Europäische Liebeslyrik

(in deutscher Übersetzung)

Edward Charles Halle (1846-1914) - Die Musik

 

 

Peter Daniel Amadeus Atterbom (1790-1855)

(In der Übersetzung von Edmund Lobedanz)



Der Schmetterling

Siehst den Sylph du flüchtig flieh'n?
Lust in vollen Zügen ziehn?
Die er saugt von Blumenlippen?
Sieh ihn an dem Honig nippen,
Purpurn schimmert sein Gewand,
Fein gewebt mit goldnem Rand.

Ewig rührig, ewig jung,
Hebt er sich mit leichtem Schwung.
Fürst der Blumenwelt, beflügelt,
Blume selber, ungezügelt,
Schweift er rings - ein seidnes Bett
Webt ihm Flora, weich und nett.

Nichts bedarf sein zarter Leib,
Lebt allein dem Zeitvertreib,
Braucht nicht grobe Erdenspeise,
Thau und Rosenküsse, leise,
Nähren seine Luftgestalt,
Locken ihn in Feld und Wald!

Für das Lieben nur gemacht,
Süß ihm Liebchens Auge lacht,
Sieht's in tausend Nektarschalen,
Wie im Spiegel hold sich malen.
Schüttelt dann das Köpfchen klein:
Bist du da, o Liebchen mein?

Schnippisch wartet schon die Maid
Dort im Flieder lange Zeit,
Spricht: Ei, ei, wie kommst du selten!
Zürnt und kann ihn doch nicht schelten,
Bald, an klarer Quelle Rand,
Weigert sie nicht mehr die Hand.

Düfte, Strahlen ohne Zahl
Billigen die stille Wahl;
Sonne lacht vom Himmelsbogen,
Töne durch die Lüfte wogen,
Und der Hain in heil'ger Ruh
Flüstert mit dem Wind: Glück zu!

Nur ein Schmerz füllt seine Brust,
Kann nicht schildern seine Lust,
Nennen nicht, was tief ihn schmerze!
Flügel hat er, doch kein - Herze!
Hat nicht Wort, nicht Melodie,
Fromm wie Blumen, stumm wie sie.

Ein Verdienst das Glück ihm gab,
Er hat Muth zu sehn sein Grab
In der Heißgeliebten Schooße;
Blos zu diesem süßen Loose
Flog er auf zum Himmelsdom,
Strahlt auf ihn des Lichtes Strom!

Tod und Leben, hehr im Bund,
Bilden seine Schäferstund',
Mund an Mund fühlt er die Wonne,
Arm in Arm der Liebe Sonne,
Sehnsucht ist des Lebens Bild,
Es erlischt, wenn sie erfüllt.

Waldes-Elfen, groß und klein,
Legen ihn ins Grab hinein.
Klagen, schütteln trüb die Locken,
Läuten mit den Blumenglocken.
Fand im Muschelsarg nun Ruh,
Drossel singt ein Lied dazu.

Himmelsazur, Sommerlust,
Sonnenglanz und Rosenmost!
Gold, das auf den Flügeln strahlet!
Glück, das hell im Aug' sich malet!
Dann ein Schlaf, wenn Lieb gebot,
Welch ein Leben, welch ein Tod!
(S. 149-151)
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Die Rose

Der lebenden Fülle üppigste Pracht,
Des feurigen Kusses berauschendste Macht,
Des festlichen Tages Süßigkeit,
Die gaben die Nornen der Rosenmaid.

Spinnend der Jahre endlosen Draht,
Schmücken sie mir mit dem Schönsten den Pfad,
Wangen von Purpur! Mund von Korall!
Perlen am Hals von des Thaues Krystall!

Purpurner Schleier umhüllt mir die Brust,
Klarer Rubin blitzt am Arm mir voll Lust,
Aus grünem Sammt ist gewebt meine Tracht,
Die Schuh' an den Füßen - sie sind Smaragd.

Mich plagt unaufhörlich die Nachtigall,
Sag, was sie will mit dem ewigen Schall?
Ihr Schmachten und Trachten - nicht kennt es mein Herz,
Und blind bleibt mein Aug' vor des Sängers Schmerz.

Kommt aber mein Schmetterling, schön wie zum Tanz,
Dann senkt meine Thurmwache Säbel und Lanz',
Er reitet auf Strahlen der Sonn' in mein Schloß,
Und nimmer that Rose, was je ihn verdroß.

Im Wald, wo der Epheu die Buche umschlang,
Da küßt er sein Lieb auf die glühende Wang',
Sie glüht, wie die Erd' von der Wollust Wein,
Das Brautlied dann summet die Biene darein.

Ich weiß es, der Flücht'ge verläßt mich gar bald,
Davon eilt die Lieb' mit des Stromes Gewalt!
Doch ewig dasselbe macht auch Langeweil,
Und bald wird ein Schöner der Schönen zu Theil!

Die Sonn' und die Liebe sind Allen gemein,
Ein Thor, wer sie möchte genießen allein,
Sie ist unter Sternen ein Geist, so groß,
Und schenkt uns auf Erden des Himmels Loos.

Ein Herz nur schlägt in dem ewigen All,
Doch in mir klopft es mit ewigem Schall,
Das ist das Gesetz, das im Herzen mir steht,
Das tröstend durch alle Wesen geht.

So theil' ich mit mir, in der Zeiten Lust,
Den sprudelnden Strom in Tausender Brust,
Vergänglich wohl schäumet die Woge im Meer
In eilenden Stunden ein Tanz, so hehr.

Der Küsse durch Nerven zuckende Kraft,
Des Nektarchampagners astralischer Saft,
Die Ambra im Kelch mir so süß und genehm
Erklär dir der Blumenkön'gin System!
(S. 154-155)
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Romanze

Die Linden stehn unterm Burgaltan,
Dort nähten zwölf Jungfrauen fein,
Dort spielen zwei Königskinder hold
Mitsammen im Abendschein.
Wenn der Tag wieder kommt, schläft der Liebste tief unter Linden.

Jung Astolf hält stolz Schwanhild im Arm,
Schlägt den Stahl auf den Tisch, daß es gellt:
"Der herrlichste König werd' ich dereinst,
Der jemals gelebt auf der Welt."
Wenn der Tag wieder kommt, schläft der Liebste tief unter Linden.

""Ach würdest der herrlichste König du,
Der jemals gelebt in dem Land,
Und wäre ich doch ein Ring von Gold
Und säß' auf des Königs Hand!""
Wenn der Tag wieder kommt, schläft der Liebste tief unter Linden.

"Zu sitzen als Ring an des Königs Hand,
Dazu gehörte viel Muth,
Einen Finger verliert er wohl in der Schlacht
Und die Hand befleckt Menschenblut!"
Wenn der Tag wieder kommt, schläft der Liebste tief unter Linden.

""Dann solltest du sein der tapferste Bursch,
Den man seh'n konnt im Sattel von Gold,
Und ich würde sein die Feder, so weiß,
Welche weht von dem Helme, so hold.""
Wenn der Tag wieder kommt, schläft der Liebste tief unter Linden.

"Schwer wär's, dir zu sein eine Feder weiß,
Und zu wehn von dem Helm mir voll Pracht,
Es sprühen die Funken so hell auf dem Stahl,
Gleich Sternen in Winternacht."
Wenn der Tag wieder kommt, schläft der Liebste tief unter Linden.

""Dann solltest du sein der klarste Bach,
Weicher rieselt auf goldenem Sand,
Und ich würde sein ein Entelein,
Und schwimmen von Land zu Land!""
Wenn der Tag wieder kommt, schläft der Liebste tief unter Linden.

"Schwer würd's dir zu sein ein Entelein
Und zu schwimmen von Land zu Land,
Wenn der Jäger früh geht aus auf die Jagd,
Droht Tod dir durch seine Hand."
Wenn der Tag wieder kommt, schläft der Liebste tief unter Linden.

""Dann solltest du sein der stolzeste Hirsch,
Welcher lief durch den Wald so wild,
Und ich wollte sein die Hindin klein,
Die sich schmiegt an den Hirsch, so mild.""
Wenn der Tag wieder kommt, schläft der Liebste tief unter Linden.

"Es würde dir schwer, eine Hindin zu sein,
Dich zu schmiegen an den Hirsch so mild:
Im Dickicht lauert der brummende Bär,
Der griffe die Hindin so wild."
Wenn der Tag wieder kommt, schläft der Liebste tief unter Linden.

""Dann solltest du sein die lieblichste Lind',
Welche grünt' an dem klaren Fluß,
Und ich wollte sein ein Halm von Gras,
Und küssen der Linde Fuß.""
Wenn der Tag wieder kommt, schläft der Liebste tief unter Linden.

"Schwer würd's dir zu sein ein Halm von Gras,
Und zu stehn bei der Linde am Fluß,
Das zarteste Lamm, das im Felde ging,
Träte dich todt mit dem Fuß."
Wenn der Tag wieder kommt, schläft der Liebste tief unter Linden.

""Dann solltest du sein die höchste Eich',
Welche stünd' auf der Wiese so fest,
Und ich würde sein eine Drossel klein
Und bau'n in dem Wipfel mein Nest.""
Wenn der Tag wieder kommt, schläft der Liebste tief unter Linden.

"Schwer wär's dir zu wohnen als Drossel im Nest,
Wo der Wipfel gen Himmel sich streckt,
Wohl mancher hört's, wenn die Drossel singt
Und hat sie gar sehr erschreckt."
Wenn der Tag wieder kommt, schläft der Liebste tief unter Linden.

""So sei eine Kirche auf Nordanhaid,
Streb' herrlich zum Himmel empor,
Ich werd' dann der silberne Altar darin
Und stehn im heiligen Chor!""
Wenn der Tag wieder kommt, schläft der Liebste tief unter Linden.

Gar listig da sprachen die Jungfrau'n süß:
"Die Braut, die du liebst, nicht vergiß,
Von Allen, welche sind in der Welt,
Gönnt' sie dir das Beste gewiß."
Wenn der Tag wieder kommt, schläft der Liebste tief unter Linden.
(S. 155-158)
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Ballade

Strickt einst am Jagdnetz ein Mägdlein fein,
Morgenfrisch, anmuthreich!
Hielt auf dem Finger ein Schneehuhn klein:
"Kind!" rief der Jäger, "halt still das Thier,
Sicher treff' ich's vom Finger dir!
Werd' nicht blaß, sieh', süß ist sein Loos,
Bettchen hart, Bettchen weich!
Lieblich stirbt sich's in deinem Schoos!"

"Schieß!" sprach die Maid, und ein Blitz flammt vom Erz,
Auf sprang sie bang und bleich,
Ach, die Kugel durchbohrt' ihr das Herz!
"Küßtest so oft mir die Lippen roth,
Kuß von dir ist nun auch ja mein Tod!
Steh' nicht so bleich, ich preis' ja mein Loos!
Bettchen hart, Bettchen weich!
Lieblich stirbt sich's in deinem Schoos!"

Tief in den Lauf hat der Jäger geblickt,
Ach, an Schmerz nun so reich!
Auf hat die Kugel in's Herz er geschickt! -
Hin zu dem Schatz auf dem Rasen, voll Lust
Sinkt so bleich er mit blutender Brust.
Sei nicht so bleich, süß ja ist unser Loos,
Bettchen hart, Bettchen weich!
Lieblich stirbt sich's in deinem Schoos!
(S. 158-159)
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Lied

Holde Rose, laß Dich fragen,
Sprach der Schmetterling gar sacht,
Warum uns mit Scheiden plagen,
Wenn verschwand der Sonnenwagen?
Erst im Dunkeln darf man sagen:
Treuen Bund schließ heil'ge Nacht.

Röschen sprach mit süßem Schmachten:
Fliehe, Schatz, von mir!
Dunkel bringt Gefahr dem Trachten;
Soll die Lust den Sinn umnachten?
Warte, bis wir neu erwachten,
Laß mich träumen blos von Dir!

Lunas milde Augen blicken
Still auf einen lieben Platz.
Da Papilio listig eilet
Nach dem Lager, wo sie weilet.
Ruft, empfindend süß' Entzücken:
"Komm, es tagt, wach auf, mein Schatz!"
(S. 161-162)
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übersetzt von Edmund Lobedanz (1820-1882)

Aus: Album Schwedisch-Finnischer Dichtung
Deutsch und mit biographisch-literathistorischen Notizen
von Edmund Lobedanz
Mit Tegniers Portrait, gestochen von Weger
Leipzig Albert Fritsch 1868


 

 


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