Liebeslyrik ausländischer Dichterinnen

von der Antike bis zum 20. Jahrhundert
(in deutscher Übersetzung)

 


Aspazija
(1865-1943)
(eigentlich Elza Pliekšāne, geborene Rozenberga)

lettische Dichterin



Zauberweise

Helle Strahlensaiten
Vollmond spannt zum Meer,
eine Zauberweise
klingt verlockend her:

Zieh mit mir von hinnen
auf die lichte Bahn,
lasse dich entführen
weit im Zauberkahn.

Gülden sind die Segel,
silbern Bord und Kiel,
Abendstern am Steuer
leitet sanft zum Ziel.

Zieh mit mir, ich kenne
fern ein selges Land,
wo der Mond die lichte
Sonnentochter fand,

wo der Strahl am Strahle
hell in Glut entbrannt,
wo das Herz am Herzen
selge Heimat fand.

Alles Erdensehnen
löst sich wie ein Traum,
Meer des Lichtes flutet
ohne Zeit und Raum.
(S. 44-45)
_____



Das Märchen

Sacht, auf grauem Rösslein reitend
Märchen schwebt vorübergleitend.

Märchen reitet durch das Land,
goldnes Gertlein in der Hand,

Hastig, hastig muss es eilen,
darf auf Erden nicht verweilen.

Eh die Jugendträume fliehen,
muss es schon von hinnen ziehen.

Ross und Märchen längst schon schwanden,
doch - nun seh ich neu erstanden

sacht an mir vorübergleitend
Märchen auf dem Rösslein reitend.

Blaue Blumen sind die Zügel,
helles Silber Huf und Bügel.

Und als Perlenschnüre hangen
liebe Tage, längst vergangen.

Hastig, hastig muss es eilen,
darf auf Erden nicht verweilen.
(S. 46)
_____



Frühlingsmorgen

Vom Sagenstrande
landet an
der Lenz im weissen
Schwanengespann.

Von Blüten weiss
ist sein Gewand,
Goldfalter schaukelt
auf der Hand.

Und duftgedrängt
und sehnsuchtsmatt
wirbt Well um Welle,
Blatt um Blatt.

Auf Purpurpfühlen
im Wolkenraum
liegt Sonnentochter
noch halb im Traum.

Zuweilen schiebt sie
den Saum zurück,
wirft auf die Erde
verstohlen den Blick

und streichelt voll Liebe
zur Birke gewandt
das grüne Köpfchen
mit goldner Hand.

Im grauen Mäntlein
ein Sprühregen leicht
den Regenbogen
hinuntersteigt.

Rings liegt die Welt
mit Schleiern verhängt,
und der Lenz die Erde
in Liebe umfängt.
(S. 47-48)
_____



Sapphos Lieder

Fern an Lesbos' Gestade
nimmer die Brandung wird stumm,
stets im Wirbel des Abgrunds
klingt es wie Bienengesumm.

Tief da unten gebettet
Sappho, die Sängerin, liegt,
die in der Stadt der Veilchen
alle im Wettkampf besiegt.

In der Röte des Abends
liegt sie weissleuchtend in Ruh,
Meergotts grünhaarige Töchter
decken sie sorgsam zu.

Nur den Körper verschlungen
hat das schwarzgähnende Meer,
wie die Bienen Hymetos'
schweben die Lieder umher.

Kommen aus Thrakien Stürme,
hebt sich der Lieder Gewalt,
dass vom fernen Kolonos
Echo herüberschallt.

Lauschend verstummt der Bacchanten
schwärmende Schar im Land,
sinkt die schäumende Schale
aus der erhobenen Hand.

Einhalt tun, Tränen im Auge,
die Mänaden sogar,
der hartglänzende Epheu
fällt aus rotflatterndem Haar.

Weiter ziehn Sappho's Lieder
bis an des Hades Tor,
Schweigen und Tod besiegend
steigen sie leuchtend empor.
(S. 53-54)
_____


Aus: Lettische Lyrik Eine Anthologie
Übersetzt aus dem Lettischen von
Elfriede Eckardt-Skalberg [1884-1964]
A. Gulbis Verlag Riga 1924
(von der Dichterin selbst ins Deutsche übersetzt)


 

Biographisches:
siehe: http://de.wikipedia.org/wiki/Aspazija



 

 


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