Liebeslyrik ausländischer Dichterinnen

von der Antike bis zum 20. Jahrhundert
(in deutscher Übersetzung)

 


Mirabai

(um 1498-1546)

indische Dichterin



An Krishna

Ich habe nur Girdhar Gopal und keinen andern habe ich,
Ihn zu verehren kam ich her, und alle sahen kommen mich.
Mit Wasser, das dem Aug' entfloß,
Der Liebe Pflanze ich begoß,
Ich säte sie und mit Gebet
Hab ich gepflegt sie früh und spät;
Nur bei den Heiligen ich saß,
Die Welt zu scheuen ich vergaß.
Von meiner Liebe jeder weiß, sie ist bekannt in aller Welt.
Der Muschel, Keule, Diskus und den Lotos und die Flöte hält,
Und der die Pfauenfeder trägt - er einzig ist der Gatte mein;
Verlassen hab' ich alle, die verwandt mir sind, ich bin allein. -
Was denn geschehen soll, mag es sein!
Als Sklavin suchte Mira dich.
Ich habe nur Girdhar Gopal und keinen andern habe ich.
_____


An Krishna

O laß mich, König Ranchor, wohnen im heil'gen Dvarika bei dir,
Mit Muschel, Diskus, Keule Lotos die Todesfurcht vertreibe mir!
Am Gumtifluß schenkt ew'ge Ruhe dem Pilger jeder Gnadenort:
Hier aber spielt man deine Spiele, hier tönt die Cymbel fort und fort.
Verlassen hab' ich Land und Schätze und nicht mehr bin ich Königin.
Als deine Sklavin zu dir flüchtend, kommt Mira Bai,
o nimm sie hin!

O Freund, wenn du mich hast erkannt als rein,
so nimm mich hin zu dir,
Die ganze Welt ist mitleidslos, erweise du drum Gnade mir.
Tags quält mich Hunger und des Nachts flieht mich der Schlaf,
mein Leib geht ein.
O Mira's Herr, Girdhar, ich kam zu dir,
laß mich dein eigen sein.


Anmerkungen:
Girdhar (Berghalter) heißt Krishna, weil er einmal einen Berg in die Höhe hob, Gopal (Kuhschützer), weil er Kühe hütete.
Ranchor ist ein Name Krishnas, weil er sich von dem Kampfe (ran) fortstahl (chor), den er mit Jarasandha um die Stadt Mathura zu führen hatte. Dvarika, eine der heiligsten Städte der Hindus, auf der Halbinsel Kathiavar an der Westküste Indiens gelegen, war der Ort, wohin Krishna geflohen sein soll, und er deshalb als Rachchor verehrt wird.


Übersetzt von Otto von Glasenapp (1853-1928)

Aus: Indische Gedichte aus vier Jahrtausenden
In deutscher Nachbildung von Otto von Glasenapp
Mit einer Einleitung und Erläuterungen
von Helmuth von Glasenapp
Berlin 1925 (S. 93-94)
 

 

Biographisches:

siehe: http://de.wikipedia.org/wiki/Mirabai


weitere Literaturhinweise:

  • Mirabai Liebesnärrin Die Verse der indischen Dichterin und Mystikerin
    Aus dem Rajasthani zum ersten Mal ins Deutsche übertragen von Shubhra Parashar (M.A.)
    YinYang Media Verlag Kelkheim 2006

    siehe: http://www.yinyang-verlag.de/Mirabai.htm

    (dort einige Kostproben aus dem Gedichtband)

     

 


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