Europäische Liebeslyrik

(in deutscher Übersetzung)

Edward Charles Halle (1846-1914) - Die Musik

 

 

Björnstjerne Björnson (1832-1910)

(In der Übersetzung von Ludwig Fulda, Christian Morgenstern,
Max Bamberger, Edmund Lobedanz und Gottfried v. Leinburg)



Ach, wüßtest du nur!

Ich darf dich zu sprechen mich nimmer getraun,
Du wagst nicht, zu mir herunterzuschaun;
Doch seh' ich dich immer am Fenster stehen,
Muß immer dort auf und nieder gehen.
Dann schleicht mein Denken auf heimlicher Flur
Und wagt nicht zu folgen der eigenen Spur!
Ach, wüßtest du nur!

Als festgewurzelt ich Wache hier stand,
Hast oft du spröde dich abgewandt;
Doch seit ich seltner den Weg genommen,
Nun dünkt mich, du wartest auf mein Kommen.
Zwei Augen, sie flechten die Angelschnur;
Weh dem, der ihren Zauber erfuhr!
Ach, wüßtest du nur!

Ja, wenn du ahntest, du Engelsgesicht,
Daß ich hier unten ersann ein Gedicht,
Das just auf Flügeln wollte gelangen
Dorthin, wo du stehst in lieblichem Prangen!
Dort hörst du ihn nie, den verstohlenen Schwur.
Leb' wohl; dir lächle des Glückes Azur!
Ach, wüßtest du nur!

übersetzt von Ludwig Fulda (1862-1939)

Aus: Björnstjerne Björnson Gesammelte Werke
Erster Band Gedichte und Erzählungen
S. Fischer Verlag Berlin 1914 (S. 17)
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Das Mädchen am Strand

Sie ging am Strande so jung dahin,
Sie dachte an nichts in ihrem Sinn.
Da kam ein Maler geschritten heran,
Der im Schatten sodann,
In des Meeres Bann,
Den Strand und sie zu malen begann.

Langsamer im Kreise ging sie dahin;
Ein einziger Gedanke, der lag ihr im Sinn:
Sie dacht an das Bild auf der Leinewand,
Wo sie selbst stand,
Sie selber am Strand,
Und im Meer mit dem Himmel gespiegelt sich fand.

Es trieb, es zog ein Traum sie dahin;
Sie dachte an vieles in ihrem Sinn:
Weit, weit übers Meer und doch so nah
Zum Strand, den sie sah,
Zum Mann allda -
Ei, was für ein sonniges Wunder geschah!

übersetzt von Ludwig Fulda (1862-1939)

Aus: Björnstjerne Björnson Gesammelte Werke
Erster Band Gedichte und Erzählungen
S. Fischer Verlag Berlin 1914 (S. 18)
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Heimliche Liebe

Er saß im Winkel allein;
Sie schwang sich lustig im Reihn.
Sie scherzte, sie lachte
Mit einem, mit zwein . . .
O, daß sie ihm das tun mußte!
Doch niemand war, der davon wußte.

Sie hofft' auf den Abend ein Wort.
Er sagte Lebwohl und - ging fort.
Sie weinten, ein jedes,
Sie hier und er dort,
Ob eines Lebens Verluste.
Doch niemand war, der davon wußte.

Er sah von der Erde ein Stück.
Doch Heimweh trieb ihn zurück. -
Sein Bild war geblieben
Ihr einziges Glück,
Bis daß sie zu Gott gehen mußte.
Doch niemand war, der davon wußte.

übersetzt von Christian Morgenstern (1871-1914)

Aus: Björnstjerne Björnson Gesammelte Werke
Erster Band Gedichte und Erzählungen
S. Fischer Verlag Berlin 1914 (S. 19)
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An meine Frau
(Mit einem Satz römischer Perlen)

Nimm diese Perlen! - als späten Reim
Auf die, so geschmückt einst mein Jugendheim!
Der tausend Stunden stilles Glück,
Da du drin geatmet, es blieb zurück
Ein Haufe Perlen schimmernd hell,
Die der junge Gesell
Um die Brust sich hing
Und ums Haupt sich band -
Daß aller Welt zu lesen stand,
Von wem sein Herz und Geist erst rechte Zier empfing:
Von ihr, die ihre Liebe um sein Leben wand!

übersetzt von Christian Morgenstern (1871-1914)

Aus: Björnstjerne Björnson Gesammelte Werke
Erster Band Gedichte und Erzählungen
S. Fischer Verlag Berlin 1914 (S. 27)
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Stelldichein

Still ist der Abend;
Selbst sich begrabend,
Rollen die Stunden und scheidet das Licht.
Nur die Gedanken
Lauschen und schwanken:
Ob sie heut kommt oder nicht?

Frostiges Dämmern;
Wolken gleich Lämmern
Ziehen vorüber; der Sterne Heer
Zaubert im Glänzen
Liebe und Lenzen;
Kennt sie den Weg denn nicht mehr?

Sehnsuchtsleise
Unter dem Eise
Seufzt das Meer in wegmüder Ruh.
Schiffe vor Anker -
Ach, und ein Kranker
Fragt: wo verweilest du?

Schneeflocken stieben,
Bergwärts getrieben,
Märchenhaft wirbelnd zum dunkelen Hain;
Nachtvögel schwirren,
Schlagschatten irren;
War das ihr Schritt? - Ach nein!

Bist du so feige?
Sehnende Zweige
Starren von Reif; du wurdest verhext.
Doch ich bin stärker,
Sprenge den Kerker,
Wo du dich träumend versteckst.

übersetzt von Ludwig Fulda (1862-1939)

Aus: Björnstjerne Björnson Gesammelte Werke
Erster Band Gedichte und Erzählungen
S. Fischer Verlag Berlin 1914 (S. 47-48)
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Die Spinnerin

Ach, was fragte er mich,
Eh' er jetzt vom Fenster schlich?
"Du, ein Band, das knüpf' ich still,
An den Tag soll's im April.
Traust du dich? - dann gib mir dein
Gespinst hinein."

Wie soll ich's wohl verstehn?
Wer hat je ihn weben sehn?
Und mein Gespinst so rein,
Will er in sein Band hinein?
Und so eilig webt er's hin, -
Bis - Lenzbeginn?

Und wie lacht' er dabei!
Ach! Stets treibt er Narretei.
Gebe mein Gespinst ich hin,
Ihm, der also leicht von Sinn? -
Füge du es, Gottes Hand,
Fest zum Band!

übersetzt von Max Bamberger (1846-1929)

Aus: Björnstjerne Björnson Gesammelte Werke
Erster Band Gedichte und Erzählungen
S. Fischer Verlag Berlin 1914 (S. 50-51)
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Das blonde Mädchen

Ich weiß, sie wird sich von mir wenden,
So scheu, wie je ein Traum entwich -:
Und doch, ich kann nur immer enden:
Du blondes Kind, ich liebe dich!
Ich liebe deiner Augen Träume:
So weilt auf Schnee der Mondnacht Ruh
Und tastet sich durch steile Bäume
Nur ihr verschlossnen Tiefen zu.

Ich liebe diese Stirn: ein Siegel
Der Reinheit, blickt sie sternenklar
In der Gedankenfluten Spiegel,
Der eignen Fülle kaum gewahr.
Ich liebe dieses Haar, sich drängend
Aus seines Netzes strengem Band:
Voll kleiner Liebesgötter hängend,
Verlockt es Auge mir und Hand.

Ich liebe diese schlanken Glieder
Mit ihrem Rhythmus wie Gesang.
Hell klingt des Lebens Wonne wieder
Aus ihrer Pulse dunklem Drang.
Ich liebe diesen Fuß, dich tragend
In deiner Herrlichkeit und Kraft,
Durchs muntre Land der Jugend wagend
Den Weg zur ersten Leidenschaft.

Ich liebe diese Lippen, Hände,
In Amors eifersüchtiger Pacht;
Des Würdigsten als Siegesspende
Gewärtig und für ihn bewacht.
Ja, schürze nur die schönen Brauen
Und wende dich zur Flucht und sprich:
Kein Mädchen dürfe Dichtern trauen.
Ich liebe dich! Ich liebe dich!

übersetzt von Christian Morgenstern (1871-1914)

Aus: Björnstjerne Björnson Gesammelte Werke
Erster Band Gedichte und Erzählungen
S. Fischer Verlag Berlin 1914 (S. 53)
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Hochzeitslied
(Zu Ditmar Meidells Hochzeit, den 21. Juli 1868)

Blick' auf, o Braut, er naht
An Freundeshand zum Buchtgestad',
Ein wenig kahl und träg',
Doch frisch und herzensreg'.
Hier kommt er treu und grad' -
Der alte braune Kreuzeraar,
Erprobt in Sturmgefahr,
Mit Augen kindlich klar.

Er war ein Bursch so keck,
Lag gern auf seines Boots Verdeck
Und ließ vom Wogenschaum
Sich wiegen in den Traum.
Der Segel breite Last
Schlug sonnbeschienen an den Mast,
Und ohne Ruder glitt
Der Kiel im Strome mit.

Doch als er müßig da
Sein Bild im tiefen Blau besah,
Getrieben ward sein Kahn
Zum offnen Ozean.
Hei, wie er munter sprang
Zum Steuer unter Flutgesang;
Die erste harte Not
War ihm wie Morgenrot.

Er kehrte nicht nach Haus, -
Fuhr in der Freiheit Reich hinaus,
Wo alles ringsumher
Unendlich wie das Meer.
Hinaus ins Flutgetos, -
Und ward das Boot auch steuerlos,
Hat kühne Manneskraft
Ihm doch den Sieg verschafft!

Da draußen stand er frisch;
Ihm wuchs der Mut im Sturmgezisch.
Sein Deck zerbarst; doch ihn
Konnt' es nicht niederziehn.
Nach oben kam er leicht,
Wie übers Meer ein Vogel streicht,
Dieweil manch stolzes Schiff
Zertrümmert ward am Riff.

Sein Kahn schwamm flott dahin,
Weil ihn gebaut ein freudiger Sinn, -
Der Sturm blieb ohne Macht:
Denn Jugend war die Fracht.
Und ein unbändiger Klang
Von Schüssen, Feuerwerk und Sang
War immerzu an Bord
Mit Echo über Nord.

Ein wenig müd' zuletzt,
Dacht' er der Kindheit sehnend jetzt,
Lag wieder friedlich-mild
Und sah sein Spiegelbild.
Er sah, der Schelm, er sah -
Sein eignes nicht, nein ihres da,
Als seiner Sehnsucht Fund
Lächelnd im Wellengrund.

Zum zweiten Mal zieht aus
Sein Leben in den Wogenbraus,
Und Sturm soll seinem Kahn
Zum zweiten Male nahn!
Zum zweiten, zweiten Mal hinfort
Soll tönen Schuß und Sang an Bord;
Denn diesmal mit ihm fährt
Der Glaub' an Weibes Wert!

übersetzt von Ludwig Fulda (1862-1939)

Aus: Björnstjerne Björnson Gesammelte Werke
Erster Band Gedichte und Erzählungen
S. Fischer Verlag Berlin 1914 (S. 54-56)
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Theresa

Dich lieb ich, brauner Teufel, liebe
Dein Feuer-Lächeln, Trauben-Blut,
Und glaub', daß Glut vom Höllenkrater
Dir gibt den glanzvoll hohen Muth.
Ich glaub', im Spiele ohne Ende
Des Geistes, Aug's, im Wesensglanz,
Spukt des leibhaft'gen Satans Wille
Und süßer Hexen wilder Tanz!

Ich glaub' das, Reizende, und lieber
Will ich vergeh'n an deiner Brust,
Als gähnen fünfzig Jahr und drüber
In Langeweil' nach Herzenslust.
Ja, Königin des Lebens, lieber
Vermählt mit dir in Glut, so heiß,
Und sterben vor dem schönsten Räthsel,
Als leben, wie - vorher ich's weiß.

übersetzt von Edmund Lobedanz (1820-1882)

Aus: Das Buch der Liebe
Eine Blütenlese aus der gesammten Liebeslyrik
aller Zeiten und Völker
In deutschen Uebertragungen
Herausgegeben von Heinrich Hart und Julius Hart
Zweite Auflage Leipzig Verlag von Otto Wigand 1889 (S. 390)
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Schön Synnöve's Klage

O wie war es so schön mit dir durch's Grün
Im kindlichen Reigen zu schweben!
Da dacht' ich wohl still, mit wonn'gem Erglühn,
So würden wir tanzen durch's Leben.

Da dacht' ich, so würden wir stillbeglückt
Wohl tanzen einmal durch die Aue,
Hinauf zu dem Haus, mit Kränzen geschmückt,
Ins Kirchlein hinunter zur Traue.

Oft saß ich indeß am einsamen Steg
Und zählte die Tage und Stunden: -
Ach, der Wald ist dunkel, da hast du den Weg,
Den Weg zu mir nicht mehr gefunden.

übersetzt von Gottfried v. Leinburg (1825-1893)

Aus: Das Buch der Liebe
Eine Blütenlese aus der gesammten Liebeslyrik
aller Zeiten und Völker
In deutschen Uebertragungen
Herausgegeben von Heinrich Hart und Julius Hart
Zweite Auflage Leipzig Verlag von Otto Wigand 1889 (S. 391)
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