Europäische Liebeslyrik

 

Edward Charles Halle (1846-1914) - Die Musik

 

 

Jens Baggesen (1764-1826)

(Vom Dichter in Deutsch gedichtet)



Röschen

Noch nicht entblüht zur Rose,
Lag der Natur im Schooße
Ein Röschen, zart und fein;
Gewiegt von Maienlüften,
Schlief es in sanften Düften
Der Mutter ein.

Die Schmetterlinge schwebten;
Die Staudenblätter bebten;
Es zitterte das Licht;
Es murmelte die Quelle;
Es rieselte die Welle -
Sie weckten's nicht.

Da rauschet' es im Haine
Bei blassem Vollmondscheine
Durch dunkler Wipfel Dicht;
Und Nachtigallen sangen,
Und Zaubertöne klangen -
Sie weckten's nicht.

Da nahten, wie zum Tanze,
Die Grazien im Glanze
Des vollen Mondes sich;
Und jede sprach im Kreise
Zur Rosenknospe leise:
"Ich segne dich."

"Im sanften Mutterschooße
Entblüh', und werde Rose!"
Klang aller Harmonie -
Und Anmuth jeder Tugend,
Und Blüthenreiz der Jugend
Umhüllte sie.

"Entblüh' und werde Rose!"
So hallt' im Mutterschooße
Die Himmelsstimme nach:
Das Röschen bebt' im Schalle -
Da bückten sie sich alle,
Und küßten's wach.

Vom Kuß erglühend wachte
Das Röschen auf, und lachte
Erröthend, sanft und mild,
Die schönste Blum' im Haine -
So ganz wie sie, war keine
Der Unschuld Bild.

Wie der Natur im Schooße,
Kaum aufgeblüht zur Rose
In Florens Lieblingsbeet,
Von Zephyr angefächelt,
Von Grazien umlächelt,
Das Röschen steht -

So der Natur gelungen,
Von Grazien umschlungen,
Wovon dir jede glich,
So sanft, so mild, so blühend
Sah' ich, vor Wonne glühend,
Geliebte! dich.


Aus: Jens Baggesen's poetische Werke
in deutscher Sprache
Herausgegeben von den Söhnen des Verfassers
Carl und August Baggesen Zweiter Theil
Leipzig F. A. Brockhaus 1836 (S. 10-12)

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Allgegenwart der Geliebten

Wie bist du meinem Geiste, meinem Herzen,
Geliebte, nah!
Du bist in Freuden, und du bist in Schmerzen
Mir ewig da.

Ich denke dein am Tag', in des Gewimmels
Gelärmverein;
Und unterm Domgewölb' des Sternenhimmels
Im Wald' allein.

Ich suche dich in jedem zarten Triebe
Der flücht'gen Zeit;
Und finde dich in jeder hohen Liebe
Der Ewigkeit.

Ich sehe dich, wenn hoch der Himmel funkelt
In heller Pracht;
Und wenn auf Erden Alles um mich dunkelt
In tiefer Nacht.

Ich höre dich, wenn Felsen wiederhallen,
Im Hörnerklang,
Im Harfenton, und in der Nachtigallen
Choralgesang.

Ich athme deinen Hauch in Morgenlüften,
Wo Veilchen blühn;
In Mittagsschatten, und in Abenddüften,
Wo Rosen glühn.

Ich koste deiner Lippen Honigsüße
Im Fruchtgenuß;
Der Wein ist mir, wenn ich den Becher küsse,
Von dir ein Kuß.

Ich fühle dich, wenn tief in meinem Herzen
Die Wonne bebt,
Die hoch gen Himmel über alle Schmerzen
Die Seele hebt.

Und geb' ich, müde meines Erdenkummers,
Dem Schlafe Raum,
Ist mir die ganze zweite Welt des Schlummers
Von dir ein Traum.

Wo sich mein Pfad durch dunkle Wüsten windet
Rauh, leer, und wild,
Wo jede Spur des Göttlichen mir schwindet,
Strahlt mir dein Bild.

Und wo Natur von außen, Gott von innen
Ergreifen mich,
Empfind' ich geistig, und mit allen Sinnen,
Geliebte, dich.

Aus: Jens Baggesen's poetische Werke
in deutscher Sprache
Herausgegeben von den Söhnen des Verfassers
Carl und August Baggesen Zweiter Theil
Leipzig F. A. Brockhaus 1836 (S. 12-13)

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An Alpina
(Auf ihren Geburtstag)

O du, die wallend an der Hand
Der höheren Natur, in Jungfrauspuren
Der Grazien, auf Thunas Tempelfluren,
Verlassen, weinend, zitternd, auf dem Rand
Des Abgrunds der Verzweifelung, mich Armen
Des wilden Schicksals Beute fand;
Und bald mit göttlichem Erbarmen
Genaht, in meine schwermuthsvolle Brust
Den ersten Funken froher Lebenslust
Mit einem einz'gen holden Blick gelächelt;
Als auf der Wiese dort, im seligen Genuß
Des Alpenzaubers, von Zephyren angefächelt,
Von Grazien umtanzt, mit leichtem Fuß,
Auf Blumen du mir schnell vorüberschwebtest!
Du hemmtest deinen Flug, und wandtest dich,
Und standst erröthend, und erblicktest mich -
Holdselige! mit diesem Blicke webtest
Du Licht in meine Seele, Himmelslust
In meine schmerzerfüllte Brust,
Zufriedenheit in mein verhaßtes Leben,
Und namenlose Seligkeit
In meines Wesens leere Ewigkeit
Du webtest dich in mich! Mit wonnevollem Beben
Fand meine Seele sich in diesem Blick
Ergänzt, erwacht, zum zweitenmal geboren;
Durch diesen neuen Schöpferblick
Fand ich mich zur Unsterblichkeit erkohren.

O Göttin meines Glücks! wie dank' ich dir
Am heiligsten der Tage? da die Sonne
Zum erstenmal dich sah! da mir Beneidenswerthen, mir
Geboren ward, Geliebteste, mit dir
Ein zweites Ich, und diese Wonne!
Verstumm', o Zunge! schweige, Feder! Rinn'
Nur du, o Wollustthräne meiner Liebe!
Und nimm, du holde Schöpferin,
Den vollen Dank in dieser Thräne hin,
Der stumm in jeder andern Sprache bliebe!

Aus: Jens Baggesen's poetische Werke
in deutscher Sprache
Herausgegeben von den Söhnen des Verfassers
Carl und August Baggesen Zweiter Theil
Leipzig F. A. Brockhaus 1836 (S. 17-18)

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An die kranke Geliebte

Martr' ich dich, holde Geliebte! durch Kummer und lästige Sorgfalt,
Und verwundet dein Herz meine zu zitternde Furcht?
Denke, die sanfteste Blum' ist dornvoll; stechet und ritzet
Oft die beduftete Hand; doch sie verwundet nicht tief.
Liebe der Männer ist oft so glatt wie glänzende Tulpen;
Diese sind ohne Gedorn; aber sie duften auch nicht.
Meine Liebe zu dir ist gleich der erglühenden Rose,
Die mit der Lilien Schnee gern sich im Beete vermählt:
Sorgsam stützend die Zarte, daß nicht ihr knicke den Stengel
Rauh anwehender Sturm, ritzt sie die Schirmende selbst.


Aus: Jens Baggesen's poetische Werke
in deutscher Sprache
Herausgegeben von den Söhnen des Verfassers
Carl und August Baggesen Zweiter Theil
Leipzig F. A. Brockhaus 1836 (S. 63)

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Alpina

Alpenlilien, rein, wie Schnee vom Busen der Jungfrau,
Schimmerten wallend im Beet dort, wo das Eden noch grünt;
Zwischen den weissen erglüheten sanft zwo purpurne Rosen,
Jede von Knospen umdrängt, aber von Dornen befreyt.
Manch' Anemon', Hyacinth', und manches bescheidene Veilchen
Mischt' und erhöhte den Schmelz, theilt' und vermehrte den Duft.
Einst, vor sieben Tagen - noch wallt es mir lebend vors Auge -
Sah' ich das Blumengefild', damals ein Jüngling, und frey.
Sieh'! da zerfielen zu Staub urstracks, in prangender Blüthe,
Alle die Holden; ein Hauch, ach! und sie blühten nicht mehr.
Aber, o Wonne! dem Staub' entblühete, rosiger Wange,
Lilienarmig, und rings edenumduftet, ein Weib!
Alles Schöne der Erde vereint umhüllte die Seele;
Und aus dem Himmel des Blicks lächelte Liebe sie mir.
Eilig umarmt' ich die himmlische Braut in entflammter Entzückung -
Sieh'! da stand ich erstarrt! um mich der blumige Staub.

Aus: Jens Baggesen's poetische Werke
in deutscher Sprache
Herausgegeben von den Söhnen des Verfassers
Carl und August Baggesen Zweiter Theil
Leipzig F. A. Brockhaus 1836 (S. 67)

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Psalm

Ich weiß es klar: die Welt umschwebt
Ein großer Geist, der ewig lebt,
Und Geist mit Geist vereinet -
Er strahlt, wo der Gedanke wohnt;
Er waltet, wo das Urlicht thront;
Und ist, wo nichts erscheinet.
Halleluja!

Ich fühl' es tief: ein Herz ist da,
Ein großes Herz, das fern und nah
An Liebe Liebe bindet -
Es regt sich dort, es regt sich hier;
Es schlägt im All, und schlägt in mir,
Wenn selbst das All verschwindet.
Halleluja!

Aus: Jens Baggesen's poetische Werke
in deutscher Sprache
Herausgegeben von den Söhnen des Verfassers
Carl und August Baggesen Zweiter Theil
Leipzig F. A. Brockhaus 1836 (S. 76)

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Liebestrunkenheit

Dank dir, Idalia! Myris erhöret mich!
Lächelt mir Seligen! Wer ist beglückt, wie ich,
Rings im unendlichen Raum?
Heil mir! die rosigen Lippen eröffnen sich,
Leise zu lispeln, o! Wonne, sie liebe mich!
Trau' ich dem seligen Traum?

Stärke mir, Göttin! die himmelbeladne Brust!
Himmlische! lehre mich tragen die Götterlust!
Wie sie umschlungen mich hält,
Busen an Busen! Es schwindet die Erde mir -
Schwindet nur, Monden und Sonnen! Allein mit Ihr
Hab' ich noch mehr als die Welt!

Sieh! ich bin mächtig, und stolz, wie Napoleon!
Herrlicher thronte kein Sieger im Pantheon!
Sternen betretet mein Fuß!
Myris umarmet und küßt mich - o Seligkeit!
Reichthum und Ruhm und Gewalt und Unsterblichkeit
Giebt mir der selige Kuß!

Schleudre von oben, o Zeus, mit ergrimmter Hand
Pfeile der Donnerorkane zum Erdenbrand!
Sieh! wenn der Himmel auch bricht,
Lippen auf Lippen, verschlungen, und Brust an Brust,
Sterbend vor Wonn' in der Liebe Vollendungslust,
Hören und fühlen wir's nicht.


Aus: Jens Baggesen's poetische Werke
in deutscher Sprache
Herausgegeben von den Söhnen des Verfassers
Carl und August Baggesen Zweiter Theil
Leipzig F. A. Brockhaus 1836 (S. 87-88)

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Dreieinigkeit
An Fanny

Eine Grazie giebt's, ein wonnebezauberndes Etwas,
Ein holdseliges Eins, nimmer getheilter Natur,
Unentbehrlich der bildenden Kunst, die Seele der Schönheit
Gleichsam der heilige Geist göttliches Menschengefühls.
Also lehrten mich Weise; doch Anderes lehrten mich Dichter:
Drei, so sangen sie stets, drei sind Grazien, drei.
Jen' und diese vereinten sich zwar in der Sache des Räthsels,
Und im verschiedenen Wie barg sich das nehmliche Was;
Dennoch traut' ich nicht ganz der Mysterie; bange besorgt' ich,
Daß an der Sache zuletzt nichts als nur Täuschendes sey.
Nah schon war ich dem Schlund', ein Zweifler bereits, der Verzweiflung,
Als mir erschienen, o Heil! plötzlich in Einer die Drei,
Sichtbar dem Auge, zugleich dem Gefühle vernehmlich und hörbar.
Fanny! du lächeltest mir, drücktest die Hand mir, und sangst!
Jetzo begreif' ich dich ganz, Dreieinigkeit! Alles ist klar mir.
Zweifle wer nimmer dich sah! mir ist das Räthsel gelöst.

Aus: Jens Baggesen's poetische Werke
in deutscher Sprache
Herausgegeben von den Söhnen des Verfassers
Carl und August Baggesen Zweiter Theil
Leipzig F. A. Brockhaus 1836 (S. 89-90)

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Entzückung

Was schwebt einher im Orionenlichte
Durch jenen mondbeglänzten Hain?
Wem horcht die Nachtigall in dunkler Dichte?
Wem neigen sich der Sterne Reihn?

Sank eine Gottheit auf melodischem Gefieder,
In aller Sphären Harmonie,
Auf die erwartungsstumme Erde nieder?
Ist's meine Fanny? ist es sie?

Die, reizender als Anadyomene,
Erhabner als Urania,
Und schöner als sie Beide, die Kamöne
Noch jüngst im Traume sah?

Sie ist es, Sie! Entschwebe, meine Seele,
Der nahen Gottheit Himmelraub,
Auf Melodieenflügeln ihrer Kehle,
Dem aufgelösten Staub!

Sie singt. O Lyra! töne neue Lieder!
Ihr Sternenharfen, rauschet drein!
Der ganze weite Himmel hall' es wieder
Im Chor der Jubelreihn!

O Wonne! tief versunken ist die Erde;
Und Psyche schwebt im Himmel schon!
Ringsum erbebt von meinem neuen Werde
Das All im Jubelton.

Die Monde tanzen, Sonne fliegt zu Sonne
Im Wirbelschwung des Wiederhalls!
Wie faßt die Seele der Verklärung Wonne?
Und die Verherrlichung des Alls?

Ihr Blick, ihr Ton hat magisch umgestaltet
Die auferstandene Natur!
Sie selbst, der neuen Schöpfung Göttin, waltet
Hoch über die bestirnte Flur.

Sie blickt auf mich! Statt jener Nebelhülle
Umfließt die Seele Götterglanz -
Sie lispelt mir - Der Seligkeiten Fülle
Verschlingt mich ganz.

Aus: Jens Baggesen's poetische Werke
in deutscher Sprache
Herausgegeben von den Söhnen des Verfassers
Carl und August Baggesen Zweiter Theil
Leipzig F. A. Brockhaus 1836 (S. 90-91)

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An Maria

Im Wechsel späht' ich, wie die Dioskuren,
Der Erde bald, und bald des Himmels Plätze;
Mein Herz und Geist bewunderten die Schätze
Der beiden gottentquellenden Naturen -

Und suchend immer jenes Urquells Spuren
In Lichtgestalten, und in Aethertönen,
Durchflog, der Biene gleich, ich alle Fluren
Des Göttlichen: des Guten und des Schönen.

Ich hört' im Wipfel lichtentsproßner Sonnen
Der Sphären Harmonieen, stets beglückter;
Und sah was lieblich blüht am Blumenstengel -

Stets seliger empfand ich neue Wonnen.
Doch sah, und hört', und fühlt' ich nichts entzückter,
Als dich, Maria! Gattin, Mutter, Engel.


Aus: Jens Baggesen's poetische Werke
in deutscher Sprache
Herausgegeben von den Söhnen des Verfassers
Carl und August Baggesen Zweiter Theil
Leipzig F. A. Brockhaus 1836 (S. 129)

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An Fanny

Ausgeras't hat jetzt der Stürme Toben;
Weggezogen ist das Wolkenheer,
Und der ferne Donner rollt nicht mehr;
Hell ist alles unten, alles oben,
Hell ist alles um mich her.

Fröhlich lacht der Himmel; voller Wonne
Baden sich im Glanz der Abendsonne
Erd' und Meer; und durch die heitre Luft
Wallt der Lilien und Rosen Duft.

Quellen murmeln; alle Stauden blühen;
Jeder Vogel singt in seinem Nest;
Her von Süden weht ein sanfter West;
Alle Wipfel rauschen; alle Gipfel glühen -
Die Natur begeht ein Fest.

Mir ist aber festlich nicht zu Muthe:
Fieberängstlich wallt's in meinem Blute;
Schwindlicht immer kreist's um mein Gehirn;
Und der Abenddämmrung sanfte Kühle
Nach des Tages gluthbeklommner Schwüle
Kühlt nicht meine heiße Stirn.

Meine Donnerwolken fliehen nimmer;
Mir im Busen tobet noch der Sturm;
Denn am Herzen nagt mir Armem immer
Dunkel ein verborgner Wurm.

Ach! indem die Sonne weit, und weiter,
Dehnt der Abendflügel goldne Pracht,
Während Alles rosig, hell, und heiter
Nächtlichstiller Ruh' entgegenlacht,

Sitz' ich hier im klangerfüllten Haine,
Süß umwallt von seiner Rosen Duft,
Sanft umweht vom Blüthenhauch der Luft,
Hold umstrahlt vom goldnen Abendscheine,
Ach! Geliebte, fern von dir - und weine.


Aus: Jens Baggesen's poetische Werke
in deutscher Sprache
Herausgegeben von den Söhnen des Verfassers
Carl und August Baggesen Zweiter Theil
Leipzig F. A. Brockhaus 1836 (S. 131-132)

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Nina

Traurig und stille, wie das Grab,
Liegt dort die Welt in dunkler Ferne;
Und mich dünkt, er stieg da hinab -
Und er war bei mir doch so gerne!

Dort ging er nieder -
Ach! kehrt er wieder?
O Weh!
O Weh!
Der Boden sinkt, worauf ich steh' -
O! wenn ich nie ihn wiederseh'!

Schreckt vielleicht mich ein falscher Traum?
Macht mich des Abends Stille bange?
O! mich dünkt, er küßte mich kaum -
Und vom Kuß noch glüht mir die Wange!
Traum, o verschwinde!
Daß ich ihn finde!
Doch ach!
Doch ach!
Mein Herz ist wund, mein Kopf ist schwach -
Ich träume nicht; ich fühl's zu wach!

Nein! er schwand mir! Auf ewig fort
Ist mit ihm meines Lebens Wonne.
Nun herab, in's Thal, zu dem Ort,
Wo versank mit ihm auch die Sonne!
Ach! sie ging nieder!
Doch sie kehrt wieder -
Und mir -
Und mir?
Kehrt morgen er vielleicht mit ihr?
Ist morgen er auch wieder hier?

Ja sie kehrt! meine Sonne kehrt!
Flieht ihr Schatten der dunklen Sorgen!
Ist die Nacht der Thränen wohl werth,
Wenn gewiß ist der ewige Morgen?
Weg, düstrer Kummer!
Komm, süßer Schlummer!
Er kehrt -
Es kehrt
Der Liebe Licht, das ewig währt!
Die Nacht ist nicht der Thränen werth.

Aus: Jens Baggesen's poetische Werke
in deutscher Sprache
Herausgegeben von den Söhnen des Verfassers
Carl und August Baggesen Zweiter Theil
Leipzig F. A. Brockhaus 1836 (S. 136-138)

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Liebeszauber

Wenn ich liebe,
Seh' ich hell erglühen
Alle trüben grauen Wolken oben -
Wenn ich liebe,
Seh' ich rosig blühen
Alle Stege;
Immer lacht
Dann in Frühlingspracht
Alles mir am Wege.

Wenn ich liebe,
Hör' ich sanfter klingen
Alle nahen noch so rauhen Stimmen -
Wenn ich liebe,
Hör' ich lieblich singen
In der Ferne
Bald das Meer,
Bald das Wolkenheer,
Bald sogar die Sterne.

Wenn ich liebe,
Schmeckt nicht bloß der Wein mir
Aus dem goldnen festbekränzten Becher -
Wenn ich liebe,
Schenkt mein Mädchen ein mir,
Macht der Welle
Klare Fluth
Mich so wohlgemuth,
Wie die Nektarquelle.

Wenn ich liebe,
Athm' ich Ambradüfte
Selbst auf grauer, öder, wilder Heide -
Wenn ich liebe,
Wehen rauhe Lüfte
Milde Grüße;
Find' ich nur
Meines Mädchens Spur,
Sind es Zephyrküsse.

Wenn ich liebe,
Fühl' ich alle wärmlich,
Lind, und sanft, und weich, und wohlbehaglich -
Wenn ich liebe,
Ist mir nichts erbärmlich;
Selbst die Lieder,
Die ich froh
Singe so und so,
Sind mir nicht zuwider.

Wenn ich liebe,
Wird nicht bloß erheitert
All mein innres Wesen; auch die Sinne,
Wenn ich liebe,
Werden mir geläutert:
Stiller, feiner,
Ohne Gier
Reichen alle mir
Gottes Gabe reiner.

Wenn ich liebe,
Bin ich ohne Sorgen,
Frei und frank, und fröhlich wie ein Engel -
Wenn ich liebe,
Frag' ich nicht nach morgen;
Fürchte nimmer;
Wohlgemuth
Find' ich Alles gut.
Darum lieb' ich immer.

Aus: Jens Baggesen's poetische Werke
in deutscher Sprache
Herausgegeben von den Söhnen des Verfassers
Carl und August Baggesen Zweiter Theil
Leipzig F. A. Brockhaus 1836 (S. 174-176)

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Serenade

Horch leise! horch, Geliebte! horch!
Es tönt das Lied der Nachtigallen:
Es blüht der Wald! es blühn an allen
Gesträuchen Blüthen! eh sie fallen,
Horch! horch!

Lausch leise, o Geliebte! lausch!
Du schlummerst hold im Rosenschimmer;
Doch blüht der Jugend Lenz nicht immer;
Die Reize fliehn und kehren nimmer!
Lausch! lausch!

O! nahe dich! Geliebte! komm!
Nimm deinen Mantel! schleich auf Zehen
Zum Fenster, wo die Weste wehen
Zu dir hinauf mein leises Flehen:
Komm! komm!

Mach, Süße, mach das Fenster auf!
Daß lauter deinem Ohr' erklinge,
Und tief in deine Seele dringe,
Was ich in stiller Nacht dir singe!
Mach auf!

O Wonne! Himmlische, du nahst!
Enteilst des süßen Schlummers Armen
Mit schnellem Schritte, voll Erbarmen!
Du kommst voll Mitleid mit mir Armen!
Du nahst!

Blick nieder! fürchte nicht! ich bin's,
Ich bin's, der hier im kalten Schauer
An deiner stillen Fenstermauer
Schon lange zittert auf der Lauer,
Ich bin's!

O Wonne! süßer Himmelblick!
Dein Schnupftuch weht! ich seh' dich winken!
O! wie der Aeuglein Sterne blinken!
O! wie des Himmels schwinden! sinken!
O Blick!

Ein Wort, o Süße! höre mich!
Ein einz'ges Wort, ein Wort der Liebe,
Das erst' und letzte Wort der Liebe;
Ich liebe, liebe, liebe, liebe
Nur dich!

Mach jetzt dein Fenster wieder zu,
Damit die Nacht dich nicht erkälte!
Und nicht die gute Mutter schelte,
Errathend was sich unten stellte!
Mach zu!

Noch einmal, Süße! schlafe wohl!
Dein Körper ruh' im weichen Flaume!
Dein Geist erscheine mir im Traume!
Wir sind ja nur getrennt im Raume!
Schlaf wohl!


Aus: Jens Baggesen's poetische Werke
in deutscher Sprache
Herausgegeben von den Söhnen des Verfassers
Carl und August Baggesen Zweiter Theil
Leipzig F. A. Brockhaus 1836 (S. 176-178)

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Walzer

Wie hebt sich, und senkt sich der tanzende Rund
In wirbelnder Töne harmonischem Schlund!
Wie wallet, wie fluthet, wie rauschet das Leben!
Wie zittert die Wölbung, wie dröhnet der Grund
In wirbelnder Töne harmonischem Schlund.

Wie droben Planeten um Sonne, im Tanz;
Wie Monden um Erden im sphärischen Kranz:
So drehn sich die Jünglinge hier um die Mädchen
In Sonnen und Monde verdunkelndem Glanz,
O Himmel der Wonne! hier strahlest du ganz.

Es schwebet der Jugend beflügelter Sinn
Im Strome harmonischer Fluthen dahin;
Und Alles durchglühst und umathmest du, Liebe!
Des Lebens und Webens und Schwebens Beginn!
Du Quelle des Seyns, und der Wonne darin!

Komm, rosiges Mädchen! sey Sonne du mir!
Den tanzenden Himmel durchwirbl' ich mit dir.
Wie hebt sich, wie senkt sich, wie schwimmet das Auge!
Wie funkelt der Blick! Im Gewirbel mit ihr
Verschwinden die Sterne der übrigen mir!

Ich höre nur, sehe nur, fühle nur sie;
Mich zaubert der Seligkeit Urharmonie!
Wie hebt sich, wie senkt sich, wie wallet ihr Busen!
Wie bebt mir durch's pochende Herz Sympathie!
O Eins und o Alles! nur Ich! und nur Sie!

Zwei Tropfen, zerronnen in einem Erguß,
Verschlungen durch Lieb' in der Wonne Genuß,
Wie sanft in einander verschmolzene Töne,
Wie Psyche mit Amor im ewigen Kuß,
So strömen wir hin in dem rauschenden Fluß.

Aus: Jens Baggesen's poetische Werke
in deutscher Sprache
Herausgegeben von den Söhnen des Verfassers
Carl und August Baggesen Zweiter Theil
Leipzig F. A. Brockhaus 1836 (S. 178-179)

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Huldigung der Frauen
Rundgesang

Kaum war entsprungen dem Chaos die Erde
Unter des Schöpfers vollendeter Hand,
Als gegen künft'ger Geschlechter Beschwerde
Diese die Reb' um die Ulme drauf wand;
Doch fand Er noch immer die Schöpfung zu todt;
Bis "Mädchen und Liebe" Sein Werde gebot.

Trauben sind Gaben des Vaters, und eben
Dankt unser Lied Ihm für ihren Genuß;
Doch was ist rosiger Nektar der Reben
Gegen des rosigen Mägdeleins Kuß?
Was Mondglanz im Schimmer der Sternelein Reihn,
Ist Lächeln der Schönen zum perlenden Wein.

Darum, ihr Brüder! die Holden zu ehren,
Füllet das winkende Glas bis zum Rand!
Wer noch nicht liebt, wird sich künftig belehren,
Daß ohne Liebe das Leben sey Tand.
Der Satz ist von aller Erfahrung gesetzt:
Man liebt, hat geliebt, oder liebt doch zuletzt.

Frauen und Mägdelein, Euch zu erheben,
Sey der Pokal nur der Liebe geweiht!
Ihr soll der Jubel den Herzen entbeben,
Ihr, die mit Rosen den Pfad uns bestreut!
Begeistert, ihr Schönen! mit lächelndem Mund
Zum Lobe der Liebe den klinkenden Rund!

Du, der in Hymen's gesegneten Banden,
An deiner Gattin vertraulicher Brust,
Fandst, was im Himmel die Seligen fanden,
Jeglichen Kummer verwandelt in Lust,
Stoß an triumphirend, und nenn' ihn entzückt,
Den Namen des Engels, der so dich beglückt!

Du, dem Ermuntrung mit reizenden Bildern
Lacht in der Fliehenden lächelndem Blick;
Du, der du zweifelst, ob bald sie wird mildern
Dein nur durch Sehnsucht bethräntes Geschick,
Glückseliger Bruder, stoß an, klink noch eins:
Es wähle sich Jeder ein Liebchen wie meins!

Du, dessen Herz nur durch marternde Plage
Freudenlos lernte der Liebe Gewalt,
Dessen der Grausamen lästige Klage,
Selber vom Echo verspottet, verhallt!
Nimm hoffend noch Theil, trotz dem herben Geschick,
An meinem und Aller vereinigtem Glück!

Hoch laßt die klirrenden Gläser ertönen!
Hoch in den Einklang der Brüder Gesang!
Führt uns mit Blumen umwunden, ihr Schönen!
Lächelnd durch Dornen das Leben entlang!
Leicht sey uns die Kette, und sanft Euer Joch!
Ihr Holden! ihr Süßen! ihr Sanften! lebt hoch!


Chor aller Männer
Höher noch wirble die Freude gen Himmel
Ihm, der euch schuf, im harmonischen Sturm!
Durch seiner fröhlichen Schöpfung Gewimmel
Waltet die Liebe, vom Engel zum Wurm.
Was Odem hat liebe! drauf stoßen wir an:
Ihr Frauen! Ihr Mädchen! Euch huldigt der Mann.

Aus: Jens Baggesen's poetische Werke
in deutscher Sprache
Herausgegeben von den Söhnen des Verfassers
Carl und August Baggesen Zweiter Theil
Leipzig F. A. Brockhaus 1836 (S. 182-183)

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Wiederkunft des Liebenden

Steh nicht auf, obgleich am hellen Tage!
Bleib' im dunklen grünen Bette hier!
Daß ich, süßes Mädchen, über dir,
Niederblickend auf die holde Lage,
Nur ein Weilchen voll Entzückung rage!
Daß sich meiner Liebe Gluth
Spiegl' in deiner blauen Augen Fluth,
Und nach langem Lauf, im Stillestehen,
Ich mich lab' an deinem Wiedersehen!
Laß mich meine schwer errungne Lust,
Nach so langem ungestümen Schmachten,
Götterruhig, aufrecht, still betrachten,
Meines ganzen Glückes mir bewußt!
O wie hebt sich deine Brust!
O! wie selig weil' ich hier! -
Süßes Schweben
Meines wundersamen Bangens,
Meines brennenden Verlangens,
Meiner Flammenflügel, über dir!
Gerne weilt' ich ewig hier!
Doch ein namenloses Wonnebeben
Faßt in dieser Höhe selbst mein Leben!
O! du lächelst hold hinauf zu mir! -
So dem Sonnengott an hoher Mitte
Seines Himmels lächelt Amphitrite!
Und er eilt hinab zu ihr -
Liebeglühend, wonnetrunken,
Flammenroth entsendend alle Funken,
Stürzt er in der holden Zaubrerin
Sanfte Wollustarme hin -
Und es ist der Tag versunken.

Aus: Jens Baggesen's poetische Werke
in deutscher Sprache
Herausgegeben von den Söhnen des Verfassers
Carl und August Baggesen Zweiter Theil
Leipzig F. A. Brockhaus 1836 (S. 258-259)

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An Psyche
(Mit der Abschrift von meinen Liedern)

So manche Blume starb, die meine Hand dir pflückte,
Von mir beneidet, sanft, in süßer Lust,
Den schönen Opfertod an deiner Brust -
Ach! einen Tod, der Amor selbst entzückte!
Nimm auch die Knospen, die der Genius mir pflückte,
Als er die deutsche Flur der Pieriden fand,
Die Dankbarkeit für dich zusammenband;
Und gönne diesem Strauß, o Huldin! einzusaugen,
Was ihm zur Blüthe fehlt, vom Himmel deiner Augen.

Aus: Jens Baggesen's poetische Werke
in deutscher Sprache
Herausgegeben von den Söhnen des Verfassers
Carl und August Baggesen Zweiter Theil
Leipzig F. A. Brockhaus 1836 (S. 271)
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Sängers Reisen
oder
Geographie für Liebende

Süß ist das Leben,
Und schön und freundlich
Die Mutter Erde.
O Wonne! Heil mir,
Daß unter Menschen
Ein Mensch ich bin!

Ich war im Norden:
Da starrt' erharschend
Das Blut der Felsen,
Das Oel der Tannen,
Der Schaum der Fluthen,
In straffer Kälte;
Auf Riesenhügeln
Sah dort ich Greise,
Mit Eiseszapfen
In strupp'gen Bärten,
Gefühllos horchen
Der Todesstille,
Gedankenvoll.
Da sang ich fröhlich:

Süß ist das Leben,
Und schön und freundlich
Die Mutter Erde.
O Wonne! Heil mir,
Daß unter Menschen
Ein Mensch ich bin!

Ich war im Süden:
Da schmolzen Berge,
Da träuften Bäume,
Selbst Steine schwitzten,
In schlaffer Wärme;
Auf fetten Wiesen
Sah dort ich Kinder,
Die Ringellocken
Wie junger Silphen,
Des Lebens Taumel
Im Schlafe träumen,
Gedankenlos.
Da sang ich fröhlich:

Süß ist das Leben,
Und schön und freundlich
Die Mutter Erde.
O Wonne! Heil mir,
Daß unter Menschen
Ein Mensch ich bin!

Ich war im Osten:
Da sah ich wilde
Zerstreute Horden
Auf öden Steppen
Gejagt und jagend.
Dort thront', auf Zobeln
Sich ruhig streckend,
Gutmüth'ge Dummheit,
Und hatte, herrschend,
Zu viel des Bodens,
Zu viel des Wildes,
Auch, schlummer-betend
Der langen Weile
Zum Ueberfluß.
Da sang ich fröhlich:

Süß ist das Leben,
Und schön und freundlich
Die Mutter Erde.
O Wonne! Heil mir,
Daß unter Menschen
Ein Mensch ich bin!

Ich war im Westen:
Da fand ich zahme,
Gedrängte Haufen
In goldnen Kerkern,
Geplagt und plagend.
Dort herrscht' im Sattel,
Rastlosen Treibens,
Boshafte Klugheit;
Und hatte, wüthend,
Zu viel Gezähmtes,
Zu viel des Wassers,
Und, Allem fluchend,
Der kurzen Weile
Zum Ueberdruß.
Da sang ich fröhlich:

Süß ist das Leben,
Und schön und freundlich
Die Mutter Erde.
O Wonne! Heil mir,
Daß unter Menschen
Ein Mensch ich bin!

Ich kam vom Norden,
Und ging nach Süden,
Ich zog von Osten,
Und flog nach Westen -
Und wo ich eilte,
Und wo ich weilte,
Fand überall ich
Ein andres Elend,
Als ich verlassen; -
Nur Eines fand ich
An allen Orten
Dasselbe, bleibend:
Des Krieges Wahnsinn,
Des Krieges Laster,
Des Krieges Greuel;
Und nirgends - Frieden.
Die Völker alle,
Sonst so verschieden
In allem Argen,
Sie glichen sämmtlich
Sich in dem Aergsten.
Der Erde Wälder,
So mannigfaltig
An andern Tönen,
Erschollen alle
Mit gleichem Schalle
Von Zeterwuth -
Der Erde Felder,
So bunt abwechselnd
Mit andern Farben
Verschiedner Keime,
Verschiedner Blüthen,
Und Frücht' im Reifen:
Sie all' erglühten
In gleichen Streifen
Von Menschenblut -
Doch sang ich fröhlich:

Süß ist das Leben,
Und schön und freundlich
Die Mutter Erde.
O Wonne! Heil mir,
Daß unter Menschen
Ein Mensch ich bin!

Ihr fragt: warum ich -
Trotz Hitz' und Kälte,
Trotz Oed' und Enge,
Trotz frommer Dummheit
Und tück'scher Klugheit,
Trotz Wuth und Gähnen,
Und Blut und Thränen,
Und was ein Wandrer,
Umringt von frechen
Und feigen Sklaven,
Im ew'gen Kriege,
Sonst find't auf Erden, -
So froh gesungen,
Und fröhlich singe?
Ich will's Euch sagen:

Ich liebt' im Norden;
Ich liebt' im Süden;
Ich liebt' im Osten;
Ich liebt' im Westen:
Bei allen Völkern,
In allen Ländern,
An allen Orten
Auf Erden liebt' ich,
Trotz allem Jagen,
Und allem Plagen,
Trotz allen Mängeln
Und allen Bengeln -
Denn Eins vergaß ich
Dabei zu merken:
Ich fand im Norden,
Ich fand im Süden,
Ich fand im Osten,
Ich fand im Westen,
Auch da, wo sonst mir
Kein Strahl der Sonne
Begeisternd glühte; -
Selbst da, wo nirgends
Ein' andre Wonne
Des Lebens blühte;
In jedem Städtchen,
Auf allen Fluren:
Herzvolle Mädchen,
Vom Geist des Krieges,
Dem Busenenger,
Noch unbezwungen,
Und, rein wie Gold,
Dem ewig jungen
Warmherz'gen Sänger
Von Herzen hold!
Drum sang ich fröhlich,
Drum sing' ich immer,
Und werde singen,
So lang' ich lebe,
So lang' ich liebe,
Mein frohes Liedchen:

Süß ist das Leben,
Und schön und freundlich
Die Mutter Erde.
O Wonne! Heil mir,
Daß unter Mädchen
Ein Mann ich bin!


Aus: Jens Baggesen's poetische Werke
in deutscher Sprache
Herausgegeben von den Söhnen des Verfassers
Carl und August Baggesen Fünfter Theil
Leipzig F. A. Brockhaus 1836 (S. 7-12)

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Der Schäfer und das Echo

Schäfer
Ueberall wo Maienkönig thronet,
Neigung wird mit Neigung hold belohnet:
Auf dem Berg, im Wald und auf der Flur
Folgt die Lust der Lust, der Trieb dem Triebe.
In der gegenliebenden Natur
Tönt kein Ruf, der unerwiedert bliebe.
Ich nur rufe stets vergebens Ihr!
Maienkönigin! antworte mir:
Was belohnet meine Liebe? -

Echo
Liebe!

Aus: Jens Baggesen's poetische Werke
in deutscher Sprache
Herausgegeben von den Söhnen des Verfassers
Carl und August Baggesen Fünfter Theil
Leipzig F. A. Brockhaus 1836 (S. 13)

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An Nina

In flatternden Wonnen durchflog ich mit dir
Der Sterne Gefild', und der Blumen hienieden;
Ein Himmel war dort, und ein Eden war hier;
Wie spielte die Lieb' in dem seligen Frieden!
Nun du bist mir weg, ist nur übrig der Raum,
Weg Himmel und Erde, verschwunden, verschwunden!
Der Sterne, der Blumen, die Liebe gebunden,
Erinnert mein Herz, in der Leere, sich kaum!
O Nina! war Alles, was süß ich empfunden,
Was schön ich gesehn in den wonnigen Stunden -
Du selbst, die mit liebendem Arm mich umwunden -
War Alles war Alles - war Alles ein Traum?

Aus: Jens Baggesen's poetische Werke
in deutscher Sprache
Herausgegeben von den Söhnen des Verfassers
Carl und August Baggesen Fünfter Theil
Leipzig F. A. Brockhaus 1836 (S. 92-93)

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Letzte Dichterliebe
Meine Göttin
1809

Schön und freundlich wie Cythere,
Stille, mild wie Cynthia,
Jung wie Hebe, schlank wie Here,
Wandelt Idealia.

Rosenkelch' und Lilienglocken
Kränzen ihr das braune Haar,
Fesselnd im Geflecht der Locken
Aller Liebesgötter Schaar.

Wie des Mondes klare Fülle
Silbern ein Gewölk umwallt,
Deckt des Sindons feine Hülle
Die durchschimmernde Gestalt.

Aus der Wimper Bogendunkel,
Das der Augen Glanz bewacht,
Blickt der Seele hell Gefunkel
Wie Gestirn aus Aethernacht.

Hold umtanzt von Charitinnen,
In der Pieriden Kreis,
Streitet keine der Götinnen
Der Beneideten den Preis.

Jede Schäferin, erröthend,
Reicht den Kranz ihr auf der Flur,
Und der Schäfer nennt sie flötend
Blüthenperle der Natur.

Wie sie schwebt mit leichten Schritten
Der Gazelle gleich im Lauf!
Unter ihren Zephyrtritten
Sprossen Frühlingsblumen auf.

Balsamtrunkne Lüfte spielen
Mit dem flatternden Gewand,
Aller Götter Blicke zielen
Nach des Busens Rosenband;

O! wie schwillt, vom zarten Triebe
Holder Mädchenlust gefüllt,
Drunter das Geknosp der Liebe,
Halb von dünnem Flor umhüllt!

Jeder Jüngling blickt und lauschet -
Jeder nahte sich so gern;
Aber wenn der Reiz berauschet,
Hält die hohe Würde fern.

Unschuld in dem Blick der Liebe
Giebt und nimmt der Minne Muth;
Lockt und bannt der Sehnsucht Triebe;
Regt und dämpft der Wünsche Gluth.

Wenn sie spricht, und wenn sie schweiget,
Jedes Herz sie hold bezwingt;
Doch der ganze Himmel neiget
Erst herab sich, wenn sie singt:

Aus dem Quell der süßen Kehle
Strömt der Töne Fluth dahin -
O! wie schwimmt die reinste Seele
Nackt, in voller Schöne drin!

Es vergißt der Sinn die Hülle,
Taumelnd in der Töne Glanz,
Und des Zauberklanges Fülle
Schlingt den trunknen Horcher ganz -

Selbst der Ungeweihte wittert
Dann, was Seel' an Seele zieht;
Und der freche Satyr zittert
Vor der Heiligen, und flieht.

So in Blicken, so in Tönen,
Blüth' an Leib, und Perl' an Geist,
Ist das Urbild aller Schönen,
Das mein Lied als Göttin preist.

Doch der Jungfrau gleich am Himmel,
Ueber Zepter hoch und Stab,
Schaut sie auf das Erdgewimmel
Aller Männer kalt herab.

Keinem Schäfer ist gelungen,
Daß sie wurd' ihm liebehold;
Und kein König hat errungen
Ihren kleinsten Minnesold.

Nur ich Seliger umfange
Sie mit trauter voller Lust; -
Denn sie schlummert im Gesange
Liebewarm an meiner Brust.


Aus: Jens Baggesen's poetische Werke
in deutscher Sprache
Herausgegeben von den Söhnen des Verfassers
Carl und August Baggesen Fünfter Theil
Leipzig F. A. Brockhaus 1836 (S. 137-139)

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Meine Lieblingsrose
An Sie

Aller Rosen vollkommenste scheint der Erde die Sonne,
Grade so glühend und hell, grade so schön, wie sie ist;
Wäre sie brennender noch, lichtheller, und schöner, die Erde
Wahrlich verging' in dem Glanz, brennte zur Kohl' in der Gluth.
Aller Rosen vollkommenste bist mir, holdestes Weib, du!
Grade so lieblich und süß, grade so hold, wie du bist;
Wär'st um das mindeste nur anmuthiger, reizender, zarter,
Rosige Cynthia! Staub würde dein seliger Freund.

Aus: Jens Baggesen's poetische Werke
in deutscher Sprache
Herausgegeben von den Söhnen des Verfassers
Carl und August Baggesen Fünfter Theil
Leipzig F. A. Brockhaus 1836 (S. 144)

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Meine Verwunderung
(Im Kreise um den Theetisch)

Mir ist unbegreiflich, daß nicht Alle
Sie, wie sie mir strahlt, bezaubert sehn -
Daß nicht Alle staunend stille stehn,
Wo sie weilt - daß irgend Einer walle
Weiter auf der Liebe Pilgerbahn
Zwischen Amor's Wieg' und Charon's Kahn,
Einmal eingekehrt in ihre Halle -
Daß er nicht andächtig niederfalle
Mit vom Himmelsglanz verklärtem Sinn
Vor der Huld, der Anmuth, Unschuld, Jugend,
Ach! und jeder Wonn' und jeder Tugend
Unverkennbar wahren Königin.

Aus: Jens Baggesen's poetische Werke
in deutscher Sprache
Herausgegeben von den Söhnen des Verfassers
Carl und August Baggesen Fünfter Theil
Leipzig F. A. Brockhaus 1836 (S. 145)

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In der Kirche

Inn'ge, hohe, heil'ge, reine Liebe!
Keim und Kern der Christreligion!
In der Blattumhüllung zarter Triebe
Blum' und Frucht des Ewigen mir schon!
Wachse, blüh', und steige, sie umluftend,
Sie mit Glanz umstrahlend, sie umduftend,
Von der Betenden zu Gottes Thron!


Aus: Jens Baggesen's poetische Werke
in deutscher Sprache
Herausgegeben von den Söhnen des Verfassers
Carl und August Baggesen Fünfter Theil
Leipzig F. A. Brockhaus 1836 (S. 153)

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Dank der Einen

Unzählig, wie der Erde Florgewimmel
Im Lenz, wenn ihr das Licht am Tage lacht,
Und zahllos, wie das Sternenheer am Himmel
Im Winter, wenn es lächelt durch die Nacht,
Sind, Dank der Liebe! mir des Lebens Wonneblicke
Nun jetzt, in Freud' und Leid, im Glück und Mißgeschicke.

Was sing' ich? Dank der Liebe? - Dank der Einen,
Die sich mir himmeloffenbarte hier,
Der Zarten, Frommen, Holden, Hehren, Reinen!
Die heil'ge Liebe selber dank' ich ihr;
Sie schlummerte noch tief im Grabe, staubbedecket,
Wenn aus dem Todesschlaf ihr Blick sie nicht erwecket.

Aus: Jens Baggesen's poetische Werke
in deutscher Sprache
Herausgegeben von den Söhnen des Verfassers
Carl und August Baggesen Fünfter Theil
Leipzig F. A. Brockhaus 1836 (S. 153)

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An meine Liebe

Du über alle eigensücht'ge Triebe
Erhab'ne, heil'ge, nie belohnte Liebe,
Die Alles gerne giebt, und nichts begehrt -
Die du bis jetzt mich hießest stets entbehren,
Was Andre suchen, schätzen und verehren,
Mir einzig lassend deinen reinen Werth!
Die du durch inn're Gluth des höchsten Strebens
Den Frühling und den Sommer meines Lebens
Als Sonne der Unsterblichkeit verzehrt;
Dank dir für das Versengen jeder Blume
Selbstsücht'gen Keims in deinem Heiligthume;
Du hast durch Selbstbezähmung mich gelehrt,
In meines Herbstes abendheitern Tagen
Des Lenzes Morgenröthen zu erneun,
Mich kindlich jeder kleinsten Wonne freun,
Und männlich jeden größten Schmerz ertragen.


Aus: Jens Baggesen's poetische Werke
in deutscher Sprache
Herausgegeben von den Söhnen des Verfassers
Carl und August Baggesen Fünfter Theil
Leipzig F. A. Brockhaus 1836 (S. 170)

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