Europäische Liebeslyrik

(in deutscher Übersetzung)

Edward Charles Halle (1846-1914) - Die Musik

 

Charles Baudelaire (1821-1867)

(in der Übersetzung von Stefan George)

 


XXII.
LOBLIED AUF DIE SCHÖNHEIT

Entsteigst du dem himmel oder den nächtlichen schlünden ·
O schönheit? dein blick zugleich höllisch und göttlich rein
Giesst durcheinander die woltaten aus und die sünden
Und deshalb magst du dem weine verglichen sein!

Du hast deinen blick vom morgen- und abendstrahle ·
Du schüttelst düfte wie eine gewitternacht ·
Dein kuss ist ein filter und dein mund eine schale
Die helden zu feiglingen · kinder zu tapferen macht.

Enttauchst du dem abgrund oder entschwebst du den himmeln
Der dämon folgt gefüg deiner zauberkraft -
Du lässest nach laune freude und unheil wimmeln ·
Du lenkest alles und nie gibst du rechenschaft.

Du trittst über tote · o schönheit · und höhnst unsre leiden ·
Die schrecknis ist dir ein schmuck der dich reizvoll umschmiegt ·
Der mord ist das liebste dir unter allen geschmeiden
Das schmeichelnd an deinem stolzen leibe sich wiegt.

Der falter flattert geblendet hinauf zu dir - kerze!
Er knistert und spricht verbrennend : ich segne dich licht!
Es beugt sich · ein sterbender der sein grabmal herze ·
Der liebende zuckend auf seiner geliebten gesicht.

Komm du nur aus himmel aus hölle · gleichviel welchen orten!
O schönheit bald maasslos erschrecklich und bald wie ein kind!
Erschliesst nur dein lächeln dein blick und dein fuss mir die pforten
Des alls das ich liebe die stets mir verschlossen sind!

Ob gott oder satan ob engel oder sirene:
Mach nur · sammt-äugige zauberin · dass nicht zu sehr
- O klang duft und licht! o herrin die ich ersehne! -
Die erde mir hässlich ist und der augenblick schwer!


aus: Baudelaire: Die Blumen des Bösen
Umdichtungen von Stefan George
Sechste Auflage Georg Bondi Berlin 1922 (S. 41-42)

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XXIII.
FREMDLÄNDISCHER DUFT

Wenn sich mein auge schliesst am sommerabend
Und deines heissen busens duft mich lezt
Dann bin ich in ein selig reich versezt.
An immer gleicher sonnenglut sich labend

Ein träges eiland das Natur beglückt
Mit seltnen bäumen früchten süsser säfte
Mit männern schlanken leibes voller kräfte
Und frauen deren auge freimut schmückt.

An wunderbarem strand bin ich zu gast ·
Im weiten hafen drängt sich mast an mast
Noch von der reise müh ein wenig düster ·

Indes vom grünen tarnarindengang
Entschwebt ein duft und dringt mir in die nüster
Vermischt im geiste mit der schiffer sang.

aus: Baudelaire: Die Blumen des Bösen
Umdichtungen von Stefan George
Sechste Auflage Georg Bondi Berlin 1922 (S. 43)

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XXIV.
DAS HAAR

O vliess des krause wellen bis zur schulter schäumen!
O locken voll von unbewusstem wolgeruch!
Verzückung! um zu wecken heut in düstren räumen
Erinnerungen die in diesem haare träumen
Will ich im wind es schwenken wie ein taschentuch.

Die schmachtend müde Asia und Afrika voll gluten
Ein ganzes weltall · fern fast wie aus einer gruft ·
Kann ich · aroma-wald! in deinem grund vermuten.
Wie andre geister auf musik und stimmen fluten :
Der meine · o mein liebling · schwebt auf deinem duft.

Dort flieg ich hin wo baum wie mensch mit reicherm samen
Im heissen himmelsstrich sich dehnt zu langer rast.
Ihr flechten seid die wogen die mich mit sich nahmen.
Du fassest · meer von ebenholz · in lichtem rahmen
Den traum von segel ruder flammenschein und mast:

Den laut bewegten hafen wo mein herz ich weide
In tiefem zug an farbe an parfüm und ton ·
Wo schiffe gleiten über gold und in der seide
Die weiten arme auf · umarmend das geschmeide
Des reinen firmamentes · ewiger wärme thron.

Ich tauche meine stirn im höchsten rausche trunken
In diesen ozean der andre in sich reiht -
Bis mein verfeinter geist im wellenspiel versunken
Euch wiederfinden wird - o trägheit · lebensfunken!
Endlose wiegungen gesalbter müssigkeit.

Ihr blauen haare · zelt von ausgespannten schatten ·
Ihr malt den azur-himmel rund und schrankenleer.
Auf der gewundnen strähnen daunenweichen matten
Berausch ich mich an wolgerüchen die sich gatten:
Am öl des kokosbaums am bisam und am teer.

Lang · immerwährend · wird in deiner schweren masche
Mein finger perle sän rubin und grünen stein -
Dass nie mein wunsch vergeblich nach dir hasche!
Bist du nicht die oase wo ich träume und die flasche
Aus der ich gierig schlürfe der erinnrung wein?


aus: Baudelaire: Die Blumen des Bösen
Umdichtungen von Stefan George
Sechste Auflage Georg Bondi Berlin 1922 (S. 44-45)

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XXXVII.
DER BALKON

O mutter der erinnrung · frau der frauen ·
Mein ganzes glück und meine ganze acht!
Kannst du im geist die schönen freuden schauen ·
Des heimes frieden und den reiz der nacht?
O mutter der erinnrung · frau der frauen.

In nächten leuchtend von der kohle glut ·
In nächten am balkon die rosig wallten -
Wie war dein busen · süss dein herz mir gut!
Und unvergängliche gespräche hallten
In nächten leuchtend von der kohle glut.

An heissen abenden wie schön die sonnen ·
Wie stark das herz · wie weit die himmelsluft!
Ich ruhte bei dir · königin der wonnen ·
Zu atmen glaubt ich deines blutes duft.
An heissen abenden wie schön die sonnen!

Dann ward es dunkler.. wie in dichtem rauch ·
Mein auge forschte ob es deines fände.
Ich trank - o gift o süsse - deinen hauch ·
Dein fuss entschlief in meine bruderhände.
Dann ward es dunkler.. wie in dichtem rauch.

Ich weiss in glückes zeit mich zu versenken
Wo mein geschick in deinen knieen lag . .
Wer soll so zarter reize freuden schenken
Wenn es dein leib dein lindes herz nicht mag?
Ich weiss in glückes zeit mich zu versenken.

Ihr schwüre düfte küsse ohne zahl ·
Ersteht ihr auf aus unerspähten schlünden
Wie junge sonnen die zum wolkensaal
Sich heben nach dem bad in meeresgründen?
O schwüre düfte küsse ohne zahl!

aus: Baudelaire: Die Blumen des Bösen
Umdichtungen von Stefan George
Sechste Auflage Georg Bondi Berlin 1922 (S. 52-53)

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XXXIX.
EINE ERSCHEINUNG

2. DER DUFT

Mein leser · hast du einmal eingesogen
Mit wollust nach des feinen schwelgers brauch
Das weihrauchkorn in eines domes bogen
Und eines kissens matten amberhauch?

O tiefer reiz wenn das vergangne wieder
Zum leben auferwacht und uns berückt
Und wenn der freund um der geliebten glieder
Die zarte blume der erinnrung pflückt!

Aus ihren biegsamen und schweren haaren
(Die weihrauch-rost und ambra-kissen waren)
Entschwebte wilder trotziger geruch ·

Aus ihrer kleider sammt- und seidentuch
Ganz überhaucht von reinem jugendschmelze
Befreite sich ein duft wie duft der pelze.

aus: Baudelaire: Die Blumen des Bösen
Umdichtungen von Stefan George
Sechste Auflage Georg Bondi Berlin 1922 (S. 55)

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LI.
TRÜBER HIMMEL

Dein auge erscheint wie umschleiert von dunstigem tau
Geheimnisvoll (ist es blau oder grün oder grau?)
Das wechselnd grausam · träumerisch oder verliebt
Die gleichmut und blässe des himmels wiedergibt.

Du bist wie die tage weiss und lau und verhüllt
Wo sich das bezauberte herz mit tränen erfüllt
Wenn von dem wehe das unbekannt in ihnen kreist
Zu wache nerven verspotten den schläfrigen geist.

Zuweilen bist du den schönen wolken verwandt
Wenn sie die sonne der nebligen zeiten entbrannt ..
Wie wirfst du dann deinen schimmer - gefeuchtete welt
Von eines getrübten himmels strahlen erhellt!

O werd ich - gefährliche frau und verführende luft -
So lieben euren schnee und nebligen duft
Und nehme ich aus dem himmel trostlos und kahl
Vergnügen die stechender sind als eis oder stahl?

aus: Baudelaire: Die Blumen des Bösen
Umdichtungen von Stefan George
Sechste Auflage Georg Bondi Berlin 1922 (S. 68)

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LIII.
DAS SCHÖNE SCHIFF

Ich will dir erzählen · mein süsses entzücken ·
Von allen den reizen die deine jugend schmücken ·
Malen deine herrliche art
Wo kindliches wesen mit reife sich paart.

Kehrst du die luft mit deinem weiten gewande
So siehst du aus wie ein schönes schiff das vom lande
Leinwand-befrachtet fliegt ·
In einem sanften und trägen takte gewiegt.

Auf hals und blühender schulter als leichte bürde
Drehst du dein haupt mit feiner und seltsamer würde ·
Gebietend zugleich und gelind
Gehst du des weges · erhabenes kind.

Ich will dir erzählen · mein süsses entzücken ·
Von allen den reizen die deine jugend schmücken ·
Malen deine herrliche art
Wo kindliches wesen mit reife sich paart.

Aus wallenden falten des kleides erhebt sich gerade
Dein thronender busen wie eine herrliche lade
Mit blanken schilden geschmückt
Auf deren glätte der himmel blitze zückt.

Verlockende schilde bewaffnet mit rosenen spitzen ·
Geheime lade drin köstliche dinge sitzen ·
Spezereien und wein ·
Sie laden herzen und sinne zum rausche ein.

Kehrst du die luft mit deinem weiten gewande
So siehst du aus wie ein schönes schiff das vom lande
Leinwand-befrachtet fliegt ·
In einem sanften und trägen takte gewiegt.

Deine edlen kniee jagen des kleides zierden ·
Quälen und stacheln empor die bösen begierden
Wie der hexen zween
Die schwarzen trank in tiefem gefässe drehn.

Deine arme die mit jungen giganten rängen
Und leuchtende boa-schlangen kräftig bezwängen ·
Mit ihnen wie mit erz
Drückst unentwindbar du deinen geliebten ans herz.

Auf hals und blühender schulter als leichte bürde
Drehst du dein haupt mit feiner und seltsamer würde ·
Gebietend zugleich und gelind
Gehst du des weges · erhabenes kind.

aus: Baudelaire: Die Blumen des Bösen
Umdichtungen von Stefan George
Sechste Auflage Georg Bondi Berlin 1922 (S. 69-71)

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LIV.
EINLADUNG ZUR REISE

Meine schwester mein kind!
Denk dir wie lind
Wär es dorthin zu entweichen!
Liebend nur sehn ·
Liebend vergehn
In ländern die dir gleichen!
Der sonnen feucht
Verhülltes geleucht
Die mir so rätselhaft scheinen
Wie selber du bist
wie dein auge voll list
Das glitzert mitten im weinen.
Dort wo alles friedlich lacht -
Lust und heiterkeit und pracht.
Die möbel geziert
Durch die jahre poliert
Ständen in deinem zimmer
Und blumen zart
Von seltenster art
In ambraduft und flimmer.
Die decken weit
Die spiegel breit
In Ostens prunkgemache
Sie redeten dir
Geheimnisvoll hier
Die süsse heimatsprache.
Dort wo alles friedlich lacht -
Lust und heiterkeit und pracht.
Sieh im kanal
Der schiffe zahl
Mit schweifenden gelüsten!
Sie kämen dir her
Aufs kleinste begehr
Von noch so entlegenen küsten.
Der sonne glut
Ersterbend ruht
Auf fluss und stadt und die ganze
Welt sich umspinnt
Mit gold und jazint
Entschlummernd in tief-warmem glanze.
Dort wo alles friedlich lacht -
Lust und heiterkeit und pracht.

aus: Baudelaire: Die Blumen des Bösen
Umdichtungen von Stefan George
Sechste Auflage Georg Bondi Berlin 1922 (S. 72-74)

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LXIV.
MOESTA ET ERRABUNDA

Sag mir: dein herz entflieht es nicht manchmal · Agathe ·
Wo ich vom meere der unreinen städte weit
Andere meere mit leuchtenden küsten errate
Die blau klar und tief sind wie die jungfräulichkeit?
Sag mir: dein herz entflieht es nicht manchmal · Agathe?

Spendet das meer · das umfassende meer · uns nicht trost?
Wie ist des meeres rauhem gesange entstiegen
Der zu der orgel der lärmenden winde tost
Jene erhabene kraft: in vergessen zu wiegen?
Spendet das meer · das umfassende meer · uns nicht trost?

Trage mich · segel · von dannen! entführe mich · wagen!
Weit · weit! der staub ist von unseren tränen hier nass.
Wirst du · Agathens betrübtes herz · manchmal sagen:
Weit von verbrechen · weit von reue und hass
Trage mich · segel · von dannen! entführe mich · wagen!

Wie bist du ferne · o garten von düften bewohnt!
Wo alles liebe und lust ist in klaren sonnen ·
Alles geliebte auch unsere liebe belohnt ·
Wo sich die herzen ertränken in heiligen wonnen ·
Wie bist du ferne · o garten von düften bewohnt!

Doch unsrer kindlichen liebe grünender garten
Sänge und küsse und blumen und spiele am rain
Geigen die zitternd hinter dem hügel warten
Krüge von wein wenn der abend sich neigt in dem hain -
Doch unsrer kindlichen liebe grünender garten ·

Schuldloser garten erfüllt mit verstohlenem glück ·
Ob er schon weit in den indischen meeren verschwimme?
Ruft man ihn wieder mit klagenden lauten zurück ·
Lebt er noch einmal beim klang einer silbernen stimme?
Schuldloser garten erfüllt mit verstohlenem glück.


aus: Baudelaire: Die Blumen des Bösen
Umdichtungen von Stefan George
Sechste Auflage Georg Bondi Berlin 1922 (S. 83-84)

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LXVI.
HERBST-SONETT

Dein auge klar kristallen birgt die frage:
Weshalb · seltsamer freund · bin ich dir lieb?
Sei schön und schweig! in meinem gram ertrage
Ich nur des tieres unumhüllten trieb.

Die du in lange schlummer senkst · ich sage
Vom höllischen geheimnis nichts das blieb ·
Von unheilsworten die die flamme schrieb:
Gift ist mir leidenschaft und geist mir plage.

Liebe mich sanft! aus dunklem heiligtume
Spannt Amor listig des verderbens stahl ·
Ich kenne seiner marterkammern qual:

Schreck wahn und schmach.. o bleiche wiesenblume!
Bist du wie ich nicht auch ein herbstes-strahl ·
O meine weisse meine kalte Blume?


aus: Baudelaire: Die Blumen des Bösen
Umdichtungen von Stefan George
Sechste Auflage Georg Bondi Berlin 1922 (S. 86)

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LXVII.
TRAUER DER MONDGÖTTIN

Heut strahlt der abendgöttin licht geringer.
Wie eine schönheit auf der kissen wust
Die vor dem schlafe mit zerstreutem finger
Leis überspielt die linien ihrer brust

So ruht sie auf den flaumigen lawinen
Im sterben langen schwächen hingegeben ·
Das auge richtend auf die weissen mienen
Die blütengüssen gleich im azur schweben.

Wenn müd und schmachtend sie auf unsre sfäre
Verstohlen manchmal träufelt eine zähre
So naht ein dichter der den schlummer flieht.

Er fängt die zähre auf · die hand als schale ·
Dies stück von farbenspiegelndem opale
Verbirgt er dass die sonne nicht es sieht.

aus: Baudelaire: Die Blumen des Bösen
Umdichtungen von Stefan George
Sechste Auflage Georg Bondi Berlin 1922 (S. 87)

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XCIV.
LOBLIED

Dir · du sehr Schöne sehr Milde ·
Die mich zur helle geweiht -
Engel! unsterblichem bilde
Gruss in unsterblichkeit!

Sie breitet sich hin durch mein leben
Wie salzgetränkte luft.
Dem unersättlichen streben
Bringt sie des Ewigen duft

Kissen von ständiger frische
Das räume wolriechend macht!
Vergessener weihrauch der zische
Heimlich inmitten der nacht!

Liebe unüberwindlich ·
Wie mach ich in wahrheit dich kund?
Ambrakorn unerfindlich
In meiner ewigkeit grund!

Dir · du sehr Schöne sehr Milde ·
Die lust und kraft mir verleiht -
Engel! unsterblichem bilde
Gruss in unsterblichkeit!

aus: Baudelaire: Die Blumen des Bösen
Umdichtungen von Stefan George
Sechste Auflage Georg Bondi Berlin 1922 (S. 110-111)

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XCVI.
BERTHAS AUGEN

Verachten dürft ihr der herrlichsten augen gefunkel ·
Schöne kindesaugen darinnen wacht
Ein etwas unsäglich gut und sanft wie die nacht ·
Ihr augen · giesst über mich euer reizendes dunkel!

Grosse kindesaugen · geliebte verstecke ·
Ihr ähnelt sehr den palästen in zaubrischer schlucht
Wo ich hinter tief-schlafender schatten wucht
Leis schimmernde niemand bekannte juwelen entdecke.

Mein kind hat augen düster und weit-umfangend
Wie du unendliche nacht und wie du auch erhellt.
Ihr glanz sind die liebes- und glaubensgedanken gesellt
Die in der tiefe sprühen keusch oder verlangend.

aus: Baudelaire: Die Blumen des Bösen
Umdichtungen von Stefan George
Sechste Auflage Georg Bondi Berlin 1922 (S. 113)

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XCVII.
DER SPRINGBRUNNEN

Arm liebchen! dein auge ist feucht
Und müd · halt es lang noch geschlossen!
In ruhe bleib hingegossen
Daraus das vergnügen dich scheucht!
Im hofe das wasserspiel während
Der nacht und des tages singt
Die süsse verzückung nährend
Die heute die liebe mir bringt.

Die garbe die tausendfach
Blumen schiesst
Wo Phoebe erfreut ihre
Farben ergiesst
Wie regen von reichlichen
Tränen fliesst.

So schwingt deine seele die wilde
Blitze der lust durchglühn
Hinauf sich eilig und kühn
In weite zaubergefilde.
Dann wie ersterbend verbreitet
Sie zehrende schmerzensflut
Die unsichtbar gleitet und gleitet
Bis tief sie im herzen mir ruht.

Die garbe die tausendfach
Blumen schiesst
Wo Phoebe erfreut ihre
Farben ergiesst
Wie regen von reichlichen
Tränen fliesst.

Bei dir · der am abend so schönen ·
Hör ich an dich geneigt
Der ewigen klage stöhnen
Die aus dem springbrunnen steigt.
Mondnacht heilig und mild
Wasser und laubesschauern -
In eurem keuschen trauern
Sieht meine seele ihr bild.

Die garbe die tausendfach
Blumen schiesst
Wo Phoebe erfreut ihre
Farben ergiesst
Wie regen von reichlichen
Tränen fliesst.

aus: Baudelaire: Die Blumen des Bösen
Umdichtungen von Stefan George
Sechste Auflage Georg Bondi Berlin 1922 (S. 114-116)

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XCIX.
WEIT VON HIER

Dies ist das haus das geweihte
Wo die von zierden Umreihte
Stille und immer Bereite

Mit der hand ihren busen kühlt ·
Ellbogen im kissen wühlt
Und der wasser klagen fühlt:

Dies ist ihr zimmer verschwiegen ...
Fern singt der wind und die see.
Seufzer im liede fliegen
Jene verwöhnte zu wiegen.

Gerieben vom scheitel zur zeh
An ihrem leibe sich schmiegen
Salböl und benzoe ...
Und blumen bringt eine fee.

aus: Baudelaire: Die Blumen des Bösen
Umdichtungen von Stefan George
Sechste Auflage Georg Bondi Berlin 1922 (S. 117)

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CXVII.
EINER VORÜBERGEHENDEN

Es tost betäubend in der strassen raum.
Gross schmal in tiefer trauer majestätisch
Erschien ein weib · ihr finger gravitätisch
Erhob und wiegte kleidbesatz und saum ·

Beschwingt und hehr mit einer statue knie.
Ich las · die hände ballend wie im wahne ·
Aus ihrem auge (heimat der orkane):
Mit anmut bannt mit liebe tötet sie.

Ein strahl ... dann nacht! o schöne wesenheit
Die mich mit EINEM blicke neu geboren ·
Kommst du erst wieder in der ewigkeit?

Verändert · fern · zu spät · auf stets verloren!
Du bist mir fremd · ich ward dir nie genannt ·
Dich hätte ich geliebt · dich die's erkannt.

aus: Baudelaire: Die Blumen des Bösen
Umdichtungen von Stefan George
Sechste Auflage Georg Bondi Berlin 1922 (S. 137)

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CXXXII.
DER WEIN DER LIEBENDEN

Prächtig ist heute die weite ·
Stränge und sporen beiseite ·
Reiten wir auf dem wein
In den feenhimmei hinein!

Engel für ewige dauer
Leidend im fieberschauer ·
Durch des morgens blauen kristall
Fort in das leuchtende all!

Wir lehnen uns weich auf den flügel
Des windes der eilt ohne zügel.
Beide voll gleicher lust

Lass schwester uns brust an brust
Fliehn ohne rast und stand
In meiner träume land!

aus: Baudelaire: Die Blumen des Bösen
Umdichtungen von Stefan George
Sechste Auflage Georg Bondi Berlin 1922 (S. 151)
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