Europäische Liebeslyrik

(in deutscher Übersetzung)

Edward Charles Halle (1846-1914) - Die Musik

 

 

Carl Michael Bellman (1740-1795)

(In der Übersetzung von Adolf Wilhelm Ernst von Winterfeld)



Aus: Fredman's Lieder


Lied Nr. I.
Der Fischfang

Auf Amaryllis! Auf meine Kleine!
Im Frührothscheine
Schwimmt die Natur.
Der Regenbogen
Hat lieblich umzogen
Mit farbigem Wogen
Den Wald und die Flur. -
Streif' ab, Amaryllis, des Schlafgottes Binden;
Laß, meine Kleine, Dir freudig verkünden:
Ein höh'res Behagen wirst Du empfinden
In der duftigen, schönen Natur. -

Komm nun und fische; Alles ist fertig,
Alles gewärtig
Nur Deines Blick's.
Zieh' an Dein Jäckchen,
Die Strümpfchen, das Röckchen,
Und schnüre Dein Päckchen
Du liebliche Nix'.
Steh' auf, Amaryllis und stille mein Sehnen
Laß unser Segel vom Winde sich dehnen,
Delphine schon spielen; nackte Sirenen
Warten Dein mit dem niedlichsten Knix. -

Nimm Deine Angel, schon glüht die Sonne;
Theil' meine Wonne,
Theil' meine Lust.
Komm' laß uns gehen!
Mein dringendes Flehen
Nicht falsch es verstehen
Mein Liebchen Du mußt.
O komm, Amaryllis, es fliehen die Stunden,
Zu jenem Thal, wo das Glück wir gefunden
Dort, wo sich Dein Herz dem Meinen verbunden,
Weshalb Tyrsis zerquält sich die Brust.

Komm in das Boot denn; komm laß uns singen,
Lieb' soll durchdringen
All' unser Sein. -
Aeol' sich härmet,
Doch wenn er auch lärmet -
O laß ihn, er schwärmet;
Denn nie wirst Du sein! -
So laß uns denn froh sein und laß uns durchmessen
Schäumende Wellen; und nimmer vergessen,
Ja selbst nicht im Tode, was wir besessen. -
Singt Sirenen das! Blas't das Schalmey'n! -
(S. 149-150)
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Lied Nr. V.
Nota Bene

Wenn ich hab' ein volles Fläschchen
Nota bene - guten Wein;
Und dazu ein Plaudertäschchen
Nota bene - welche mein,
Bin ich froh aus vollstem Drange
Nota bene - nur nicht lange.

Unser Leben ist gar prächtig
Nota bene - etwas schwer
Denn der Böse ist geschäftig
Hinter unsern Fehlern her.
Mancher fühlt sich frei und glücklich
Nota bene - augenblicklich.

Mag die Welt im Kreis sich drehen
Aber nota bene - Halt! -
Nimmer mag die Zeit verwehen
Meines Mädchens Lustgestalt.
Stets um Frauenlieb ich werbe
Nota bene - bis ich sterbe!
(S. 158-159)
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Lied Nr. VII.
Mollberg und Camilla
Bachanalisches Pastoral

Un roman, saus blesser les loix ni la coutume,
Peut conduire un heros au dixieme volume
Boileau

Mollberg
Dreh' Dich und wende,
Kind, wie Du Dich willst,
Nimmer die Brände
Im Herzen stillst. -
Füßchen wie nett;
Gang wie adrett,
Fröhlich und froh! -

Camilla
So? -

Mollberg
Und Deine Augen
Wie ein Flambeau. -

Mollberg
Liebst mich Camille?
Sag' ja oder nein;
Thust Du's, so stille
Die Herzenspein;
Damon, er geht
Zeitig und spät
Immer Dir nach -

Camilla
Ach!
Stark ist mein Wille,
Nie war ich schwach.

Mollberg
Muß widersprechen,
Mein liebliches Kind.
Keine Verbrechen
Die Küsse sind.
Denke nur nach,
Am hellen Tag'
Raubte er Dir -

Camilla
Mir?

Mollberg
Schallende Küsse,
Drei oder vier.

Mollberg
Darf man wohl fragen
Was Damon beschlich? -
Lass' ihn sich plagen
Und denk' an mich. -
Halt, was ist hier,
In dem Papier -
Was kann es sein? -

Camilla
Wein!
Und kleine Kuchen
Noch obend'rein.

Camilla
Mollberg, Du Lieber,
Ich will Dir's gesteh'n,
Muß schnell hinüber
Zu Damon geh'n.
Kuchen und Wein,
Alles ist sein;
Das giebt 'nen Witz. -

Mollberg
Blitz!! -

Camilla
Trinken selbander
Uns einen Spitz.

Mollberg
Das sollte schmecken;
Ach wär' es nur mein. -
Solltest Dir lecken
Die Fingerlein.
Setze Dich hier
Nahe bei mir,
Schenke uns ein -

Camilla
Nein!
Damons Geliebte
Nie wird sie Dein.

Mollberg
Denk' etwas freier,
Benutz den Moment;
Lösche das Feuer,
Wo grad' es brennt.
Fort mit der Qual!
Her den Pocal,
Lasse Dich geh'n -

Camilla
Schön!
Trinke; das Weitere
Wollen wir seh'n.
(S. 162-165)
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Lied Nr. XI.

Ein Potiphar-Weibchen mit feiner Manier
Den Joseph einst wollte berücken;
Bat ihn und zupft ihn bald dort und bald hier;
"Komm her zu mir!
Hier unter der Decke die herrlichste Ros'
Erlaub' ich Dir, Lieber, zu pflücken." -
Doch Joseph, der Lümmel, er machte sich los,
Vergaß die Hos'.-
Sollt' ich einmal kommen an solchen Ort,
Ich ginge nicht fort.

Doch Joseph ergriff schnell das Hasenpanier,
Die Schöne verfolgt ihn mit Bitten.
Folgt ihm mit klopfendem Herzen zur Thür,
Verschmachtet schier. -
Auf! Trinket, Ihr Brüder, im hallenden Saal!
Es leben die lockeren Sitten;
Pfui über Duelle und jeden Rival
Und Liebesqual! -
Es lebe Frau Potiphar! Trinkt mir zu! -
Sie schläft nun in Ruh'.

Der Fehler war dieser, das sieht sich ja leicht:
Der gute Herr Joseph war nüchtern;
Bachus die kältesten Herzen erweicht
Und macht geneigt. -
Bei Pharaos Garbe ein alter Kap'tain
War Potiphar, schläfrig und schüchtern,
Und solch' einem Narrn eine Nase zu dreh'n
Ist recht geschehn.
Es lebe Frau Potiphar! Thut Bescheid!
Sie lebt auch noch heut!
(S. 170-171)
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Lied Nr. XIII.
An Venus und Bachus

Venus und Bachus, ich thu' es Euch kund;
Euch lieb' ich zumeist mit ewigen Gluthen,
Der Einen mein Herz und dem Ander'n mein Mund,
Denn Bachus giebt Venus Rekruten.
Ein niedliches Mädchen, ein voller Pocal
Geben hienieden das meiste Behagen. -
Wär' ich doch, ach, ich muß es Euch sagen,
Frau Venus, Dein Fähnrich, und Bachus Korp'ral.
(S. 172)
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Lied Nr. XIX.

Sollte' mir das Schicksal schicken
Ein Mädchen zum Entzücken,
Daß sie, mit Freud' und Leid, das Herz bethörte mir.
Ich würd's nicht wie And're machen,
Mich nur scheer'n um meine Sachen,
Sollt' Jemand aus mich lachen,
Der sollt's bezahlen mir.

Ging sie zu einem Ander'n,
So würd' ich fröhlich wandern
Zu einem Wirthshaus hin und tränk' ein Räuschchen mir.
Es würd' nicht mein Hirn beschweren
Sollt' mit Hörnern sie mich ehren;
Denn Weisheit soll mich lehren
Bachus, in Wein und Bier.

Wenn sie vom Bett mich weiset
Mit leerem Wort abspeiset
Weil ihre Mutter ihr gerathen dies und das;
Wenn ein Fremder mit Pistolen
Fort mich schickt mit Teufelholen
Mach' ich mich auf die Sohlen.
Verstehe guten Spaß.

Käm' einmal zum Exempel
Ein Geistlicher vom Tempel
Um ihrer armen Seel' zu geben Trost und Ruh';
Da er ist ein Mann von Würde,
Ihrer Seele nimmt die Bürde,
Lass' ich ihn in der Hürde,
Entfliehe ohne Schuh'.

Besuchet meine Schöne
Der feinste der Baröne,
Der ihr geliebtes Bild an meinem Fenster sah;
Ach, da wend' ich gleich den Rücken
Und mit demuthsvollen Blicken
Thu' aus der Thür mich drücken
Und fliehe Chapeau-bas.

Es könnt' auch mal geschehen,
Daß, beim Zuhausegehen
Ich Licht noch brennen säh', in meiner Camera;
Daß mein Engel könnte spotten
Mich zur Thür hinaus hundsfotten
Begießen bei'm Forttrotten
Auch ih - -  et cetera.

Doch sagt in allen Ehren
Was kann man mehr begehren?
Ich sehe ruhig zu und halte noch das Licht. -
Störe nichts an ihrem Feste.
Schweigen ist das Allerbeste;
Zuletzt nehm' ich die Reste
Für meine Gattenpflicht.
(S. 180-182)
_____



Lied Nr. XXI.

Ach, wenn die Kronen
Aller Nationen
Schimmerten mir auf dem Haupte so hell,
Sollt' ein Prinzeßchen
Oder Comtesschen
Ruh'n mir im Arme wie eine Mamsell.
Ich und die Kleine
Schliefen alleine,
Schliefen so ruhig in unserer Zell'. -

Bomben, Raketen,
Pauken, Trompeten
Sollten uns wecken mit festlichem Knall;
Uns're Trabanten,
Leib-Adjutanten
Tränken uns zu aus dem schönsten Krystall. -
Würde auch trinken,
Königlich winken;
Wieder ertönte der donnernde Schall. -

Austern und Weine,
Sorten vom Rheine,
Würden mein Liebchen und ich trinken aus;
Leber-Pasteten,
Frische Lampreten
Wären zum Frühstück ein herrlicher Schmaus.
Duftigste Knaster,
Pfund zum Piaster,
Hielt ich mir so, als ein Pfeifchen für's Haus.

Prost Kameraden,
General Staaten,
Heiliger Vater so fromm und so fett! -
Traum ist entschwunden,
Alles verschwunden,
Krone ist fort und mein Mädchen so nett.
Lied ist zu Ende,
Hungrig ich wende
Mich nach der Kneipe und borg' ein Cot'lett.
(S. 185-186)
_____



Lied Nr. XXIV.

Auf, meine Kleine!
Es wacht die Natur,
Es lachen die Haine,
Es duftet die Flur. -
Hör' dieses Säuseln! -
Die Vögelein schnäbeln sich;
Wellen sich kräuseln
Und grüßen Dich. -

Hahn auf dem Zaune
Die Augen verdreht,
Nach Herzenslaune
Er heiser sich kräht,
Will Dich erwecken
Zu Wollust, Musik und Sang. -
Willst mich nur necken,
Wachest schon lang.

Lerche schon wachet;
Was schläfst Du so lang? -
Elster belachet
Des Hänflings Gesang.
Taube leis klaget
Und gleichet Dir selbst manchmal.
Wenn Dir's behaget
Still meine Qual.

Fluthen sich kräuseln,
Sie wollen Dich seh'n. -
Hör, wie sie bräuseln -
Bald kommen, bald geh'n. -
Fischlein sie springen
Und blitzen im Sonnenlicht,
Grüße Dir bringen. -
Du hörst es nicht!

Soll ich Dir zeigen
Das Eichhorn, so schnell?
Springt auf den Zweigen
Am murmelnden Quell;
Locket sein Liebchen; -
Wie zärtlich sie Beide sind! -
Ach dieses Grübchen
Verräth Dich, Kind. -
(S. 190-191)
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übersetzt von Adolf Wilhelm Ernst von Winterfeld (1824-1889)

Aus: Der Schwedische Anakreon
Auswahl aus C. M. Bellman's Poesien
Aus dem Schwedischen von A. v. Winterfeld
Nebst Sammlungen über Bellman's Leben und Charakteristik
Berlin 1856 Verlag von A. Hofmann u. Comp.


 

 


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