Europäische Liebeslyrik

(in deutscher Übersetzung)

Edward Charles Halle (1846-1914) - Die Musik

 


Dimitrie Bolintineanu (1819-1872)

(In der Übersetzung von Wilhelm Rudow)



Aus: Wettgesang der Hirten

Nur die holden Grazien sollen
Mir den Freudenbecher kränzen
Trübes will ich nimmer hören,
Seh' ich Wein im Glase glänzen.

Denn ein Mädchen, das wir lieben,
Und das uns liebt, ist ein Glas,
Vollgeschenkt zu süßer Labe;
Schlürft es aus, das edle Naß! -

Alba Dora von Castritza,
Teufel mit dem goldnen Haar,
Die das Röckchen hoch empor hebt
Ob den Waden wunderbar,

Wenn sie übers Bächlein schreitet,
Das sechs Monde trocken liegt,
Daß kein Falter sich die Schwingen
Netzen kann, der drüber fliegt!

Ruft mir winkend, und im Umsehn
Ist sie ins Gebüsch hinein;
Doch von ferne seh' ich schimmern
Ihres Haares goldnen Schein. -

Daß man doch oft das Leichteste
Nicht recht zu sagen weiß!
Jüngst schlich ich mich zur Liebsten hin
Und sagt' ins Ohr ihr leis:

Du hast in deinem Busen da
Zwei Täubchen, weiß und fein;
Und jedes hält im Schnäbelchen
Ein frisches Erdbeerlein!
_


Eine Jungfrau reichte neulich
Mir im Traume ihre Hand;
Zwischen Licht und tiefem Schatten
Sie wie Morgenröte stand;
Gold ihr Haar, ob ihrem Busen
Flatterte ein leicht Gewand.

Ach, er war wie eine Rose,
Wenn sie sich erschließt zur Nacht -
Weiter kann ich nichts euch sagen,
Da ich plötzlich aufgewacht.
_


Nein, nichts vergehet hier auf Erden:
Endlos der Strom des Lebens wallt;
Wir, die wir heute sind, wird werden
Noch erben andere Gestalt.

O, würde ich zum Sonnenstrale!
O, möchtest du ein Tröpfchen sein,
Daß ich aus duft'ger Blumenschale
Dich liebedürstend schlürfte ein!
_


Der Wolf verfolgt das Rehlein,
Das Reh das Gras der Au;
Und ich ein Hirtenmädchen
Mit Augen maulbeerblau.

Wolf will das Rehlein fressen;
Das Rehlein nagt das Gras.
Ich will vom Rosenmunde
Der Liebsten - ratet, was?
_


Liebste, weißt du wie der Mensch
Die Unsterblichkeit erwirbt?
Wer vom Götternektar trinkt,
Weißt du, daß er nimmer stirbt?

Liebste komm! dein roter Mund
Ist so süßen Nektars voll;
Laß mich trinken, weil ich, ach!
Heut vielleicht noch sterben soll.
_


Viele starben für den Glauben:
Lebend wurden sie verbrannt;
Andre siechten hin im Kerker,
Fesseln schwer an Fuß und Hand.

Da ist mir es eingefallen:
Ich auch will Märtyrer heißen;
Um den Nacken statt des Stranges
Legt mir Lilias Arm, den weißen!
(S. 91-93)
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Festmahl

Laßt nach der Woche Schweiße uns heut' am frohen Sonntag
Einmal in Frieden ruhn;
Im Schatten jener Ulmen, da wollen wir uns lagern
Und uns an süßem Weine und Scherzen gütlich thun.

O sag mir an, Geliebte, ob deines Busens Lilien
Von ihm die Weiße leihn?
Wie, oder er von ihnen? - Aus deinem vollen Kelche
Fiel auf den Arm dir eben ein roter Tropfen Wein.

Abwischen? Was? Ein Tüchlein? - Brauchst dich ja nicht zu zieren,
Nimm meinen Flammenmund!
Wie, schlürft nicht auch die Sonne den Tau aus Rosenknospen,
Der in den Kelchen glitzert in früher Morgenstund'?

Geliebte, du bist Herrin jetzt meines ganzen Lebens!
O thu mir den Gefallen
Und öffne deine Zöpfe, daß ihre goldnen Wogen
Vom Scheitel bis zur Sohle den schönen Leib umwallen!

O Liebste, zeig den Freunden den Fuß, mit dem sich's immer
So reizend tändeln läßt!
Zeig ihnen deine Wade, damit sie schaun und glauben,
Beseligt, wie einst Thomas am Auferstehungsfest,
Doch hüte dich zu zeigen die beiden Rosenäpfel,
So süß, so zart, so weich,
Daß selbst Frau Venus' Finger sie mit Vergnügen streicheln,
Und deren Duft dem Dufte der Walderdbeere gleich!
(S. 94-95)
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Cilia sich legend

Ergießt euch, meines Liedes heil'ge Ströme,
Und hüllt euch in ein süß Geheimniß ein,
Wie erste Küsse und die Jugendliebe,
Die nur in schatt'ger Einsamkeit gedeihn.

Von einer schönen Hirtin will ich singen,
Um deren Hals ich schlang ein weißes Band;
Ich will sie singen, wenn die holden Grazien
Ihr abends dienend lösen das Gewand.

Im Mondenscheine wandelt sie durch Büsche
Und legt das Kleid auf einen Buchenzweig,
Wie eine Lilie ihre Blätter ablegt,
Nur noch ihr Haar umwallt sie schleiergleich,

Als wär's ein Aar mit wolkengrauem Fittich,
Der aus der Schmach der engen Haft entfloh;
Er schüttelt sich und breitet weit die Schwingen,
Und über Gletscherschnee entschwebt er froh.

Sie wirft das Haar zurück jetzt in den Nacken,
Stemmt auf den Stein den Fuß - welch reizend Bild
Und zieht den Schuh aus, der sie etwas drückte;
Ein Heer von Wünschen flattert um sie wild.

Sie zieht das Hemd hoch über ihren Busen
Wie Apfelblüten wird sie rot dabei -
Die weißen Arme tauchen aus dem Linnen:
Jetzt ist ihr ganzer Oberkörper frei.
(S. 95-96)
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Das Weib

Das Weib ist gleich der Blume,
Von Himmelsduft umweht,
Sie leuchtet wie die Sonne,
Wenn sie im Mittag steht.

Wie an des Falters Rüssel
Der Staub der Lilie klebt,
Also mich ihres Busens
Duft immer noch umschwebt.
(S. 96)
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Aus: Laßt uns fröhlich sein

Die Liebe, die sich selber achtet;
Ein hoher, heldenhafter Geist,
Der durch erhabne, schöne Thaten
Sich seines Ursprungs wert erweist:

Das ist ein Quell stets junger Freuden;
Wenn sich des Unglücks Sturm dann hebt,
Mag er auch alles, alles rauben,
Das eine nicht: ich hab' gelebt!
(S. 96)
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Die närrischen Weisen

Sag, was redest du von Größe
Greisenweisheit, grau von Haar?
Mädchenschönheit, Küsse, Liebe
Willst du wohl verachten gar?

Größe, Reichtum, Rang und Namen
Zu erwerben leichter glückt,
Als man auf der Liebsten Busen
Einen einz'gen Kuß nur drückt.

Jede Stadt, die man belagert,
Ist gefallen, jede Eiche:
Sie bleibt kühl und unbeweglich,
Was ich auch gemacht für Streiche.

Auf des Ruhmes Lorbeerkissen
Hat geruht mein junges Haupt,
Doch auf ihrem Busen hat sie
Mir zu ruhn noch nicht erlaubt.

Sagt, was nützt mir alle Größe?
Mag ich auch die ganze Welt
Mir erobern - wenn trotz allem
Mich ein Weib als Sklaven hält?
(S. 96-97)
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Schüchternheit

Zum erstenmale sprach ich ihr
Von Liebe und Verlangen;
Da neigte sie das Angesicht
Errötend und befangen.

Sie flüsterte: "Jetzt darf ich nichts,
Nichts mehr zu hoffen wagen." -
"Ich wollte nach fünf Jahren dir
Ein süß Geheimnis sagen."

Sie frug: "Warum sagst du's nicht gleich,
Wenn du mich glaubst zu lieben?
Du weißt doch, unsre Tage sind
Auf Lilienduft geschrieben."

Ich sagte drauf: "Ich habe dich
Geliebt seit langen Tagen;
Doch hab' ich meine Liebe still
Im Herzen tief getragen."

Darauf erwiderte sie lächelnd:
"Du thatest recht daran;
Geheime Liebe ist das Schönste,
Was man hier finden kann."

Ich frug: "Glaubst du, daß wahre Liebe
Auf Erden kann vergehn?" -
"O liebe mich wie eine Schwester!"
Hört' ich sie hastig flehn.

Doch Lügen straften ihre Blicke
Das kaum gesprochne Wort,
Ob sie auch ihre Hand errötend
Von meiner Brust zog fort.

Als ich sie enger dann umarmt,
Hob sie verschämt die Lider;
Doch als ich ihre Stirn geküßt,
Da senkte sie sie wieder.

Und flüsterte: "O, liebst du mich,
So geh, laß mich alleine,
Und schütz mich vor mir selbst, daß ich
Die Liebe nicht beweine!" -

Und ich gutmüt'ger Narr, ich ging!
Um erst zu spät zu sehen:
Dem Kühnen nur ist hold das Weib,
Den Feigen läßt es gehen.
(S. 97-99)
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Träumereien

Aus: Des Menschen Ziel

"Soll diese Handvoll Staub im Wind verwehen?
Wie - oder stammt aus höherem Geschlecht
Des Geistes Funke, welcher, ach! hienieden
Dem rohen Stoff gegeben ward zum Knecht?"

So frag' ich oft, und Gott erwidert freundlich:
"Was lebt, hat all' sein Recht und tiefern Grund;
Die Blume soll mit ihrem Duft entzücken;
Ein Strahl erhellt den bodenlosen Schlund.

Die Thräne soll das schwere Herz erleichtern,
Des Mittags Glut kühlt sich im Tau der Nacht.
Und du, du laß dich von der Freude küssen -
O lieb', so lange dir die Liebe lacht!"
(S. 100-101)
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Ein Leiden

Weh, ich muß verbrennen; wie im Wind die Lilie
Bebt mein Herz, mein Auge bittre Thränen weint;
Jetzt ist alles um mich trüb und wolkendüster,
Und auf einmal wieder hell die Sonne scheint.

Bald verwünsch' ich alles, bald gefällt es mir;
Heute möcht' ich sterben, morgen wieder leben.
Doch ein Ende hätte all mein schweres Leid -
Wollte meine Liebste mir ein Küßchen geben.
(S. 102)
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Lieder und Küsse

Nimm deine goldne Harfe, junger Dichter.
Sieh, wie im Auge mir die Thränen glänzen!
Sing mir ein Lied, so will ich deine Stirne
Mit Lilien kränzen. -

Vergebens wirst du mir die Stirne kränzen,
O reines Herz, verstummt sind mir die Lieder;
Kein Tau erweckt die einmal welke Blume
Zum Leben wieder. -

Nimm deine goldne Harfe, junger Dichter,
Mit deiner Lieder Klang uns zu entzücken!
Zum Lohne werde ich auf deine Stirne
Dir Küsse drücken!

Da greift der Sänger mächtig in die Saiten.
Die Jungfrau küßt ihn wiederum und wieder;
Und sieh, mit jedem Kusse werden süßer
Des Jünglings Lieder. -
(S. 102-103)
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An . . .

Wenn die Zeit der Lilienblüte
Ihre süßen Düfte raubt,
Fallen ihre Blätter nieder,
Neigt sie matt und welk das Haupt.

Du verlorest deine Liebe;
Doch dich beugt der Kummer nicht:
Keine Thränenspuren finde
Ich auf deinem Angesicht.

Jugendlicher nur und heitrer
Lächelst du die Freude an,
Und dein Mund sucht einen andern,
Daß er wieder küssen kann.
(S. 103-104)
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Aus: Esme

Wenn sie durch das Haus hin tänzelt
Fällt ihr Haar verlockend keck.
Tausendstränig hüpfend nieder
Auf den Sirmali-Jeleck.

Wenn sie ausgeht auf die Straße,
Schlingt sie es zum Knoten kühn;
Steckt hinein die Demantnadeln,
Deren Steine Flammen sprühn.

Wehe dem, der unverschleiert
Esme sah ein einzigmal!
Weher dem, den auch nur flüchtig
Streifte ihres Auges Stral!

Von der Sohle bis zum Scheitel
Wie berückend, anmuthreich!
Ihre Seele eine Sonne,
Und ihr Leib der Lilie gleich!
(S. 105)
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Aus: Die Giaurin

Im kühlen Schatten auf Blumenmatten
Dahingestreckt, da möcht' ich liegen,
Mich an sie schmiegen, die glühende Stirne
Mit duft'gem Gezwirne der Locken bedeckt.
(S. 105)
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Der Kuß

Sieh, wie friedevoll im Mondlicht,
Ruht der weite Bosporus!
O schwarzäugige Geliebte,
Gieb mir einen einz'gen Kuß! -

Bootsmann, spare deine Worte,
Weißt, daß ich nicht küssen darf.
Liebst du mich, so sei vernünftig -
Wohin blickst du denn so scharf? -

Sehe eine Sturmeswoge
Nahen, andre folgen ihr;
Doch was ist mir dran gelegen!
Um so schneller fahren wir. -

O kehr um! Vor Schrecken sterb' ich -
Wie das Boot sich hebt empor!
Thu mit mir nach deinem Willen -
Schließen werd' ich Aug' und Ohr!
(S. 105-106)
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Aus: Leili

Sie liebt, sie liebt! das Wort sagt alles, alles!
Ihr Hochgelahrten, neigt vor ihr das Haupt!
Werft eure Schmöker fort und laßt sie schimmeln,
Drin ihr der Weisheit Kern zu finden glaubt.

Hat Gott auf unsre Stirne nicht geschrieben
In Flammenzeichen, unverlöschlich tief:
"Gott ist die Liebe" - also laßt uns lieben!
Da uns der Vater selbst hierzu berief.
(S. 106)
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Der Bootsmann

Bootsmann komm! die Thäler rauchen,
Bootsmann komm! die Nacht bricht ein.
Wie ein Halsband aus Rubinen
Liegt die See im Mondenschein.

Bootsmann komm, ergreif' das Steuer -
Wie die Woge seufzend schäumt!
Bootsmann komm! dies ist die Stunde,
Wo die Menschheit weint und träumt.

Fahr' hinüber, wo die Lampe
Matt durch grüne Büsche scheint,
Zum Kiosk, wo die Geliebte
Stille Liebesthränen weint!
(S. 106-107)
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Das Mädchen von Candili

Kennst du das weiße Mädchen,
Vor deren Thür Bulbul
Allnächtlich sich begeistert
Im Garten bei Stambul?

Ihr Haar ist schwarz, ihr Antlitz
So lilienweiß; sie lacht,
Wie über Meeresschlünde
Ein Licht in Sturmesnacht.

O, unter ihrem Blicke
Springt jede Knospe auf;
Die Sterne selbst am Himmel,
Sie halten an im Lauf.

So steh' auch ich jetzt stille,
Getrübt ist mir der Sinn;
Seit sie mir zugelächelt,
Weiß ich nicht mehr, wohin.

Seitdem sehnt sich mein Herze
Dorthin, wo laut Bulbul
Vor ihrer Thüre flötet
Im Garten bei Stambul.
(S. 107-108)
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Das Gewitter

Hörst du nicht die Wogen brausen
An des steilen Felsens Rand? -
Bootsmann, lenke unser Schifflein
Schnell zurück zum sichern Strand!

Aber du Geliebte, laß mich
Schnell auf deinen Rosenlippen
Unser beider Schicksal lesen,
Ob wir scheitern an den Klippen!
(S. 108)
_____



Ihr Grab

Wo die hohe Sykomore
Ihr Gezweige trauernd neigt,
Wenn der Mond aus dunkelblauen
Wogen langsam höher steigt;

Wo am Strand die Wogen seufzen,
Bootsmann, dahin lenke deinen
Kiel, daß ich an ihrem Grabe
Trauern mag und Thränen weinen.
(S. 108)
_____



Liebeserklärung

Hier in mein Boot steig hernieder,
Daß ich dich hinüberfahre,
Schöne Paradiesesjungfrau
Mit dem rabenschwarzen Haare! -

Bootsmann, kannst du hin mich bringen,
Wo man keine Thräne weint;
Wo die Liebe nimmer endet,
Wo die Sonne ewig scheint? -

Jungfrau, ja ich kann dich führen,
Wohin du Verlangen trägst,
Wenn du, auf mich blickend, rot wirst,
Und die Augen nieder schlägst. -

Fragend blickt empor die Jungfrau -
Senkt sodann das Auge licht,
Eine holde Purpurröte
Überflammt ihr Angesicht.
(S. 109)
_____



Ich komme

Liebesträumend schläft der Mond
Überm Meer und deinem Haus,
Du nur Liebste bist noch wach,
Sendest Sehnsuchtsseufzer aus.

Ruf den Schlummer, daß er dir
Küsse lind die Rosenwange,
Will er nicht, so rufe mich,
Daß ich liebend dich umfange.
(S. 109)
_____



Halalia

Singe, süße Nachtigal,
Singe deine schönste Weise!
Wandle, wandle, holder Mond,
Deine Wolkenpfade leise!

Im porphyrenen Kioske,
Dem am Fuß die Wogen schäumen,
Schlummert süß die Mondengleiche
Eingewiegt von Liebesträumen.
(S. 110)
_____



Wohin?

Freund, ich weiß ein Schlößlein,
Tief im Walde stehn,
Mit granitnen Säulen -
Hast du's nicht gesehn?

Dorthin will ich eilen,
Dorthin will ich fliegen,
Um auf ihrem Busen,
Sterb' ich, mich zu wiegen.
(S. 110)
_____



Rufe mich

Träumend schläft der stille Mond
Auf dem steilen Felsenjoch.
Über Gärten Duft durchhaucht -
Du nur Liebste, seufzest noch.

Ruf den Schlummer, daß er küsse
Deine Stirn von Elfenbein,
Und will er nicht zu dir kommen,
Rufe mich und laß mich ein!
(S. 110-111)
_____



Aus: Eine Nacht der Liebe

4.
Wie ein Schmetterling im lichten
Sonnenstral sich fröhlich wiegt,
Wie er sonder Rast und Ruhe
Unstet hin und wider fliegt:

Also flattert sehnsuchstrunken
Meine Seele fort von hier
Durch der Liebe sonnengold'ge,
Duft'ge Wogen hin zu dir.

Woher dieser stille Zauber,
Der uns rührt im Herzensgrund?
Oder sag Geliebte, bist du
Gar ein Hauch aus Gottes Mund?

Unter deinen Füßchen springen
Rote Rosen duftig auf,
Und auf deiner weißen Stirne
Steigt ein Himmelstraum herauf.



12.
Liebestrunken schwimmt sie auf der Wonne Wogen,
"Liebe mich!" so haucht sie, schmiegt sich enger an.
Überm Meer der Mondschein, Nachtwind über Rosen -
Meine Lipp' auf ihrer, neidenswerter Mann.


13.
Horch, wie still! Es scheint, als hielte
Selbst die Nacht den Wagen an,
Balsamweiche Lüfte wehen -
Komm, daß ich dich küssen kann!

Sieh, die Stunden, deine Sklaven,
Öffnen dir schon das Gewand;
Gieße deines Busens Düfte
Auf mich aus mit offner Hand!

Liebe flicht dir Wonnekronen
Um dein königliches Haupt -
Selig, selig, dreimal selig,
Wer dir ihre Blüte raubt!

Horch: Die Nacht selbst, liebestrunken,
Haucht ein halbersticktes Ach!
Meer und Erde, Mond und Himmel
Hauchen's liebeglühend nach.

Ach! die Zeit, die nichts verschonet,
Schont auch deiner Schöne nicht!
Ach, vielleicht schon morgen, Liebe,
Ist erbleicht dein Angesicht!


14.
Komm Geliebtester, mein Busen,
Siehe, steht dir offen heut!
Komm geschwind, dich zu berauschen
An den Wonnen, die er beut!

Liebe Sonne, hör mein Flehen,
Und beschleunige den Lauf! -
Eine Blume ist die Jungfrau;
In der Liebe blüht sie auf.

Eben lacht sie dir noch zu;
Mit dem Wind muß sie sich drehen.
Heut hast du mich noch geküßt,
Morgen kannst du weiter gehen.

Meine Brüste sind zwei Gärten,
Die die Liebe dir allein
Heute nacht verstohlen öffnet;
Keinen andern läßt sie ein.

Schmerzen bringt die Zeit und Sorgen:
Liebster, laß dir Freuden geben.
Denn uns mahnt die flücht'ge Stunde:
Nur die Liebe ist das Leben!

Liebster, ich vergeh' vor Wonne;
Meine Augen füllen sich,
Und mein Leib bebt gleich der Lilie,
Wenn der Glutwind drüber strich.
(S. 111-113)
_____


übersetzt von Wilhelm Rudow (1858-1899)

Aus: Um die Erde. Eine Auswahl
der schönsten und kennzeichnendsten Dichtungen
der wichtigsten Kultursprachen,
übersetzt von W. Rudow
Leipzig Verlag von Karl Kaupisch 1891


 

 


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