Europäische Liebeslyrik

(in deutscher Übersetzung)

Edward Charles Halle (1846-1914) - Die Musik


 

Bjarni Thorarensen (1786-1841)

(In der Übersetzung von Josef Calasanz Poestion)
 


Küsse mich!

Küsse mich, o Liebchen mein,
Du bist krank!
Küsse mich, o Liebchen mein,
Denn du stirbst!

Heiter trink' den Tod ich
Aus der Rose,
Aus der Rose
Deiner Lippen,
Denn der Becher ist so rein!
(S. 309)
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Das Lied an Sigrún

Betrübt hast du mich neulich
Mit deinen Worten, Sigrún!
Ich bat dich, mir zu erscheinen,
Im Falle du vor mir stürbest.
Du meintest, ich würde nicht wollen
Die kalten Lippen küssen,
Und dich im weissen Laken
An meinen Busen drücken.

Dann kann mein Mädchen auch nicht
An meine Liebe glauben,
Sobald es Zweifel heget,
Dass ich's auch tot noch liebe.
Sind's denn nicht deine Lippen
Wenn sie dann auch kalt sind?
Deine Wangen seh' ich,
Wenn sie auch weiss geworden!

Küsst im kalten Winter
Kalten Schnee die Sonne
Nicht so gern wie rote
Rosen im Sommer?
Weiss ist auch die Lilie,
Weiss bist selbst wie Schnee du;
Wirst du denn minder schön sein,
Wenn Mund und Wangen weiss sind?

Fehlt des Lebens Rot auch
Deinen Lippen, so schmückt sie
Hold doch der Hauch der blauen
Hallen der Ewigkeit.
Engelweiss wird ja der Wangen
Unversehrte Form dann
Ebenso schön wie rot sein,
Erlischt die ird'sche Fackel.

Darum, geliebtes Mädchen,
Lass nicht allein mich, wenn schon
Vor mir du nach des Himmels
Friedenssälen wanderst!
Komm, sobald im Herbste
Kalte Winde wehen
Und um Mitternacht
Gewölk den Mond verbirgt.

Es wird der bleiche Mond wohl
Mitleidsvoll den Schleier
Von sich werfen, so dass ich
Seh' dein wonnig Lächeln.
Eil' zu meinem Pfühle
Dann geschwind, mein Mädchen,
Und mit deiner weissen,
Weichen Hand berühr' mich.

Streck' ich, erwacht, die Arme
Nach dir aus, o so kehre
Den schneekalten Busen
Schnell nach meinem Herzen!
Fest presse Brust an Brust du
Und bleib', bis du befreit mich
Aus des Leibes Fesseln,
Damit ich dir kann folgen.
(S. 310-311)
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Küsse mich nochmals!

Sollst dich nicht wundern, o Svava,
Dass die Wort' ich nur stammle -
Ohne Zusammenhang - einzeln -
Die Atemnot macht es -
Noch, dass ich wieder dir nahe,
Da wir soeben geküsst uns.
Dräng' mich von dir nicht zurück,
Du bist mir etwas schuldig!

Weisst du nicht, dass unsere Seelen
An den Thoren sich trafen?
Da setzte die meinige, Svava,
Sich dir auf die Lippen;
Ruhend auf rosigem Lager
Dünkte sie reich sich!
Noch im Schlummer dort nickt sie
Und träumt von dir, Svava!

Weisst du's! Es liegt nun mein Leben
Auf deinen Lippen!
Lass es mich schlummernd saugen
Vom schimmernden Lager!
Lass nicht den Tod mich erleiden,
Ich bitte dich, Svava:
Gieb mir zurück meine Seele
Und küsse mich nochmals!
(S. 311-312)
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Der Westwind

"Der du im Lenz mit deinem
Lauen Hauch des Reifes
Harte Decke fortnimmst
Von den Halden Islands
Und sie dafür mit grünem
Gradgewand bekleidest,
Westwind, sag', hielt'st wohl du,
Was wir zwei vereinbart?

Hast mitgebracht den Kuss mir
Übers Meer vom Liebchen
Mit roten Wangen, weisst ja,
Wie du es mir versprochen?"

""Ja, ich nahm auch einen
Kuss von deiner Liebsten
Mit den roten Wangen,
Wie ich es dir versprochen.
Trug über blaue Wogen
Weit durch die klare Luft ihn,
Doch - du darfst mir nicht zürnen -
Dass ich ihn dir nicht bringe.

Sah da heut im Haine,
Wie ihr Haupt, das bleiche,
Eine lichte Lilie
Hingelegt zum Sterben.
Bat mich da die Holde,
Sie vom Tod zu retten;
Ganz mein Wort vergessend
Gab ich deinen Kuss ihr.

Da erwachte zum Leben
Wieder die Halbtote;
Und das Haupt erhebend
Ob der herzenswarmen
Liebessendung sah sie
Lächelnd nun zu mir auf.
Deiner Liebsten Küsse
Dankt sie jetzt das Leben.""
(S. 312-313)
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Freyas Katzen

Des Abendsternes Königin,
Die du erweckst der Liebe Macht,
Dein strahlend Goldgefährt, darin
Du thronst in deiner lichten Pracht,
Die allerschönsten Tiere zieh'n:
Die süss spinnenden schneeweissen Katzen!

Doch dienen sie ganz anders auch
Der Liebesgöttin, hehr und mild;
Sie jagen, wie es Katzenbrauch;
Doch Mäuse nicht sind dann ihr Wild:
Auf Männer ist es abgezielt,
Und oft schickt sie die Göttin aus zu jagen.

Der Erdenkatzen Lauerlist
Die Himmelstiere nicht verschmäh'n;
Jedoch bei weitem edler ist
Dabei ihr Treiben anzuseh'n:
Zu Mädchen ins Versteck sie geh'n
Und liegen hinter ihren Augensternen

Wohl haschen sie gar manchen Mann
Aus diesem Hinterhalt geschwind;
Doch auch dabei man sehen kann,
Was sie für Meisterkatzen sind:
Sie schnurren wohl gar süss und lind,
Doch keinem, der's nicht selber will, sie schaden.

Wer stets sie meidet, der wird nie
Auch spüren ihre scharfen Klau'n;
Von Blick zu Blick nur springen sie.
D'rum merke: Mädchen oder Frau'n
Sollst du nicht in die Augen schau'n,
Denn hinter ihnen lauern Freyas Katzen!

Es giebt auf dieser Erde gross
Kaum einen, der sich rühmen kann,
Dass diesen Katzen wundenlos
Und ohne Schaden er entrann;
Doch kläglich bleibt es immer, wann
Für Freyas Katzen Männer Mäuse werden.
(S. 313-314)
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übersetzt von Josef Calasanz Poestion (1853-1922)

Aus: Isländische Dichter der Neuzeit
in Charakteristiken und übersetzten Proben ihrer Dichtung
Mit einer Übersicht des Geisteslebens
auf Island seit der Reformation
von J. C. Poestion
Leipzig Verlag von Georg Heinrich Meyer 1897


 

 


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