Europäische Liebeslyrik

(in deutscher Übersetzung)

Theseus im Kentaurenkampf. Gefäßbild auf einem attischen Mischgefäß (Nachzeichnung) (460-450 v.Chr.)

 


Anakreonteia

(eine anonyme Sammlung griechischer Gedichte über Liebe,
Wein, schöne Jünglinge, Aphrodite, Eroten, Grazien,
Dionysos und Frühling aus dem 1. Jahrhundert v. Chr.
bis zum 5./6. Jahrhundert n. Chr.,
die unter dem Namen des griechischen
Lyrikers Anakreon zusammengestellt wurde)


(In der Übersetzung von Eduard Mörike)



Die Leier


Ich will des Atreus Söhne,
Ich will den Kadmos singen:
Doch meiner Laute Saiten,
Sie tönen nur von Liebe.
Jüngst nahm ich andre Saiten,
Ich wechselte die Leier,
Herakles' hohe Thaten
Zu singen: doch die Laute,
Sie tönte nur von Liebe.
Lebt wohl denn, ihr Heroen!
Weil meiner Laute Saiten
Von Liebe nur ertönen.
(S. 67)

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Verschiedener Krieg


Du singest Thebens Kriege,
Und jener Trojas Schlachten,
Ich meine Niederlagen.
Kein Reiterheer, kein Fußvolk,
Schlägt mich, und keine Flotte.
Ein andres Heer bekriegt mich -
Aus jenem Augenpaare.
(S. 68)

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Liebeswünsche


Als Fels auf Phrygiens Bergen
Stand ehdem Tantals Tochter;
Und einst als Schwalbe durfte
Pandions Tochter fliegen.

O wär' ich doch dein Spiegel,
Daß du mich stets beschautest!
Könnt' ich zum Kleide werden,
Daß du mich immer trügest!

Zum Wasser wenn ich würde,
Um deinen Leib zu baden!
Zum Balsam, o Geliebte,
Daß ich dich salben dürfte!

Zur Binde deines Busens,
Zur Perle deines Halses,
Zur Sohle möcht' ich werden,
Damit du mich nur trätest!
(S. 69)

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Zwiefache Glut


Reichet, reicht mir Wein, o Mädchen,
Vollauf, athemlos zu trinken!
Ein verrath'ner Mann! Wie kocht es
Mir im Busen - ich ersticke!

Kränze von Lyäos' Blumen
Gebt mir um die Stirn zu winden!
Meine Schläfe glühn und toben.
- Aber Eros' wilde Gluten,
Herz, wie mag ich diese dämpfen?
(S. 70)

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Ruheplatz


Hier im Schatten, o Bathyllos,
Setze dich! Der schöne Baum läßt
Ringsum seine zarten Haare
Bis zum jüngsten Zweige beben.

Neben ihm mit sanftem Murmeln
Rinnt der Quell und lockt so lieblich.
Wer kann solches Ruheplätzchen
Sehen und vorübergehen?
(S. 71)

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Rechnung


Verstehst du alle Blätter
Der Bäume anzugeben,
Hast du gelernt, die Wellen
Der weiten See zu zählen,
Sollst du allein die Summe
Berechnen meiner Mädchen.

Erst von Athen nimm zwanzig,
Und dann noch fünfzehn andre.
Dann eine lange Reihe
Von Liebchen aus Korinthos;
Denn in Achaia liegt es,
Dem Lande schöner Weiber.
Aus Jonien und Lesbos,
Aus Karien und Rhodos
Nimm an: zwei tausend Mädchen.
Was sagst du, Freund? du staunest?
Noch hab' ich zu gedenken
Der Schätzchen aus Kanobos,
Aus Syrien und Kreta,
Dem segenreichen Kreta,
Wo Eros in den Städten
Der Liebe Feste feiert.
Wie könnt' ich, was von Gades
Und weiterher, von Baktra
Und Indien mich beglücket,
Dir Alles hererzählen?
(S. 72-73)

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Das Nest der Eroten


Du kommst, geliebte Schwalbe,
Wohl alle Jahre wieder,
Und baust dein Nest im Sommer;
Allein vor Winter fliehst du
Zum Nil hin und nach Memphis.
Doch Eros bauet immer
Sein Nest in meinem Herzen.
Hier ist ein Eros flügge,
Dort in dem Ei noch einer,
Und halb heraus ein andrer.
Mit offnem Munde schreiet
Die Brut nun unaufhörlich;
Da ätzen denn die ältern
Eroten ihre Jungen.
Kaum sind die aufgefüttert,
So hecken sie auch wieder.
Wie ist da Rath zu schaffen?
Ich kann mich ja so vieler
Eroten nicht erwehren!
(S. 74)

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Weder Rath noch Trost


Leidig ist es, nicht zu lieben;
Leidig auch fürwahr, zu lieben;
Aber leidiger als Beides,
Lieben sonder Gegenliebe.

***

Nicht auf Adel sieht die Liebe;
Weisheit, Tugend stehn verachtet;
Gold allein wird angesehen.
O daß den Verdammniß treffe,
Der zuerst das Gold geliebet!
Gold - daneben gilt kein Bruder
Mehr, nicht Mutter mehr, noch Vater;
Mord und Krieg ist seinetwegen,
Und wir Liebenden - das Ärgste!
Müssen seinethalb verderben.
(S. 75)

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Genuß des Lebens


Auf der Myrte junge Sprossen
Und auf weiche Lotosblätter
Hingelagert, will ich trinken.
Eros möge auf der Schulter
Sich das Kleid mit Byblos knüpfen,
Und so reich' er mir den Becher.

Denn das Leben flieht von hinnen,
Wie das Rad am Wagen hinrollt;
Und ist dieß Gebein zerfallen,
Ruhn wir als ein wenig Asche.
Drum, was soll's, den Grabstein salben?
Was, umsonst die Erde tränken?

Mich vielmehr, weil ich noch lebe,
Salbe! schling' um meine Stirne
Rosen, rufe mir ein Mädchen!
Ich, bevor ich hin muß wandern,
Hin zum Reihentanz der Todten,
Will die Sorgen mir verscheuchen.
(S. 76)

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Die Rasenden


Um Kybele, die schöne,
Soll Attis, der entmannte,
Laut schreiend auf den Bergen
Umher geraset haben.

Am Quellrand auch zu Klaros,
Vom Wunderborne trunken,
Des lorbeerreichen Phöbos,
Sind Rasende zu hören:

Ich aber, von Lyäos
Berauscht, von Salbendüften
Berauscht und meinem Mädchen -
So will, so will ich rasen!
(S. 90)

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Antwort


Es sagen mir die Mädchen:
Anakreon, du alterst.
Den Spiegel nimm und siehe,
Du hast das Haar verloren;
Ganz kahl ist deine Stirne.
- Ob ich noch Haare habe,
Ob sie mir ausgegangen,
Ich weiß es nicht; doch weiß ich,
Daß holde Lust und Lachen,
Je näher kommt das Ende,
So mehr den Alten ziemet.
(S. 93)

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An ein Mädchen


Nicht fliehen mußt du, Mädchen,
Vor diesen grauen Haaren!
Nicht, weil der Jugend Blume
Noch herrlich an dir leuchtet,
Verachten meine Gaben.
Sieh nur am Kranze selber,
Wie lieblich weiße Lilien
Mit Rosen sich verflechten!
(S. 94)

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Das Bildniß der Geliebten


Auf, du bester aller Maler,
Male, allerbester Maler,
Meister in der Kunst der Rhoder,
Male mir wie ich dir sage
Die entfernte liebste Freundin!

Erstlich weiche schwarze Haare,
Und, will es dein Wachs vergönnen,
Male sie von Salbe duftend.
Oben wo die Wangen enden
- Deren eine ganz sich zeige -
Male unter dunkeln Locken
Weiß wie Elfenbein die Stirne;
Laß die Bogen dann der Brauen
Sich nicht trennen, nicht verbinden,
Sondern, wie bei ihr, gelinde
In einander sich verlieren;
Dunkel wölbe sich die Wimper.
Aber zu dem Blick des Auges
Mußt du lauter Feuer nehmen.
Blau sei dieses, wie Athenes,
Wie Kytheres feucht in Liebe.
Wirst du Nas' und Wange malen,
So vermische Milch und Rosen,
Gib ihr Lippen gleichwie Peitho's,
Die zum Kusse lieblich locken.
In dem weichen Kinne mitten,
Um des Halses Marmor schweben
Alle Chariten vereinigt!
Endlich laß in lichtem Purpur
Ihr Gewand hinunter wallen,
Fleisch ein Weniges durchschimmern
Und den Umriß nur erscheinen.
- Doch genug! Schon steht sie vor mir!
Nächstens wirst du, Bild, auch reden.
(S. 101)

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Das Bild des Bathyllos


Male den Bathyllos mir also,
Meinen Liebling, wie ich sage.

Salbenglanz gib seinen Haaren,
Dunkel schattend nach dem Grunde,
Außen aber Sonnenschimmer.
Kunstlos nur gebunden, laß sie,
Wie sie eben wollen, selber
Sich in freie Locken legen;
Und den zarten Schmelz der Stirne
Schmücken dunkle Augenbrauen,
Dunkler als des Drachen Farbe.
Trotzig sei sein schwarzes Auge,
Doch von fern ein Lächeln zeigend;
Jenes nimm von Ares, dieses
Von der lieblichen Kythere:
Daß man bange vor dem einen,
Bei dem andern hoffen könne.
Male seine Rosenwange
Mit dem zarten Flaum der Quitte;
Und sieh zu, daß sie das edle
Roth der Scheu erkennen lasse.
Seine Lippen - weiß ich denn auch
Selbst, wie du mir diese malest?
Weich, von Überredung schwellend.
Wisse kurz: das Bild, es müsse
Redsam selber sein im Schweigen!
Unterm Kinn da schließe zierlich,
Wie ihn nicht Adonis hatte,
Elfenbeinen sich der Hals an.
Gib ihm Brust und beide Hände
Von der Maia schönem Sohne,
Leih' ihm Polydeukes' Schenkel,
Bauch und Hüften ihm von Bakchos.
Dann, ob jenen weichen Schenkeln,
Jenen feuervollen, gib ihm
Eine glatte Scham, die eben
Aphrodites Freuden ahne.
- Aber deine Kunst, wie neidisch!
Kannst du ihn doch nicht vom Rücken
Zeigen! Herrlich, wenn du's könntest!
- Soll ich erst die Füße schildern? -
Nimm den Preis, den du verlangest,
Und gib diesen Phöbos auf, mir
Den Bathyll daraus zu binden.
Wirst du einst nach Samos kommen,
Male nach Bathyll den Phöbos.
(S. 102-103)

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Aphrodite auf einem Diskos


Seht dieß Kunstgebilde! Wahrlich
Eine Zauberhand hat Wellen
Ausgegossen auf den Diskos.
Welch ein kühner, hochentzückter
Geist, der hier die zarte, weiße
Kypris auf dem Meere schwimmend
Schuf, die Mutter sel'ger Götter!

Nackend zeigt er sie den Blicken;
Nur was sich nicht ziemt zu schauen
Decket eine dunkle Welle.

Gleich der weißen Alge schaukelnd
Auf des sanft ergoss'nen Meeres
Fläche gleitet sie umher und
In die Fluth gelehnet trennt sie
Vor sich her den Schwall der Wasser.

Über ihrem ros'gen Busen,
Unter ihrem zarten Halse
Theilt sich eine große Woge.
Mitten in des heitern Meeres
Furch glänzet Kytherea
Wie die Lilie unter Veilchen.

Ob dem Silber aber wiegen
Sich auf tanzenden Delphinen
Himeros und Eros, tückisch
Lachend zu der Menschen Thorheit,
Und ein Heer gekrümmter Fische
Überschlägt sich in den Wellen,
Scherzet um den Leib der Göttin,
Wo sie hin mit Lächeln schwimmet.
(S. 105-106)

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Auf die Rose


Laßt die Rose, Eros' Blume,
Zu Lyäen sich gesellen;
Mit der Rose Zier die Schläfe
Kränzend, lasset uns den Becher
Leeren unter milden Scherzen!

Rose heißt die schönste Blume,
Rose heißt des Lenzes Schooßkind,
Rosen flicht der Sohn Kytheres
Um die gelben Ringelhaare,
Mit den Chariten zu tanzen.

Kränze, Bakchos, mich mit Rosen,
Und ich will, die Laute rührend,
Mit dem zierlichsten der Mädchen,
Deinen Kranz auf meinem Haupte,
Froh bei deinem Tempel tanzen.
(S. 107)

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Lob der Rose


Säng' ich wohl den schön bekränzten
Lenz, und dich nicht, holde Rose?
Mädchen, auf! ein Wechsel-Liedchen.

Wohlgeruch haucht sie den Göttern;
Sie, der Erdgebornen Wonne,
Ist der Chariten erwählter
Schmuck zur Zeit, wo in der Blüthen
Fülle die Eroten schwärmen.
Aphroditens Spielzeug ist sie,
Jedes Dichters Lustgedanke,
Ja der Musen Lieblingsblume.

Lieblich duftet sie vom Strauche
Dir am dornbewachs'nen Pfade;
Lieblich hauchet Eros' Blume,
Wenn du sie in zarten Händen
Wärmend ihren Athem saugest.

Bei dem Schmaus, beim Trinkgelage,
Bei Lyäos' frohen Festen,
Sagt, was möchte wohl den Sänger
Freuen, wenn die Rose fehlte?

Rosenfingerig ist Eos,
Rosenarmig sind die Nymphen,
Rosig Aphrodite selber;
Also lehren uns die Dichter.

Auch den Kranken heilt sie wieder,
Scheucht von Todten die Verwesung,
Ja sie trotzt der Zeit des Welkens:
Reizend selber ist ihr Alter
Durch den Wohlgeruch der Jugend.

Aber nun: wie ward die Rose?
- Als dem Schaum des blauen Meeres
Die bethauete Kythere,
Pontos' Tochter, einst entstiegen,
Und die kriegerische Pallas,
Schrecklich selber dem Olympos,
Auf Kronions Haupt sich zeigte,
Damals ließ auch Mutter Erde
Sie, die vielgepries'ne Rose,
Dieses holden Wunderwerkes
Ersten jungen Strauch, entsprießen.
Und die Schaar der sel'gen Götter
Kam, mit Nektar sie zu netzen.
Alsbald blühend, purpurglänzend,
Stieg sie auch dem Dorngestäuche,
Bakchos' ewig junge Blume.
(S. 108-109)

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Besuch des Eros


Jüngst in mitternächt'ger Stunde,
Als am Himmel schon der Wagen
An Bootes' Hand sich drehte,
Und, ermattet von der Arbeit,
Schlafend lagen alle Menschen,
Da kam Eros noch und pochte
An der Thüre meines Hauses.
Wer doch, rief ich, lärmt da draußen
So? wer störet meine Träume?
"Öffne!" rief er mir dagegen:
"Fürchte nichts. Ich bin ein Knabe,
Habe mich verirrt in mondlos
Finstrer Nacht, von Regen triefend."
Mitleidsvoll vernahm ich dieses,
Nahm in Eile meine Lampe,
Öffnete, und sah ein Knäbchen,
Welches Flügel an den Schultern
Hatte, Pfeil und Bogen führte.
Alsbald ließ ich ihn zum Feuer
Sitzen, wärmte seine Hände
In den meinen; aus den Locken
Drückt' ich ihm die Regennässe.
Drauf, als ihn der Frost verlassen,
Sprach er: "Laß uns doch den Bogen
Auch versuchen, ob die Sehne
Nicht vom Regen schlaff geworden" -
Spannte, traf, und mir im Busen
That es wie der Bremse Stachel.
Er nun hüpfte auf und lachte:
"Siehst du, guter Wirth, wie glücklich!
Unbeschädigt ist mein Bogen,
Doch dir wird das Herz erkranken".
(S. 114-115)

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Die Probe


Mit einem Lilienstengel
Gar grausam schlug mich Eros,
Und zwang mich, ihm zu folgen.
Durch wilde Ströme ging es,
Durch Wälder und durch Klüfte,
Daß mich der Schweiß verzehrte.
Schon auf die Lippe trat mir
Die Seele, ja schon war ich
Ganz nahe am Erlöschen:
Da wehte Kühlung Eros
Mit seinem sanften Fittig
Mir auf die Stirn und sagte:
"Noch kannst du, Freund, nicht lieben!"
(S. 116)

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Der Kampf mit Eros


Ja, lieben, lieben will ich!
- Zu lieben rieth mir Eros;
Doch Thörichter ich wollte
Nicht dieses Rathes achten;
Da nahm er stracks den Bogen,
Griff nach dem goldnen Köcher,
Mich auf zum Kampfe fordernd.
Rasch warf ich um die Schulter
Den Harnisch wie Achilleus,
Nahm Schild und Schwert und Lanze
Und kämpfte gegen Eros.
Er schoß - doch ich, behende,
Wich ihm noch aus. Nun aber
Zuletzt, wie seine Pfeile
Fort waren, zornig fuhr er
Mit Pfeils-Gewalt, er selber,
In mich, und tauchte mitten
In's Herz, und machtlos war ich!
Was soll nun Schild und Wehre?
Was Stich und Stoß hier außen?
Ist doch der Kampf da drinne!
(S. 119)

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Widmung des Eros


Die Musen banden Eros
Mit Kränzen einst und brachten
Der Schönheit ihn zu eigen.

Nun suchet Kytherea,
Das Lösegeld in Händen,
Den Eros frei zu machen.

Doch komme wer da wolle:
Er geht nicht mehr, er bleibet,
Der schöne Dienst gefällt ihm.
(S. 120)

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Der verwundete Eros


In einer Rose schlummert'
Ein Bienlein, dessen Eros
Sich nicht versehn. Am Finger
Von ihm verwundet schrie er
Und schlug und schlug sein Händchen.
Halb lief er dann, halb flog er
Hin zu der schönen Kypris.
"O weh mir, liebe Mutter!
Ach weh, ich sterbe!" rief er:
"Gebissen bin ich worden
Von einer kleinen Schlange
Mit Flügeln - Biene heißet
Sie bei den Ackersleuten".
Sie sprach: Kann so der Stachel
Von einem Bienchen schmerzen,
Was meinst du daß die leiden,
Die du verwundest, Eros?
(S. 121)

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Die Pfeile des Eros


Dort in Lemnos' Feueressen
Nahm der Mann der Kytherea
Stahl und machte den Eroten
Pfeile draus; die Spitzen tauchte
Kypria in süßen Honig,
Den ihr Sohn mit Galle mischte.
Ares, einst vom Schlachtfeld kehrend
Und die schwere Lanze schwingend,
Spottet' über Eros Pfeile.
"Schwer genug ist der," sprach Eros:
"Nimm ihn nur, du wirst es finden".
Ares nahm den Pfeil; darüber
Lächelte Kythere heimlich.
Seufzend sprach der Gott des Krieges:
Er ist schwer: nimm ihn doch wieder!
"Nein, behalt' ihn nur!" sprach Eros.
(S. 122)

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Eros gefangen

Von Julianos dem Ägypter

Unlängst - ich band gerade
Mir einen Kranz - da fand ich
Den Eros in den Rosen.
Ich nahm ihn bei den Flügeln,
Warf ihn in meinen Wein und
So trank ich ihn hinunter.
Nun kitzelt er mich peinlich
Um's Herz mit seinen Flügeln.
(S. 123)

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Der todte Adonis


Als Kypris den Adonis
Nun todt sah vor sich liegen,
Mit wildverworrnem Haupthaar
Und mit erblaßter Wange:
Den Eber ihr zu bringen
Befahl sie den Eroten.
Sie liefen gleich geflügelt
Umher im ganzen Walde
Und fanden den Verbrecher
Und banden ihn mit Fesseln.
Der eine zog am Seile
Gebunden den Gefangnen,
Der andre trieb von hinten,
Und schlug ihn mit dem Bogen.
Des Thieres Gang war traurig,
Es fürchtete Kytheren.

Nun sprach zu ihm die Göttin:
Du böses Thier, du Unthier!
Du schlugst in diese Hüfte?
Mir raubtest du den Hatten?

Der Eber sprach dagegen:
Ich schwöre dir, Kythere,
Bei dir, bei deinem Gatten,
Bei diesen meinen Fesseln
Und hier bei diesen Jägern:
Ich dachte deinem holden
Geliebten nicht zu schaden!
Ein Götterbild an Schönheit
Stand er, und voll Verlangen
Stürmt' ich hinan, zu küssen
Des Jägers nackte Hüfte,
Da traf ihn so mein Hauer.
Hier nimm sie denn, o Kypris,
Reiß' mir sie aus zur Strafe
- Was soll mir das Gezeuge? -
Die buhlerischen Zähne!
Wenn das dir nicht genug ist,
Nimm hier auch meine Lippen,
Die sich den Kuß erfrechten!

Das jammert' Aphrodite.
Sie hieß die Liebesgötter
Ihm lösen seine Bande.

Er folgte nun der Göttin
Und ging zum Wald nicht wieder
[Und selbst an's Feuer laufend
Verbrannt' er seine Liebe].
(S. 124-125)

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Die Taube


Woher, o liebe Taube,
Woher kommst du geflogen?
Wie triefst du so von Salben
Und füllst die Luft im Fluge.
Mit ihren Wohlgerüchen?
Was hast du vor? wer bist du?

"Anakreons Gesandte.
Zu seinem Liebling muß ich,
Muß zu Bathyllos, dem ja
Nun Alles liegt zu Füßen.
Verkauft hat mich Kythere
Dem Sänger um ein Liedchen.
Anakreon vertrauet
Mir nun die größten Dinge,
Siehst du, hier hab' ich eben
Jetzt Briefe zu bestellen.
Wohl hat er mir versprochen,
Mich ehstens frei zu lassen;
Doch, wenn schon frei gelassen,
In seinem Dienste bleib' ich.
Wie sollt' ich noch auf Bergen
Umher und Feldern schweifen,
Mich auf die Bäume setzen
Und wildes Futter schlingen?
Ich picke von dem Brote,
Das mich der Dichter lässet
Aus seinen Händen nehmen.
Auch reicht er mir zu trinken
Den Wein, von dem er trinket,
Und nach dem Trunke trippl' ich
Um meinen Herrn und recke
Den Flügel, ihn beschattend.
Dann setz' ich mich, zu schlafen,
Auf seiner Leier nieder.
- Nun laß mich. Du weißt Alles.
Fürwahr, o Mann, du machtest
Mich schwatzhaft trotz der Krähe".
(S. 127)

_____



Anakreons Kranz

Von Basilios

Anakreon, der Sänger
Von Teos, - also träumt' ich -
Ward mein gewahr und rief mich.
Flugs auf ihn zu gelaufen
Umarmt' ich ihn und küßt' ihn.
Zwar schon ein Greis, doch schön noch,
Noch schön war er und zärtlich.
Wein hauchte seine Lippe,
Auf wanken Füßen ging er,
Von Eros' Hand geleitet.
Und nun vom eignen Haupte
Den Kranz herunter nehmend,
Der alle Wohlgerüche
Des Sängers von sich hauchte,
Reicht' er mir den; ich nahm ihn
Und band ihn um die Schläfe,
Ich Thor! Seit jener Stunde
Weiß ich von nichts als Liebe.
(S. 128)

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Ein Traum


Von Lyäos frohgemuthet
Schlief ich Nachts auf Purpurdecken;
Und mir war, als wenn ich scherzend
Mich mit jungen Mädchen jagte.
Leichthin schwebt' ich auf den Zehen;
Sieh, da kamen Knaben, schöner
Als der weiche Gott der Reben,
Die mit bitt'rem Hohn mich schalten
Jener holden Kinder wegen.
Doch wie ich sie wollte küssen,
Waren alle mit einander
Im Erwachen mir entflohen,
Und ich Armer lag verlassen,
Wünschte wieder einzuschlafen.
(S. 129)

_____



An eine Schwalbe


Wie soll ich dich bestrafen?
Wie, plauderhafte Schwalbe?
Bei deinen schnellen Schwingen
Dich fassen und sie stutzen?
Sag', oder soll ich etwa
Wie vormals jener Tereus
Die Zunge dir entreißen?
Was, aus so süßem Traume
Mit deinem frühen Zwitschern
Mir den Bathyll zu rauben!
(S. 130)

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Naturgaben


Es gab Natur die Hörner
Dem Stier, dem Roß die Hufe;
Schnellfüßigkeit dem Hasen,
Dem Löwen Rachenzähne,
Den Fischen ihre Flossen,
Den Vögeln ihre Schwingen;
Und den Verstand dem Manne.
- So bliebe nichts den Frauen?
Was gab sie diesen? - Schönheit:
Statt aller unsrer Schilde,
Statt aller unsrer Lanzen!
Ja über Stahl und Feuer
Siegt Jede, wenn sie schön ist.
(S. 131)

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Der Liebenden Kenner


Das Roß führt an den Hüften
Ein eingebranntes Zeichen,
Und am gespitzten Hute
Mag man den Parther kennen.

Mit Einem Blick so will ich
Die Liebenden erkennen:
Ein zartes Mal ist ihnen
Gezeichnet in die Seele.
(S. 132)

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Übersetzt von Eduard Mörike (1804-1875)

Aus: Anakreon und die sogenannten
Anakreontischen Lieder
Revision und Ergänzung
der J. Fr. Degen'schen Übersetzung mit Erklärungen
von Eduard Mörike
Stuttgart Krais & Hoffmann 1864
 




 

 


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