Europäische Liebeslyrik

(in deutscher Übersetzung)

Edward Charles Halle (1846-1914) - Die Musik

 

 

Adam Asnyk (1838-1897)

(In der Übersetzung von Heinrich Nitschmann und Lorenz Scherlag)



Sonett

Ich mußte schweigen, als ich schied von dir,
Die Lippe schien der Sprache zu entbehren,
Es blieb das Wort zurück im Busen mir,
Das Herz entfloh und will nicht wiederkehren.

Dir bleibt geöffnet deines Hauses Thür,
Du wirst im Lenz dort Nachtigallen hören -
Getrennt, im tiefen Unglück leb' ich hier,
Mein Haus ist fern, ich kann nicht wiederkehren.

Kein Echo klang mir nach, als ich geschieden;
Doch besser, daß mein Angedenken nimmer
Gefährde deiner hellen Träume Frieden!

Der Morgen wird dir neues Glück gewähren -
Ich nehme Abschied von dem letzten Schimmer,
Um aus dem Dunkel nie zurückzukehren!

übersetzt von Heinrich Nitschmann (1826-1905)

Aus: Der polnische Parnaß
Ausgewählte Dichtungen der Polen
Übersetzt von Heinrich Nitschmann
Nebst einem Abriß der polnischen Literaturgeschichte
und biographischen Nachrichten
Vierte sehr vermehrte Auflage
Leipzig F. A. Brockhaus 1875 (S. 358)

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Das verwelkte Blättchen

Mein Herz, das ruhelose,
Es wallte stürmisch auf,
Ich nahm von der weißen Rose
Ein Blatt und schrieb darauf.

Die Worte süß und bange
Die nie geworden laut,
Die hab' ich im heißen Drange
Dem zarten Blatt vertraut.

Die Hoffnung, die ich hegte,
Die Schmerzen, die ich litt,
Was mich im Traum bewegte,
Dem Blättchen theilt' ich's mit.

Bestimmt war's ihren Händen,
Entziffern sollte sie's
Und dann mir Antwort senden
Auf gleichem Blatt wie dies.

Noch einmal wollt' ich prüfen
Die seltene Schrift vorher,
Doch ach, die Züge verliefen,
Kein Wort erkannt' ich mehr.

Das Blatt war welk und faltig,
Und jede Spur verschwand
Der Worte süß und gewaltig,
Bestimmt für ihre Hand!

übersetzt von Heinrich Nitschmann (1826-1905)

Aus: Der polnische Parnaß
Ausgewählte Dichtungen der Polen
Übersetzt von Heinrich Nitschmann
Nebst einem Abriß der polnischen Literaturgeschichte
und biographischen Nachrichten
Vierte sehr vermehrte Auflage
Leipzig F. A. Brockhaus 1875 (S. 359)

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O, würd ich jünger sein!

O Mädel, würd ich jünger sein,
O welch ein Glück!
Dann würd ich niemals trinken Wein,
Nur Nektar bloß aus deinem Blick
O, jünger sein!

Du wärest mir vielleicht dann gut,
O goldnes Ziel!
Dies Wort allein macht glühn mein Blut,
Denn ach, es wär des Glücks zu viel:
Wärst du mir gut!

Dann wären nichts die Sterne mir
Und auch der Mond;
Ich würde alles weihen dir,
Von Glück durchstrahlt, durchglüht, durchsonnt,
Ja, alles dir!

Die Sonne würd ich dann verschmähn;
Des Frühlings Pracht
Sogar könnt nicht vor dir bestehn;
Vor deiner zauberreichen Macht . . .
Könnt nicht bestehn.

Doch leider bin ich schon zu alt,
Daß fordern ich sollt,
Daß mir dein Herz entgegenwallt.
Drum spiel ich mit des Liedes Gold . . .
Ich bin zu alt.

Und deshalb meide ich dich weit,
O Engel du!
Mein Stolz verschmäht der Liebe Leid . . .
Und voller Sehnen, ohne Ruh
Entflieh ich weit.

Ich lächle still und trinke Wein,
Mit Tränen vermengt.
Vergangnes hüllt mich leise ein,
Von grauen Nebeln eng umdrängt . . .
Ich trinke Wein . . .

übersetzt von Lorenz Scherlag (1881-1941)

Aus: Moderne polnische Lyrik
Eine Anthologie deutscher Übertragungen
Herausgegeben von Lorenz Scherlag
Amalthea Verlag Zürich Leipzig Wien 1923 (S. 3-4)
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