Europäische Liebeslyrik

(in deutscher Übersetzung)

Edward Charles Halle (1846-1914) - Die Musik

 


 

Juan Boscan Almogaver (1490-1542)

(In der Übersetzung von Friedrich Wilhelm Hoffmann 1785-1869
und Sebastian Mutzl 1797-1863)



Das Reich der Liebe

Im reichen, sonnenhellen Morgenlande,
Wo lind und lau des Himmels Lüfte wehn,
Da lebt ein Volk in sel'gem Friedensstande,
Dess Sorgen einzig hin nach Liebe stehn.
Es leidet nie von andrer Schmerzen Brande,
Als denen, die hervor aus Liebe gehn.
Hier herrscht und hat geherrscht von Anbeginn
Die meergeborne Liebesköniginn.

Geschmückt ist sie mit Scepter hier und Krone,
Von hier aus ihre Spenden sie verleiht;
Und Ehr' und Achtung, wie in keiner Zone,
Wird ihrer Macht und Satzung hier geweiht.
Naht ihr ein Klagender - er scheidet ohne
Beschwerd' und ohne Klage jederzeit.
Weil sie mit den Geliebten hier zusammen,
Freu'n Alle hier sich ihrer Liebesflammen.

Die Liebe zeigt sich hier in vollem Walten;
Es feiert seine Liebeszeit das Jahr;
Man tödtet oder stirbt durch Lieb'; ihr Schalten
An jeder Spur entdecktet Ihr es klar.
Mit Liebe wird getauscht und Markt gehalten;
Sie ist des Landes Seele ganz und gar.
Säh't Ihr ein Blättchen sich am Baume regen,
In Liebe, sprächt Ihr, weh' es Euch entgegen.

Von Liebe geben Häuser selbst Beweise,
Und Liebe, dünkt Euch, zeige hier der Stein;
Die Quellen rieseln hier so lind und leise,
Dass Ihr, sie weinten, bildetet Euch ein.
Zur Liebe laden Euch die Flüss' im Gleise,
Und tönen lockend nur von Lieb' allein;
So sanft und schmeichelnd athmen hier die Winde,
Dass Liebesträumen Keiner widerstünde.

In einer Aue, räumig, grün und helle,
Hat der Palast der Fürstinn seinen Stand.
Hinschlängelt dort ein frischer Strom die Welle,
Und Bäume schmücken seines Ufers Rand.
Ihr Laubdach schützt im Sommer diese Stelle,
Dass sie verletze keiner Sonne Brand.
Die Bäume prangen reich mit Blüthenflocken,
Aus denen süss die Nachtigallen locken.

Noch tausend andre Rieselbäche hüpfen,
Sanft schlängelnd sich, nach hierhin und nach dort;
Und wahre Labyrinthgeflechte knüpfen
Die sich durchkreuzenden an manchem Ort.
Die Blüthen, so den Bäumen hier entschlüpfen,
Trägt sanft die leichte Welle mit sich fort;
Und jede Blüthe, die darnieder sinket,
Scheint von der Liebe selbst herabgewinket.

Auch tausend grüne Lauben aus den Zweigen
Verschiedner Bäume die Natur dort flicht,
In denen Sitze von Krystall sich zeigen,
Geordnet einer an den andern dicht.
Da wandelt nun der Liebespaare Reigen;
Es wechseln Frag' und Antwort da; man spricht
Von seinen Wünschen zu einander offen,
Von seinem Glück, von Freuden, die zu hoffen.

Der Liebesgott, bewehrt mit seinen Waffen,
Hier seinen Übermuth an Allen übt;
Und Kränkung, Tod und Eifersucht zu schaffen
Bald Dem, bald Jenem, seine Laune liebt.
Zwei Schmieden hat er, ungleich ganz beschaffen,
Durch die der Welt er Tod und Leben giebt.
Dort hämmert Pfeile man, die Lieb' erwecken,
Hier andre, drinnen Hass und Abscheu stecken.

Recht in des Landes Mitt', auf freiem Grunde,
Des kleinen Gottes hohe Warte liegt;
Von wo herab, zur Früh- und Abendstunde,
Mit seinen Pfeilen er das Reich bekriegt.
Nie heilet die von ihm empfangne Wunde;
Zum Ziel, obwohl er blind, sein Pfeil stets fliegt.
Im Anfang sind die Wunden ohne Schmerzen,
Doch später, ach! wie brennen da die Herzen.

Übersetzt von Friedrich Wilhelm Hoffmann (1785-1869)

Aus: Blüthen spanischer Poesie
Metrisch übertragen von Friedrich Wilhelm Hoffmann
Dritte, stark vermehrte Auflage
Magdeburg und Leipzig
Verlag der Gebrüder Baensch 1857
(S. 10-13)

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Die Macht der Liebe

Wie so getäuscht, im Irrthum Ihr gewesen,
Dass Ihr der Liebe gar den Krieg gedroht!
Habt nie das weise Sprüchlein Ihr gelesen:
"Ein Leben ohne Lieb' ist halber Tod"?
Geschaffen hat die Liebe jedes Wesen,
Jedwede Schönheit ward auf ihr Gebot;
Und aufzustellen hat es ihr gefallen
Euch als der Muster leuchtendste von allen.

Weil von der Liebe somit ausgeflossen
All' Eure Schönheit, hoch und wunderbar;
Von ihr die edlen Triebe sind gegossen
In Euer Herz, die man dort wird gewahr:
Wie, sagt in aller Welt nur! hat verschlossen
Verblendung Euer Auge ganz und gar,
Dass Ihr für Eure ärgste Feindinn haltet
Die Liebe, die mit Recht als Kön'ginn waltet?

Lieb' ist ein süsses, zärtliches Verlangen,
Das jedes rauhen Herzens Rinde hebt;
Ist aller Wesen Seele, die entsprangen,
Weil sie die Welt verjüngt und neu belebt;
Hervor ist Alles ja durch sie gegangen,
In ihr beginnt und in ihr Alles webt;
Von dieser Welt und jener ganz umschlingen
Den grossen Bau der Liebe mächt'ge Schwingen.

Durch sie gewinnt man Glück allein und Ehre;
Durch sie nur hohe Einsicht man erwirbt;
Der Geist fühlt ohne sie solch eine Leere,
Dass der Gedank' an seiner Armuth stirbt.
Wo blieben That und Sieg, wenn sie nicht wäre?
In Dumpfheit ohne sie der Geist verdirbt.
Vorzüge, Reiz' und Artigkeit - was bliebe
Von ihnen noch, nehmt Ihr hinweg die Liebe?

Die Lieb' erhebet uns zu hohen Dingen
Und ihre Huld sie dem Erhobnen schenkt;
Die Seel' umwebt sie mit so süssen Schlingen,
Dass sie an ihnen ganz dieselbe lenkt.
Wenn ihren Ruf die Liebe lässt erklingen,
An sie nur das entzückte Herz gedenkt;
Die Liebe herrschet über alles Leben
Nach dem Gesetz, das sie der Welt gegeben.

Luft, Erde, Meer, des Feuers Glut vor allen,
Was sichtbar ist und was zu schaun verwehrt,
Was ewig ruht, was muss dem Wechsel fallen,
Was fühlet und was des Gefühls entbehrt:
Dein Bitten Liebe! lenkt es nach Gefallen,
Das ein Gebot, ein Zwang, den nichts erklärt.
Dein wahrer Thron und deine Veste stehen
In jenen ewigen und höchsten Höhen.

Und nicht regiert und lenkt die Liebe droben
Die Himmel nur zusammt der Sternenwelt,
Sie herrscht auch über andre, schönre Globen,
Die hoch am Firmamente hingestellt.
Sie lässt, gleich Funken, kreisen sie dort oben,
Hat sie mit Glanz, der nie verlischt, erhellt,
Mit Glanz, der von ihr selber stammt und rühret,
Und unvermerkt sie Jegliches so führet.

Die schwere, niedre Hülle, die umschliesset
Und an die Erde fesselt unsern Geist,
So lind' und leis' auf ihren Wink zerfliesset,
Dass steigen sie in hohem Flug uns heisst.
Des Kerkers Pfort' eröffnet und erschliesset,
Den Eingang in den Himmel sie uns weis't;
Und sind wir todt selbst und ins Grab gesenket,
Sie höhern Ruhm noch unserm Namen schenket.

Übersetzt von Friedrich Wilhelm Hoffmann (1785-1869)

Aus: Blüthen spanischer Poesie
Metrisch übertragen von Friedrich Wilhelm Hoffmann
Dritte, stark vermehrte Auflage
Magdeburg und Leipzig
Verlag der Gebrüder Baensch 1857
(S. 14-16)

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Sonett
 

Noch war ich nicht entwachsen meiner Wiege,
Noch hatt' ich nichts als Ammenmilch gesogen:
Da ward von Amor mir das Loos gezogen,
Ich solle dienen, wo sein Banner fliege.

Dass ich gelehrig in sein Joch mich schmiege,
Ward Plag' auf Plage gleich mir zugewogen,
Bis plötzlich dann auf mich herabgeflogen,
Was unterm Monde nur von Trübsal liege.

In Schmerz ward ich erzogen und geboren,
Mich führte jeder Schritt zu neuer Trauer,
So dass zum Grabe nur noch einer wäre.

O Herz, zum Dulden einzig auserkoren!
Sag, wie so schweres Leid hat solche Dauer,
Und ein so dauerndes solch eine Schwere?

Übersetzt von Friedrich Wilhelm Hoffmann (1785-1869)

Aus: Blüthen spanischer Poesie
Metrisch übertragen von Friedrich Wilhelm Hoffmann
Dritte, stark vermehrte Auflage
Magdeburg und Leipzig
Verlag der Gebrüder Baensch 1857
(S. 28)

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Sonett
 

Wer sagt, dass Lieb' in der Entfernung schwindet,
Ganz unwerth aller Liebe mir erscheinet;
Der Liebende, der treu und wahr es meinet,
Sein höchstes Unglück in der Trennung findet.

Erinnrung schürt die Glut, die er empfindet,
Die Einsamkeit ihm jeden Trost verneinet;
Dass er mit der Geliebten nicht vereinet,
Nur stärker sein Verlangen noch entzündet.

Die Wunden heilen nicht, die er empfangen,
Sieht er auch die nicht mehr, die ihn verletzte,
Da tief hinein sie in die Seele drangen:

Wie dem, der viele Stiche hat bekommen,
Ob er den Dolch auch flieht, der sie versetzte,
Dies wenig zur Genesung würde frommen.

Übersetzt von Friedrich Wilhelm Hoffmann (1785-1869)

Aus: Blüthen spanischer Poesie
Metrisch übertragen von Friedrich Wilhelm Hoffmann
Dritte, stark vermehrte Auflage
Magdeburg und Leipzig
Verlag der Gebrüder Baensch 1857
(S. 29)
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Ein Glück die Liebe? doch woher die Qualen?
Warm lieben eine Lust? woher die Schmerzen?
Sich sehnen, Wonne? beben doch die Herzen;
Die Lieb' ein Heil? das wir mit Thränen zahlen?

Die Liebe stärkt? und Angst folgt unsern Wahlen:
Der Seelen Wonne wächst, wie wir uns herzen?
Doch seh' ich Gram der Liebe Himmel schwärzen: -
Wie in ein Kleid sich so viel Feinde stahlen!

Nenn's Liebe nicht, was uns vergällt die Wonnen:
Ihr selbst zur Last sind solcherley Gesellen,
Die, ihr zur Last, auch uns verwundend morden.

Von uns nur hat sich alles Leid entsponnen;
Die Liebe will nur unsern Pfad erhellen,
Des Friedens treuer Hort ist sie geworden.

Übersetzt von Sebastian Mutzl (1797-1863)

Aus: Blumenlese aus spanischen Dichtern
von Sebastian Mutzl
Landshut 1830
Druck und Verlag von Joseph Thomann
(S. 94)
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O Kraft der Liebe, die du leicht entmannest
Die, so geboren in der Stärke Zeichen,
Und so ihr Schicksal wandelst, daß die Reichen
Du schnell in's Joch der tieffsten Armuth spannest!

O Meeresfläche, die du stets gewannest
Die Siegesbeute von unzähl'gen Leichen,
Hinab sie schlingst und wieder läß't entweichen,
Und ewig nur auf Trug und Wechsel sannest!

O Lichtstrahl, dessen Kraft wir nicht verstehen,
Der innen uns versenget und entzündet,
Indeß wir außen frisch, gesund uns sehen!

O Todesschmerz, von dem die letzten Wehen
Minder gekannt und minder sind ergründet,
Je schmerzlicher sie über uns ergehen!

Übersetzt von Sebastian Mutzl (1797-1863)

Aus: Blumenlese aus spanischen Dichtern
von Sebastian Mutzl
Landshut 1830
Druck und Verlag von Joseph Thomann
(S. 95)
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Nein, singen will ich! will herzinnig singen!
Ich liebe ja herzinnig, und entgegen
Bin ich geliebt. Nicht nur von Dornenwegen
Und Qualen darf der Liebe Leyer klingen.

Es kann der Trauernde den Gram bezwingen;
Der Unglückssohn, im Kerker tief gelegen,
Singt laut, wo Band' und Eisen ihn umhegen;
Doch ihnen kann nicht unser Sang gelingen.

Ich werde gleich dem frohen Vöglein flöten,
Das singt in Waldesstill' auf dunkeln Zweigen,
Daß selbst der Wandrer lauschet, wonnetrunken,

Und weilt, als ob es Zauber ihm geböten:
So schau' ich sie, die mir von Herzen eigen,
Und weil', in meines Sanges Lust versunken.

Übersetzt von Sebastian Mutzl (1797-1863)

Aus: Blumenlese aus spanischen Dichtern
von Sebastian Mutzl
Landshut 1830
Druck und Verlag von Joseph Thomann
(S. 96)
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