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Sidonie Grünwald-Zerkowitz
(1852-1907)
... Ist das Hemd mir
zerrissen -
Mitten, mitten im Küssen
Ist das Hemd mir zerrissen,
Ob auch der Gurt nicht hat wollen
Mir von den Lenden rollen ...
Das Hemd mit dem großen Risse,
Der einließ mir Deine Küsse,
- Zeuge von meinem Schenken -
Bewahr' ich als Angedenken;
Bewahr' es zum Angedenken
An das heilige erste - Michschenken ...
An die reiche, die selige Stunde
An Deinem Herzen und Munde.
Nicht soll es am Leib mir mehr hangen,
Wird er von Dir nicht umfangen!
Das Hemd mit dem Riß ich verwahre -
Man lege mir's an auf der Bahre!
Daß, sollt' ein Grab mich umgeben,
Wo Du nicht ruhst daneben,
Mich umweh', wo das Hemd zerrissen,
Die Spur von Deinen - Küssen!
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Ich hätt' eine Bitt' ...
Ich hätt' an Dich eine Bitt' ... eine Bitt',
Einen Wunsch, der noch übrig mir bliebe:
O bring' mir mit, bring' Küsse mir mit,
Wie sie küßt die treue Liebe!
Und gieb sie mir dort, wo der Mond nur sie schaut,
Dort an des Waldes Saume,
Wo unsre Liebe sich ihm hat vertraut
Einst unterm Kastanienbaume! ...
Und noch eine Bitte, noch eine Bitt'
Hätt' ich neben der Einen:
Bring' Deine Küsse alle mir mit!
In der Fremde - laß ihrer keinen!
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Den Kuß auf morgen nicht
verschieb'
Den Kuß auf morgen nicht verschieb'!
Küß mir ihn auf der Stelle!
Gepflückt vom Strauch, gepflückt von Lieb'
Muß werden schnelle, schnelle!
Denn weg vom Strauch die Blum' verweht;
Drum pflücke sie im Blühen,
Und nach dem Kuß die Lust vergeht -
Drum küß mich rasch im Glühen!
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Schmetterlings Küssen
Es sagte dort die Blum' im Grunde,
Die erst der Schmetterling hat heiß geküßt,
Er küßte sie, weil - süß das Küssen,
Und daß sein Küssen niemals Liebe ist.
Sagt', daß er, taumelnd noch vom Rausche,
Froh flattert zu der zweiten Blume hin,
So lange Küsse - Blumen - tauschend,
Als ihn sein Flügel trägt und Blumen blühn.
- Sprich, ist es so, wie's sagt die Blume?
War dein Kuß: Schmetterlinges Kuß, ohn' - Lieb?
... Die Blume küßt noch manchen Zweiten ...;
Doch mir - die Seele an Dir hangen blieb!
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Zum Lieben sind wir nie
zu alt
Zum Lieben sind wir nie zu alt!
Wohl dem, der drob nicht streitet.
Und, so lang er durchs Dasein wallt,
Von Liebe ist geleitet!
Ob jünger, älter um manch Jahr!
Wird Lieb' um das sich kümmern?!
Was thut's, ob hier und dort ein Haar
Am Scheitel grau mag schimmern?!
Frägt Liebeslust, frägt Liebesleid,
Ob Kümmernisse haben
In's Antlitz mit dem Pflug der Zeit
Manch Furche schon gegraben?!
Ohn' Liebe leben wäre arg!
Drum altert nicht die Liebe!
Und so lang Kraft noch webt im Mark,
Besel'gen ihre Triebe!
Es liebt der Mensch, so lang er leibt
Und gleicht darin der Linde,
Die immer junge Triebe treibt
Trotz - tausendjähr'ger Rinde!
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Liebesgedichte
von Sidonie Grünwald-Zerkowitz
Gedichte aus: Sidonie Grünwald-Zerkovitz: »Das Gretchen von heute«. Wien
1890
Biographie:
GRÜNWALD-ZERKOWITZ Sidonie, städtische Lehrerin, I. Tuchlauben 7, geb.
Tobitschau, studirte deutsche, französische, englische, italienische,
ungarische, czechische Sprache und Literatur etc., kam als junges
Mädchen nach Budapest, wo sie rasch die ungarische Sprache erlernte und
in derselben Gedichte etc. sowie das Lehrbuch der ungarischen
Literaturgeschichte für ungarische Lehrerinnenseminare: "A magyar
irodalom története" schrieb. Nach längerem Aufenthalte in Athen, wo sie
als Gattin des Enkels des griechischen Nationalhelden Theodor
Kolokotroni lebte, kehrte sie nach Wien zurück, verfasste die Romane:
"Die Lieder der Mormonin", "Das Gretchen von heute" (verboten) "Achmed's
Ehe" und andere Bücher unter Pseudonym ferner das Psychodrama
"Poetischer Flirt", "Die Schattenseiten des Frauenstudiums" etc.; war
auch Herausgeberin der individualisirten deutschen Uebersetzung der
Pariser "La Mode" in Wien, ist staatlich geprüfte Bürgerschullehrerin,
für mehrere Sprachen diplomiert, wiederholt prämiiert, Mitarbeiterin
verschiedener Blätter und Bühnentoiletten-Kritikerin für "Bühne und
Welt".
Aus:
http://www.onb.ac.at/ariadne/vfb/bio_gruenwald.htm
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