Europäische Liebeslyrik

(in deutscher Übersetzung)

Edward Charles Halle (1846-1914) - Die Musik

 


Algernon Charles Swinburne (1837-1909)


Ein Paar

Wär' Liebchen eine Rose,
Und ich daran das Blatt,
Da lebten eins wir weiter
Durch Wetter trüb' und heiter,
Bei Klang und Lustgekose
Im Feld' auf Blumenmatt';
Wär' Liebchen eine Rose,
Und ich daran das Blatt!

Wär' ich des Worts Gestaltung,
Mein Lieb der Rede Laut,
Dann küssten wir uns innig
Im Doppelton, so minnig,
Wie Vöglein in der Waldung,
Wenn sanfter Regen thaut;
Wär' ich des Worts Gestaltung,
Mein Lieb' der Rede Laut.

Wärst du das Leben, Süsse,
Und ich der Tod, mein Lieb':
Da strahlten wir und schnei'ten,
Eh' März brächt' bess're Zeiten
Mit Staarmatz und Narzisse
Und milder Lüfte Trieb;
Wärst du das Leben, Süsse,
Und ich der Tod, mein Lieb'.

Wärst hörig du dem Kummer,
Ich Edelknab' der Lust,
Da spielten wir für's Leben
Mit Schmollen und Vergeben
Bald weinend uns in Schlummer,
Bald lachend, siegsbewusst;
Wärst hörig du dem Kummer,
Ich Edelknab' der Lust.

Wärst du Aprils Gestrenge,
Der Herr des Maien ich,
Wie wollten wir uns herzen
Mit Laub- und Blüthenscherzen,
Bis Tag die Nacht verschlänge,
Und Nacht dem Tage glich;
Wärst du Aprils Gestrenge,
Der Herr des Maien ich.

Wärst Kön'gin du der Freude,
Und König ich der Pein,
Die Liebe dann wir fingen,
Verkürzten ihr die Schwingen
Und lehrten Takt ihr beide
In Schritt und Rede fein;
Wärst Kön'gin du der Freude,
Und König ich der Pein.
(S. 351-352)

Übersetzt von Karl von Beaulieu-Marconnay (1811-1889)

Aus: England und Amerika Fünf Bücher englischer
und amerikanischer Gedichte
von den Anfängen bis auf die Gegenwart
In deutschen Übersetzungen
Chronologisch geordnet mit litterarhistorisch-kritischen
Notizen und einer Einleitung
von Julius Hart
Minden i. W. J. C. C. Brun's Verlag 1885
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Ein Lied des Lebens

Ich fand im Traume einen Ort der Rast
Mit süssen Blumen, duftigem Gerank.
Im weichen Sommerwinde bog sich schwank
Mit lieblichem Geflüster Ast zu Ast.
Inmitten sass ein Weib, weiss angetan,
In meinen Adern flammte und gerann
Das Blut, denn sie war wundersam;
In ihren Augen glomm ein sanftes Weh,
Auf ihren Lippen lag ein Glück von eh,
Ein milder Gram.

Sie hielt in ihrer Hand ein Instrument,
Das war von Gold und glänzte zauberhaft,
Aus eines Spielmanns Hinterlassenschaft
Vielleicht, den längst die Nachwelt nicht mehr kennt.
Die Saiten hatten Namen, Kräften gleich
In Menschenbrust. Die erste schien so weich -
Sie hiess Barmherzigkeit und weinte bloss.
Die andern waren Traum, Glück, Leid benannt
Und Liebe, dem Erbarmen so verwandt
Und so erbarmungslos.

Drei Männer hielten sich im Hintergrund,
Gehüllt in rote Mäntel, Gold daran;
Gold klebte auch an ihren Schuhen und
Zerpflückte Ähren hingen ihnen an.
Des ersten Mannes Haar war auf sein Haupt
Wild hochgeknotet, sein Gewand verstaubt,
Die Wangen glühten fieberisch und hohl,
Und seine Brauen waren halb verdeckt
Von einem Tuch, in Fetzen und befleckt:
Der Lust Symbol.

Schmach hiess der Zweite. Fahl war sein Gesicht
Wie grünes Holz, an dem die Flamme zehrt.
Die dünnen Füsse wankten wie beschwert,
Als trügen sie die leichte Bürde nicht;
Sein Antlitz war uralten Grauens voll,
Mit jedem Kreislauf seines Blutes schwoll
Das Unmass seiner Bitterkeit und Not.
Der Dritte war die Furcht, zur Schmach gesellt,
Wie diese gramzerrissen und entstellt
Und nah verwandt dem Tod.

Da sprach in mir mein Herz: O wunderbar,
Kein Blick ins All kann staunenswerter sein,
Ja, selbst der Sonne Huld nicht - wenn es wahr,
Dass mit der Sünde etwas ihr gemein.
O seltsam Rätsel! Und ich frug danach
Die Frauen, die ihr huldigten. Da sprach
Von den drei Männern erst die Furcht: "Sieh mich,
Ich bin gestorbene Barmherzigkeit."
Sprach Schmach: "Ich bin getröstet Herzeleid."
Sprach Lust: "Die Liebe ich."

Hierauf berührte sie ihr Saitenspiel
Und sang in fremden Lauten, lieblich leis.
Und alle Angesichter wurden weiss
Vor süssem Schmerz, und alle weinten still.
Von den drei Männern aber fiel das Kleid
Des Elends ab, die Augen wurden weit,
Durch ihre Wangen floss in frischem Lauf
Das Blut, die Glieder füllte neues Mark,
Als stünden sie von den Begrabnen stark
Und jung zum Leben auf.

Da sprach ich: "Wahrlich, Herz, nun sei gewiss,
Dass meine Herrin ganz in Reinheit strahlt,
Dass sie verwandelt alle Bitternis,
Den Tod verklärt, und von der Missgestalt
Den Makel nimmt, dass sie geweiht und rein,
Wie ihrer Augen, ihrer Lippe Schein,
Dran meine ganze Seele bebend hängt -
Und dass ich selber ohne Fehl gleich ihr,
Wenn sie nur bis zum Tode mir
Liebend ihr Mitleid schenkt -

Hinan, mein Lied! mein stolzes Lied hinan!
Nimm Rosen in den Arm, soviel er trägt.
Dein purpurgolden Sängerkleid leg an,
Das königliche Falten um dich schlägt -
So tritt vor meine Herrin hin und sprich:
"Borgia, dein golden Haar brennt mir im Sinn.
Nach deiner Lippen Glut gelüstet mich,
Küss mich so vielmals als ich durstig bin!
Borgia, sieh hier mein duftend Angebind,
Küss mich so vielmals als hier Rosen sind!"
Vielleicht, wenn sie so hold und stolz dich sieht,
Dass sie sich liebend zu dir niederneigt,
Wie eine schlanke Rebe dich umzweigt,
Dich lachend küsst auf Wang' und Mund, mein Lied,
Vielleicht, mein Lied ...

Übersetzt von Hedwig Lachmann (1865-1918)

Aus: Gesammelte Gedichte von Hedwig Lachmann [1865-1918]
Eigenes und Nachdichtungen
Gustav Kiepenheuer Verlag Potsdam 1919 (S. 126-129)

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Ein Lied des Todes

O Liebe, nieder in den Staub und Flor
Um dich! Umgürte deine Lust mit Qual,
Und mit dem Widerhall
Von Wehgeschrei und Klage füll dein Ohr!
Mach ein Gewand aus Seufzerdunst und Harm
Und hülle dich wollüstig fest
In sein Gewebe ein,
Und schmiede Ketten für für Hals und Arm
Aus spitzem Schmerz und jeglichem Gebrest
Und Höllenpein!

O Lebensharfe, die du im Gefild
Der Todeslande hangen bliebst verwaist;
Zeit, Liebe, Sünde, Buhlen wild,
Wie habt ihr einst von ihrem Ruhm gekreisst!
Herolde meiner Inbrunst, die sich jach
Aus eurem Schoss riss, gleich dem Flammenguss,
Den Feuerberge spein:
Auf ihren Pfaden wurden Lenze wach,
Und süss und heiss war ihres Mundes Kuss
Wie Wein.

O Liebe, sag, ob sie dich lieblich deuchte!
Zeit, fändest du in deinem weiten Reich,
Bis du aus Händen wirfst die Sonnenleuchte,
Ein Weib ihr gleich?
Und Sünde, wurde nicht dein frecher Mut
Auf ihren reinen Lippen scheu und zag?
Schmolz dein Gelüst
Nicht hin an ihrer Scham, hold wie die Glut,
Die über Rosen gleitet, wenn der Tag
Sie auf die Wangen küsst!

Nachts trat zu mir Frau Venus; Todesschweiss
Bedeckte ihre Stirn; darunter schlich
Langsam und siech
Das Blut, und ihre Wangen glühten heiss.
Des Meeres Schein und goldenes Geflirr
Und seine Woge war in ihrem Haar,
Im Auge schwamm
Ein wellenfeuchter Glanz unstät und irr
Und das Gestein an ihren Füssen war
Leuchtend und wundersam.

In ihr Gewand gewoben war der Liebe
Mysterisch Alphabet, ihr Sinn und Sein
Und tausendfach Getriebe,
Draus Wonne perlte, wie aus Trauben Wein.
Schämige Lippen, Wangen weich und glatt,
Blutende Herzen, die Cupido traf
Mein seinem Pfeil -
Und weinende Gesichter, todesmatt
Von taumelndem Genuss, lüstern nach Schlaf
Und ewig geil.

Sie weinte, weinte. Durch das helle Nass
Der Tränen rollte dunkelrotes Blut:
Flüssige Glut,
Die auf mein Antlitz fiel und es zerfrass.
Sie sprach zu mir: "Fürwahr, es blieb dir nichts!"
Selbst sie, für die der höchste Preis, den nur
Die Erde leiht,
Ein einziger Strahl in einer Welt des Lichts,
Ein einziger Strahl nur, eine flüchtige Spur
In trunkner Ewigkeit;

Selbst sie, auf deren herrischen Befehl
Die Liebe lauscht, der Könige ehrfurchtsvoll
Sich nahten, ihr den Zoll
Der Schönheit bringend, Wein und Nardenöl;
Selbst sie, auf deren Mund der Kuss zu Brand
Und Weihrauch sich entflammte, deren Haar
So königlich
Wie eines Herrschers goldenes Gewand,
Und deren Auge wie der Morgen war,
Wenn er der Nacht entwich!

Da traf mein Blick zu meiner Rechten, weh,
Das Abbild der Geliebten, still und tot.
Noch süss, doch nicht mehr rot
War der geschlossne Mund, so siegreich eh.
Und süss, doch matt wie trübes Gold ihr Haar,
Und süss die Lider, deren Kern das Licht
Der Seele trug.
Und süss, doch fremd in seinen Farben war
Ihr Leib, um den ein dunkler Schatten dicht
Die Schwingen schlug.

Weh, meine Tränen rannen auf ihr Haar
Und in ihr schlaffes, offenes Gewand,
Weh, meiner Tränen Brand
Frass, wo die Stätte vieler Küsse war,
An der geteilten Brüste Blumensaum,
Wo sie sich spalten wie zwei Blüten, die,
Am selben Stamm gereift,
Mit Duft erfüllen zwischen sich den Raum -
So süss in allen Adern waren sie,
Eh sie der Frost gestreift.

O, da uns noch der Himmel gab Geleit,
War ohne Makel an ihr jeder Teil:
Ihr Lächeln brachte Heil,
Der Brüste Glorie war Barmherzigkeit.
Zu jener Zeit, da wir in Gottes Hut
Noch wandelten, lieh uns der Sonnenschein
Der Liebe Kraft,
War jedes Glied an ihrem Leibe gut,
Und andrer Frauen Seelen nicht so rein
Und tugendhaft.

Flieg aus, mein Lied, such einen geilen Ort,
Den niedrig wucherndes Gewächs umflicht.
Brich Distelkraut und Dornensträucher dort,
Verfaultes Gras und wild Vergissmeinnicht,
Und sammle roten Mohn und Rosmarin.
So suche dir des Todes Angesicht
Und tritt, dich tief verneigend, vor ihn hin
Und lass ihn sehn, wie du dich härmst und weinst,
Und sprich zu ihm: "Mein Herr, der dermaleinst
Der Liebe Lehnsmann war, verpflichtet sich
Nun Euch!" Doch säume nicht, beeile dich;
Denn wahrlich, eh der Sonnenball versinkt,
Blickt er vielleicht von selbst zur Tür herein
Und starrt und grinst und harrt schon mein,
Und winkt und winkt ...


Übersetzt von Hedwig Lachmann (1865-1918)

Aus: Gesammelte Gedichte von Hedwig Lachmann [1865-1918]
Eigenes und Nachdichtungen
Gustav Kiepenheuer Verlag Potsdam 1919 (S. 130-134)

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Bürden

Die Bürde schöner Weiber, Sinnentrug
Und Liebe, die sich lachend elend macht,
Und häuptlings der unwandelbare Flug
Der Jahre, schattenähnlich sacht.
Und Wangen eingefallen über Nacht,
Und Gram, der hält, was Freude einst verhiess,
Und Müdigkeit, die für ein Kaufgeld wacht -
Dies ist das Ende, weh, das Ende dies.

O Bürde feiler Küsse. O wie schwer!
Ein wehevolles Kreisen ohne Frucht;
Von Mitternacht bis Morgengraun Begehr,
Vom Morgengraun zum Abend neue Sucht.
Und zwischenein die angstgejagte Flucht
Vor deiner eignen Seelenfinsternis,
Und Liebe, dir verekelt und verrucht -
Dies ist das Ende, weh, das Ende dies.

Die Bürde falscher Reden. O du wirbst
Umsonst um Menschengunst; sie spotten dein.
Noch trinken sie dir zu; aber du stirbst,
Wehe, du stirbst und da bist du allein.
Allein! wie Erde wird dein Antlitz sein,
Wie Seeschlamm, den die Flut ans Ufer stiess.
Allein! und was Gestalt war, wird Gebein -
Dies ist das Ende, weh, das Ende dies.

Die Bürde langen Lebens. Dir wird bang
Des Nachts in deinem Bett, du atmest schwer,
Du stöhnst der Nacht entgegen: O wie lang!
Und sprichst zum Morgen: Das doch Abend wär!
Und keine Liebesfessel hält dich mehr,
Das Band, das dich ans Leben knüpfte, riss,
Und, blind geschlagen, tastest du umher -
Dies ist das Ende, weh, das Ende dies.

Die Bürde eitlen Glanzes. Alles bleicht.
Das Gold wird trüb, des Sommers Grün verdorrt.
Und aller Zauber, der dich blendet, weicht,
Dein eigner Blick wird unstet und umflor.
Und alle, die dich lieben, gehen fort,
Und jener Mund, der einst vielleicht dich pries,
Der sagt dir heut ein unbarmherzig Wort -
Dies ist das Ende, weh, das Ende dies.

Die Bürde der Erinnrung. Dermaleinst,
Wenn deines Daseins Wehe dich erfasst,
Wenn du um alle deine Schmerzen weinst,
Um alles, was du je besessen hast:
Da siehst du deutlich, was du ehmals sahst,
Jedwede Hoffnung, die sich falsch erwies.
Wie man dich liebte, wie man dich gehasst -
Dies ist das Ende, weh, das Ende dies.

Die Bürde von Gestorbnen. Fernab, weh,
Wo Licht und Dunkel ineinanderrinnt,
Wo keine Saat und keine Ernte je,
Und grauenvoll die bleichen Tage sind,
Wo seinen schwarzen Flor das Schicksal spinnt,
Wo alles Grauen, Nacht und Finsternis:
Da wandeln sie verschleiert stumm und blind -
Dies ist das Ende, weh, das Ende dies.

Die Bürde vieler Freude. Morgen, glaub,
Erlischt der Freudenbrand, der heute loht;
Die Stunden streun zu deinen Füssen Staub.
Beissende Sturmwut dir zu Häupten droht,
Und fahl wie Asche wird das glühende Rot,
Zu Lüge wandelt sich, was Wahrheit hiess:
Und wo es Tag war, da kommt Nacht und Tod -
Dies ist das Ende, weh, das Ende dies.

Botschaft:
Ihr alle, noch vom Hauch der Lust geschwellt,
Trunken vom Wein des Lebens, der euch süss:
Bedenkt, bedenkt, der dunkle Vorhang fällt -
Dies ist das Ende, weh, das Ende dies.

Übersetzt von Hedwig Lachmann (1865-1918)

Aus: Gesammelte Gedichte von Hedwig Lachmann [1865-1918]
Eigenes und Nachdichtungen
Gustav Kiepenheuer Verlag Potsdam 1919 (S. 135-137)

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Liebe und Schlaf

Entschlummert zwischen Mitternacht und Graun
Sah ich sich neigen über meinen Pfühl
Blass wie die zartste Lilie und so kühl
Und traumhaft die geliebteste der Fraun.

Erschrocken, aber selig sie zu schaun
In meinem wirren, bangen Traumgewühl,
Langt ich nach ihr mit zitterndem Gefühl
Und langsam sah ich ihre Lippen taun.

Und Honig meinem Mund war ihr Gesicht;
Die langen schlanken Arme, ihre Brust
Und Lenden meinen Sinnen Trunkenheit.

Und Worte sprach sie - ich verstand sie nicht:
Nur eines klang wie liebebange Lust
Von ihren offnen Lippen - Seligkeit.


Übersetzt von Hedwig Lachmann (1865-1918)

Aus: Gesammelte Gedichte von Hedwig Lachmann [1865-1918]
Eigenes und Nachdichtungen
Gustav Kiepenheuer Verlag Potsdam 1919 (S. 154)

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