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Hugo Ball
(1886-1927)
Inhaltsverzeichnis der
Gedichte:
Die überwachten Stunden
Die überwachten Stunden
Fallen einander zu.
Und ach, die müden Kinder
Lächeln und gehen zur Ruh.
Und ihre traurigen Stirnen
Leuchten und senken sich tief.
In den verschütteten Nächten
War es, daß ich dich rief.
Fremd erschien mir die Nähe
Töricht Ziel und Sinn
In deine schützenden Hände
Sank ich vergehend hin.
(S. 97)
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Entrückt und nah
Entrückt und nah, belebend und doch Schein,
So seh ich, Liebste, dich vor mir errichtet.
Ein Umriß, der vor meinen Blicken flüchtet
Und dem es doch bestimmt ist, Bild zu sein.
Die Hände haben längst darauf verzichtet
Zu fassen nach Gestalt von Fleisch und Bein.
Genug zu wissen, daß du Brot und Wein
Und zartes Feuer bist, das mich belichtet.
Die Augen werden einst in Moder fallen.
Was war ich ohne dich? Ein irres Lallen,
Ein Dunkel und ein Rausch der Bitternisse.
Laß wehen durch mein Wort die lichten Küsse.
Laß sinken in mein dämmerndes Gedicht
Vom Brunnenrande her dein Angesicht.
(S. 101)
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Ein Traum
Im dunkelblauen Sunde
Landeten wir spät.
Es stand eine rote Wunde,
Der Mond überm Rudergerät.
Wir nahmen ein wenig Zehrung
Aus einem schmalen Boot,
Und stiegen über die Nehrung
Ins Morgenrot.
Durch wehende Oliven
Stiegen wir leicht hinan,
Und sahen ringsum schlafen
Die Länder im Mittagsbann.
Wir saßen an steinernen Tischen
Und tranken uns weidlich satt,
Von Brot und trockenen Fischen
Wurden die Lippen matt.
Um unsere Ohren stäubte
Das Meer, ein Muschelgetön,
Ein Veilchenduft betäubte
Die Sinne uns im Föhn.
Wir tauchten in die Fluten
Und schwammen weit hinaus.
Die Möven kamen und ruhten
Am Strande bei uns aus.
(S. 88)
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Kind und Traum
Kind und Traum und früher Garten
Wandeln wir durch lauter Licht.
Reifer Früchte runde Schatten
Malen sich auf dein Gesicht.
Wipfel neigen grün die Zweige
Tief in den erfüllten Grund.
Wanderselig, wundertrunken
Übt ein Vogel seinen Mund.
Sieh, es hat die schöne Sonne
Sich in deinem Haar verfangen,
Deiner Augen blaue Sterne
Sind schon in mein Lied gegangen.
(S. 76)
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Lied für ein Kind
Laß uns gehen wie der Mond
Durch die große Stube,
Denn in diesem Hause wohnt
Der geblümte Bube.
Blau und weiß und schwarz geblümt
Schaut er durch das Fenster
Mit der langen Bogenhand
Streicht er die Gespenster.
Du bist schön und ich bin klug
Bis zum frühen Morgen
Deine Zähne lächeln lind
In ein Meer von Sorgen.
Auf der Stirne glüht ein Herz
Rosenrot Verwehen
Alle deine Schmerzen, Kind,
Kann ich leuchten sehen.
Aller deiner Liebe Last
Ist ein hell Verzücken
Aller deiner Wunden Weh
Ist ein still Berücken
Laß uns als ein Zwiegespiel
Gehen durch alle Nächte
Weinen, scheinen, ungesäumt
Über alle Prächte.
(S. 70)
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Noch mischt sich das Gold
Noch mischt sich das Gold unserer Augen,
Noch fällt ein scheuer Strahl
Auf die lächelnde Madonna
Im blauen Saal.
Noch öffnen sich unsere Arme
Beim Kommen und Gehen weit
Und unsere leuchtenden Herzen
Tragen wir über dem Kleid.
Und alle Liebesglocken
Hängen uns noch im Ohr.
Es fallen und steigen die Locken
Im Engelchor.
Und im tiefgrünen Raume,
Da tanzet unser Kind.
Es wieget sich auf den Zehen
Und hebet sein Röcklein lind.
Und über unserem Garten
Glänzet der Lilienschnee
Es spiegeln die weißen Flammen
Sich zart im blauen See.
Noch sind unsere Hände verschlungen
Noch schluchzen die Vögel leis.
Und mit den seligsten Tränen
Füllt sich der Zauberkreis.
(S. 95)
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Gedicht für ein Kind
[für Emmy]
Oh, wie du lebtest: stets im Fluge
Und stets geschwungen von den großen Händen.
Gezaust die Flügel und das Herz verzehrt
Von Trauer und von Liebesbränden.
Wie irrtest du durch diese großen Städte,
Die Füße blutend und in Sterbensangst,
Wenn du im Straßenstaub zerschlagen knietest
Die Hände zu den eisigen Himmeln rangst.
Wie haben Traum und Trug dich hoch umbaut,
Wie sanken deine Arme auf die Stufen.
Umsonst hast du gerüttelt an den Eisentüren,
Im Schlafe noch erklang dein wehes Rufen ...
Da dämmerten die frühen Rosengründe.
Da starrten um dein Haupt die goldenen Schlangen.
Du warst die Gorgo aller Fruchbarkeiten,
Gleich einem Seraph bist du in dem Glanz vergangen.
Es dringt dein Widerschein aus allen Tiefen.
Die stummen Fische jubeln deinen Namen.
Sie folgen dir im übermächtigen Zuge,
Wie sie zur Predigt des Antonius kamen.
Auf grauem Haus weht deine Siegesflagge
Und alle Fäulnis hast du hell zerteilt,
Die Todeswunden des Gekreuzigten:
Du küßtest sie und warst geheilt.
(S. 81)
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Abschied
Sag mir, daß du dich im Föhnwind sehnst
Und daß du trauern würdest,
Wenn ich ginge.
Sag mir, daß diese Tage schön sind
Und daß du weinen wirst,
Wenn ich nicht singe.
Sag mir, daß du dem Leben gut bist.
Sag meiner Stimme,
Daß sie nie verwehe ...
Und daß du heiter und voll frohen Mut bist,
Auch wenn ich lange Zeit
Dich nicht mehr sehe.
Sag mir, daß ich ein töricht Kind bin,
Und streichle mich, wie eine junge Meise.
Sag mir, daß ich zu dir zurückfind,
Auch wenn die Nächte dunkel sind,
Durch die ich reise.
(S. 98)
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Schmücke dich, Liebste
Schmücke dich, Liebste, der Abend naht.
Winde dir Ketten ins leuchtende Haar.
Siehe, die Sonne will sich verneigen.
Tiefer noch will sich die Stille verschweigen.
Kerze flammt am Altar.
Wisse, die Seele liebt sich zu verschwenden.
Brennende Feier und wehe Musik.
Leiser noch will ihr Geheimnis lallen.
Goldener Tropfen, zögerndes Fallen
Ist ihr unsägliches Glück.
Hülle dich, Liebste, in weiße Gewänder,
Ehe die Saite zerspringt.
Lächle im Saale der Engel und Rosen,
Laß dir die kindliche Stirne kosen,
Ehe das Echo verklingt.
Sei mir ein Fest und ein zärtliches Wunder,
Milder noch blühe dein Schein.
Wenn wir die magischen Worte tauschen,
Geht durch die Seele ein Flügelrauschen,
Dem wir uns weihn.
Schmücke dich, Liebste, oh, süßes Verwehen.
Bald ist der Sommer verklungen.
Über den Hügeln welken die Kränze,
Doch in die Höhen der himmlischen Tänze
Sind wir entrückt und verschlungen.
(S. 94)
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Schöne Mondfrau
Schöne Mondfrau, gehst du schlafen
Lächelnd und so munter
Leise mit den Silberschafen
In die Nacht hinunter?
O, und du im Maskenkleide,
Liebe Scheherazade,
Spielst du, daß die Nacht nicht leide
Deine Serenade?
Wandermüde, wundertrunken
Komm in meine Ruhe
Blaue, weiche Sternenfunken
Küssen deine Schuhe.
Sieh, die Nacht ist so lebendig
Voller Duft und Gnade
In den Bäumen eigenhändig
Spielt sie sich die Serenade.
(S. 71)
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Frühling
So hast du in Behutsamkeit
Mit Lauben und mit Ranken
Den Garten meiner Nacht umsäumt
Jetzt lächeln die Gedanken.
Nun singen mir im Gitterwerk
Die süßen Nachtigallen
Und wo ich immer lauschen mag
Will mir ein Lied einfallen.
Die Sonne strahlt in deinem Blick
Und geht in meinem unter.
So schenkst du mir den schönen Tag
Ein mildes Sternenwunder.
So hast du meinen dunklen Traum
Durchleuchtet aller Enden
Und wo ich immer schreiten mag,
Begegne ich deinen Händen.
(S. 72)
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Wenn du früh
Wenn du früh vom Lager gleitest,
Ach, die zagen Füße,
Bitte ich, daß du nicht leidest
In des Morgens Süße.
Denn dann blicken deine Augen
Gleich zwei jungen Rehen,
Die an ihrer Mutter saugen
Und zur Weide gehen.
Mittags mit den hellen Tauben
Bin ich weiße Schwinge,
Wenn ich über grünen Lauben
Dir vom Lichte singe.
Doch der Abend ist die Wiege
Für die sanften Locken,
Daß das Haar im Winde fliege,
Wenn die Pulse stocken.
Sieh, dann komm ich mit den Träumen,
Und du flammst gleich einer Kerze
Und wir wandeln unter Bäumen
Und du lächelst und ich scherze.
(S. 84)
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Noch Eines, Emmy ...
Wenn je ich still und ganz mich zu dir kehre,
Dann mußt du groß und schweigend mich empfangen.
Aus irrer Dunkelheit kam ich gegangen,
Besorgt, daß ich dein lichtes Bild verzehre.
Wenn ich zu forschen lächelnd dir verwehre
Nach Lust und Leid, die doch auch mir erklangen,
Nach Stern und Freund, die mir am Wege sangen,
So wisse, daß ich tiefer dir gehöre.
Nur eines war's, das mich bewegte
Hervorzugehn aus vielem Ungemach,
Das eine nur, das fiebernd mich erregte,
Und das mich schützte, daß ich nicht erlag:
Den Kindesglanz in deinem Seelengrunde
Noch einmal trinken mit berauschtem Munde ...
(S. 103)
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Alle
Gedichte aus: Hugo Ball Gesammelte Gedichte. Mit Photos und Faksimiles
Im Verlag der Arche Zürich 1963
Biographie:
Ball, Hugo (1886-1927), Schriftsteller. Er war einer der wichtigsten
Vertreter des Dadaismus innerhalb der deutschen Literatur. Seine
bekannteste literarische Schöpfung ist das Lautgedicht Karawane, dessen
Text keine fassbare Bedeutung mehr aufweist und sich rigoros auf den
klanglichen Reiz des Sprachmaterials beschränkt.
Ball wurde am 22. Februar 1886 in Pirmasens geboren und ging nach einer
kaufmännischen Lehre und einem Studium der Philosophie und Soziologie in
München, Heidelberg und Basel nach Berlin, wo er sich bei Max Reinhardt
zum Regisseur ausbilden ließ. Als Dramaturg machte er sich später vor
allem um die Inszenierung von Werken Frank Wedekinds sowie um die
Vermittlung expressionistischer Stücke an deutschen Bühnen verdient und
trat auch als Schauspieler in Erscheinung. 1911 erschien Balls erstes,
Jakob van Hoddis und Alfred Lichtenstein nahe stehendes Drama Die Nase des
Michelangelo. Zunächst als Kriegsfreiwilliger ins Feld gezogen, wandelte
sich Ball durch die Fronterfahrung des 1. Weltkrieges zum radikalen
Pazifisten und übersiedelte 1916 mit seiner späteren Ehefrau Emmy Hennings
in die neutrale Schweiz. Im selben Jahr wurde er in Zürich Mitbegründer
des dadaistischen Cabaret Voltaire und der Galerie Dada und gab die
Anthologie Cabaret Voltaire (1916) heraus. Sie enthielt neben dem von
Tristan Tzara, Hans Arp, Richard Huelsenbeck und Marcel Janco im Kabarett
rezitierten Simultangedicht L’amiral cherche une maison à louer
programmatische Anmerkungen Balls und Auszüge aus seinem lyrischen Zyklus
Cabaret.
1917 bis 1919 war Ball als politischer Journalist in Bern tätig und
veröffentlichte seinen Roman Flametti (1918). Zu dieser Zeit wandte er
sich vom Dadaismus ab, verharrte aber in skeptischer Distanz zu
bürgerlich-chauvinistischen Wertvorstellungen. Bezeichnend hierfür ist
sein 1919 erschienenes Pamphlet Zur Kritik der deutschen Intelligenz, das
mit Preußentum und Protestantismus scharf ins Gericht ging. 1920 vollzog
sich die endgültige Wende zum Katholizismus, die in seinem 1927
publizierten Tagebuch Die Flucht aus der Zeit detailliert nachvollziehbar
ist. Der Titel spielt auf den Rückzug des Autors aus der hektischen
Avantgardeszene in das beschauliche Landleben des Tessins an, das in den
zwanziger Jahren große Anziehungskraft als Refugium für Schriftsteller und
Künstler verschiedenster Provenienz besaß. Ball, der u. a. noch eine
Biographie seines Tessiner Freundes Hermann Hesse verfasste, starb am 14.
September 1927 in Sant’Abbondio.
Aus: Encarta
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