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Max Dauthendey
(1867-1918)
Wenn wir lieben
Wenn wir lieben, sind wir zeitlos,
Liegen bei den tiefsten Feuern,
Sehen dann von Ferne bloß,
Daß die Lebensstunden sich erneuern.
Werden wie die Gottheit groß,
Fühlend in die Höhen, Tiefen, Breiten,
Wissend alles, was vorüberfloß
An den Quellen der Unendlichkeiten.
Wissend, liebend jed' Geschehen,
Mitgenießend alles, was die Welt genoß,
Sehend, ohne mit dem Aug' zu sehen,
Untergehend und bestehend Schoß im Schoß.
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Nie war die eine
Liebesnacht in deinem Schoß
der andern gleich
Nie war die eine Liebesnacht
In deinem Schoß der andern gleich,
Dein Leib ist ein Septembermond
An immer neuen Früchten reich.
Die Brüste sind ein Traubenpaar,
Und drinnen pocht der junge Wein,
Die Augen sind ein Himmelstor
Und lassen meine Wünsche ein.
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Du und ich
Du und ich!
Wunschlose Seligkeit
Strömt deine Nähe über mich.
Der Alltag wird zur Sonntagszeit,
Unsterblich schlingt das Leben sich
Um uns. Und Menschengöttlichkeit
Fühl' ich bei dir durch dich.
Was einst gewesen, weiß ich kaum.
Die enge Welt wird weiter Raum.
Und Holz wird Eisen, Eisen Holz
Und Stolz wird Demut, Demut Stolz.
Gar wunderbare Weisen
Singt dann bei seinen Kreisen
Mein Blut im Paradies für mich.
Es haben alle Wünsche Ruh', -
Ich weiß nicht mehr, wer bist dann du.
Ich weiß nicht mehr, wer bin dann ich.
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Deine Küsse, deine Brüste,
deine Arme
Pressen noch lüstewarm meinen Leib.
Dein Blut, dein Fleisch
Ruht noch lüstewarm an mir.
Meine Schritte schallen,
Meine Schritte fallen härter von Stein zu Stein,
Die Erde nimmt mich in ihre Mitte,
Verwundert fällt es mir ein:
Wir lagen draußen im Weltenraum,
Wir beide allein.
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Einst werden Sonn' und Sterne kalt
Du liegst so gut in meinem Arm,
So gut ruht nur in mir mein Herz.
Wir schweben wie das Feuer fort
Und leben nur der Küsse Leben.
Einst werden Sonn' und Sterne kalt,
Uns hat der Tod vergessen müssen,
Und tausend, tausend Jahre alt
Leben wir noch in jungen Küssen.
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Die Liebe
Ach, gibt es ein göttlicher Weh als die Liebe,
Gibt es ein köstlicher Glück als ihr Leid,
Streift sie auch nur mit dem Finger dein Kleid
Mitten im sinnlosen Straßengetriebe!
Liebe fühlt fein, wie ein Nackter im Grase,
Liebe im Aug' sieht den Winter noch grün,
Macht auch den Waffenlosen todkühn
Und trutzig dein Herz zum Prellstein der Straße.
Mehr als die Weisen kann Liebe begreifen,
Liebe gibt tausend Glühlampen dem Geist,
Liebe hat alle Sternbahnen bereist,
Liebe ist rund um das Weltall ein Reifen.
Mit dem Liebe gerungen, der nur ist Ringer,
Wer um Liebe gelitten, der nur hat Ruhm;
Wer die Liebe verschwiegen, der nur war stumm;
Wer aus Liebe gesungen, der nur war Singer.
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alle
Liebesgedichte
von Max Dauthendey
Gedichte aus: Max Dauthendey: Gesammelte Werke. In sechs Bänden. Vierter
Band: Lyrik und kleinere Versdichtungen.
Albert Langen München 1925
Biographie:
Dauthendey Max(imilian), 25.07.1867 Würzburg - 29.08.1918 Malang/Java,
Sohn eines Photographen, wollte Kunstmaler werden, auf Wunsch des Vaters
1886-89 in dessen Photoatelier, 1891 Schriftsteller in Berlin, seither
unstetes Wanderleben, 1893 Bekanntschaft mit Dehmel und George, 1893/94 in
Schweden, 1894 in London; seit Februar 1896 Paris. Heiratet am 5.05.1896
ebenda Annie Johanson, 1897/98 mit Frau nach New York und Mexiko, 1898 in
Griechenland, 1899-1905 in Paris, 1905/06 Reise nach Ägypten, Indien,
China, Japan, Hawaii, USA; tiefe Eindrücke ostasiatischer Lebens- und
Kunstauffassung. 1914 neue Weltreise, Arabien, Java, Neuguinea; von
Weltkrieg überrascht, vergebliche Heimkehrversuche, starb tropen- und
heimwehkrank in Internierung. -
Sinnenhaft-impressionistischer Dichter, romantischer Monist, Verkünder
eines leidenschaftlichen Schönheitskultes und eines
'Weltfestlichkeitsgefühls'. Romantisches Fernweh und Heimweh bestimmen
Stoff und Atmosphäre seines Werkes. Lyriker von außerordentlicher
Empfänglichkeit für sinnliche Reize und starker sinnlicher Anschaulichkeit
und Musikalität der Sprache: Umsetzung impressionistischer Gemälde in
Wortkunst; ausgeprägter Sinn für Synästhesien. Hauptthemen: Liebe, Natur,
Schönheit. Anfangs formstrenge Lyrik unter Einfluß Georges, dann
impressionistisch aufgelockerte, rhythmisierte Prosa; Erzähler exotischer
Novellen in lyrischer Prosa, oft erotischen Inhalts in zarten
Pastellfarben; bühnenschwache Dramen.
Aus: Gero von Wilpert: Lexikon der Weltliteratur. Band I Autoren, Kröner
Verlag Stuttgart 1975
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