Europäische Liebeslyrik

(in deutscher Übersetzung)

Edward Charles Halle (1846-1914) - Die Musik

 

 

Bruno Boucquillon (1816-1878)

(In der Übersetzung von Luise von Ploennies, Marie von Ploennies
und Ida von Düringsfeld)



Ich hatt' ein Hüttchen auf dem Berge

Ich hatt' ein Hüttchen auf dem Berge,
Daran vorbei ein Bächlein floß,
Wo Morgens schmetterte die Lerche,
Die wilde Rose sich erschloß.

Ich hatt' ein Roß, dem Wetterstrahle
War gleich sein feurig rascher Lauf,
Wie jagt' ich flüchtig durch die Thale
Mit meinem Roß, bergab, bergauf.

Ich hatt 'nen Hund, so treu und muthig,
Aus meiner Hand nahm er sein Brod;
An meiner Seite lag er blutig,
Getroffen von dem schnellen Tod.

Mein Hüttchen auf dem Bergeshaupte,
Mein schnelles Roß, den treuen Hund
Mir feindlich all das Schicksal raubte,
Da war mein Herze schwer und wund.

Doch war ein Mädchen mir geblieben,
Recht eine zarte Gottesblum, -
Drum mochten sie die Engel lieben,
Und forderten ihr Eigenthum.

Ob vielfach mich das Leid geschlagen,
Ich liebte, ich verzagte nicht.
Denn mit ihr konnt ich alles tragen,
Doch ohne sie das Herz mir bricht.
(S. 351-352)

Übersetzt von Marie von Ploennies (1826-1909)

Aus: Reise-Erinnerungen aus Belgien
Von Luise von Ploennies
Berlin Verlag von Dunker und Humblot 1845
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Morgen

"Verzög're, Theure, nicht die Stunde,
Die dich mir schenkt auf immerdar,
O komm, daß unserm Herzensbunde
Die Weihe werde am Altar."

""Noch nicht - denn meinem Hochzeitskranze
Blüht noch entgegen eine Blum.
Wenn sie erblüht in vollem Glanze,
Wird Fanny ganz dein Eigenthum.""

"Nicht Reiz von anderer Blum zu borgen
Braucht meine Blume süß und rein;
Doch bring ich eine Rose morgen,
Willst du dann ganz mein eigen sein?"

""O morgen!"" himmlisch Lächeln schwebte
Um ihren Mund in Schmerz und Lust,
Im Auge eine Thräne bebte,
Ich schloß sie selig an die Brust.

""O morgen!"" auf der Rosenlippe
Erstarb das hoffnungsreiche Wort,
Und trunken nach der Felsenklippe,
Die Ros zu holen, stürzt ich fort.

Noch kaum hatt' ich die Höh erreichet,
Der Wildniß Rose mir geraubt,
Da hatte welkend schon geneiget
Die allerschönste Blum das Haupt.

Der Felsenklippe wilde Rose,
So frühlingshell, so duftig roth,
Sie schmückte jetzt die farbenlose,
Die lilienweiße Ros im Tod.
(S. 352-353)

Übersetzt von Luise von Ploennies (1803-1872)

Aus: Reise-Erinnerungen aus Belgien
Von Luise von Ploennies
Berlin Verlag von Dunker und Humblot 1845

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Die letzten Blumen

Umsonst war süßes Roth auf ihren zarten Wangen,
Umsonst erklang ihr Wort so sanft wie je ein Wort,
Umsonst war wie von Duft von Anmuth sie umfangen,
Umsonst riß sie die Seelen fort.

Umsonst las Jugend man auf ihrem Angesichte,
Umsonst die reine Seel' im Auge groß und klar,
Umsonst erhob die Kunst sich bis zum höchsten Lichte,
Die ihr zu Theil geworden war.

Auch sie erlag dem Loos, dem Alle, welche ringen,
Erliegen, das da trifft, was sich das Licht erwarb,
Das Schicksal schlug sie schwer - sie sang noch, doch beim Singen
Da neigte sie das Haupt und starb.

Und ich, der nur durch sie Heil auf der Welt gefunden,
Ich, dem sie Alles war, die Liebe und das Licht,
Ich sah sie still vergeh'n in langen bangen Stunden,
Und einen Balsam kannt' ich nicht.

Und hielt ich auch den Schrei zurück in meinem Herzen,
Die Thränen auch zurück im Aug', wenn ich ihr nah,
Sie kannte meine Qual, sie sprach von allen Schmerzen,
Die sie in meiner Seele sah.

"O, nein, Geliebter, nein, Du darfst nicht mit mir gehen,
Der Vater hält allein für mich den Platz bereit,
Hier bleibst Du ohne mich. Noch länger sollst Du sehen
Den Schauplatz unsrer Seligkeit.

Den grünen Lindenhain, wo einst in Liebesträumen
So oft gesessen wir, zusammen, ich und Du;
Die Vögel nisten noch in den geliebten Bäumen
Und unter ihnen ist noch Ruh!

Nein, nein, Du darfst mit mir nicht kommen, Du mein Treuer,
Denn wenn Du nicht mehr wärst, wer würde auf mein Grab
Mir weiße Rosen wohl und Tausendschönchen streuen,
Wer pflückte dann mir Blumen ab?

Doch kommt die Stunde, die mir Dich zurück soll geben,
Werd' ich der Engel sein, der Deine Fessel bricht,
Dann hörst Du meinen Ruf, und dann beginnt ein Leben,
Das Einssein ist im Licht."

Ich bin mit Blumen heut' zu ihrem Grab gekommen,
Die letzten, die der Herbst noch ließ im Garten steh'n,
Ich habe ihren Ruf, den süßen Ton vernommen -
Bald darf mit ihr ich heimwärts geh'n.
(S. 57-58)

übersetzt von Ida von Düringsfeld (1815-1876)

Aus: Von der Schelde bis zur Maas
Das geistige Leben der Vlamingen
seit dem Wiederaufblühen der Literatur
Biographien, Bibliographien und Proben
von Ida von Düringsfeld (Erster Band)
Leipzig Ad. Lehmann Brüssel Fr. Claassen 1861
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