Jacob Balde (1604-1668) - Liebesgedichte

Jacob Balde



Jacob Balde
(1604-1668)


Inhaltsverzeichnis der Gedichte:
 

 

 



Aus: Oden und Epoden
Buch 1


XXXIX.
An die selige Jungfrau
Sein Ergötzen sei, ihr Lob zu singen

Wem einmal nur, o Königin,
Huld dein Zephir gehaucht: nimmer mit anderm Weh'n
Auf der Flut des kastalischen
Quells zu fahren verlangt Jener, wo heilige
Lust er trink' in die Ader, und
Heimgekehret ein Lied spiel', ein begeistertes.
Nimmer, wann aus den Saiten er
Silberklänge mit helltönendem Finger lockt,
Singt er Reize der Lalage,
Und den schneeigen Hals einer Licymnia,
Oder Glycera's schwarzes Haar:
Deine Gaben, o Jungfrau, nur bewundern stets
Wird der goldenen Laute Spiel.
Jezt den Glanz um das Haupt, heller als Sonnenglut,
Und den zagenden Schein des Monds,
Der die Sohlen dir küßt, preiset, des sternigen
Gürtels flammende Rosen er.
Jezt, - nachdem sich der jungfräuliche, reine Schooß
Vom Erlöser der Welt entband, -
Mutter-Namen und Lust, nimmer gewohnte; der
Freude Thränen, der Küsse Glut,
Und das Lächeln des Kindes; dann das erhab'ne Lied,
Und die Wonne der Himmlischen.
Nun des Knaben Gestalt: siehe, der blinkenden
Augen perlendes Sternen-Paar;
Im Gelocke den hold schimmernden Abendglanz;
Wangen, purpurner Aepfel Bild;
Und die indischen Duft träufelnden Fingerchen.
Oder, was dann der spät're Tag
Des im menschlichen Fleisch wandelnden Gottes schuf,
Wird Dein Sänger mit teischer
Laute künden, auf jungfräulicher Insel fern.
Also komm o gewogen Du,
Und entziehe dich nicht, Selige, Deinem Ruhm,
Wenn Du diesen verweigerst mir,
Bei nicht zähle mich dann lyrischen Sängern ich.
(S. 62-63)
_____



Aus: Oden und Epoden
Buch 2

XIV.
An die jungfräuliche Mutter
mit dem Knaben im Schooße

Jungfrau: mehr als gewohnt, ich weiß
Nicht, wie sichtliche Lust glänzet an Dir, sobald
Dich der rosige Knab' umschlang.
Fester klammert der vielarmige Strauch sich nicht
Um der Eiche bejahrten Stamm.
Innig hangest du Ihm, innig er Dir verknüpft.
Wie gespannt er auf Küsse, Dir
Von den Lippen die süß athmenden Weste saugt!
Du mit weichendem Kinne drückst
Deines Holden Gesicht, schlürfend des myrrhenen
Gott's ambrosischen Duft ganz mit entzücktem Mund.
Eine Seele nur ist, Eine nur Sohn und Frau.
Deinem Leben das süße Band
Ist der Knabe, du bist's, Mutter! dem seinigen.
(S. 89)
_____



XX.
An die seligste Jungfrau
Viele Töchter besitzen Reichthum: Du übertriffst sie alle:
Sprichw. 31, 29

Hehre, preisenswerth mit david'schen Klängen!
Blickst Du gern auf And're mit Huld, so winke
Zu dem Sänger nun, der zu Deines Lobes
Reichlicher Saat wallt.

Unvergleichbar hoch du beglückte Mutter!
Weit der Sara Sohn, der Rebeka beide,
Und der Lia alle besiegt der Deinen
Lenden Entsprung'ne.

Warum stell' ich Dir mit dem Sternenblicke
Rachel gleich, die dunkle? Sie neide weinend
Nicht die voll von Gott nach der Gottheit Schlusse
Lächelnde Mutter.

Schöner Du als Esther, die schöne, welche
Dir ein Vorbild heißet: denn nie der Schau'nden,
Mag es stellen dar auch ein gold'ner Spiegel,
Gleichet das Bildniß.

Sulamit, die wahre, die ewig blüh'nde,
Schmilzest Du in zärtliche Glut des Liebsten.
Deine Sehnsucht, kennt sie nicht jeder Hügel
Ueber den Sternen?
(S. 98-99)
_____



XXVI.
An die selige Jungfrau

Schöner als der wachsende Mond, o Jungfrau,
Holde Du, auf deren gewohntem Antlitz
Gern die Sterne ruh'n, und zu flieh'n sich sträuben,
Müde des Umschwungs:

Ehe Dich Jemand, das Gelübde brechend,
Meide je, geböt' es ein Phalaris auch,
Frommt zu treten ihm auf lebend'ger Flammen
Trügliche Asche.

Frommet in Maleia's, des hohl erdröh'nden,
Offnen Schlund versenkt, zu erschau'n den Abgrund;
Oder dort, von Hunden umbellt, die grause
Scylla zu nähren.

Du vom Sünder nimmst der Vergehen Kette;
Ein du hüllst in klares Gewölk den Reu'gen:
O des Sohnes reißenden Blitz zu hemmen
Sinnige Mutter!
(S. 108)
_____



XXXII.
Lob der Unbefleckten

Welche Jungfrau wähl' ich zum Preisgesang mir?
Jene Jungfrau wähl' ich, die Fleckenlose,
Mir, die frei vom Uebel der sel'gen Schuld em-
pfangen sogar ist.

Auf Isai's Grunde gezeugt, dem edeln,
Hebt sie unter Eschen, doch ohne Knoten,
Hebt sie unter Eichen, doch nicht mit harter
Rinde, als Zweig sich.

Stets bewahrt sie frei sich das Haupt, mit ew'gem
Frühling blüht geschmückt sie, ein holder Garten.
Eine Lilie prangt sie, berührbar Keinem,
Unter den Dornen.

Schlanke Töchter ihr des erhab'nen Sions,
Geht hinaus zu schau'n die gepries'ne Kön'ginn,
Eure Königinn, von dem hellen Tritte
Perlet der Fußsteig.

Viele Edelstein' euch gesammelt habt ihr,
Eifervolle Schaar, und berühmten Festschmuck:
Doch bei Jener findet sich größ'rer Ruhm ver-
borgener Schätze.

Und Die, wich vom Pol der Gestirne Chor, sieh
Glänzt allein, stralt unter den rings vereinten,
Schimmernd allen vor; und erscheint des Himmels
Süßeste Sorge.

Nicht die Rosenlippe, die Stirn, die Wange,
Nicht die Hand entstellt der geringste Tadel.
Ganz von Anmut blinket, und mackelfrei sie,
Ganz sie von Schönheit.

Viele, welchen nie sich gelöst der Gürtel,
Drängen um das Lamm sich als reine Jungfrau'n:
Eine ist erwählt, und des Brautgemachs werth,
Eine das Täubchen.
(S. 117-118)
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Aus: Oden und Epoden
Buch 4

XII.
Marianische Liebe

Traf's mich? oder träum' ich denn bloß, es habe
Ein beschwingter Pfeil mir das Herz getroffen?
Was es immer ist auch, im Flug geregt hat
Etwas die Lüfte.

Wohl die Hand ich kenne der Bogen-lenk'rin,
Fühle wohl das leichte Gewicht des Pfeiles.
Fest im Busen haftet des gold'nen Köchers
Brennende Wunde.

Wo du Ihr, o meiner Diana, folgest,
Neidenswerther Chor der Begleiterinnen,
Künde, wohl verlezt von geliebten Flammen
Glühe die Brust mir.
(S. 245)
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XXVII.
Lob der seligsten Jungfrau Maria

Wo beginnt Dein Sänger das kühne Werk doch,
Hochgepries'ne Frau Du von hundert Zungen!
Preisenswerthe hoch Du mit hundert Zungen!
Alles besingt Dich.

Hier die Berge rings den belaubten Scheitel
Neigen Dir, zum Himmel empor zu tragen;
Dort zu Deinem Lob sich erneut der Quelle
Sanftes Gemurmel.

Hermon's edler Hain, die Gefilde Sibma's
Und Engaddi's, Balhamons Garten,
Karmels hohe Gipfel sich freu'n, den hehren
Gast zu empfangen.

Küssen möchte Dich als behaarte Ceder,
Wie sie ragt auf Libanon's, der Südwest;
Küssen als Platane der Bach mit linder
Welle dich möchte.

Dich als Terebinthe das blonde Thal wünscht,
Die geschloss'ne Flur als Cypresse wünscht Dich:
Allen doch entreißt auf der Burg dich Sion's
Heiliger Felsen.

Dich die grüne Waldung ersehnt auf Phogor;
Dich auf ihrem Blatt die cadan'sche Palme
Schrieb, o hehre Frau, und Amana's krumm auf-
steigender Scheitel.

Einst der Jordan stand, als vorüber gingst Du,
Weithin dort und hier zur kristall'nen Mauer
Schweigend aufgethürmet, und wich der mittern
Lade des Bundes.

Still in Hesbon's Wellen, die unbewegten,
Malt ein holderlesenes Bild der Zephir,
Das zurück die eig'ne Gestalt am Rande
Gab dir, o Nymphe!

Du des Lebens Ader, erquickest Trock'ne
Mit des Heiles Born', und ergießest milden
Quell lebend'gen Lichtes in Gram- und Sorgen-
Kranke Gemüter.

Schatten, süßer, wachsender Du des Uebels,
Nimmst in Schutz den Müden, und stärkst die Kräfte;
Grün im Feldbusch streuest du Glanz der Zukunft-
Kündenden Flamme.

Eine Himmelsleiter du bist, und führest,
Wohlersteiglich, nieder zur Erd' aus lichten
Höh'n verläss'ge Stufen, und prägst im festen
Aether die Schritt' ein.

Jezt am Pol der Wagen, der nimmer müde,
Lenkst Du hell mit nächtlicher Glut die Schiffer.
Jezt den holden Tag, den ersehnten, bringst Du,
Edeles Frühroth!

Jene Taube, von des gefang'nen Noah
Fenster ausgesandt nach den hohen Fluten,
Kehrtest Du zurück mit der abgepflückten
Palme des Friedens.

Ach, obgleich wir traurig geengt in Senirs
Rauhe Felsen wohnen, doch sollst vom Himmel,
Als ersah Dein Blick uns, gegirrt Du haben,
Gleich wie die Turtel:

Der das Flügel-Paar mit erles'ner Anmut
Flaumig Silber malt, mit erles'ner Anmut
Ueberdies der Hals und der Rücken glänzt von
Wechselndem Golde.

Wer am Himmel zählt die gereihten Sterne,
Zählt der Wälder Laub, und des Meeres Tropfen:
Rühm', ein eitler Sprecher, gezählt zu haben
Deine Verdienste.

Frühlings Wonne Du nach dem langen Winter;
Süße Heiterkeit nach der Seele Stürmen;
Zu des Schnitters Lust in des Sommers Gluten
Thauende Wolke:

Die vom Pfeil der Sonne getroffen röthlich
Schimmert, und sich wölbt im gesenkten Bogen;
Dann im Widerstral noch der neuen Farben
Tausende wechselt.

Diese Iris, mag im gespannten Ring' auch
Nicht sie hauchen aus in das Nachtgewölke
Ihre blüh'nde Seele, doch thauet mild aus
Freundlicher Wunde.

Schnell zertreten sieht man die andern Blumen,
Und gewelket hin mit erstorb'ner Schönheit.
Nicht den Tod, nicht scheu'st du des Alters Runzeln,
Himmlische Rose!
(S. 273-276)
_____



XL.
An die jungfräuliche Mutter
am ersten Mai 1641

O wie nenn' ich Dich, Göttliche,
Schirm des Lebens, und Huldathmende Zierde mir:
Die Du, endlich gekehrt auf des
Mondes weißem Gespann, lächelnd die frühere
Lust dem düsterem Geiste bringst.
Schon die Ader, die zäh starrte von trägem Frost,
Hüpfet hoch mit belebtem Sprung.
Frisch die Leier hervor lang' ich: die rührigen
Saiten kämmet der sich're Daum,
Und ein zitterndes Lied, Holdeste, schlägt er Dir.
Nichts Erfreuliches ohne Dich
Gibt die Laute zurück: aber sobald den Hauch
Deiner Lippen gefühlet sie,
Schnell von Kränzen Apolls blühet das Saitenspiel;
Und am Quelle, dem blinkenden,
Schmerz vergessend und Gram, rauschet es lieblicher.
Aufspringt lauschend der munt're Hain.
So erscheine Du oft, Himmlische, züchtiger
Wünsche süße Erzeugerin;
Und verkürze des Spiels dauernde Zögerung.
Mich zu leben ergözt mit Dir,
Und wenn ruft das Geschick, zag' ich zu sterben nicht.
(S. 296-297)
_____



XLVII.
An die heilige Jungfrau
Um einen glücklichen Tod

O Du, des Lebens Schirm'rin, und and're Lust
Des Sängers: Der ich Meines und mich dazu
Als eigen weihte: gib, daß, ehe
Rufe das Loos, und die Augen schließe,
Daß reuevolle Thränen, und fröhliche
Von heil'gem Schmerze, tief in den finstern Schlund
Des Meeres alle Schuld versenken.
Dann mir den Faden mit zartem Finger
Abschneide, Jungfrau! Nimmer die Hand der Drei,
Der fabelhaften, stürze den Rocken mir.
Ich traue nicht. Du spinn' o meine,
Oder ja richtiger Deine Wolle.
Dies wünsch' und fleh ich; so aus des Herzens Born.
Die lezte Stunde rinnen du laß; so laß
In's große, uferlose Zeitmeer
Treten du unseren Bach, und traut sich
Die kleinen Wellchen mengen der Ewigkeit.
O dies erwirb Du. So mir bereite wohl
Des trauervollen Todes einst zu
Wandelnde Bahn, und im sanften Schlummer
Die Glieder wiege. Schätze gelobe Der,
Und bau' ein Haus Dir, schneeige Lämmer mag
Dir Jener opfern, und den Estrich
Färben mit rauchendem Eingeweide:
Ich selbst o werde flehend, ich tragen selbst
Die Opferbinde; fallen ich selber Dir.
Umwunden mit dem Laub des Lorbeers
Sinken als Opfer an Deinem Altar.
(S. 307-308)
_____


Aus: Jakob Balde's Oden und Epoden
in fünf Büchern
[Übersetzt ] von Joseph Aigner
Augsburg Matth. Rieger'sche Buchhandlung 1831
 

 


Biographie:

Balde, Jacob, * 4.1.1604 Ensisheim/Elsaß, † 9.8.1668 Neuburg/Donau; Grabstätte: ebd., ehemalige Hofkirche St. Maria (Grabtafel). - Lyriker u. Historiograph.
B.s Familie gehörte zum kaisertreuen Beamtentum der damals vorderösterr. Verwaltungshauptstadt Ensisheim; an Schulen in Belfort u. Molsheim wurde er im Geiste der kath. Gegenreformation erzogen; vor den hereinbrechenden Truppen Mansfelds wich er nach Ingolstadt aus, brach aber ein eben begonnenes Jurastudium ab, um 1624 in den Jesuitenorden einzutreten. Ausbildung u. Lehrtätigkeit führten ihn nach Landsberg, München (Gymnasiallehrer 1626-1628), Innsbruck (1628-1630) u. zurück nach Ingolstadt (Priesterweihe 24.9.1633).
1637-1650 wirkte B. in München als Professor für Rhetorik, als Prinzenerzieher, Hofprediger u. (1640-1648) auch als Hofhistoriograph. Zeitgeschichtl. Arbeiten blieben jedoch ungedruckt bzw. unvollendet, weil B. die geforderte Vertretung dynast. Interessen nicht mit seinem Wahrheitsverständnis vereinbaren konnte u. sich einer »despotischen Zensur« nicht beugte. Doch unterstützte er literarisch die z.B. im Marienkult religiös fundierte Kulturpolitik Maximilians I. In Reden u. Gedichten, auch in seinem 1637 in Ingolstadt erschienenen frühen Epos Batrachomyomachia (Froschmäusekrieg) kommentierte er die Ereignisse des Dreißigjährigen Krieges (u.a. Gedichte auf Tilly u. anläßlich der Ermordung Wallensteins). Auch der intensive Austausch mit dem frz. Diplomaten Claude de Mesmes, Comte d'Avaux, eine Freundschaft im Zeichen des christl. Humanismus, berührte Motive der bayrischen Bündnispolitik. Konfessionelle Polemik trat bei B. jedoch weitgehend in den Hintergrund. Statt dessen beklagte er immer wieder den Zerfall des Reiches, die Erscheinungen der À-la-Mode-Kultur, die Grausamkeiten des Krieges u. - aus eigener Betroffenheit - die erzwungene Emigration (zahlreiche Gedichte auf das heimatl. Elsaß).
B. zählt zu den wenigen deutschen Barockdichtern von internationaler Ausstrahlung u. zu den bedeutendsten Autoren lat. Zunge. Sein Werk fand überall im kath. Europa, ja selbst bei kongenialen Dichtern der protestant. Territorien (Kontakte zu dem Niederländer Caspar Barlaeus, dt. Übersetzungen u.a. durch Andreas Gryphius u. Sigmund von Birken) Aufmerksamkeit. Als Hauptwerk des sog. lyrischen Jahrzehnts (1637-1647) gelten die Lyricorum libri IV Epodon liber unus (Mchn. 1643. Erw. 1646), gefolgt von den Sylvarum libri VII. Im Anschluß an Konrad Celtis, Paul Schede Melissus u. bes. den poln. Jesuiten Matthias Casimirus Sarbievius (1595-1640) stellte sich B. hier bewußt in die Nachfolge des Horaz. Jedoch ging es ihm nicht nur um eine humanist. Nachahmung der antiken Muster, sondern auch um die »novitas« der eigenen künstlerischen Konzeption. Mit diesem Drängen auf Originalität u. Modernität bei einem ausgesprochen artist. Selbstverständnis, das die scharfsinnige Kombinatorik von Bedeutungsdimensionen u. die ästhet. Funktion der poet. Phantasie in den Mittelpunkt rückte, erwies sich B. als repräsentativer Vertreter des europ. Manierismus. Für B. war der Dichter »sein eigener Kapitän« (»nauta sui«); entsprechend hoch schraubte er die Anforderungen an das lesende Publikum u. den eigenen Ehrgeiz: »Nicht eine schlichte Neuartigkeit wird verlangt, sondern eine raffinierte, und nicht nur das, sondern eine, die in ihrem kenntnisreichen Sprachstil und ihrer leichthändigen und glücklichen Art der Imitatio nach den aromatischen Weinen der Alten duftet, wobei sich die Gegensätze in gewisser Weise gegenseitig steigern. Das verehrungswürdige Altertum ist stets zu berücksichtigen« (aus: De studio poetico. Übers. von Eckart Schäfer).
So distanzierte sich B. de facto in seiner Lyrik von didakt., erbaul. u. panegyr. Zwecksetzungen. Indem er sich Sprache, Formen u. die Lebensphilosophie des alten Rom anverwandelte, fand dieser Dichter vor allem den Modus einer komplizierten Selbstverständigung: eingehüllt in tiefsinnige Ironie, bewegt von den Widersprüchen des eigenen Wesens, das er als »proteisch« empfand, schwankend zwischen Askese u. den Versuchungen affektiver Sinnlichkeit. In Faszination u. Widerstand, in Konvergenz u. Divergenz artikulierte er die Spannungen zwischen zeithistor. Erfahrungen u. antiker Weltaneignung, zwischen Heidentum u. christl. Glaubensgewißheit. So gewann er eine Darstellungs- u. Anspielungsfolie für persönl. Reflexion, gebetshafte Frömmigkeit u. oszillierende Zeitkritik. Das im Blick auf Horaz konstruierte fiktive Rollenspiel seiner Texte erlaubte ihm, das eigene Ich, die Belange einer höchst sensiblen Existenz, gleichzeitig zur Geltung zu bringen u. zurückzunehmen. Nicht wenige Gedichte (v. a. zum Themenkomplex der »Melancholie« u. der »Utopie«) erfassen Anlaß u. Prozeß der emotionalen Bewegung im Verfahren der poet. Imagination: »Eingeschlossen für immer bin ich in Germaniens Grenzen / Altern muß ich auf bayrischem Boden. / Trauriger Machtanspruch hält uns zurück im arktischen Raum, / Übel vertun wir verstümmeltes Leben. / [...] / Ist mir auch noch so sehr ein Kerker das ganze Germanien / Und schlimmer mein Leib als ein Kerker, / Frei ist dennoch der Geist; wo er will, da wohnt er und weht er [...]« (aus der Ode Melancholia. Übers. von Max Wehrli).
Gewiß verfügte B. auch über die Mittel der spirituellen Exegese, über die Topik, die Bildersprache u. den Exempelfundus der seit dem MA überkommenen geistl. Rede, nicht zuletzt über die Techniken ignatian. Meditationspraxis. Doch diese Übungen der geistl. Einbildungskraft intensivierten seine künstlerische Inspiration - bis hin an die Grenzen eines »Enthusiasmus«, in dem sich das lyr. Subjekt im freien Flug über die Welt aller Realität enthebt. Dabei weitete sich das stilist. Spektrum horaz. Lyrik aus; die Ode ging in den »Dithyrambus« über. Doch selbst in fiktiven Ekstasen u. poet. Visionen ging B. auf iron. Distanz.
Den Großteil seiner eleg. u. satir. Versdichtung schuf B. im Alter. Nach einem Zwischenspiel in Landshut u. Amberg wirkte er seit 1654 als Prediger u. Beichtvater am Hof des Pfalzgrafen Philipp Wilhelm in Neuburg. B.s wiederum von Horaz beeinflußte Satiren kritisierten Widersprüche u. Torheiten der Zeit: so das Unvermögen der Mediziner, den astrolog. Aberglauben, die Habsucht der Zeitgenossen u. in einem poetologisch wichtigen Werk (Expeditio Polemico-Poetica sive Castrum Ignorantiae. Mchn. 1664) auch die barbar. Unkultur der Bildungsfeinde.
In seinem Fragmentum satirae 'crisis' inscriptae (verf. 1657) setzte sich B. schließlich direkt mit Gegnern auseinander, die er unter den Ordenszensoren fand: »Freunde kommen furchtsam zu mir und teilen es zaudernd mit [...]. Daher die häufigen Lücken in
wir haben einen Beschützer, das gute Gewissen.« Der Ordenszensur ist es auch zu verdanken, daß B.s großangelegtes Spätwerk nur verstümmelt überliefert ist, ein Elegienkranz (Urania victrix. Verf. 1656-62. Teiled. Mchn. 1663), der in einem fiktiven Briefwechsel den Kampf zwischen menschl. Sinnlichkeit u. religiöser Askese zum Thema machte. Hier wie auch in zahlreichen Oden zeigte sich B. als hervorragender Kenner der bildenden Kunst seiner Zeit (Verbindung zu dem Maler u. Künstlerbiographen Joachim Sandrart).
Dem Geschmack eines breiteren Publikums entsprach B. vor allem in seinem vielgelesenen Poema de vanitate mundi (Mchn. 1636), das ebenso wie die totentanzartigen Choreae mortuales (Mchn. 1649) gängige Vorstellungen religiöser Weltabsage zum Ausdruck brachte.
Neben einem Drama (Jephtias. Amberg 1654) veröffentlichte B. auch deutschsprachige Lyrik in seinem Ehrenpreiß [...] Mariä (Mchn. 1638). Weil sich B. hier nicht an die Regeln der von Opitz kodifizierten Dichtersprache hielt, wurde dieses Werk später fast vergessen. B.s Odendichtung fand jedoch in Herder einen Fürsprecher u. namhaften Übersetzer (Terpsichore. 1795/96) u. damit zugleich einen Weg in den Kanon der dt. Dichtung.
Aus: Autoren- und Werklexikon: Balde, Jacob, S. 6. Digitale Bibliothek Band 9: Killy Literaturlexikon.


 

 


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