Europäische Liebeslyrik

(in deutscher Übersetzung)

Edward Charles Halle (1846-1914) - Die Musik

 


Alfred Tennyson (1809-1892)


Lilian'

Luft'ge Sylphe Lilian',
Duft'ge Sylphe Lilian', -
Wenn ich ihr mein Herz verpfände,
Klatscht sie in die winz'gen Hände,
Lacht und nimmt's nicht an;
Sagt nicht, daß sie Lieb' empfände,
Böse kleine Lilian'.

Will mein Liebesklagen
Ich ihr seufzend sagen,
Schaut sie mir zur größten Pein
Durch und durch ins Herz hinein,
Lacht und spricht kein Wort;
Die schwarzen Perlenaugen funkeln
So listig-fromm durch den Schleier, den dunkeln,
So erzunschuldig-verschlagen,
Bis in den jungen Rosen der Wangen
Sich lächelnde, blitzende Grübchen gefangen,
Und dann läuft sie fort.

Wein', o wein', Mai-Lilian'!
Scherz ohn' Ernst hat seine Klippen,
Langweilt mich Mai-Lilian'.
Dieses silberhelle Lachen,
Trillern von den Purpurlippen,
Dieses kann mich rasend machen;
Wein', o wein', Mai-Lilian'
Sieh', ich bitte, was ich kann;
Sollt' das Bitten mir nicht glücken,
Würd' ich dich, Mai-Lilian',
Wie ein Rosenblatt zerdrücken,
Dich, du Sylphe Lilian'.
(S. 713-715)

Übersetzt von Otto Ludwig Heubner (1856)

Aus: Englische Dichter Eine Auswahl englischer Dichtungen
mit deutscher Übersetzung
von O. L. H ...r [Otto Ludwig Heubner]
Leipzig Verlag von Georg Wigand 1856

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Liebe und Tod

Als mit dem ersten Licht der Vollmond schien,
Ging Liebe hin durch Edens Myrrhenauen,
Mit hellem Auge rings sich umzuschauen;
Da sieh, die Casia! Unter Eiben wandelt,
Und ganz vereinsamt mit sich selbst verhandelt
Der Tod. Im Mondlicht tritt er vor sie hin
Und ruft: "Du mußt hier weichen, dies ist mein!"
Die Liebe weint' und sprach, als sie zum Fliehn
Die Schwingen hob: "Die Stunde hier ist dein:
Du bist des Lebens Schatten; wie der Baum,
Der in der Sonne steht, den untern Raum
Beschattet, so zu höherm Leben weiht
Der Schatten "Tod" im Licht der Ewigkeit;
Der Schatten schwindet mit des Baumes Falle, -
Ich aber herrsch' im Ew'gen über Alle."
(S. 715)

Übersetzt von Otto Ludwig Heubner (1856)

Aus: Englische Dichter Eine Auswahl englischer Dichtungen
mit deutscher Übersetzung
von O. L. H ...r [Otto Ludwig Heubner]
Leipzig Verlag von Georg Wigand 1856

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Die Ballade von Oriana

Mein Herz ist wund und blutet sehr,
Oriana.
Keine Ruh' für mich auf Erden mehr,
Oriana.
Liegt Schneefall auf den Wäldern schwer,
Zerbricht der Sturm die Bergesföhr',
Oriana,
Ich wandre einsam hin und her,
Oriana.

Die Hähne schrien verdrossen,
Oriana.
Das Thor ward aufgeschlossen,
Oriana.
Wolken gossen, Wasser flossen,
Knechte zogen mit den Rossen,
Oriana,
Bewehrt mit Lanzen und Geschossen,
Oriana.
Im Eibenholze schwarz wie Nacht,
Oriana,
Eh' ich zum Kampf mich aufgemacht,
Oriana,
Im Eibenholz auf stiller Wacht,
Bei Mondenschein und Sternenpracht,
Oriana,
Schwor ich dir Treue vor der Schlacht,
Oriana.

Hoch stand sie auf des Walles Höh'n,
Oriana,
Sie folgte meiner Helmzier Weh'n,
Oriana.
Sie sah mich in's Gemenge geh'n,
Einen starken Feind mußt' ich besteh'n,
Oriana;
Dicht stand er vor des Walles Höh'n,
Oriana.

Der bittre Pfeil er ging vorbei,
Oriana!
Der falsche Pfeil, er ging vorbei,
Oriana!
Der Pfeil des Fluches ging vorbei,
Und schnitt dein süßes Herz entzwei,
Oriana!
Mein Leben, schnitt dein Herz entzwei,
Oriana!

Nun Kampf und Toben überall,
Oriana.
Die Hörner schrien mit lautem Schall,
Oriana.
O, tödtlich war der Schwerter Fall,
Das Blut entfloß der Panzerschnall',
Oriana;
Ich lag am Boden vor dem Wall,
Oriana.

Was traf kein Schwert mich, wo ich lag,
Oriana?
Was stand ich auf in meiner Schmach,
Oriana?
Wie konnt' ich anschau'n noch den Tag,
Was traf kein Schwert mich, wo ich lag,
Oriana -
Weh', daß kein Huf mein Haupt zerbrach,
Oriana!
O brechend Herz, das doch nicht bricht,
Oriana,
O mild und fromm und bleich Gesicht,
Oriana,
Du lächelst, doch du redest nicht -
Ach, meine Thränen stürzen dicht,
Oriana!
Was suchst du, meiner Augen Licht,
Oriana?

Ich wein' und geh' in großem Schmerz,
Oriana.
Ich seh' dich winken allerwärts,
Oriana.
Ich wank' umher in meinem Schmerz,
Ach, blut'ge Thränen weint mein Herz,
Oriana.
Durch deine Seele fuhr mein Erz,
Oriana.

O, Fluch der Hand, die das gefügt,
Oriana!
O, glücklich du, die niedrig liegt,
Oriana!
Vom hohen Schloß mein Banner fliegt -
O, hätt' ich nun und nie gesiegt,
Oriana!
Ein öder Weg, der vor mir liegt,
Oriana!

Wenn über's Meer die Stürme schrein,
Oriana,
Ich irr' am Strand, und denke dein,
Oriana.
Du liegst und schlummerst unter'm Rain,
Gern stürb' ich, um dir nah zu sein,
Oriana.
Ich höre Wind und Wellen schrein,
Oriana.
(S. 158-162)

Übersetzt von Ferdinand Freiligrath (1810-1876)

Aus: Ferdinand Freiligrath's sämmtliche Werke
Vollständige Original-Ausgabe
(Vierter Band: Aus neueren englischen Dichtern)
New-York Verlag von Friedrich Gerhard 1858
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