Liebeslyrik aus China

(in deutscher Übersetzung)

 


Li T'ai Po
(701-762)



Günstlingin [Yang Kuei-Fei]
auf dem [kaiserlichen] Fest der Pfingstrosen

I.
Seeleschein langsamer Wolken auf ihren Gewändern,
Glanz von Blumen in ihrem Gesicht,
O Himmels Traumbild, nur im fernen Hoch zu finden
Auf dem Gipfel des Alledelsteinbergs
Oder im Elfenpalast von Kristall, wenn der Mond auf ist!
Doch erblick ich sie hier im Erdengarten –
Der Maiwind fegt sanft her übers Geländer,
Von Tau blinkts dicht.


II.
Sie ist der blühende Zweig der Pfingstrose,
Reich beladen mit Honigtau.
Ihr ist der Zauber der entschwundenen Fee,
Die in der alten Mär von Wolke und Regen
Das Herz des Träumerkönigs brach.
Wer, bitte, am Hofe des Hauses Han
War ihr zu vergleichen,
Es sei denn die Dame, Fliegende Schwalbe, erschiene wieder
In all ihrer Lieblichkeit?


III.
Sie steht am Lusthaus der Aloe
Gelehnt am Geländer.
Besiegt ist das dem Herzen des Frühlingswinds
Eingeborne Liebesverlangen.
Der Glanz der Blumen und die blumige Königin wetteifern
im Freun miteinander,
Weil der Kaiser sie ständig mit seinem Lächeln zu achten geruht.
(S. 318)
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Ankunft des Frühlings

Der Ostwind weht, der Rasen ist grün,
Die Frühlingssüße ist über die purpurnen Paläste und die
karminenen Türme gekommen.
Die Weiden zusüd des Teichs sind mattgrün geworden.
Sie wachsen wie [zarte] Nebelwölkchen
An dem glänzenden Schloß,
Ihr garnig Gezweig, zehn Ellen lang,
Schmieg[t sich] um die geschnitzten, bemalten Säulen,
Während hoch darüber die süßen Vögel melodisch
zusammen singen.
Sie singen mit Herzen früh-geregt von dem Frühlingswind,
Der sich in Baumwolken wellt und stirbt.

Die Stimme des Frühlings ist überall hörbar,
Bei den tausend Torwegen, bei den zehntausend Türwegen.
Im Kaisergarten, wo mein Herr und Gebieter verweilt.
Fünffärbige Wolken klären sich ab
Gegen den gelbroten Himmel.
Das kaiserliche Gefolg tritt erschimmernd
In der Sonne heraus aus dem goldnen Palast.
Des Kaisers juwelengeschmückter Wagen
Gleitet den Blumenpfad entlang,
Wendet sich erst nach dem östlichen Garten,
Wo man die anmutig tanzenden Kraniche anschaut,
Kehrt dann zurück nach dem südlichen Garten,
Wo man dem ersten Gesang der Nachtigallen zulauscht.
Sie singen hoch in den Bäumen.
Sie möchten gern ihr Lied mit den Orgelschalmeien mischen,
Sich einfügen ins kaiserliche Phönix-Flöten-Konzert.
(S. 319)
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An einen abreisenden Freund

Ich hör, die uralte Heerstraße
Ist rauh und holprig und schwer befahrbar:
Sie ist so steil, daß die Berge sich türmen
Jählings vor des Reiters Gesicht,
Und der Kopf des Pferds sich in Wolken verfängt.
Aber da wirst du den holzgepflasterten Hochweg finden,
Den würziges Laubwerk wohl überwölbt,
Und das süße Wasser des Frühlings,
Das um die Wälle der Zielstadt zieht.
Geh, mein Freund! Unsre Schicksale sind entschieden...
Du hast den Umstand nicht not, den schreibelustigen
Glückvorhersager zu fragen.
(S. 320)
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Das Mädchen des Flußschiffers

Das Wasser vom Flitzfluß ist flink wie ein Pfeil.
Ein Boot auf dem Flitzfluß saust dahin
Als hätte es Flügel.
Zehn Tage nur braucht es für dreitausend Meilen.
Und du gehst, mein Lieber –
O weh, wieviel Jahre, ehe du heimkehrst?
(S. 325)
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Die Sorge auf der Prunktreppe

Der Tau ist weiß auf der Prunktreppe,
Und netzt ihre seidnen Schuh. Tief in der Nacht.
Sie geht hinein, läßt den kristallnen Vorhang fallen
Und starrt den Herbstmond, der hindurchscheint, an.
(S. 325)
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Treffen im Feld

Kam ein Reiter liebesgemut,
Getrottet über der Straße gesunkene Blumen.
Seiner Gerte wippende Lasche streift
Eines vorbeifahrenden Wagens Fünffarbengewölk.

Der schmucke Vorhang ist aufgetan:
Eine schöne Frau lächelt drinnen,
"Dort ist mein Haus", raunt sie;
Zeigt auf ein rosanes Haus am Hang.
(S. 327)
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Blaues Wasser

Blau ist das Wasser und klar der Mond.
Und Er ist draußen auf dem Südsee, weiße Lilien sammeln.
Die Lotosblumen, scheint es, flüstern Liebe,
Füllen mit Schwermut des Bootmanns Herz.
(S. 328)
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Auf der Straße

Sie begegnen einander im rosanen Staub der Stadtstraße.
Er zückt seinen goldnen Reitstock hoch zum Begruße.
"Dame", sagt er, "wo wohnt ihr?"
"Zehntausend Häuser gibts unter den hangenden Weiden."
(S. 328)
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Des Kaisers Beischläferin

Als ein kleines Kind
Ward sie in goldnem Hause erzogen.
Gereift nun und lieblich wohnt sie
Im kaiserlichen Purpur-Palast.
Aus dem innersten Gemache wird sie hervorkommen,
Eine Bergblume im geglätteten Haar,
Gekleidet in rosa-bestickte Seide,
Und stets am Abend zurückkehren
In Begleitung der Kaiser-Sänfte.
Einzig, ach! – die Stunden von Tanz und Sang
Verrauchen gar schnell gegen Himmel. Vielleicht
Um die fliegenden Wolken in freudige Farben
zu tauchen.
(S. 331)
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Ein Paar Schwalben

Schwalben zwei und zwei, immer zwei und zwei.
Ein Schwalbenpaar ist ein Neid für Menschen.
Solch ein Paar lebte einmal in einem schmucken Schloßturm,
Lang lebten sie zusammen bei dem vergoldeten Fenster
mit seidnen Vorhängen.

Feuer fegte den Königsturm;
Nach einem andern Schloß zogen die Schwalben und
leimten ihr Nest.
Doch Feuer brannte das Schloß abermals hin,
Brannte das Schwalbennest weg samt allen Jungen.

Nur der Muttervogel entging dem Tod, nun verzehrt ihn Gram.
Arme einsame Schwalbe, sie sehnt sich nach ihrem Gefährten.
Niemals wieder können die beiden zusammen fliegen.
Mit Schwermut erfüllt dies mein kleines Herz.
(S. 339)
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[Ich bin] der Pfirsichbaum

Ein blühender Pfirsichbaum bin ich in einer tiefen Grube.
Da ist niemand, zu dem ich mich wenden könnte und lächeln.
Der Mond bist du, der oben am fernen Himmel
Vorüberziehend auf mich herabsah für eine Stunde und dann
für immer ging.

Ein Schwert mit schärfster Schneide vermöchte nicht
Das strömende Wasser entzweizuschneiden,
So daß es aufhören müßte zu fließen.
Mein Gedenken ist wie der Strom: es fließt und folgt dir
für immer nach. 
(S. 339)
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Der Seidenspinner

Flußaufwärts, bei der Weißkönigsstadt,
Schwillt das Wasser und der Wind geht hoch.
Mai ists. Wer wagts nun hinunterzusegeln
Durch die Stromschnellenschlucht hinunter zu mir –
In meinen lieblichen Landstrich, wo die Gerste reif steht
Und die Seidenraupe gepuppt hat –
Wo ich dasitz und spinn mit meinen Gedanken an dich,
Die endlos sind wie die seidnen Fäden?
Der Kuckuck ruft hoch auf in der Luft. O mir!
(S. 342)
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Das Tanzmädchen

Mit ihrer hellen Stimme,
Die Zähne, Perlen, entblößend,
Das Mädchen vom Norden, niedlichstes Kind,
Singt "Daunengräser" statt "Blaugewässer".
Dann – ihr Gesicht mit langem Ärmel bestreifend -
erhebt sie sich dir zulieb.

Sie tanzt wie die Winterwolke auf faumiger See,
kreiselnd-kräuselnd,
Sie tanzt wie der wilde Vogel der Tartarei, vom Wind
gen Himmel gerissen.

Die königliche Halle ist strahlender Mienen voll; es will
das Ergötzen nicht enden.
Mit Sonnenuntergang ereifern die Töne der Flöte und
die sanften Stimmen der Singmädchen sich.
(S. 342)
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Zeilen

Kühl ist der Herbstwind,
Klar der Herbstmond,
Verwehte Blätter tuscheln zuhauf und zerstreuen sich wieder.
Von der Kälte gestabt fährt ein Rabe von seinem Schlafsitz auf.
Wo bist du, Geliebte? – Wann werd ich noch einmal dich
wiedersehn?
Ach, wie mir das Herz schmerzt heut nacht, diese Stunde!
(S. 349)
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übersetzt von Hans Schiebelhuth (1895-1944)

Aus: Hans Schiebelhuth Gedichte 1916-1936 / Übertragungen
Agora Darmstadt Zürich
Diese Ausgabe wurde aufgrund der Originalhandschriften
herausgegeben von Manfred Schlösser
Mit Unterstützung des Magistrats der Stadt Darmstadt gedruckt 1966

 


 

 


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