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Anna de Noailles
(1876-1933)
französische Dichterin
Du lebst
Du lebst. Den Himmel Deiner Züge schlürfend,
bin ich, mit Deinem Lachen, rein gespeist,
was weiß ich, wann Du, Sichres nicht bedürfend,
mich einmal Hungers sterben heißt.
Allein und immer staunend, wie ich fahre,
hab ich nicht Zukunft, keiner Hütte First,
ich fürchte mich vorm Haus, vorm Tag, vorm Jahre,
da du mich leiden machen wirst.
Selbst wenn ich in den Lüften, die mich fassen,
Dich sehe, und Dein Herz ist unverdorrt,
etwas von Dir will immer mich verlassen,
indem Du bist, gehst Du schon fort.
Du gehst, ich bleibe gleich dem scheuen Hunde,
der mit der Stirn auf sonnenweißen Sand
zu fassen sucht in dem beirrten Munde
den Falterschatten, der entschwand.
Du gehst, mein Schiff, die Meere, die Dich wiegen,
rühmen Dir künftige Entzückung dort,
und doch, die Ladungen der Erde liegen
in meinem stillen Hafenort...
Übersetzt von Rainer
Maria Rilke (1875-1926)
Aus: Das Kopfkissenbuch der Liebe
Liebesgedichte von Frauen.
Gesammelt, kommentiert und herausgegeben
von Michael Korth Knaur Verlag 2005
Biographisches:
siehe:
http://de.wikipedia.org/wiki/Anna_de_Noailles
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