Europäische Liebeslyrik

(in deutscher Übersetzung)

Edward Charles Halle (1846-1914) - Die Musik

 


Pierre-Jean de Beranger (1780-1857)

(In Übersetzungen von Heinrich Leuthold, Sigmar Mehring
und Philippine Engelhard)




Wie schön ist sie!

O Gott, wie schön ist sie zu schauen,
Die ewig mir im Herzen thront!
Wie träum'risch unter dunkeln Brauen
Die Lieb' in ihrem Auge wohnt!
Noch weilt ein Stral aus Edens Auen
In ihrer Seele keusch und rein.
O Gott, wie schön ist sie zu schauen,
Und ich, wie häßlich muß ich sein!

O Gott, wie schön ist sie zu schauen,
Und zwanzig Lenze zählt sie kaum!
Ihr Haar ist Gold; von Honig thauen
Die Lippen ihr, wie Blütenflaum.
Wie ihr die Grazien Stirn und Brauen
Gesegnet, sieht nur sie nicht ein.
O Gott, wie schön ist sie zu schauen,
Und ich, wie häßlich muß ich sein!

O Gott, wie schön ist sie zu schauen,
Die mich unendlich reich gemacht!
Lang irrt' ich ohne Selbstvertrauen,
Weil nie die Schönheit mir gelacht;
Nun scheucht der Zauber ihrer blauen
Schalkhaften Augen jede Pein.
O Gott, wie schön ist sie zu schauen,
Und ich, wie häßlich muß ich sein!

O Gott, wie schön ist sie zu schauen,
Für mich voll Lieb' und Treue ganz!
Um meiner Scheitel frühes Grauen
Flicht sie den frischen Rosenkranz.
Wie fass' ich nur mein Glück! Der Frauen
Liebreizendste für immer mein!
O Gott, wie schön ist sie zu schauen,
Und ich, wie häßlich muß ich sein!
(S. 144-145)

Übersetzt von Heinrich Leuthold (1827-1879)
Aus: Fünf Bücher französischer Lyrik
vom Zeitalter der Revolution bis auf unsere Tage
in Übersetzungen von Emanuel Geibel und Heinrich Leuthold
Stuttgart Cotta'sche Verlag 1862

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Verwünschter Frühling

Nach ihrem Fenster sah ich von dem meinen,
So lang der Eiswind durch die Gassen fuhr;
Wir liebten uns, doch einzig vom Erscheinen,
Wir küßten uns, doch in Gedanken nur.
Durch die entlaubten Linden hin und wieder
Uns anzuschau'n war unsrer Tage Glück;
Du giebst den Bäumen ihre Schatten wieder,
Verwünschter Frühling, kehrst du stets zurück?

Entrückt ist mir, vom dichten Grün verborgen,
Der Engel nun, deß Lächeln mich erfreut,
Den ich begrüßt an jedem Rauhreifmorgen,
Wenn er den Vöglein Futter ausgestreut.
Sie riefen ihm, und sah'n wir um die Brocken
Sie flattern, ward auch unsre Liebe flück;
Nein, nichts so lieblich doch als Reif und Flocken!
Verwünschter Frühling, kehrst du stets zurück?

Ach, ohne dich würd' ich sie stets noch schauen,
Wenn sie sich Morgens frisch vom Lager hebt,
Auroren ähnlich, die mit ros'gen Brauen,
Des Tages Vorhang lüftend, aufwärts schwebt.
Und spät, wenn ihres Lämpchens Schein zerflossen,
Versenkt noch spräch' ich in mein stilles Glück:
Sie schläft, mein Stern hat seinen Lauf beschlossen.
Verwünschter Frühling, kehrst du stets zurück?

Warum doch kann's nicht ewig Winter bleiben?
Dem Liebenden erschien die Zeit so schön.
Wie gerne hört' ich wieder an den Scheiben
Des leichten Hagels springendes Getön!
Was hilft dein alter Hoffstaat mir, dein Fächeln,
Dein Balsam, deiner Sprosser Flötenstück?
Ach, die Geliebte seh' ich nimmer lächeln.
Verwünschter Frühling, kehrst du stets zurück?
(S. 117-118)

Übersetzt von Heinrich Leuthold (1827-1879)
Aus: Fünf Bücher französischer Lyrik
vom Zeitalter der Revolution bis auf unsere Tage
in Übersetzungen von Emanuel Geibel und Heinrich Leuthold
Stuttgart Cotta'sche Verlag 1862

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Rosette

Wie? Deinem Jugendlenz zum Hohn
Vermöchtest du für mich zu fühlen,
Für mich, dem vierzig Jahre schon
Genaht, sein heißes Blut zu kühlen?
Einst fachte meine Flamme an
Selbst die bescheidenste Grisette -
O, daß ich dich nicht lieben kann,
So wie ich einst geliebt Rosette!

In glänzend reichem Schmuck erblickt
In prächt'gem Wagen man dich täglich,
Indeß Rosette, leicht geschmückt,
Zu Fuß ging, lachend und beweglich;
Doch wo sie nur erschien, begann
Ein Streit von Blicken um die Wette -
O, daß ich dich nicht lieben kann,
So wie ich einst geliebt Rosette!

Wie stralt von Spiegeln dein Boudoir,
Und deine Schönheit stralt darinnen!
Rosetten's kleine Scherbe war
Der Grazien Spiegel meinen Sinnen.
Kein Purpurvorhang glüht' uns an;
Das Morgenroth beschien ihr Bette -
O, daß ich dich nicht lieben kann,
So wie ich einst geliebt Rosette!

Zwar deines Geistes hohes Wehn
Beseelte manche Dichterharfe;
Rosette konnt', ich muß gestehn,
Kaum lesen so zum Nothbedarfe.
Doch sprach die Liebe dann und wann,
Was Tiefsinn nie gesprochen hätte -
O, daß ich dich nicht lieben kann,
So wie ich einst geliebt Rosette!

Nie ward ihr diese Allgewalt,
Mit der aus sehnsuchtsvollen Blicken
Das Feuer deiner Seele stralt,
Mein Herz verlangend zu bestricken.
Doch meine eigne Jugend spann
All ihren Reiz um unsre Kette.
O, daß ich dich nicht lieben kann,
So wie ich einst geliebt Rosette!
(S. 128-129)

Übersetzt von Heinrich Leuthold (1827-1879)
Aus: Fünf Bücher französischer Lyrik
vom Zeitalter der Revolution bis auf unsere Tage
in Übersetzungen von Emanuel Geibel und Heinrich Leuthold
Stuttgart Cotta'sche Verlag 1862

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Die Flucht der Liebe

Schon regst du, Liebe, wie zur Flucht die Schwingen.
Fahr wohl! Dahin ist meine schöne Zeit;
Es spotten, die mich lächelnd sonst umfingen,
Die Grazien treulos meiner Einsamkeit.
Einst wagt' ich wider dich mich aufzulehnen,
Nun spür' ich wohl, du hast mir's nie verziehn;
Ach, Liebe, wenn du nichts uns gabst als Thränen,
Mit tieferm Schmerz nur sehn wir dich entfliehn.

Ein träumend Kind noch kannt' ich kein Begehren,
Da hat dein Hauch den Blick mir aufgethan;
Im Liebreiz lernt' ich deine Macht verehren
Und deine Fesseln legt' ich selbst mir an.
Wie konnt' ich, jung, dich schon so grausam wähnen,
Den Pfeil so giftig, der so glänzend schien!
Ach, Liebe, wenn du nichts uns gabst als Thränen,
Mit tieferm Schmerz nur sehn wir dich entfliehn.

Vielleicht Rosettens Küss' und süße Possen
Vergess' ich all, wenn einst mein Blut gefror,
Doch nie die Zähren, die um Lila flossen,
Die Seufzer, die um Ninon ich verlor.
Zur Treu zu schön war jene, gleich Helenen,
Für diese glüht' ich hoffnungslos dahin -
Ach, Liebe, wenn du nichts uns gabst als Thränen,
Mit tieferm Schmerz nur sehn wir dich entfliehn.

Flieh denn, o Liebe, vom verwaisten Bette,
Flieh hin! Dein Mitleidslächeln dünkt mich Hohn.
Es naht, daß sie aus meiner Qual mich rette,
Mit offnen Armen mir die Freundschaft schon.
Doch nein! Kehr' um! Noch einmal glühn und sehnen
Laß deinen Sänger, wär's auch Tod für ihn! -
Ach, Liebe, wenn du nichts uns gabst als Thränen,
Mit tieferm Schmerz nur sehn wir dich entfliehn.
(S. 137-138)

Übersetzt von Heinrich Leuthold (1827-1879)
Aus: Fünf Bücher französischer Lyrik
vom Zeitalter der Revolution bis auf unsere Tage
in Übersetzungen von Emanuel Geibel und Heinrich Leuthold
Stuttgart Cotta'sche Verlag 1862

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Was unsre Mädchen träumen

Der Vogel sucht des Waldes Kühle,
Sein süßes Lied der Liebe schweigt,
Indeß sich in der Mittagsschwüle
Die zarte Lilie schmachtend neigt;
Der Vogel sucht des Waldes Kühle,
Sein süßes Lied der Liebe schweigt.

Auf sammtnen Kissen in der Fülle
Der Schönheit schläft ein Mädchen hier,
Vom Leib nur halb gelöst die Hülle,
Ein Spiegel trauert neben ihr;
Auf sammtnen Kissen in der Fülle
Der Schönheit schläft ein Mädchen hier.

Noch lächeln ihre Lippen selig
Vom letzten Bild, an dem sie hing,
Eh sie beim Lieblingsspiel allmählich
Des Schlummers weicher Arm umfing;
Noch lächeln ihre Lippen selig
Vom letzten Bild, an dem sie hing.

Ihr dämmernd Auge, halb geschlossen,
Umfloren dunkle Wimpern leicht,
Liebreizend liegt sie hingegossen,
Wie's Farb' und Meißel nie erreicht;
Ihr dämmernd Auge, halb geschlossen,
Umfloren dunkle Wimpern leicht.

Nun streift ein Traum mit leisem Flügel
Liebkosend diesen stillen See,
Nun heben sich die Wellenhügel
Des Busens, wie im Sturme, jäh;
Nun streift ein Traum mit leisem Flügel
Liebkosend diesen stillen See.

Vielleicht schwingt sie ein Ritter eben
Entführend auf sein weißes Roß
Und seufzt: "O flieh mit mir, mein Leben!
Mein Herz ist treu und fest mein Schloß!"
Vielleicht schwingt sie ein Ritter eben
Entführend auf sein weißes Roß.

Vielleicht, daß ein Petrarca schmachtend
Vor dieser zweiten Laura kniet,
Die, reich durch seinen Sang, verachtend
Auf alle Erdengüter sieht;
Vielleicht, daß ein Petrarca schmachtend
Vor dieser zweiten Laura kniet!

Vielleicht, daß sie zu Himmelsauen
Der Fittich der Erinn'rung hebt,
So wie die Schwalbe durch die lauen
Lenzlüfte wieder heimwärts strebt;
Vielleicht, daß sie zu Himmelsauen
Der Fittich der Erinn'rung hebt!

Sie ist erwacht, die Pulse pochen,
Ihr Busen sprengt die Fesseln fast.
"Sag, was dein Engel dir versprochen,
Was du im Traum gesehen hast?"
Sie ist erwacht, die Pulse pochen,
Ihr Busen sprengt die Fesseln fast.

"Das Glück hat mir mit seinem Kusse
Entlockt der Freude hellsten Schrei,
Denn Gold ward mir im Ueberflusse
Und ein bejahrter Mann dabei;
Das Glück hat mir mit seinem Kusse
Entlockt der Freude hellsten Schrei." -

"O Blume, die nur Anmuth kleidet,
Ist das der Thau, den du gewollt?" -
"Ja, ja, von aller Welt beneidet
Stand ich bis an die Knie' in Gold!" -
O Blume, die nur Anmuth kleidet,
Ist das der Thau, den du gewollt? -

Fahr hin mein Traumbild denn, mein holdes
Von Liebe, die um Liebe liebt,
Wenn von der Allgewalt des Goldes
Ein träumend Kind schon Zeugniß giebt;
Fahr hin mein Traumgebild, mein holdes
Von Liebe, die um Liebe liebt!
(S. 149-152)

Übersetzt von Heinrich Leuthold (1827-1879)
Aus: Fünf Bücher französischer Lyrik
vom Zeitalter der Revolution bis auf unsere Tage
in Übersetzungen von Emanuel Geibel und Heinrich Leuthold
Stuttgart Cotta'sche Verlag 1862

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Die Bacchantin

Geliebter, ich willfahre dir!
Komm, komm, und neue Freuden plane!
Es wirkt der wilde Sekt in mir,
Die Liebe wächst zu süßem Wahne.
Reich' mir das Freudengift,
Doch sollst auch du es nehmen!
Müßt' mich des Rausches schämen,
Wenn er dich nüchtern trifft.

Glänzt nicht mein Auge wunderbar?
Heiß rollt das Blut durch meine Glieder.
Sieh! Blumen lösen sich vom Haar,
Mein Kranz fällt auf dein Lager nieder.
Das Glas zerbrach! - Vorbei!
Mein Busen lechzt nach Küssen.
Soll ich sie länger missen?
Komm, und die Lust gieb frei!

Hemmt deine Küsse dieser Putz?
Dich soll ein größ'rer Reiz ergreifen!
Knüpf' auf das Band. - Was soll der Schutz?
Ich zitt're nicht, ihn abzustreifen.
Der Glieder nackte Pracht
Sei ganz dir überlassen - - -
Will dich die Glut nicht fassen,
Die du in mir entfacht?

Bezwing' die Mattigkeit in dir!
Komm, ich will selbst den Feind bekämpfen.
- Wie kalt dein Kuß! - Trink' nicht! laß mir
Die Tropfen, die dein Feuer dämpfen.
Und meine Leidenschaft,
Die du nicht kannst besiegen, -
Wie sie dem Wein entstiegen,
Verlösch' im selben Saft.
(S. 24-25)

Übersetzt von Sigmar Mehring (1856-1915)
Aus: Die französische Lyrik im 19. Jahrhundert
Mit eigenen Übertragungen von Sigmar Mehring
Grossenhain und Leipzig Verlag von Baumert & Bonge 1900

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Hannchen

Fort, ihr Koketten, ihr überlackierten,
Fort mit dem heuchlerisch-blendenden Glanz!
Mehr gilt, als all' ihr Gezierten, Blasierten,
Meine Johanna, mein Hannchen, mein Hans!

Artig, jung und schön gestaltet,
Frisch ist sie und voll entfaltet,
Und ihr schwarzes Auge blitzt.
Rügt nicht, daß des Kleides Hülle
Zu gewölbten Busen schützt!
Ahnt ihr, Tadler dieser Fülle,
Wie mein Arm den Fehler nützt?

Reizvoll tritt sie stets entgegen,
Gut ist sie und nie verlegen,
Und beständig lächelt sie.
Mag sie manchmal thöricht reden, -
Sprechen lernte Hänschen nie!
Dennoch überzeugt sie jeden,
Daß Natur ihr Witz verlieh.

Wenn ich wo beim Festgelage
Allzu freie Reden wage,
Lenkt mein Schelm behende ein.
Sie versteht auch was vom Sange,
Lustig klingt ihr Lied und rein.
Glaubt! sie flucht, wenn ich's verlange,
Und sie trinkt von jedem Wein.

Schön durch Liebe und durch Freude,
Thut's nicht not, daß sie vergeude
Gold und Sammt für Hals und Brust.
Siege hat sie stets erworben,
Wenn sie auch nicht prunkte just.
Und am Kleid wird nichts verdorben,
Drück' ich sie nach Herzenslust.

- Nachts - allein, bin ich der Meister!
Meine Wünsche werden dreister,
Und ihr Widerstreben ruht.
Mit dem Mund und beiden Händen
Schürt sie heißer Liebe Glut,
Und das Bett an allen Enden
Kracht bei unserm Uebermut.

Fort, ihr Koketten, ihr überlackierten,
Fort mit dem heuchlerisch-blendenden Glanz!
Mehr gilt, als all' ihr Gezierten, Blasierten,
Meine Johanna, mein Hannchen, mein Hans!
(S. 25-27)

Übersetzt von Sigmar Mehring (1856-1915)
Aus: Die französische Lyrik im 19. Jahrhundert
Mit eigenen Übertragungen von Sigmar Mehring
Grossenhain und Leipzig Verlag von Baumert & Bonge 1900

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Hymens Weihe

Zwei, die zur Kammer zieh'n,
Will Hymen heut empfangen.
Rings schwirren Melodien.
Wie niemals süß're klangen.

Ein Spalt erlaubt uns, traun!
Die Szene aufzufangen:
Sie ist voll Reiz zu schau'n,
Er zähmt kaum sein Verlangen.

Noch sucht sie zu entflieh'n
Und sträubt sich beim Umfangen.
Er läßt den Schatz nicht zieh'n
Und hält sie wie mit Zangen.

Er löst ihr das Gewand,
Und sie erfaßt ein Bangen.
Schon triumphiert der Fant,
Bald giebt sie sich gefangen.

Doch eh' die Wünsche, die
Er hegt, ihr Ziel errangen,
Entschlüpft dem Lager sie, -
Der Fang ist ihm entgangen.

Halt! Er erhascht sie schon,
Sie läßt das Köpfchen hangen,
Bis endlich Fleh'n und Droh'n
Die Schöne doch bezwangen.

Nun brummt er einen Fluch.
Und - was auch vorgegangen:
Der Ehe seltsam' Buch
Hat jetzt erst angefangen!
(S. 29-30)

Übersetzt von Sigmar Mehring (1856-1915)
Aus: Die französische Lyrik im 19. Jahrhundert
Mit eigenen Übertragungen von Sigmar Mehring
Grossenhain und Leipzig Verlag von Baumert & Bonge 1900

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Wie schön ist sie

O Gott, wie wunderschön ist sie,
Sie, die ich ewig lieben werde!
Des großen Aug's Melancholie -
Nichts Gleiches giebt's auf dieser Erde!
Ihr Wuchs, ihr Gang, so herrlich, schön!
Und ich - so häßlich anzusehn!

O Gott, wie wunderschön ist sie!
Sie zählet jetzt kaum zwanzig Jahre.
Nie blühten schön're Lippen, nie;
Und blond und lockig sind die Haare.
Sie nicht den eignen Werth bekennt,
Uebt sie gleich jegliches Talent.
Dazu ist sie so sanft, so schön!
Und ich - so häßlich anzusehn!

O Gott, wie wunderschön ist sie!
Wie kam es nur, daß sie mich liebte?
Voll Neid stand ich oft spät und früh,
Wenn Männerschönheit Wunder übte.
Ach, Amor floh vor meinem Bild -
Jetzt hat sein Zauber mich umhüllt.
Sieg ohne Gleichen! sie so schön!
Und ich - so häßlich anzusehn!

O Gott, wie wunderschön ist sie!
Die mich so treu, so zärtlich küsset.
Die Stirn kränzt sie, voll Sympathie,
Die jung schon viele Haare misset.
Geheimniß berge noch mein Loos,
Denn ach, mein Glück ist allzugroß!
Sie mein! so hold, so wunderschön!
Und ich - so häßlich anzusehn!
(S. 46-47)

Übersetzt von Philippine Engelhard geb. Gatterer (1756-1831)
Aus: Lieder von Beranger
Nach dem Französischen treu übersetzt von
Philippine Engelhard geb. Gatterer
Cassel Verlag von J. J. Bohne 1830
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Viele Liebe

Trotz allen Weisen ernsten Tönen,
Wünscht' ich jetzt Goldesüberfluß.
Zu Füßen legt' ich's meiner Schönen;
Mich lohnte dann ihr süßer Kuß.
O, von Adelens Wünschen bliebe
Nichts unerfüllt, sie winkte nur.
Ich fühle nicht des Geizes Triebe;
Ach viele, viele Liebe nur!

Um sie Adelen auch zu geben,
Wünscht' ich mir nur Unsterblichkeit.
Könnt' ich doch auf dem Pindus schweben,
Ihr wäre nur mein Lied geweih't.
Vereint sollt' unser Name prangen,
Nur schwinden mit der Welten Spur.
Die Ruhmsucht weckt nicht dieß Verlangen,
Ach viele, viele Liebe nur!

Würd' ich aus meinem dunkeln Leben
Doch auf den höchsten Thron gebracht!
Adele würd' ich d'rauf erheben,
Ihr schenkt' ich meine Kron' und Macht.
Nur mehr zu ehren meine Liebe,
Empfieng' ich gern der Huld'gung Schwur.
Mich füllen nicht des Stolzes Triebe;
Ach viele, viele Liebe nur!

Doch, wie hat Wahn mich hingerissen!
Macht nicht Adele ganz mein Glück?
Glanz, Ruhm und Gold muß sie vermissen,
Gönnt doch mir holden Liebesblick.
Sie giebt mir freundliche Gesetze -
Ihr Herz ist groß, wie die Natur!
Sie will nicht Ruhm, nicht Rang, nicht Schätze;
Ach viele, viele Liebe nur!
(S. 61-62)

Übersetzt von Philippine Engelhard geb. Gatterer (1756-1831)
Aus: Lieder von Beranger
Nach dem Französischen treu übersetzt von
Philippine Engelhard geb. Gatterer
Cassel Verlag von J. J. Bohne 1830
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Die gute Alte

Auch du wirst altern, reizende Geliebte,
Und bist du alt, so werd' ich nicht mehr seyn.
Der schnelle Flug der Zeit mich oft betrübte;
Es tritt das Ende plötzlich bei uns ein.
Du überlebe mich! Das Alter schrecke
Dich nicht. All' meiner Lehr' gedenke lang.
Und, gute Alte in Kamines Ecke,
Ach, wiederhole deines Freund's Gesang!

Dich selbst zu seh'n wird Jünglings Sehnsucht walten,
Weil süß in meinem Lied dein Bild erscheint.
Sie forschen nach versunk'ner Pracht in Falten;
Und fragen: Ward er würdig so beweint?
Dann schild're meine Liebe, und verstecke
Nicht Glut, nicht Trunkenheit, nicht Argwohnshang.
Und, gute Alte in Kaminesecke,
Ach, wiederhole deines Freund's Gesang!

War er so liebenswerth? wird man dich fragen,
Und unerröthend sprich: Ich liebt' ihn sehr!
War nie ein schlechter Zug ihm nachzusagen?
Mit Stolz antworte drauf: O nimmermehr!
Nun schild're, daß es ihren Geist erwecke,
Die Stärk' und Süße von der Leier Klang.
Und, gute Alte in Kaminesecke,
Ach, wiederhole deines Freund's Gesang!

Du, die ich lehrte über Frankreich weinen,
Sprich Heldensöhnen, still von Muth entbrannt,
Sein Sang ließ immer Ruhm und Hoffnung scheinen,
Zu trösten sein unglücklich Vaterland.
Dann sprich noch lauter, daß es Wuth erwecke,
Wie unser Lorbeer fand den Untergang.
Und, gute Alte im Kaminesecke,
Ach, wiederhole deines Freund's Gesang!

Geliebte! wird mein Ruhm unsterblich glänzen,
Dieß Tröstung dir in Altersschmerzen seyn;
Wird deine schwache Hand mein Bild bekränzen;
Im Lenze ihm die ersten Blümchen streu'n:
Dann blick' empor zur hohen Himmelsdecke!
Ein Stern eint dort uns Ewigkeiten lang!
Und, gute Alte im Kaminesecke,
Ach, wiederhole deines Freund's Gesang!
(S. 73-74)

Übersetzt von Philippine Engelhard geb. Gatterer (1756-1831)
Aus: Lieder von Beranger
Nach dem Französischen treu übersetzt von
Philippine Engelhard geb. Gatterer
Cassel Verlag von J. J. Bohne 1830
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Verwünschter Frühling

Den Winter konnt' ich gütig nennen;
Er bracht' an's Fenster sie und mich.
Wir liebten uns, ohn' uns zu kennen;
Und unsre Küsse kreuzten sich,
Das Anschau'n macht uns froh wie Götter,
Jetzt unser Auge heimlich weint!
Die Linden hüllten sich in Blätter -
Verwünschter Frühling! o du kommst als Feind!

Ach, mir erschien, als lang' es schnei'te,
Der Engel, schön, voll Fühlbarkeit,
Der armen Vögeln Futter streute
In ihrer strengsten Fastenzeit.
Sie riefen ihr! das Vögelschreien
Ward Liebesaufruf bald für mich.
O möcht' es lieber immer schneien -
Du böser Frühling, ich verwünsche dich!

Ich seh' sie nicht am Fenster stehen,
Von süßem Schlummer neu belebt;
Wie rosig wir Aurora sehen,
Wenn sie des Tages Vorhang hebt.
Kann nicht mir Abends leise flüstern:
Mein Stern vollbrachte seinen Lauf.
Sie schläft - das Fenster ist im Düstern.
Verwünschter Frühling, warum trat'st du auf.

Könnt' ich den Winter nur verschreiben!
Ach, warum seh' ich doch nicht mehr
Den Hagel an den Fensterscheiben,
Laut klingend, hüpfen hin und her.
Nach altem Recht sind eingezogen
West, Blumen, langer Tagesschein.
Ihr Lächeln hätt' euch aufgewogen!
Verwünschter Frühling, warum trat'st du ein!
(S. 98-99)

Übersetzt von Philippine Engelhard geb. Gatterer (1756-1831)
Aus: Lieder von Beranger
Nach dem Französischen treu übersetzt von
Philippine Engelhard geb. Gatterer
Cassel Verlag von J. J. Bohne 1830
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Die Nachtigallen

Die Nacht verlängert schon die Stunden;
Der Schlummer senkt sich auf Paris.
Ich will von seinem Lärm gesunden,
Und eil' in's Frühlings Paradies.
Erwacht in euren Blüthenzweigen,
Dann öffnet Herz und Seele sich.
Ach, in der Nacht lieb' ich zu schweigen.
Ihr Nachtigallen singt für mich!

Ihr weih't der treuen Liebe Lieder,
Das Weibchen tröstend auf dem Nest.
Laßt in der Stadt euch niemals nieder,
Wo man schnell liebt und schnell verläßt.
Wo manches Opfer schnöder Triebe
Vor Scham und Kummer schon erblich.
Ich theile unverfälschte Liebe -
O, Nachtigallen, singt für mich!

Zwar würd' euch Stadtkritik nicht strafen;
Doch wer wird dort durch euch beseelt?
Etwa das Herz des Geizes-Sclaven,
Der jetzo Gold und Silber zählt?
Er zittert, wenn die Nacht beginnet,
Horcht stets, ob ihn kein Dieb beschlich;
Wenn meine Armuth Reim' ersinnet.
O, Nachtigallen, singt für mich!

Ihr Freien dürft euch ja nicht wagen
Zu hohem, herrlichen Pallast;
Dort wohnen, die gern Ketten tragen,
Zu geben Kleinern gleiche Last.
Wenn sie an Königslagern stehen
Als Hüter, bis die Nacht verstrich;
Kann ich im Grünen mich ergehen -
O, Nachtigallen, singt für mich!

Wohl mir, es füllt mit Wechselschlägen
Ein ganzer Chor die milde Luft.
Sie dringt mir, sanft bewegt, entgegen,
Und mischt den Ton mit Frühlingsduft.
Natur! in deinem Göttergarten
Schwör' ich dir Treu' jetzt feierlich!
Hier will ich Morgenroth erwarten -
O, Nachtigallen, singt für mich!
(S. 105-106)

Übersetzt von Philippine Engelhard geb. Gatterer (1756-1831)
Aus: Lieder von Beranger
Nach dem Französischen treu übersetzt von
Philippine Engelhard geb. Gatterer
Cassel Verlag von J. J. Bohne 1830
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Die Zeit

Ich spielte mit der schönsten Locke,
Und wand ihr Gold um meine Hand,
Als plötzlich bei dem Schall der Glocke
Die Zeit vor unsern Augen stand!
Ach, Nina wie die Taube zittert,
Auf die des Habichts Kralle fuhr.
Sie rief mit Thränen, tief erschüttert:
Zeit! schone unsre Liebe nur!

Die Runzelnstirn - der Blicke Schießen -
Macht beben uns wie Espenlaub.
Sie trat' mit ihren raschen Füßen
Jahrhunderte in Asch' und Staub!
Zerknickte grinsend jede Krone
Der Blumen auf der Gartenflur.
Ach, bat die zarte Nina: Schone,
Verschone unsre Liebe nur!

Nichts schon' ich! rief mit Donnerstimme,
Die Zeit, Erd' und den Himmel nicht!
Viel Sterne riß ich weg im Grimme,
Daß ewig ihre Spur gebricht.
Ihr seht in eurem Spannenleben
Nur meine Macht in der Natur.
In Alles will ich mich ergeben,
Sprach Nina, schon' mein Lieben nur!

Zu hundert Völker Ruhmerglänzen
Warf ich noch hundert Größ're hin,
In einen Abgrund ohne Grenzen.
So wird auch euer Daseyn fliehn!
Nur eins, bat Nina, laß mich werben,
Vergeh'n muß jede Kreatur,
Ach, laß uns Arm in Arm nur sterben!
Verschone unsre Liebe nur!

Ja, sprach die Zeit, der Erde Leiden
Wiegt nur der Liebe Lächeln auf.
Des Lebens Baum erwächst in Freuden
Und blüht, und Vöglein singen drauf.
Die Früchte reiß' ich ab im Grimme,
Doch stets erneu't sie die Natur.
Ach, flehte Ninas holde Stimme
Verschone unser Lieben nur!

Die Zeit verschwand! gleich Bienenschwarme
Floh'n tausend Freuden mit ihr fort.
Da sanken wir uns in die Arme,
Und tauschten manches süße Wort.
Dumpf schallten wieder Glockentöne -
Der Dichtertraum schwand ohne Spur.
Doch rief ich laut mit meiner Schöne:
Zeit, schone unsre Liebe nur!
(S. 115-117)

Übersetzt von Philippine Engelhard geb. Gatterer (1756-1831)
Aus: Lieder von Beranger
Nach dem Französischen treu übersetzt von
Philippine Engelhard geb. Gatterer
Cassel Verlag von J. J. Bohne 1830
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Die Flucht der Liebe

Ich seh' dich schon die Flügel halb entfalten -
Leb', Amor, wohl! die schöne Zeit ist aus!
Es meiden ja die Graziengestalten
Spottlächelnd mich, wie ein gesunknes Haus.
Wie oft hab' ich verflucht dein wüthend Streben;
Doch nie dacht' ich mich ganz dir zu entziehn.
Je mehr die Liebe Thränen uns gegeben,
Um desto trauriger sieht man sie flieh'n!

Ach, nur so lang' der Kindheit Schlummer währte,
War deinem Ruf mein Ohr nicht aufgethan.
Bald deine Macht ich in der Schönheit ehrte;
Und bot mich selber deinen Fesseln an.
So jung noch, kannt' ich nicht dein banges Beben,
Dein dunkles Feuer, dein verderbend Glüh'n.
Je mehr die Liebe Thränen uns gegeben,
Um desto trauriger sieht man sie flieh'n!

Durch Alter kalt, kann ich wohl einst vergessen
Die Küsse, die Eulalia mir gab.
Nicht, wie mir Nina Thränen konnt' erpressen -
Bei Rosa nicht verlorner Seufzer Grab.
Die war zu schön, für einen nur zu leben;
Und für die Andre mußt' ich heimlich glüh'n.
Je mehr die Liebe Thränen uns gegeben,
Um desto trauriger sieht man sie flieh'n!

So flieh denn, Amor, meine kleine Zelle,
Flieh nur! dein Mitleidslächeln stößt zurück.
Es tritt die Freundschaft schon an deine Stelle,
Mit off'nem Arm, mit Theilnahm' in dem Blick.
Doch nein! Ich möchte gern noch mit dir leben -
Dich wiegt nicht auf der Freunde fromm Bemüh'n.
Je mehr die Liebe Thränen uns gegeben,
Um desto trauriger sieht man sie flieh'n!
(S. 159-160)

Übersetzt von Philippine Engelhard geb. Gatterer (1756-1831)
Aus: Lieder von Beranger
Nach dem Französischen treu übersetzt von
Philippine Engelhard geb. Gatterer
Cassel Verlag von J. J. Bohne 1830
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