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Wilhelm Busch
(1832-1908)
Inhaltsverzeichnis der Gedichte:
Liebesglut
1. Sie liebt mich nicht. Nun brennt mein Herz
Ganz lichterloh vor Liebesschmerz,
Vor Liebesschmerz ganz lichterloh
Als wie gedörrtes Haferstroh.
Und von dem Feuer steigt der Rauch
Mir unaufhaltsam in das Aug',
Daß ich vor Schmerz und vor Verdruß
Viel tausend Tränen weinen muß.
Ach Gott! Nicht lang' ertrag' ich's mehr! -
Reicht mir doch Feuerkübel her!
Die füll' ich bald mit Tränen an,
Daß ich das Feuer löschen kann.
2. Seitdem du mich so stolz verschmäht,
Härmt' ich mich ab von früh bis spät,
So daß mein Herz bei Nacht und Tag
Als wie auf heißen Kohlen lag.
Und war es dir nicht heiß genug,
Das Herz, das ich im Busen trug,
So nimm es denn zu dieser Frist,
Wenn dir's gebacken lieber ist!
(S. 62-63)
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Liebesgeschichten des Jeremias Pechvogel
Erste Liebe
1. Da draußen vor dem Tore,
Da steht ein Lindenbaum,
Wo ich so süß geträumet
Der ersten Liebe Traum.
Da draußen vor dem Tore,
Wo sie mich hinbestellt,
Schenkt' ich ihr dies und jenes
Von meinem Taschengeld.
Da draußen vor dem Tore,
In stiller Abendstund',
Hab' ich ihr oft geküsset
Die Stirne und den Mund.
Da draußen vor dem Tore,
Beim stillen Mondenschein,
Da schenkt' ich meiner Holden
Von Gold ein Ringelein.
Da draußen vor dem Tore,
Da schien der Mond so hell.
Ich war ein junger Schüler,
Sie eine Nähmamsell.
2. In jener dunklen Gasse,
Da wohnt der Pfänderjud',
Da hab' ich's auch erfahren,
Wie falsche Liebe tut.
In jener dunklen Gasse,
Dort in des Juden Schrein,
Da seh' ich etwas glänzen
Als wie ein Ringelein.
In jene dunkle Gasse,
Da ging ich heimlich nur;
Bei Abraham, dem Juden,
Versetzt' ich meine Uhr.
In jener dunklen Gasse,
Da sah ich - tief gekränkt -
Das Ringlein ew'ger Treue,
Das ich ihr jüngst geschenkt.
In jener dunklen Gasse,
Da ward mir alles klar.
Mit meiner ersten Liebe
War's aus für immerdar.
Zweite Liebe
1. Ich wohnte hinten nach dem Hof hinaus,
Mir gegenüber stand ein altes Haus.
Das alte Haus, das hat der Fenster viel,
Doch eins war meiner Augen stetes Ziel.
Denn an dem Fenster, blumenüberdeckt,
Saß jeden Tag ein Mädchen halbversteckt.
Sie las - begoß die Rosen; -- hie und da
Ihr schmachtend' Aug' zu mir herübersah.
Da klebt' ich an mein Fenster, halb im Scherz,
Aus Rosaglanzpapier ein flammend Herz.
Sie aber wandte sich. - Mit weißer Hand
Spielt' sie an ihrem losen Busenband.
Und träumerisch, als wär' es aus Versehn,
Ließ sie die Schleife aus dem Fenster wehn.
Ich hob sie auf, ich küßt' sie tausendmal.
Mein Visavis war auch mein Ideal.
2. Auf Promenaden sahen wir uns nie;
Doch schrieb sie mir, und ich, ich schrieb an sie.
Viel Liebes und viel Schönes schrieb sie mir
Auf goldumsäumtem Rosapostpapier.
Doch eins - dies eine sollte uns entzwei'n,
Eins schrieb sie nicht. - Sie hatt' ein kurzes Bein.
Dritte Liebe
1. Meine Freunde und Gesellen
Haben mich dazu verleitet,
Daß zu den Kasinobällen
Ich sie neuerdings begleitet.
Leicht und krinolinen-luftig,
Halb gefühlt und halb gesehen,
Fein eau-de-Cologne-duftig
Spürt' ich ihr Vorüberwehen.
Kaum daß in den Saal wir kamen,
Fühlt' ich schon mein Herz erbeben,
Denn die schönste aller Damen
Sah ich leicht vorüberschweben.
Ihre Wange war umgaukelt
Von den Locken, lang und lose,
Und als wie auf Wellen schaukelt'
Ihr am Busen eine Rose.
Und das Aug', das feurig matte, -
Ja! ich mußt' sie engagieren.
Eilig zupft ich die Krawatte,
Würdig mich zu präparieren.
2. Ach! Wie ist mir nur geschehen?! -
Ihn, den ich schon lange scheute,
Hatt' ich gänzlich übersehen,
Jenen Herrn an ihrer Seite.
Er fixierte mich so listig
Mit vertrautem Augenzwinken;
Und, weiß Gott! mir war, als müßt' ich
Spurlos in den Boden sinken. -
Heimlich bin ich fortgeschlichen. -
Jener Herr - so war es leider! -
Dem ich lang schon ausgewichen,
War ihr Vater und - mein Schneider.
(S. 91-96)
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Unglücklicher Zufall
Ich ging wohl hundert Male
Die Straße ein und aus;
Ich stand bei Sturm und Regen
Vor meiner Liebsten Haus.
Und heute, da ich lässig
An meinem Fenster steh',
Trifft sich's, daß ich mein Liebchen
Vorübergehen seh'.
Bei Sturm und kaltem Regen
Stand ich vergeblich dort;
Denn die gestrenge Mutter,
Die ließ sie ja nicht fort.
Sie nickt und winkt verstohlen,
Sie sieht mich zärtlich an -
Und ich, ich kann's nicht sagen,
Daß ich nicht kommen kann.
Ich selber hab' dem Regen,
Ich hab' dem Sturm getrutzt;
Nur meine neuen Stiefel,
Die sind ganz abgenutzt.
Ich kann's ihr ja nicht sagen,
Dem wunderholden Kind,
Daß meine einz'gen Stiefel
Heut' grad beim Schuster sind.
(S. 97-98)
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Metaphern der Liebe
Welche Augen! Welche Miene!
Seit ich dich zuerst gesehen,
Engel in der Krinoline,
Ist's um meine Ruh' geschehen.
Ach! in fieberhafter Regung
Lauf' ich Tag und Nacht spazieren,
Und ich fühl' es, vor Bewegung
Fang' ich an zu transpirieren.
Und derweil ich eben schwitze,
Hast du kalt mich angeschaut;
Von den Stiefeln bis zur Mütze
Spür' ich eine Gänsehaut.
Wahrlich! Das ist sehr bedenklich,
Wie ein jeder leicht ermißt,
Wenn man so schon etwas kränklich
Und in Nankinghosen ist.
Würde deiner Augen Sonne
Einmal nur mich freundlich grüßen,
Ach! vor lauter Lust und Wonne
Schmölz ich hin zu deinen Füßen.
Aber ach! Aus deinen Blicken
Wird ein Strahl herniederwettern,
Mich zerdrücken und zerknicken
Und zu Knochenmehl zerschmettern.
(S. 181-183)
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Die Rose sprach zum Mägdelein:
Ich muß dir ewig dankbar sein,
Daß du mich an den Busen drückst
Und mich mit deiner Huld beglückst.
Das Mägdlein sprach: O Röslein mein,
Bild dir nur nicht zuviel drauf ein,
Daß du mir Aug und Herz entzückst.
Ich liebe dich, weil du mich schmückst.
(S. 1344)
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Man wünschte sich herzlich gute Nacht;
Die Tante war schrecklich müde;
Bald sind die Lichter ausgemacht,
Und alles ist Ruh und Friede.
Im ganzen Haus sind nur noch zween,
Die keine Ruhe finden,
Das ist der gute Vetter Eugen
Mit seiner Base Lucinden.
Sie wachten zusammen bis in der Früh,
Sie herzten sich und küßten.
Des Morgens beim Frühstück taten sie,
Als ob sie von nichts was wüßten.
(S. 1345)
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Es saß in meiner Knabenzeit
Ein Fräulein jung und frisch
Im ausgeschnittnen grünen Kleid
Mir vis-à-vis bei Tisch.
Und wie's denn so mit Kindern geht,
Sehr frömmig sind sie nie,
Ach, dacht ich oft beim Tischgebet,
Wie schön ist doch Marie!
(S. 1375)
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Du willst sie nie und nie mehr wiedersehen?
Besinne dich, mein Herz, noch ist es Zeit.
Sie war so lieb. Verzeih, was auch geschehen.
Sonst nimmt dich wohl beim Wort die Ewigkeit
Und zwingt dich mit Gewalt zum Weitergehen
Ins öde Reich der Allvergessenheit.
Du rufst und rufst; vergebens sind die Worte;
Ins feste Schloß dumpfdröhnend schlägt die Pforte.
(S. 1379)
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Die Liebe war nicht geringe.
Sie wurden ordentlich blaß;
Sie sagten sich tausend Dinge
Und wußten noch immer was.
Sie mußten sich lange quälen,
Doch schließlich kam's dazu,
Daß sie sich konnten vermählen.
Jetzt haben die Seelen Ruh.
Bei eines Strumpfes Bereitung
Sitzt sie im Morgenhabit;
Er liest in der Kölnischen Zeitung
Und teilt ihr das Nötige mit.
(S. 1384)
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Ich sah dich gern im Sonnenschein,
Wenn laut die Vöglein sangen,
Wenn durch die Wangen und Lippen dein
Rosig die Strahlen drangen.
Ich sah dich auch gern im Mondenlicht
Beim Dufte der Jasminen,
Wenn mir dein freundlich Angesicht
So silberbleich erschienen.
Doch, Mädchen, gern hätt' ich dich auch,
Wenn ich dich gar nicht sähe,
Und fühlte nur deines Mundes Hauch
In himmlisch warmer Nähe.
(S. 1391)
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Sie hat nichts und du desgleichen;
Dennoch wollt ihr, wie ich sehe,
Zu dem Bund der heil'gen Ehe
Euch bereits die Hände reichen.
Kinder, seid ihr denn bei Sinnen?
Überlegt euch das Kapitel!
Ohne die gehör'gen Mittel
Soll man keinen Krieg beginnen.
(S. 1395)
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Er war ein grundgescheiter Mann,
Sehr weise und hocherfahren;
Er trug ein graumeliertes Haar,
Dieweil er schon ziemlich bei Jahren.
Er war ein abgesagter Feind
Des Lachens und des Scherzens
Und war doch der größte Narr am Hof
Der Königin seines Herzens.
(S. 1400)
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Es hatt' ein Müller eine Mühl
An einem Wasser kühle;
Da kamen hübscher Mädchen viel
Zu mahlen in der Mühle.
Ein armes Mädel war darunt,
Zählt sechzehn Jahre eben;
Allwo es ging, allwo es stund,
Der Müller stund daneben.
Er schenkt ein Ringlein ihr von Gold,
Daß er in allen Ehren
Sie ewig immer lieben wollt;
Da ließ sie sich betören.
Der Müller, der war falsch von Sinn:
»Wenn ich mich tu vermählen,
So will ich mir als Müllerin
Wohl eine Reiche wählen.«
Da 's arme Mädel das vernahm,
Wird's blaß und immer blasser
Und red't nit mehr und ging und kam
Und sprang ins tiefe Wasser. -
Der Müller kümmert sich nicht viel,
Tät Hochzeitleut bestellen
Und fährt mit Sang und Saitenspiel
'ne andre zur Kapellen.
Doch als man auf die Brücke kam,
Fängt 's Wasser an zu wogen
Und zischt und rauscht verwundersam
Herauf bis an den Bogen.
Die weiße Wassernixe stand
Auf schaumgekrönter Welle;
Sie hält in ihrer weißen Hand
Von Gold ein Ringlein helle.
Du Falscher, deine Zeit ist aus!
Bereite dich geschwinde!
Dich ruft hinab ins kalte Haus
Die Mutter mit dem Kinde.
(S. 1402-1403)
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Wärst du ein Bächlein, ich ein Bach,
So eilt ich dir geschwinde nach.
Und wenn ich dich gefunden hätt'
In deinem Blumenuferbett:
Wie wollt ich mich in dich ergießen
Und ganz mit dir zusammenfließen,
Du vielgeliebtes Mädchen du!
Dann strömten wir bei Nacht und Tage
Vereint in süßem Wellenschlage
Dem Meere zu. (S.
1404)
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Sie war ein Blümlein hübsch und fein,
Hell aufgeblüht im Sonnenschein.
Er war ein junger Schmetterling,
Der selig an der Blume hing.
Oft kam ein Bienlein mit Gebrumm
Und nascht und säuselt da herum.
Oft kroch ein Käfer kribbelkrab
Am hübschen Blümlein auf und ab.
Ach Gott, wie das dem Schmetterling
So schmerzlich durch die Seele ging.
Doch was am meisten ihn entsetzt,
Das Allerschlimmste kam zuletzt.
Ein alter Esel fraß die ganze
Von ihm so heiß geliebte Pflanze.
(S. 1412)
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Seid mir nur nicht gar zu traurig,
Daß die schöne Zeit entflieht,
Daß die Welle kühl und schaurig
Uns in ihre Wirbel zieht;
Daß des Herzens süße Regung,
Daß der Liebe Hochgenuß,
Jene himmlische Bewegung,
Sich zur Ruh begeben muß.
Laßt uns lieben, singen, trinken,
Und wir pfeifen auf die Zeit;
Selbst ein leises Augenwinken
Zuckt durch alle Ewigkeit.
(S. 1416)
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O du, die mir die Liebste war,
Du schläfst nun schon so manches Jahr.
So manches Jahr, da ich allein,
Du gutes Herz, gedenk ich dein.
Gedenk ich dein, von Nacht umhüllt,
So tritt zu mir dein treues Bild.
Dein treues Bild, was ich auch tu,
Es winkt mir ab, es winkt mir zu.
Und scheint mein Wort dir gar zu kühn,
Nicht gut mein Tun,
Du hast mir einst so oft verziehn,
Verzeih auch nun. (S.
1420)
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Scheu und Treu
Er liebte sie in aller Stille.
Bescheiden, schüchtern und von fern
Schielt er nach ihr durch seine Brille
Und hat sie doch so schrecklich gern.
Ein Mücklein, welches an der Nase
Des schönen Kindes saugend saß,
Ertränkte sich in seinem Glase.
Es schmeckt ihm fast wie Ananas.
Sie hatte Haare, wie 'ne Puppe,
So unvergleichlich blond und kraus.
Einst fand er eines in der Suppe
Und zog es hochbeglückt heraus.
Er rollt es auf zu einem Löckchen,
Hat's in ein Medaillon gelegt.
Nun hängt es unter seinem Röckchen
Da, wo sein treues Herze schlägt.
(S. 2394)
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Die Freunde
Zwei Knaben, Fritz und Ferdinand,
Die gingen immer Hand in Hand,
Und selbst in einer Herzensfrage
Trat ihre Einigkeit zutage.
Sie liebten beide Nachbars Käthchen,
Ein blondgelocktes kleines Mädchen.
Einst sagte die verschmitzte Dirne:
Wer holt mir eine Sommerbirne,
Recht saftig, aber nicht zu klein?
Hernach soll er der Beste sein.
Der Fritz nahm seinen Freund beiseit
Und sprach: Das machen wir zu zweit;
Da drüben wohnt der alte Schramm,
Der hat den schönsten Birnenstamm;
Du steigst hinauf und schüttelst sacht,
Ich lese auf und gebe acht.
Gesagt, getan. Sie sind am Ziel.
Schon als die erste Birne fiel,
Macht Fritz damit sich aus dem Staube,
Denn eben schlich aus dunkler Laube,
In fester Faust ein spanisch Rohr,
Der aufmerksame Schramm hervor.
Auch Ferdinand sah ihn beizeiten
Und tät am Stamm heruntergleiten
In Ängstlichkeit und großer Hast,
Doch eh er unten Fuß gefaßt,
Begrüßt ihn Schramm bereits mit Streichen,
Als wollt er einen Stein erweichen.
Der Ferdinand, voll Schmerz und Hitze,
Entfloh und suchte seinen Fritze.
Wie angewurzelt blieb er stehn.
Ach hätt er es doch nie gesehn:
Die Käthe hat den Fritz geküßt,
Worauf sie eine Birne ißt.
Seit dies geschah, ist Ferdinand
Mit Fritz nicht mehr so gut bekannt.
(S. 2423-2424)
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Im Herbst
Der schöne Sommer ging von hinnen,
Der Herbst, der reiche, zog ins Land.
Nun weben all die guten Spinnen
So manches feine Festgewand.
Sie weben zu des Tages Feier
Mit kunstgeübtem Hinterbein
Ganz allerliebste Elfenschleier
Als Schmuck für Wiese, Flur und Hain.
Ja, tausend Silberfäden geben
Dem Winde sie zum leichten Spiel,
Die ziehen sanft dahin und schweben
Ans unbewußt bestimmte Ziel.
Sie ziehen in das Wunderländchen,
Wo Liebe scheu im Anbeginn,
Und leis verknüpft ein zartes Bändchen
Den Schäfer mit der Schäferin.
(S. 2441)
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Höchste Instanz
Was er liebt, ist keinem fraglich;
Triumphierend und behaglich
Nimmt es seine Seele ein
Und befiehlt: So soll es sein.
Suche nie, wo dies geschehen,
Widersprechend vorzugehen,
Sintemalen im Gemüt
Schon die höchste Macht entschied.
Ungestört in ihren Lauben
Laß die Liebe, laß den Glauben,
Der, wenn man es recht ermißt,
Auch nur lauter Liebe ist.
(S. 2445)
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Abschied
Ach, wie eilte so geschwinde
Dieser Sommer durch die Welt.
Herbstlich rauscht es in der Linde,
Ihre Blätter mit dem Winde
Wehen übers Stoppelfeld.
Hörst du in den Lüften klingend
Sehnlich klagend das Kuru?
Wandervögel, flügelschwingend,
Lebewohl der Heimat singend,
Ziehn dem fremden Lande zu.
Morgen muß ich in die Ferne.
Liebes Mädchen, bleib mir gut.
Morgen lebt in der Kaserne,
Daß er exerzieren lerne,
Dein dich liebender Rekrut.
(S. 2464)
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Abschied
Die Bäume hören auf zu blühn,
Mein Schatz will in die Fremde ziehn;
Mein Schatz der sprach ein bittres Wort:
Du bleibst nun hier, aber ich muß fort.
Leb wohl, mein Schatz, ich bleib dir treu,
Wo du auch bist, wo ich auch sei.
Bei Regen und bei Sonnenschein,
So lang ich lebe, gedenk ich dein.
So lang ich lebe, lieb ich dich,
Und wenn ich sterbe, bet für mich,
Und wenn du kommst zu meinem Grab,
So denk, daß ich dich geliebet hab.
(S. 2598)
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Gedankenvoll
Ich weiß ein stilles Fensterlein,
Liegt heimlich und versteckt,
Das hat mit Laub der grüne Wein
Und Ranken überdeckt.
Im Laube spielt der Sommerwind,
Die Rebe schwankt und nickt,
Dahinter sitzt ein hübsches Kind
Gedankenvoll und stickt.
Im jugendklaren Angesicht
Blüht wundersüß der Mund
Als wie ein Rosenknösplein licht
Früh in der Morgenstund.
Im Netzgeflecht das blonde Haar
Umfaßt ein braunes Band,
Das liebe blaue Augenpaar
Blickt sinnend auf die Hand.
Und 's Köpfchen scheint so still zu sein.
Ist doch ein Taubenschlag.
Gedanken fliegen aus und ein
Den lieben langen Tag.
Sie fliegen über Wald und Flur
Ins weite Land hinaus.
Ach, käm ein einzig Täubchen nur
Und flöge in mein Haus.
(S. 2616-2617)
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Lass ihn
Er ist verliebt, laß ihn gewähren,
Bekümmre dich um dein Pläsier,
Und kommst du gar, ihn zu bekehren,
Wirft er dich sicher vor die Tür.
Mit Gründen ist da nichts zu machen.
Was einer mag, ist seine Sach,
Denn kurz gesagt: In Herzenssachen
Geht jeder seiner Nase nach.
(S. 2638)
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Aus: Busch, Wilhelm:
Werke. Historisch-kritische Gesamtausgabe,
Bde. I-IV, bearbeitet und hg. v.
Friedrich Bohne, Hamburg: Standard-Verlag, 1959
Biographie:
Busch, (Heinrich Christian) Wilhelm, * 15.4.1832 Wiedensahl bei Hannover,
† 9.1.1908 Mechtshausen bei Seesen; Grabstätte: ebd., Dorffriedhof. -
Zeichner, Maler u. Dichter.
Für den ältesten Sohn - von sieben Kindern - eines Krämers wurde es 1841
zu Hause zu eng, er kam zur Erziehung zum Bruder der Mutter, dem
Dorfpastor u. Bienenzüchter Georg Kleine, nach Ebergötzen bei Göttingen
(seit 1846 Lüthorst). Dem Wunsch des Vaters folgend, immatrikulierte sich
B. 1847 an der Polytechnischen Hochschule Hannover (Maschinenbau), verließ
sie aber 1851 u. ging nach Düsseldorf zur Kunstakademie, 1852 zur weiteren
Ausbildung nach Antwerpen an die Königliche Akademie der Schönen Künste.
Die Begegnung mit den niederländ. Malern des 17. Jh. geriet zum
Schlüsselerlebnis: Sie wurden zu seinen unerreichbaren Vorbildern. Ende
1853 erkrankte er schwer an Typhus u. kehrte heim. Nach der Genesung
begann er Märchen, Sagen, Volkslieder u. Sprüche zu sammeln, die aber erst
1910 nach seinem Tod als Ut ôler Welt (Mchn.) erschienen. 1854 ging B.
nach München u. wurde in die techn. Malklasse der Königlichen Akademie der
Künste aufgenommen, war aber von der Historienmalerei enttäuscht. Trotzdem
malte u. zeichnete er - neben seinen Bildergeschichten - überwiegend für
sich bis ungefähr 1895.
Heute gilt er mit seinen fast 1000 erhaltenen, meist kleinformatigen
Ölgemälden als eigenständiger Vorläufer der Moderne. Er blieb bis 1868 mit
großen Unterbrechungen in München. 1869 verlegte er seinen Wohnsitz nach
Frankfurt/M.; hier entwickelte sich eine mehr als mäzenat. Freundschaft
mit der Bankiersgattin Johanna Keßler. Die Gründe für die plötzl.
Auflösung seines Frankfurter Haushalts u. der Rückzug nach Wiedensahl,
zunächst ins Elternhaus, dann ins Pfarrhaus zu seinem Schwager, Pastor
Hermann Nöldeke, sind nicht genau erkennbar. Seit 1879 lebte er mit seiner
Schwester Fanny im Pfarrwitwenhaus. Reisen führten ihn u.a. auch nach
Belgien, Holland, Florenz u. Rom. Die Brieffreundschaft mit der holländ.
Schriftstellerin Maria Andersen zerbrach nach der persönl. Begegnung der
beiden, doch gehören B.s Briefe an sie mit ihrer Diskussion von u.a.
Schopenhauerschen Gedanken zu seinen wichtigsten. In der
Künstlergesellschaft »Allotria« bildete sich seit 1876 eine enge
Freundschaft mit den Malern Franz von Lenbach u. Friedrich von Kaulbach,
dem Bildhauer Lorenz Gedon, dem Schriftsteller Paul Lindau u. dem
Wagnerdirigenten Hermann Levi. B. richtete sich sogar 1877 ein eigenes
Atelier in München ein, reiste aber nach einem Eklat im Frühjahr 1880 nie
wieder dorthin. 1898 übersiedelte er mit seiner Schwester ins Pfarrhaus
seines Neffen Otto Nöldeke nach Mechtshausen.
B.s Weg zur Bildergeschichte ist nicht denkbar ohne sein Scheitern als
Maler. In München begann 1858 die »Karriere« dieser künstlerischen
Doppelbegabung: Für den Künstlerverein »Jung-München« zeichnete er
Karikaturen, der Verleger u. Holzschneider Kaspar Braun entdeckte ihn dort
1858 für die humoristische Zeitschrift »Fliegende Blätter«. 1859
erschienen hier u. in den »Münchner Bilderbogen« - ebenfalls bei Braun -
seine ersten illustrierten Witze, Karikaturen, Moritaten-Parodien u.
Bildergeschichten (bis 1871). Obwohl er bei diesen an Vorbilder wie die
populären Bilderbogen u. die Moritatentradition anknüpfen konnte u. oft
das Muster der - meist parodierten - Beispielgeschichte durchschimmert,
entwickelte er einen eigenen Stil der Bildergeschichte, der die Tradition
des komischen Epos aufnahm u. die Gattung des Comic strip direkt
beeinflussen sollte.
Mit Max und Moritz (Mchn. 1865) kündigt sich die Zeit der großen
Bildergeschichten (1868-1884) an. Hier präludiert B. sein zentrales Thema,
die Unterdrückung u. Vernichtung »natürlicher« Bosheit (dahinter verbirgt
sich die säkularisierte Auffassung der protestantischen Erbsündelehre),
die er bes. bei Kindern, Bauern u. Tieren sieht, im Namen von Vernunft u.
gesellschaftl. Nützlichkeit. In Die Fromme Helene (Heidelb. 1872)
demonstriert er erstmals, fast gleichzeitig mit der Bearbeitung u.
Illustrierung von Karl Arnold Kortums kom. Epos Jobsiade (Bilder zur
Jobsiade. Heidelb. 1872), an einem ganzen Lebenslauf die Konstanz des
»bösen« Charakters in Form eines satir. Sittenbilds des heuchlerischen
Bürgertums der Gründerzeit. Zusammen mit Werken wie der Satire gegen kath.
Heiligenverehrung Der heilige Antonius von Padua (Lahr 1870) u. der den
dt. Michel verklärenden polit. Satire Pater Filucius (Heidelb. 1872)
begründeten sie B.s Ruhm im neuen, preußisch geführten Deutschland während
des Kulturkampfs. Doch soll im Bürger u. Bauern seiner Zeit der Mensch
schlechthin getroffen werden; die vielen Lebensläufe in absteigender Linie
zeigen B.s generelle Skepsis: Das leere Leben Tobias Knopps (Die Abenteuer
eines Junggesellen. Herr und Frau Knopp. Julchen. Heidelb. 1875-77) hat
seinen Zweck erfüllt, sobald die Tocher unter der Haube ist, Balduin
Bählamm, der verhinderte Dichter (Mchn. 1883), geht wie ehedem in sein
Büro, u. aus dem hoffnungsvollen Kunststudenten (Maler Klecksel. Mchn.
1884) wird der biedere Schimmelwirt.
B.s Bildergeschichten gehören nur z. T. zur Literaturgeschichte; doch geht
die Wirkung gerade von dem meist komischen Kontrast zwischen Text u.
Zeichnung aus, wobei die oft virtuos bewegten Bilder meist den konkreten
anschaulichen Fall, die pointiert witzi-
gen Verse die kühle Abstraktion liefern. Auch B.s Lyrik (Kritik des
Herzens. Heidelb. 1874. Zu guter Letzt. Mchn. 1904. Schein und Sein. Mchn.
1909), durchaus von Heine u. dessen alltagssprachl. Pointen nicht
unbeeinflußt, zeigt sprachl. Virtuosität. Die Jahre nach den
Bildergeschichten (1886-1895) bringen autobiographische u. die weniger
bekannte poetische Prosa: Die drei Fassungen seiner extrem kurzen
Selbstbiographie (Was mich betrifft. In: »Frankfurter Zeitung«, 10.10. u.
2.12.1886. Von mir über mich. In: Die fromme Helene. Jubiläumsausg. Mchn.
1893. Überarb. in: Pater Filucius. 36. -39. Tsd. Mchn. 1894) bringen mehr
Bilder zu seinem Leben, als daß sie Aufschluß über Geschehenes gäben.
Eduards Traum (Mchn. 1891), eine bittere Satire auf alle
Sinngebungsmöglichkeiten, u. Der Schmetterling (Mchn. 1895), eine
symbolische u. allegor. märchenhafte Erzählung, Gleichnis für die
grundsätzl. Unmöglichkeit eines sinnvollen Lebens, Ausdruck eines nicht
nur durch Nietzsche geförderten Zeitgefühls am Ende des Jahrhunderts u.
persönl. Erfahrungen B.s, sind eine Art Fazit seines Werks.
Oft drast. Mittel der Darstellung v. a. in den Bildergeschichten sind B.s
viel diskutierte »komische Grausamkeiten«; seine mitleidlose Welt ist ein
Grenzfall der Komik, die allerdings wohl keinem latenten Sadismus
entspringt, sondern die menschl. Bosheit
entlarvt. Doch befreit die Komik auch vom Verlachten, u. die zeichnerische
Virtuosität verhüllt mit den oft liebevollen Genre- u. Detailstudien die
pessimistische Grundtendenz. So konnte B. als heiterer Haushumorist der
Deutschen rezipiert werden, mit deren Mehrheit er die Bismarckverehrung u.
den polit. Konservatismus teilte, nicht aber den Antisemitismus - hier hat
die Ironie B.s zu Mißdeutungen geführt; auch die krit. Teile seines Werks
wurden verharmlost: Opfer ihrer beispiellosen Popularität u. der Tendenz,
komische Literatur nicht so ernst zu nehmen, wie sie es verdient. 1930
wurde die Wilhelm-Busch-Gesellschaft gegründet, 1937 das
Wilhelm-Busch-Museum, beide in Hannover.
Aus: Autoren- und
Werklexikon: Busch, Wilhelm, S. 6. Digitale Bibliothek Band 9: Killy
Literaturlexikon.
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