische Anstalt Rütten & Loening
Frankfurt am Main 1917
(S. 49)
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Letzter Wunsch

Nein -
wenn meine Augen einmal brechen,
du sollst mir nicht zur Seiten stehn,
vom Leid, das mir geschehn,
könnten sie zu dir sprechen.

Nein -
mein letztes Blicken soll nicht fragen,
mein Heimlichstes sollst du nicht sehn -
ich will zum Sterben gehn,
ohne anzuklagen.

Aus: Von Mensch zu Mensch Gedichte von Johanna Wolff
Literarische Anstalt Rütten & Loening
Frankfurt am Main 1917
(S. 50)
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Dein Weg

Und bin ich zu klein, deinen Weg zu verstehn,
Liebster von allen:
Ein Mensch, will ich den Menschen sehn
mit Wohlgefallen.

Und hab' ich geweint, nun warte ich still
lauschend dem Leben,
dem schaffenden Sein, das kommen will,
mich aufzuheben.

Und ist auch alles nur blauender Dunst,
flüchtig zerronnen,
die Liebe in mir und die heilige Kunst
leuchten wie Sonnen.


Aus: Von Mensch zu Mensch Gedichte von Johanna Wolff
Literarische Anstalt Rütten & Loening
Frankfurt am Main 1917
(S. 51)
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Unsere Gemeinsamkeit

Wir gingen einen weiten Weg zusammen,
du und ich;
nun längen die Schatten sich,
es bleicht das Haar,
und Jahr für Jahr
wird's einsamer um uns,
und was voll Unruh
in uns war,
wird seelenstill und klar.

Wir haben uns nicht immer verstanden,
du und ich;
aber wie wir uns jetzt verstehen,
dieses Sichnachdenaugensehen,
dieses lächelnde Überbrücken
und nah - ganz nah - Zueinanderrücken
ist mehr denn junger Tage Entzücken.
Mir däucht, in dieser verworrenen Zeit:
Göttliche Menschengemeinsamkeit!

Aus: Von Mensch zu Mensch Gedichte von Johanna Wolff
Literarische Anstalt Rütten & Loening
Frankfurt am Main 1917
(S. 52)
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Ich frage dich nicht

Wo trägst du die roten Rosen hin
und wendest von mir dein Gesicht?
Die Rosen duften so süß und so schwer,
meine Kammer öffnet sich tot und leer,
und doch ... ich frage dich nicht.

Wo trägst du dein trautes Lieben hin,
was umschattet mir dein Gesicht?
Dein Lieben, Liebster, war wundergut,
tat mir wie die Sonne den Blümelein tut,
und doch ... ich frage dich nicht.

Wo trägst du die sanften Freuden hin,
was wandelte mir dein Gesicht?
Ein bischen Freude täte mir not,
ach Gott, wie's liebe Stückchen Brot ...
und doch ... ich frage Dich nicht.


Aus: Von Mensch zu Mensch Gedichte von Johanna Wolff
Literarische Anstalt Rütten & Loening
Frankfurt am Main 1917
(S. 53)
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Lied dem Liebsten

Meine Hände will ich breiten,
meine Seele breit' ich aus,
mögen deine Füße schreiten
drüber hin und weit hinaus.
Einem muß ich ganz mich geben,
Einem soll mein Sein und Leben
blühen wie ein duft'ger Strauß.

Starke Kraft kann sich nicht kränken,
wenn sich Zartheit ihr gesellt;
man muß reich sein, um zu schenken,
ganz sein, wo soviel zerschellt.
Höchster mir von allen Werten,
liebster von den Weggefährten,
teurer als die ganze Welt!

Kinder sind wir, weltverloren,
du und ich, geliebter Mann,
lauchend an den dunklen Toren,
die noch keinem aufgetan.
Kurz und flüchtig ist das Leben,
jeder hat sich selbst zu geben -
gebe jeder, was er kann.


Aus: Von Mensch zu Mensch Gedichte von Johanna Wolff
Literarische Anstalt Rütten & Loening
Frankfurt am Main 1917
(S. 58)
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Wie es war

Du und ich, wir beide wissen,
was man einmal hat umfangen,
wird man immerdar vermissen
und mit Tränen auf den Wangen
immer träumen, wie es war -
über hundert Jahr.

Du und ich, wir beide wissen,
was uns band, kann nicht verblassen,
goldne Fäden, die zerrissen,
können nicht vom Leuchten lassen,
leuchten über hundert Jahr -
wie es war.

Aus: Von Mensch zu Mensch Gedichte von Johanna Wolff
Literarische Anstalt Rütten & Loening
Frankfurt am Main 1917
(S. 59)
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Biographie:

http://de.wikipedia.org/wiki/Johanna_Wolff

https://sites.google.com/site/hannekenjohannawolff/

https://www.google.de/#q=johanna+wolff+hanneken





 

 


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