Europäische Liebeslyrik

(in deutscher Übersetzung)

Edward Charles Halle (1846-1914) - Die Musik

 


Gustavo Adolfo Becquer (1836-1870)

(In der Übersetzung von Richard Jordan)




Ich kenn' ein Lied, so groß, so schön, so eigen,
Das wie Hosanna meine Brust durchzieht, -
Doch was dir diese toten Blätter zeigen
Ist nur ein leises Echo von dem Lied.

Der Menschen Sprache, ach, ich möcht' sie zwingen,
Die, was das Herz erträumt, nicht wiedergiebt,
Und süß und herrlich sollt' es dich umklingen,
Wie wenn man weint und jubelt, klagt und liebt.

Und doch, - das Schwerste ließ' sich wohl vollbringen,
Vielleicht fänd' sich der Ton, den ich verlor,
Könnt' ich um deine Hand die meine schlingen,
Könnt' ich das Lied dir flüstern leis in's Ohr!
(S. 3)
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O sagt es nicht, daß sie verstummt die Leier,
Dieweil erschöpft die Poesie,
Wohl mag's bisweilen keine Dichter geben,
Doch jene, glaubt mir's, endet nie.

So lange noch ein Mondenstrahl im Meere
Verglüht, wie eine Braut verschämt,
So lange noch des Sonnenlichtes Feuer
Den Saum der Wolken goldverbrämt;

So lange noch die Nacht in ihrem Schoße
Uns Düfte birgt und Melodie,
So lang es Lenz noch einmal wird auf Erden:
........ Giebt's Poesie.

So lange noch dem Wissen sich verhüllet
Des Lebens Quell und sein woher,
So lange noch ein Etwas unerforschlich
Im Himmel bleibet und im Meer;

So lang die Menschheit immer vorwärts schreitend
Das Ziel nicht ahnt und nicht das wie,
So lang dem Geist sich noch ein Rätsel bietet:
.......... Giebt's Poesie.

So lange noch ein Herz sich glücklich fühlet,
Ohn' daß die Lippe es gesteht,
So lange man noch weint, ohn' daß die Thräne
Im Auge unsern Gram verrät;

So lang noch die Vernunft und tiefstes Fühlen
Gestimmt nicht sind zu Harmonie,
So lang ein Herz noch hofft, noch eins gedenket:
.......... Giebt's Poesie.

So lange noch zwei Augen unsre Blicke
Wie keine Sprache sonst verstehn,
So lang von einer Lippe noch zur andern
Zwei Seufzer Echo weckend gehn;

So lang noch Gott den Zauber einem Kusse,
Zwei Seelen zu verschmelzen, lieh,
So lang noch eine reine Frau auf Erden:
.......... Giebt's Poesie!
(S. 7-9)
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Es küßt der Morgenwind, der leise säuselt,
Die leichten Wellen, die er spielend kräuselt;
Es küßt die Sonne, wenn sie untergeht,
Die Wolke, die erglüht im Westen steht.

Zwei Flammen, um einander kurz zu küssen,
Sie haben sich verzehrend suchen müssen, -
Und selbst die Weide neigt zum Strom sich nieder,
Und seinen Kuß giebt sie ihm zitternd wieder.
(S- 14-15)
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Es geht ein wunderbares Beben
Wie Wonneschauer durch das Land,
Die Luft erfüllt ein seltnes Leben,
Der Himmel steht in Feuerbrand.

Und durch den Raum, den schattenlosen,
Wie Flügelschlag ein Rauschen schwirrt,
Und ringsumher ein leises Kosen
Sagt, daß nun alles gut noch wird.

Und weinend geht das Herze über
Und stimmt mit ein ins Hohelied,
Und fühlt beseligt, daß vorüber
Nun durch die Welt die Liebe zieht.
(S. 15)
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So wisse denn, die du beklagst so gerne,
Daß wie das Meer grün deine Augen sind: -
Grün sind der Nixen feuchte Augensterne
Minervens Auge war wie deines, Kind,
Und die des Orients Paradies betreten,
Grünäugig sind die Frauen des Propheten.

Grün ist die Farbe, die den Wald bezogen,
Wenn junger Lenz in seinen Arm sich schmiegt,
Und grün das Feuer, das im Regenbogen
Die andern Farbenlichter überwiegt;

Grün die Smaragde, welche Kön'ge tragen,
Und grün der Schimmer, d'rin das Hoffen wohnt,
Grün sind die Wellen, die im Meer geschlagen,
Und grün der Lorbeer, der den Dichter lohnt.

Doch deine Wange gleicht der zarten Rose,
Die eine Sommernacht hat übertaut,
Daß nun durch Perlentropfen, fleckenlose,
Der Blütenstaub des reinen Kelches schaut.

Und desungeachtet
Glaubst du noch immer,
Daß deiner Augen
Meergrüner Schimmer
Der Zauber zerstöre?
O glaub's nicht und höre:

Wenn wie erwacht von einem süßen Traume
Sich deiner Augen feuchter Blick erhebt,
Wird's mir, als säh' an einem Mandelbaume
Ich wie das Laub im Morgenwind erbebt.

Dein Mund, so rot, daß ihn Rubinen neiden,
Gleicht der Granatfrucht, deren Schale sprang,
Und die, den durst'gen Blick an ihr zu weiden,
An heißen Tagen manchen Wandrer zwang.

Und desungeachtet
Glaubst du noch immer,
Daß deiner Augen
Meergrüner Schimmer
Der Zauber zerstöre?
O glaub's nicht und höre:

Sie gleichen, wenn sie zürnend sich verdunkeln,
Dem Bild, das oft mich wunderbar gebannt,
Sah ich die Wogen schwellen, schäumen, funkeln
Und nachts zerschellen am Kantabriens Strand.

Ob deiner weißen Stirn die blonden Flechten,
Sie leuchten auf, als wär es mattes Gold,
Wie wenn die Sonn' den letzten, wagerechten,
Strahl über schneegekrönte Firnen rollt.

Und desungeachtet
Glaubst du noch immer,
Daß deiner Augen
Meergrüner Schimmer
Der Zauber zerstöre?
O glaub's nicht und höre:

Wie nah den Schläfen, deinen Marmorbleichen,
Die Wimpern sich ob deinen Augen schmiegen,
Smaragdagraffen sind sie zu vergleichen,
Die goldgefaßt auf Hermelinpelz liegen.
(S- 16-18)
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Dein Aug' ist blau. Und wenn du lächelst
Gemahnt mich wohl sein sanfter Schein
An jenen ersten Strahl des Morgens,
Der scheu sich senkt ins Meer hinein.

Dein Aug' ist blau. Und wenn du weinest,
Und feucht sich deine Wimper hebt,
So schimmert's drin, wie Tau der Nächte,
Der früh im Kelch der Veilchen bebt.

Dein Aug' ist blau. Und wenn bisweilen
Ein jäh Erinnern es durchglüht,
Ist's mir, wie wenn vom Abendhimmel
Der erste Stern zur Erde sieht.
(S- 18-19)
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Schwebende Wolke, duftig und rein
Silberne Welle in Mondenschein
Inniges Lied,
Das aufwärts zieht,
Kosender Wind und sein Rauschen dazu,
- Ja - das bist du.

Ein Schatten, du, der aus Äther gesponnen,
Der, will ich ihn fassen, jählings zerronnen,
Wie zuckendes Leuchten, rauschendes Tönen,
Wallender Nebel, heimliches Stöhnen
Der blauen See.

Meer ohne Küste, treibender Schaum,
Irrender Stern im endlosen Raum,
Heiserer Laut
Der Windesbraut,
Sehnende Angst um ein Glück das verblich, -
 Ja - das bin ich.

Ich, der den brechenden Blick nicht vermag
Von dir zu wenden bei Nacht und bei Tag,
Der ein Nichts, ein Phantom, einen Schatten umwirbt,
Und heimatlos irrt und ruhelos stirbt,
- Um einen Traum!
(S. 20-21)
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Heut stieg der Himmel auf die Erde wieder, -
Heut kränkt mich nicht des Schicksals Hohn und Spott, -
Heut sah ich sie, und sie - sie sah mich wieder, -
Heut glaube ich an Gott! ...
(S. 22)
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Vom Tanz ermattet und mit glüh'nden Wangen,
Am Ende eines Saals, der weit sich dehnte,
Da stand sie still, vom Kerzenlicht umfangen,
Indes sie müd auf meinen Arm sich lehnte.

Ihr stolzer Busen wogte auf und nieder,
Darob ein duftig Kleid sich weich thät schmiegen,
Und dort im Ausschnitt von dem seidnen Mieder,
Sah ich wie trunken eine Blume liegen.

Die Blume schlief, wie in Korallen-Klippen
Die Perle ruht vom Meere sanft getragen,
Indes ein Hauch, wie aus zwei keuschen Lippen,
Der warme Atem kosend sie umschlagen.

Ach, dacht ich mir, wer so zu sel'gem Ende
Den Kopf wohl betten dürfte, arbeitsmüde!
Ach, jene Blume, wenn sie träumen könnte, -
Welch süßer Traum wär wohl der Traum der Blüte!
(S. 22)
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O wisse, wenn du jäh auf deinen Mund
Ein Brennen fühlst, wie Sonnenstrahlen saugen:
Die Seele, die sich giebt im Blicke kund,
Vermag auch wohl zu küssen mit den Augen.
(S. 23)
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Was Poesie, soll ich dir sagen,
Indes dein Aug' in süßer Ruh
Wie blauer Himmel glänzt dazu?
Und du, mein Lieb, du kannst es fragen? -
Nun, Poesie ..., bist du ... ja, du!
(S. 23)
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Wie ist es möglich, daß die Rose
An deinem Herzen weiter blüht?
Ich wußte nicht, daß Blumen leben,
Wo der Vulkane Feuer sprüht.
(S. 24)
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Um einen Blick, - gäb' ich mein Leben,
Den Himmel, - um ein Lächeln preis; -
Um einen Kuß, ... o Gott, wer weiß,
Was ich um einen Kuß würd' geben!
(S. 24)
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Zwei Flammen, die an einem Scheite
Die Winde von einander trennen,
Und die aufflackernd sich vereinen
Und nun als einz'ge Flamme brennen;

Zwei Töne, die der goldnen Harfe
Zu gleicher Zeit die Hand entrungen,
Und die im Raume leis verschweben
Zu einer Harmonie verschlungen;

Zwei Wellen, die zum gleichen Strande
Sich vor dem Sturme brandend retten,
Und die sich unter einem Laken
Von Silberschaum zusammen betten;

Zwei Nebelstreifen, die allmählich
Sich aus demselben Meer erheben,
Die hoch am Himmel dann sich finden
Und dort als goldne Wolke schweben;

Zwei Thränen, die zugleich erzittern,
Zwei Träume, die dasselbe wählen,
Zwei Stimmen, die zugleich sich heben,
Ja - das, mein Lieb, sind unsre Seelen.
(S. 24-25)
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Wenn sich, den schönen Blick verhüllend,
Zum Schlummer senkt dein Augenlied,
Wie über den gestirnten Himmel,
Verdunkelnd wohl die Wolke zieht, -
Ach, um dein Haupt dann sanft zu betten
An meine Brust, um stumm und sacht
Zu lauschen deines Herzens Schlägen
Durch eine ganze, lange Nacht: -
Würd' ohne Bedenken
Wie gerne ich schenken
Was immer mein eigen,
Mein Reden und Schweigen,
Und, ohne zu schwanken,
Selbst meine Gedanken.

Und wenn dein Auge in die Ferne
Nach etwas Unsichtbarem sieht,
Wenn über deine Lippen heimlich
Ein Lächeln wie Verklärung zieht, -
Ach, um den Traum dann abzulesen,
Der über deiner Stirne liegt,
Wie sich im spiegelglatten Meere
Der goldnen Wolke Schatten wiegt -
Würd' ohne Bedenken
Wie gerne ich schenken
Was immer mit Thränen
Ich heiß thät ersehnen,
Meinen Ruhm, meine Ziele,
Meine höchsten Gefühle.

Und wenn dein Mund geöffnet schweiget,
Und heißer doch die Wange glimmt,
Wenn schneller sich dein Busen hebet,
Dein schönes Aug' in Thränen schwimmt, -
Ach, um zu schauen, was die Wimper
Mir wie ein Schleier dort verhehlt,
Ach, um zu wissen, welches Sinnen
Und welches Sorgen dich so quält: -
Würd' ohne Bedenken
Wie gerne ich schenken
Was stets in Gebeten
Von Gott ich erbeten,
Den Geist ohne Fehle
Und die ewige Seele.
(S. 25-26)
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Da geht sie hin- und die Bewegung
Ist stumme Harmonie;
Selbst ihre Schritte klingen rhythmisch,
Wie süße Melodie.

Sie schlägt das Auge auf, das Auge
Wie Morgenlicht so rein,
Und Erd' und Himmel glänzen drinnen
In holdem Wiederschein.

Sie lacht, wie wenn des Waldes Quelle
Zu Thale sprudelnd rinnt,
Und ein Gedicht ist jede Thräne
Von Zärtlichkeit umminnt.

Sie ist das Licht, der Duft, die Schale,
Aus der die Traumwelt quillt,
Sie ist das Bild, das Sehnsucht wecket,
Und Sehnsucht wieder stillt.

Und sie sei geistlos? Ach, so lange
Sie schweigend es verhehlt,
Ist, wo sie schweigt, mehr wert, als alles,
Was Andrer Geist erzählt.
(S. 33-34)
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Die Seufzer, die luftigen, gehn mit den Winden,
Die Thränen, die feuchten, zum Meere hinziehn, -
Doch sage mir, Weib, wenn die Lieb' man vergessen,
Die Liebe, o sag' mir, wo wandert dir hin?
(S. 36)
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aus: Spanische Lieder von Gustavo Adolfo Becquer
Ins Deutsche übertragen von Richard Jordan
Halle a. d. S. 1892

 

 

 


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