Europäische Liebeslyrik

(in deutscher Übersetzung)

Edward Charles Halle (1846-1914) - Die Musik

 


Francisco de Aldana (1537-1578)

(In der Übersetzung von Friedrich Wilhelm Hoffmann)



Sonett

Aus Phyllis schönem Augenpaare flossen
Sanft niederrinnend auf die holden Wangen
Zwei Thränen, die dort köstlich blinkend hangen,
Den Perlen gleich, vom Morgen ausgegossen.

Gesenkten Haupts, von Damon's Arm umschlossen,
Lag bleich sie da, das Herz in Gram befangen,
Und ihrer Lippe sich die Wort' entrangen,
Indem die Thränen stärker niederschossen:

"O rauhes Herz! o rauhe Seel', erfüllet
Von Härte ganz! wohin zieht Dich Dein Sehnen?
Wohin soll leicht und rasch Dein Flug Dich tragen?"

Und Er, dem bittres Nass vom Auge quillet,
Er küsset ihr hinweg die süssen Thränen,
Und kann als Antwort nur ein Ach! ihr sagen.
(S. 311)

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Sonett

Gerathen, Dame, sind in einen Streit
Natur, der Gott der Liebe nebst Cytheren
Ob Eurer Reizgestalt, der lieblich hehren,
Wozu das vollste Recht Ihr ihnen leiht.

Mit höchstem Fleisse, grösster Emsigkeit
Spähn sie, wer Lösung ihnen wohl gewähren
Des Handels möge, des so dunkeln, schweren;
Doch Niemand ist, der wagte den Entscheid.

Aufstellen sie der Klagepunkte drei.
Cythere - dass Ihr Opfer ihr entrissen:
Cytheren's Sohn - dass er kein Gott Euch sei:

Es schwöret die Natur auf ihr Gewissen,
Dass sie in Eure Form goss keine zwei,
Und dafür Euren Dank nun solle missen.


Übersetzt von Friedrich Wilhelm Hoffmann (1785-1869)

Aus: Blüthen spanischer Poesie
Metrisch übertragen von Friedrich Wilhelm Hoffmann
Dritte, stark vermehrte Auflage
Magdeburg und Leipzig
Verlag der Gebrüder Baensch 1857
(S. 312)
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Sonett

Tausendmal sag' ich Galathea'n: "Du
Bist schöner als die Sonne doch!" umstricken
Mich ihre Arme; gleich mit sanften Blicken
Straft sie mich, ruft: "Mein Thyrsis, schweig!" mir zu.

Beschwören will ich's ihr; und sie, im Nu,
Indem sie höh're Rosengluten schmücken,
Wehrt mir's mit einem Kuss, und sucht zu schicken
Rasch mit dem Händchen meinen Mund zur Ruh.

Ich suche sanft von ihr mich loszuringen!
Da ruft sie schnell, mich fester noch umwindend:
"Ja, ja, ich glaube Dir, mein Schatz; nicht schwöre!"

Weil mich so mächt'ge Fesseln nun umschlingen,
Räth Amor mir, den süssen Streit entzündend,
Dass ihren Wunsch ich unbedingt erhöre.


Übersetzt von Friedrich Wilhelm Hoffmann (1785-1869)

Aus: Blüthen spanischer Poesie
Metrisch übertragen von Friedrich Wilhelm Hoffmann
Dritte, stark vermehrte Auflage
Magdeburg und Leipzig
Verlag der Gebrüder Baensch 1857
(S. 313)

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