Europäische Liebeslyrik

(in deutscher Übersetzung)

Edward Charles Halle (1846-1914) - Die Musik

 


Jose Bermudez de Castro (19. Jh.)

(In der Übersetzung von Otto Braun)



Ein geheimnisvoller Stern

Wie von nachtumwölktem Himmel
Oft nur eines einz'gen Sternes
Holder Schimmer niederblinket,
Der das Dunkel mild erhellet:
So auch wirft ein wonnevoller
Kurzer Augenblick des Lebens
Mitten durch die Nacht der Trübsal
Seines Lichtes goldne Welle
Und verklärt mit seinem schönen
Glanze selbst die trübe Ferne
Später, noch verhüllter Jahre
Gleich geheimnisvollem Sterne.

Leer und öde war das Leben
Meiner gluterfüllten Seele;
Ungerührt mocht' ich das Girren
Frommer Taubenbrut vernehmen;
Weder Klang, noch Duft, noch Blüte
Konnten je Gefühle wecken
In dem ganz von Lieb' erfüllten,
Nur für dich lebend'gen Herzen.
Ja, ich liebte dich, Maria,
Und das Dunkel meiner Seele
Ward erhellt von deines Auges
Tief geheimnisvollem Sterne.

Du zerrissest jenen Schleier,
Drin, von tiefer Nacht umgeben,
Einsam trauernd und vom Schlummer
Noch befangen lag mein Leben;
Deines Zaubers Macht erschloß mir
Plötzlich des Gesanges Quellen,
Und es schlugen hoch zusammen
Über mir der Liebe Wellen.
Wie ein ungeahnter Morgen
Zogst du auf in meiner Seele,
Wonne nur und Glück verbreitend
Gleich geheimnisvollem Sterne.

Lange, leidensvolle Jahre
Werden kommen und verwehen
All die Pfade, die mit Rosen
Deine Liebe mir bedeckte.
Ach, dann werden meiner Laute
Lieberfüllte Klänge sterben,
Und nur noch der Wehmut stille
Thränen mir die Wange netzen.
Aber stets wird deiner hohen,
Nun verlornen Huld Gedenken
Leuchtend stehn vor meinem Geiste,
Gleich geheimnisvollem Sterne.

Ist dann einst vollbracht die Laufbahn,
Und verschüttet von der Welle
Flücht'ger Zeit schon meines Namens
Und Gesanges Angedenken,
Und die Laute, die Gefährtin
Meines Ruhms und meiner Schmerzen,
Ruhet schon mit mir im Sarge,
Klanglos, und, wie ich, vergessen:
O, dann gebe Gott, daß deinem
Aug' nur eine Thrän' entquelle,
Leuchtend über meinem Grabe
Gleich geheimnisvollem Sterne!

Übersetzt von Otto Braun (1824-1900)

Aus: Aus allerlei Tonarten
von Otto Braun
Zweite vermehrte Auflage
Stuttgart 1898
Verlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolge (S. 29-31)
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