Adolf Böttger (1815-1870) - Liebesgedichte

Adolf Böttger



Adolf Böttger
(1815-1870)


Inhaltsverzeichnis der Gedichte:
 

 

 



Als noch der holde Frühling war

Als noch der holde Frühling war,
Da brachest Du Dir Rosen,
Die durften in dem dunkeln Haar
Mit süßem Dufte kosen.

Und als der Sommer kam ins Land,
Dein Herzchen schlug geschwinder,
Zum Strauße wand die liebe Hand
Des Feldes blaue Kinder.

Dann naht der Herbst mit bunter Lust,
Mit Astern, Anemonen,
Die ließest Du an Deiner Brust
Wie Ordenssterne thronen.

Nun aber, da's noch Winter ist
Und keine Blumen sprießen,
Kannst Du dafür die kurze Frist
Mich an den Busen schließen!
(S. 4)
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Ich hör' ein Vöglein -

Ich hör' ein Vöglein locken,
Das wirbt so süß, das wirbt so laut,
Beim Duft der Blumenglocken
Um die geliebte Braut.

Und aus dem blauen Flieder
Singt ohne Rast und ohne Ruh,
Millionen Liebeslieder,
Die holde Braut ihm zu. -

Ich hör' ein leises Klagen,
So liebesbang, so seelenvoll -
Was mag die Stimme fragen,
Die in dem Wind verscholl?
(S. 7)
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Die Lüfte regen die Flügel

Die Lüfte regen die Flügel
Und schwingen sich über die Höhn
Und wecken in Höhl' und Hügel
Silbernes Harfengetön.

Dem Sternenglanz entringet
Sich Liebe flüsternd bang,
Und leis entgegen klinget
Der Lilie Nachtgesang!

Der Schwan zieht durch die Wogen
Schön wie die Frühlingsnacht,
Die Rosen am Uferbogen
Erröthen in keuscher Pracht.

Mein Geist zieht gleiche Kreise,
Wie Sterne, Luft und Schwan,
Ihn lockt in Zauberweise
Dein liebes Bildniß an:

Die tiefsten Gefühle dringen
In Deine Träume vertraut,
Und unsre Seelen klingen
Süßen, verwandten Laut.

Es brechen der Erde Schranken,
Und Deine Schönheit erhellt
Mir ewiger Liebesgedanken
Krystallne Märchenwelt!
(S. 9-10)
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Wie Mondesglanz die Nacht durchbricht

Wie Mondesglanz die Nacht durchbricht
Und strömt auf Thal und Matten,
So fließt der Schönheit Lilienlicht
Aus Deiner Wimpern Schatten.

Seit im Gebet die Händchen Du
Zum erstenmal gefaltet,
Hat auch des Himmels sel'ge Ruh
In Deinem Blick gewaltet.

Der Engel des Gebetes blieb
Am Glanz der Unschuld hangen,
Und hielt die Stirne fromm und lieb
Im Bruderkuß umfangen.

Er legte Dir voll Liebeshuld
Zwei Rosen auf die Lippe,
Und hauchte Worte der Geduld
In diese heil'ge Krippe.

Er nahm sein lichtes Flügelpaar
Und lieh es Deiner Liebe,
Daß sie auf Erden immerdar
Ganz ohne Flecken bliebe.

Wer einmal sah im tiefsten Schmerz
In Deines Auges Sonne,
O dessen Blick, o dessen Herz
Bricht - oder schmilzt in Wonne!
(S. 11-12)
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Und Du versagst es mir?

Mich fesselt bangen Zweifels voll
Dein liebes Angesicht;
Ob je der Lenz mir lächeln soll,
Dein Auge sagt es nicht:
Begehr' ich doch mit Ungeduld
Nur einen Blick von Dir,
Doch auch die leichte, kleine Huld,
Auch die versagst Du mir!

Die Ruh, die dies entflammte Blut
Vor Dir so lang verhüllt,
Weicht plötzlich der zu heißen Glut,
Die meine Brust erfüllt;
Bald ungestüm, bald leis und schwer
Verräth ein Wort sich Dir -
Ich bitte Dich so sehr, so sehr
Und Du versagst es mir!

Das Lied, der Seele goldner Schmuck,
Verrauscht an Deinem Ohr,
Kein Kuß, ach! nicht ein Händedruck
Hebt mich zu Dir empor.
Ich seh' auf Dich als mein Geschick,
Ich beuge mich vor Dir,
Ich fleh' um einen flücht'gen Blick -
Und Du versagst es mir?
(S. 13-14)
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Es weht durch die blühenden Bäume

Es weht durch die blühenden Bäume
Der lachende, sonnige Tag,
Mich senkt in Frühlingsträume
Dein Herz und der Ruderschlag.
Laß ab von Steuer und Ruder,
Vertraue Dich mir, mein Kind,
Ich stehe wie Schwester und Bruder
Mit Welle, Luft und Wind.

Was blickst Du zum Himmelsbogen
Und malst ihn mit blauem Schein,
Der spiegelt sich in den Wogen
Und wirft das Blau hinein!
Was willst Du mit Blumen sticken
Des Ufers lachendes Grün,
Daß von Deinen blauen Blicken
Vergißmeinnicht erblühn?

Sitz nieder an meiner Seite
Und sieh mir ins Aug', mein Kind,
Wir haben ja sich'res Geleite
In Welle, Luft und Wind:
Du spiegelst in meine Seele,
Lenz, Himmel und Liebesglück
Und ich - ich geb' ohne Hehle
Dir Alles in Liedern zurück.
(S. 16-17)
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Wie Schmetterlinge

Wie Schmetterlinge flink und leicht
Um junge frische Rosen,
So spielen um den kleinen Mund
Die Worte Dir, die losen.

Das bunte Völkchen flattert mir
Frohlockend nach dem Herzen,
Und aus dem Rosenkelch erblüht
Ein Kelch mir süßer Schmerzen:

O könnt' ich doch in stiller Stund'
An diesen Röslein hangen,
Und lachend mir das lose Heer
Der Schmetterlinge fangen:

Ich wollte selbst ein Schmetterling
Ins tiefe Herz Dir tauchen,
Und in dem Meer der Seligkeit
Die Seele dann verhauchen!
(S. 18)
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Du ruhest unter dem Lindenbaum

Du ruhest unter dem Lindenbaum,
Der steht in goldner Blüte,
Und Engel wandeln durch den Raum
Und durch Dein fromm Gemüthe.

Du träumest unter dem Lindenbaum,
Der haucht süßduftigen Segen,
Und streut in Deinen lichten Traum
Den blühenden Sternenregen.

Am Busen liegt Dir, der Liebe Stern,
Ein Röslein mit hellen Tröpfchen,
Wie an Maria's Brust des Herrn
Frommblickendes Engelsköpfchen.

Und droben über dem Lindenbaum
Aus klarem Himmelslichte
Webt eine Lerch' in Deinen Traum
Unsterbliche Gedichte!
(S. 19)
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Wenn ich an Dir mich süß berausche

Wenn ich an Dir mich süß berausche,
Dein Geist in meine Seele quillt,
Wenn ich des Busens Drang belausche,
So sanft erregt und sanft gestillt,

Wenn ich auf meinem Schoos Dich wiege,
Der Wange Roth vor Lust erglimmt,
Und ich Dich inniger umschmiege,
Daß Aug' in Auge bang verschwimmt:

Wenn unter halberstickten Worten
Leisathmend Lipp' auf Lippe brennt,
Als wären hier und allerorten
Ein Leben wir, das nie sich trennt:

Dann fühl' ich selge, frühlingsklare
Gefühle durch die Seele ziehn,
Vor denen wildverrauschte Jahre
Wie bleiche Schattenbilder fliehn:

Ich fühle Harfenlaut entzücken
Mein Herz in gleichgestimmter Lust,
Und eine Rose seh ich schmücken
Die lang verwaiste Dichterbrust.

O wenn die Harfe muß verhallen,
So sei's mit mir - ein Laut, ein Schlag!
O wenn die Rose muß zerfallen,
So sei's mit mir - ein Hauch, ein Tag!
(S. 33-34)
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Sonette

2.

Im Nonnenschleier liegen Hain und Pfade,
Wie eine Schaar von weißvermummten Frauen
Starrt geisterhaft der Wald auf Thal und Auen,
Als Silberberg verkappt sich die Kaskade.

Geharnischt schmiegt der Strom sich ans Gestade,
Den Wolkenmädchen möcht' er sich vertrauen,
Die thränenschwer zu ihm herniederschauen -
Kurz, Erd' und Himmel spielen Maskerade.

Da seh ich Dich, mich ganz Dir zu verbünden, -
Wie auch zu lieben dieses Herz verhehle,
Dein schöner Blick vermag es zu entzünden.

Du bist die zauberstrahlende Juwele,
Die bunt sich spiegelnd auf den starren Gründen
Den Frühling ruft in meine trunk'ne Seele.
(S. 40)
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3.

Ob Alles todt - Du lebst ja noch mein Leben,
Die schönsten Rosen blühn Dir auf den Wangen,
Die, wenn sie auch ein Nebel hielt umfangen,
Doch blendend noch als weiße würden beben.

Die blonden Locken ranken sich wie Reben,
Daran so manche Blicke schon gehangen,
Und manche Herzen schon ins Netz gegangen,
Die nur zu rasch sich ganz Dir hingegeben.

Mich aber hat der Augen Glanz getroffen,
Die blauen Flammen, die aus ihnen schießen,
Sie lassen nur sich todtzuschauen hoffen.

Ja müßten selbst die Augen einst sich schließen,
Ich säh' sie dann noch lebensfrisch und offen
Als blaue Veilchen aus dem Grabe sprießen.
(S. 41)
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4.

Nicht bitt' ich Dich, mich wiederum zu lieben,
Nur Dich zu lieben, sollst Du mir gewähren! -
Doch was der Geist noch eben mochte nähren,
Das seh' ich jetzt als nichtig schon zerstieben.

Fast möcht' ich's auf's Aprilenwetter schieben,
Wo launenhaft die Wolken Stürme gähren,
Die dann minutenlang den Himmel klären,
Bis sie als Regenbogen sich vertrieben.

Ich lauf' im Wald, als könnt ich Dich erjagen,
Ich balle Schnee, als wollt' ich mit Dir spielen,
Schneeglöckchen pflück' ich, Dir sie heimzutragen.

Doch riß ich all' die Blumen von den Stielen,
Wollt ich vor Liebe jauchzen oder klagen -
Was würd' ich, armer Narr, damit erzielen!
(S. 42)
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6.

Der Flieder klopft mit duftig weißen Trauben
Des niedern Kirchenfensters blanke Scheiben,
Als wollte seine grünen Händchen schreiben
Ins fromme Glas auch frommen Glauben.

Und an der Thüre flattern weiße Tauben,
Als liebten sie ein gottesfürchtig Treiben,
Und möchten treu auch beim Gebete bleiben
Den Dorfbewohnern in den Sonntagshauben.

Die Orgel rauscht in mächtigen Accorden,
Andacht verklärt sich brünstig im Gesange,
Des Gottes voll ist jede Brust geworden:

An Dich, Du Holde, denk' ich seligbange,
Und betend fluten in des Herzens Borden
Der Liebe Melodien im hellsten Klange.
(S. 44)
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8.

Du machst dem tollsten Schwarm die Tage golden,
Mich aber soll die Eifersucht berücken,
Denn Hand und Nacken gönnst Du schnöden Mücken,
So vampyrart'gen kleinen Trunkenbolden.

Sternblumen auch und zartgeformte Dolden
Willst täglich Du mit Deiner Huld beglücken,
Und reißt Dein loses Spiel sie auch in Stücken,
Ist süß der Tod doch von der Hand der Holden.

Ach! scheuch' hinweg das tückische Gelichter -
Ein Heer von Küssen Deines Vielgetreuen
Nimm lieber für den Schwarm der Bösewichter.

Ach! laß die Blumen sich des Lichtes freuen -
Und nimm die Liederchen von einem Dichter,
Du kannst sie ja wie Blätter auch verstreuen!
(S. 46)
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9.

Ein klarer Stern erglänzt am Himmelsbogen -
Im Kahn mich schaukelnd saug' ich seine Strahlen,
Ich blick' auf ihn mit wonnetrunknen Qualen,
Von seinen Reizen magisch angezogen.

Es malt der Stern sich in den blauen Wogen
Und spiegelt sich darin zu tausendmalen!
Wie kannst Du Herz mit dem Genusse prahlen,
Das Bild der Schönheit hast Du eingesogen. -

Und Du, Geliebte, spielst im heitern Wahne
Vielleicht daheim mit heiligen Gefühlen,
Ganz unbekümmert um den Mann im Kahne.

Du läßt Dir in den goldnen Locken wühlen,
Labst glühend Dich im Liebesoceane -
Indeß mich Wellen feucht und kalt umspülen.
(S. 47)
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11.

Es flammen hell im Saal die Girandolen,
Musik durchströmt den Raum mit süßen Tönen;
Begeistert lauscht die Reihe junger Schönen,
Ein bunter Flor von Tulpen und Violen.

Der Blick des Jünglings schweift indeß verstohlen
Auf diesen Blumen, die das Leben krönen,
Sein Innres möchte mit der Flöte stöhnen,
Verhaucht ihr Ton in leisen Lebewohlen.

Wohl mag ich gern den holden Klängen lauschen,
Die sich gestalten in so schöner Runde,
Doch mit noch süßern wüßt' ich sie zu tauschen:

Ach! nur ein Wort aus Deinem lieben Munde,
Und all' die Töne müßten hier verrauschen,
Das ist Musik, von der ich ganz gesunde.
(S. 49)
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13.

Mich treibt es ruhlos, Dich, nur Dich zu schauen,
In Deiner Näh' empfind' ich volles Leben,
Anmutge Bilder seh' ich um mich schweben,
Die mir der Dichtung Himmel auferbauen.

Wenn Deine Blicke sonnenmächtig thauen
Die Kälte, welche lang dies Herz umgeben,
So mag ich kaum dem Drange widerstreben,
Dir Alles, ja das Liebste, zu vertrauen.

Und dennoch faßt allstündlich mich ein Bangen,
Mein tiefstes Wesen frei Dir zu entfalten
Mit allen seinen Plänen und Verlangen:

Denn vor der Schönheit fesselnden Gewalten
Verstummt der Mund, die Seele stockt befangen
Und wähnt die Glut im Worte zu erkalten.
(S. 51)
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16.

O laß den Blick auf Deinem Antlitz weilen,
Wo Geist und Anmut lieblich sich umschlingen,
Wo von des Lebens tiefsten Räthseldingen
Die Liebe redet in lebendgen Zeilen.

O laß nicht allzuhastig niedereilen
Die seidnen Wimpern, die gleich Schmetterlingen
Sich kosend über blauen Blumen schwingen,
Des Himmels Glanz auf Erden auszutheilen.

Schon manches schöne Kind war mir gewogen,
Das hoch ich pries im hellsten Liedertone -
Doch fand ich stets, daß ich mich selbst betrogen.

Und Du, von der ich Rosen bat zum Lohne,
Du Einzge, die ich Allen vorgezogen,
Reichst kalt mir des Poeten Martyrkrone.
(S. 54)
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Die Jungfrau am Rhein

Es winkt vom Felsenriffe
Im thaugewobnen Kleide,
Nur Thränen als Geschmeide,
Ein weißer Arm herbei;
Und gleich dem Ton der Harfe
Ergießt des Herzens Wunde
Sich aus dem schönen Munde
Der schönen Lorelei.

Die Wasserrosen heben
Ihr Bildniß einzusaugen,
Die blendend klaren Augen
Zum holden Weib empor:
Den Himmel faßt ein Sehnen,
Es ruft aus blauer Ferne
Der Liebe blanke Sterne
Voll Ungeduld hervor.

Die Rebenhügel lauschen,
Des holden Klanges trunken,
Es ziehn wie Mondesfunken
Glühwürmchen aus und ein;
Der Nachtwind athmet milder,
Und zu des Stromes Rollen
Erklingts in seelenvollen
Accorden über'n Rhein:

"Was wollen all die Sterne
Mit ihrem bleichen Glanze,
Was will in vollem Glanze,
Der Blumen todte Pracht?
Ach! wie ein Menschenauge
Könnt' ihr doch nimmer leuchten,
Und das ist längst im feuchten
Gewog zur Ruh gebracht.

Was soll der Fluten Rauschen,
Der Winde leises Flüstern,
Der Ton, nach dem ich lüstern,
Ist lange schon verhaucht,
Nach seiner lieben Stimme,
Die dieses Herz entfachte,
Wär ich zum tiefsten Schachte
Des wilden Meers getaucht.

Der Sehnsucht bange Qualen
Durchschauern meine Glieder,
Zur Tiefe zieht michs nieder,
Wo mein Gestirn verglimmt,
Nur trostlos muß ich klagen,
Bis dem verlaßnen Weibe
Des Mondes blasse Scheibe
Im Flutgewühl verschwimmt!" -

Dem Schiffer deucht im Kahne
Das Lied wie ferne Glocken,
Das Netz der goldnen Locken
Zieht magisch ihn herbei:
Er starrt ihr bleich ins Auge,
Sein Nachen geht zu Grunde -
Noch singt mit schönem Munde
Die schöne Lorelei.
(S. 102-104)
_____

Aus: Gedichte von Adolf Böttger
Leipzig Otto Klemm 1846
 

 


Biographie:

http://de.wikipedia.org/wiki/Adolf_Böttger

 

 


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