Europäische Liebeslyrik

(in deutscher Übersetzung)

Edward Charles Halle (1846-1914) - Die Musik

 

George Gordon Noel Byron (1788-1824)

(In der Übersetzung von Otto Gildemeister und Ernst Ortlepp)

 


Farewell! if ever fondest prayer

Lebwohl! – wenn je inbrünstig Flehn
Für andrer Glück dort oben gilt,
Dann wird nicht ganz in Luft verwehn
Mein Seufzer, der gen Himmel schwillt,
Nicht Trän' und Wort den Jammer stillt:
Mehr als ein Auge, heiß und hohl,
Aus dem der Strom der Reue quillt,
Sagt dieses Wort – Lebwohl! – lebwohl!

Mein Aug' ist dürr, mein Mund ist still,
Im Hirn und Herzen aber steht
Die Qual auf, die nicht rasten will,
Der Schmerz, der nimmer schlafen geht,
Nicht mehr die Seele klagt und fleht;
Denn Gram und Liebe stürmen wohl,
Doch weiß sie: unser Glück verweht!
Doch fühlt sie nur – lebwohl! – lebwohl!
(1808)

(Übersetzt von Otto Gildemeister 1823-1902)

Aus: Lord Byrons Werke In sechs Bänden
Übersetzt von Otto Gildemeister
Dritter Band Fünfte Auflage Berlin 1903 (S. 8)
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When we two parted

Als wir uns trennten
In Schweigen und Leid,
Brechenden Herzens,
Für lange Zeit,
Bleich war die Wang' und kalt,
Kälter der Kuß, -
Wahrlich, mein Ahnen galt
Bitterem Schluß.

Der Tau fiel schaurig
Im Morgenrot;
Mein Herz war traurig
Von künft'ger Not.
Dein Schwur ist verweht nun,
Dein Nam' ist entehrt,
Ich hör' ihn geschmäht nun,
Bis Scham mich verzehrt.

Sie nennen den Namen,
Da schaudert' es mich, -
Mein Herz will erlahmen, -
So liebte ich dich!
Sie flüstern und scherzen,
Sie kennen ja nicht
Den Gram hier im Herzen,
Den Schmerz, der nicht spricht.

Geheim, wie die Lust war,
Geheim ist der Schmerz,
Daß falsch deine Brust war,
Und treulos dein Herz.
Und säh ich dich wieder
Nach langer Zeit, -
Wie sollt' ich dich grüßen?
In Schweigen und Leid.
(1808)

(Übersetzt von Otto Gildemeister 1823-1902)

Aus: Lord Byrons Werke In sechs Bänden
Übersetzt von Otto Gildemeister
Dritter Band Fünfte Auflage Berlin 1903 (S. 9-10)
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Well, thou art happy

Wohl, du bist glücklich, - und ich weiß,
Nun sollt' auch ich mich glücklich fühlen;
Die Glut in dieser Brust, die heiß
Dein Wohl ersehnt, will nicht verkühlen.

Dein Gatte segnet dich, - vergib!
Nicht ohne Schmerz ist das zu fassen;
Laß mich, - o, hätt' er dich nicht lieb,
Wie würde dieses Herz ihn hassen!

Jüngst, als ich deinen Säugling sah,
Da blutete mein Herz im stillen;
Er aber lächelte, und da
Küßt' ich das Kind um deinetwillen.

Ich küßte – und bezwang die Pein -
Des Vaters Abbild in der Kleinen;
Doch ihre Augen waren dein, -
Augen der Liebe! einst die meinen!

Mary! Ade! – hinweg von hier!
Ich seh' dich glücklich und will schweigen;
Doch weilen darf ich nicht bei dir,
Sonst ist mein Herz, wie einst, dein eigen.

Ich wähnte, Zeit, ich wähnte, Stolz
Ersticke wohl die Glut des Knaben;
Bis ich dich sah, - das Herz zerschmolz,
Und nur die Hoffnung war begraben.

Doch blieb ich fest: ich weiß die Zeit,
Wo ich von deinen Blicken lebte;
Nun hätt' ein Zittern dich entweiht,
Wir sahn uns, - keine Faser bebte.

Ich sah dich in mein Auge schaun;
Du sahst mich still und unbetroffen,
Du fandest nur auf meinen Brau'n
Die Ruhe derer, die nicht hoffen.

Entflieh, du alter Traum, entflieh!
Führt mich zu Lethes dunklen Bächen!
Erinnerung erwache nie, -
Sei still, mein Herz! sonst mußt du brechen!
(2. Nov. 1808)

(Übersetzt von Otto Gildemeister 1823-1902)

Aus: Lord Byrons Werke In sechs Bänden
Übersetzt von Otto Gildemeister
Dritter Band Fünfte Auflage Berlin 1903 (S. 14-15)
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Remind me not

O mahne nicht, o mahne nicht
An die verlornen teuren Stunden,
Wo all mein Herz dein eigen ward;
An Stunden, hell von Sonnenlicht,
Vergessen nie, obwohl verschwunden,
Bis unser Herz im Tod' erstarrt.

Verschwunden, doch vergessen nie, -
Die Hand, in goldne Locken tauchend,
Dein fliegend Herz, die bange Lust!
Bei meiner Seel', ich sehe sie,
Die stummen Lippen Liebe hauchend
Und feuchtes Aug' und weiße Brust.

Du suchst an meinem Herzen Ruh',
Im Aug' ein Blick so voller Süße,
Daß Sehnsucht schüchtern wird und kühn;
Ein eng Umarmen, ich und du, -
Die heißen Lippen tauschen Grüße,
Als wollten sie im Kuß verglühn.

Dein Auge schließt sich, wie im Traum
Begegnen sich die müden Lider,
Sein blauer Stern verschleiert liegt,
Indes der Wimpern schwarzer Saum
Die Wange streift, wie das Gefieder
Des Raben weich auf Schnee sich schmiegt.

All unsre Liebe kam zurück
Heut Nacht im Traum, und süßer däuchten
Im Traum die Wonnen alter Zeit,
Als wenn ich schwelgt' in neuem Glück:
Wie deins wird nie ein Auge leuchten
Von Wonne wilder Wirklichkeit.

Drum nenne nicht, und mahne nicht
An Stunden, die, obwohl vergangen,
In holden Träumen auferstehn,
Bis einst ein grauer Denkstein spricht:
"Sie sind nicht mehr", - bis mit den bangen
Die lichten Träume untergehn.
(1809)

(Übersetzt von Otto Gildemeister 1823-1902)

Aus: Lord Byrons Werke In sechs Bänden
Übersetzt von Otto Gildemeister
Dritter Band Fünfte Auflage Berlin 1903 (S. 17-18)
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There was a time

Es war die Zeit, - du kennst das Jahr,
Das unsre Seele nie vergißt,
Wo treu all unser Fühlen war,
Wie meines stets geblieben ist.

Wohl seit der Stunde, wo dein Mund
Die erste Liebe mir gestand,
War oft mein Herz von Trauer wund,
Die deins nicht ahnte noch empfand;

Doch traf kein Gram so tief wie der
Um jenen nun gebrochnen Schwur:
All diese Liebe falsch und leer,
Doch falsch in deinem Herzen nur!

Doch aller Trost ward nicht geraubt:
Denn jüngst auf deinen Lippen war,
Im Ton, an den ich einst geglaubt,
Erinnerung an jenes Jahr.

Ja, du mein Abgott, du mein Gram!
Du hast mich niemals wieder lieb,
Doch Balsam wars, wie ich vernahm,
Der Liebe Angedenken blieb.

Gedanke, der mir Wonne ist!
Mein Herz soll nicht mehr traurig sein:
Was du auch heut und morgen bist,
Du warst doch einmal einzig mein.
(1809)

(Übersetzt von Otto Gildemeister 1823-1902)

Aus: Lord Byrons Werke In sechs Bänden
Übersetzt von Otto Gildemeister
Dritter Band Fünfte Auflage Berlin 1903 (S. 18-19)
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And wilt thou weep?

Und willst du weinen um mein Weh?
O wiederhol' es, teures Herz!
Nein, sage nicht das Wort, - ich seh',
Es weckt in deiner Brust den Schmerz.

Schwer ist mein Herz, hin meine Ruh',
Die Brust ist kalt und todesmatt;
Und wenn ich sterbe, seufzest du
Allein an meiner Ruhestatt.

Und doch, durch finstre Wolken kam
Ein Schimmer milden Sonnenscheins,
Und für ein Weilchen flieht der Gram:
Dein Herz hat ja gefühlt für meins!

Dank für die Träne, teure Frau!
So fließt um einen, der nicht weint;
O doppelt köstlich ist der Tau
Dem Schmerz, der tränenlos versteint.

Einst hat dies Herz voll Zärtlichkeit
So warm und weich wie deins gewallt;
Doch wer geboren ward zum Leid,
Den läßt der Schönheit Zauber kalt.

Doch du willst weinen um mein Weh!
O wiederhol' es, teures Herz!
Nein, sage nicht das Wort, - ich seh',
Es weckt in deiner Brust den Schmerz.
(1809)

(Übersetzt von Otto Gildemeister 1823-1902)

Aus: Lord Byrons Werke In sechs Bänden
Übersetzt von Otto Gildemeister
Dritter Band Fünfte Auflage Berlin 1903 (S. 19)
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Beim Abschiede von England

Es ist vorbei, - und flatternd bauscht
Mein Segel sich, vom Sturm durchrauscht,
Und pfeifend über Mast und Ra'n
Singt laut der Wind auf luft'ger Bahn;
Ich fahr' in weite Welt hinein,
Weil ich nichts lieb' als dich allein.

Doch könnt' ich ändern, was geschah,
Und könnt' ich sehen, was ich sah,
Könnt' ich an einem Herzen ruhn,
Das ich gesegnet einst und nun, -
Ich würde jetzt kein Flüchtling sein,
Weil ich nichts lieb' als dich allein.

Seit ich das Auge nimmer seh',
Einst meine Wonne, nun mein Weh,
Hab' ich gerungen spät und früh
Es zu vergessen, - eitle Müh'!
So weit ich flieh', es soll nicht sein,
Ich liebe doch nur dich allein.

Bang wie ein Vogel ohne Braut
Sehnt sich mein Herz und jammert laut;
Ich schau' umher und finde nicht
Ein freundlich Aug' und Angesicht:
Ich wandle wie in Wüstenein,
Weil ich nichts lieb' als dich allein.

Und über Wogen will ich fliehn
Und will zu neuer Heimat ziehn;
Bis ich das holde Truggesicht
Vergessen habe, rast' ich nicht;
Mein dunkles Herz bleibt freilich mein,
Das ewig liebt und dich allein.

Der ärmste Bettler findet doch
Zuletzt ein freundlich Obdach noch,
Wo Freundschaft oder Liebe mild
Im Glücke lacht und Tränen stillt;
Mich läßt nicht Freund noch Buhle ein,
Weil ich nichts lieb' als dich allein.

Ich fliehe – doch kein Ziel erscheint,
Kein Aug' ist da, das um mich weint,
Kein zärtlich Herz, von welchem ich
Ein Teilchen fordern kann für mich;
Auch du wirst keinen Seufzer weihn
Ihm, der dich liebt und dich allein.

Zu denken an den jungen Gram,
An all das Leid und wie es kam,
Das bräche manches weichre Herz,
Meins aber, ach, bestand den Schmerz;
Es schlägt noch immer treu und rein,
Und wahrhaft liebt es dich allein.

Und wer die eine, teure sei?
Das wissen auf der Welt nur zwei;
Du weißt es wohl, und ich empfand,
Wie diese Lieb' ihr Ende fand;
Nicht viele Herzen mögen sein,
Die so geliebt und ein' allein.

Ich sucht' in andren Fesseln Ruh,
Bei Reizen, schön vielleicht wie du;
Ich hätte gern wie einst geliebt,
Jedoch ein starker Zauber schiebt
Vors blut'ge Herz den schweren Stein
Und läßt nichts zu als dich allein.

Trost wär's, noch einmal dich zu sehn,
Ein Lebewohl und Segenflehn,
Doch weinen sollst du nicht um ihn,
Der über Wogen muß entfliehn;
Sein alles mag verloren sein,
Er liebt dich noch, und dich allein.
(1809)

(Übersetzt von Otto Gildemeister 1823-1902)

Aus: Lord Byrons Werke In sechs Bänden
Übersetzt von Otto Gildemeister
Dritter Band Fünfte Auflage Berlin 1903 (S. 21-23)
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Im Ambrazischen Golf

In blauer Nacht wie Silberflor
Liegt Mondenlicht auf Aktiums Feld;
Hier, um ein schönes Weib verlor'
Antonius die alte Welt.

Ich seh' es, das azurne Grab,
Wo einst die Römerleichen lagen,
Wo stolze Macht den Herrscherstab
Wegwarf, um Schönheit zu erjagen.

Florenzia lieb' ich, wie nur je
Die Lieb' ein junges Herz bezwang,
Seit Orpheus die Eurydice
Vom Höllengott zurück ersang.

Wie lustig war es, so zu wetten,
Den Weltkreis gegen Minnelohn!
Wenn Dichter Land wie Lieder hätten,
Du hättest manchen Marc Anton.

Wir können nicht wie Römer leben,
Jedoch, bei deines Auges Licht!
Ich kann die Welt für dich nicht geben,
Doch gäb' ich dich für Welten nicht.
(14. Nov. 1809)

(Übersetzt von Otto Gildemeister 1823-1902)

Aus: Lord Byrons Werke In sechs Bänden
Übersetzt von Otto Gildemeister
Dritter Band Fünfte Auflage Berlin 1903 (S. 30-31)
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Zωη μου, σάς άγάπω

Mädchen von Athen, geschwind,
Gib mein Herz heraus, mein Kind!
Ach, ich halt' es doch nicht fest,
Gut, behalt' es, samt dem Rest,
Und mein Abschied laute so:
Zωη μου, σάς άγάπω.

Bei den Locken, die der West
Buhlend kost und wehen läßt;
Bei der schwarzen Wimpern Saum,
Bei der Wangen weichem Flaum,
Bei dem Rehaug', wild und froh,
Zωη μου, σάς άγάπω.

Bei dem heißersehnten Mund,
Bei den Hüften schlank und rund!
Bei den Blumenzeichen all,
Welche reden ohne Schall:
Dieses Herz brennt lichterloh:
Zωη μου, σάς άγάπω.

Mädchen von Athen, ade!
Denke meiner, wenn ich geh'.
Mag ich auch nach Stambul gehn,
Seel' und Herz bleibt in Athen!
Glaubst du, daß ich dir entfloh?
Zωη μου, σάς άγάπω.
(Athen 1810)

[Zωη μου, σάς άγάπω. = Mein Leben, ich liebe dich!]

(Übersetzt von Otto Gildemeister 1823-1902)

Aus: Lord Byrons Werke In sechs Bänden
Übersetzt von Otto Gildemeister
Dritter Band Fünfte Auflage Berlin 1903 (S. 32-33)
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Abschied

Dein Mund ließ hier den heißen Kuß zurück,
Und bleiben soll er dort,
Bis ich ihn einst zu schönrem Glück
Heimtrag' an seinen Ort.

Dein Scheideblick, so liebevoll,
Mag neue Liebe schaun;
Doch deine feuchten Wimpern soll
Nie Gram um mich betaun.

Kein Pfand begehr' ich, das der Schmerz
Mit Tränen einsam tränkt;
Kein Angedenken braucht ein Herz,
Das immer dein gedenkt.

Auch schreiben will ich nicht, - ein Blatt
Faßt all die Liebe nicht;
Ach, Worte sind nur leer und matt,
So lang das Herz nicht spricht.

Bei Tag und Nacht, in Wohl und Weh,
Trag' in dem Herzen ich
Die Liebe, die ich nie gesteh',
Und blute still um dich.
(März 1811)

(Übersetzt von Otto Gildemeister 1823-1902)

Aus: Lord Byrons Werke In sechs Bänden
Übersetzt von Otto Gildemeister
Dritter Band Fünfte Auflage Berlin 1903 (S. 33-34)
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An Thyrza

Kein Stein bezeichnet mir die Stätte,
Kein Denkspruch – stolz und wahr zugleich;
Vergessen fast im tiefen Bette
Der Erde liegst du kalt und bleich.

Getrennt von mir durch Land' und Wogen,
Getrennt und doch mir immer nah, -
Vergangenheit und Zukunft flogen
Zum Wiedersehn, - das ich nicht sah!

O wäre das mir noch beschieden,
Ein einzig Wort, ein letzter Blick,
Und leise spräch': "Ich scheid' in Frieden,"
Ich trüge leichter dies Geschick.

Und als der Tod auf seinen Bogen
Den leichten, sanften Pfeil gelegt,
Frugst du nach ihm, der fortgezogen,
Der dich im Herzen trug und trägt?

Wie hätt' er deinem Aug' und Munde
Die letzten Wünsche abgefragt,
In jener letzten dunklen Stunde,
Wo Trauer kaum zu seufzen wagt,

Bis alles aus ist? – Dann erst wäre,
Indes du aller Not entfliehst,
Der Herzentau, des Grames Zähre
Geflossen, wie sie heute fließt.

Soll sie nicht fließen, wo so lange,
In diesem nun so öden Schloß,
Eh' fort ich zog zum Pilgergange,
Die Freudenträn' uns beiden floß!

Wo wir verstohlen Blicke tauschten,
Das Lächeln, das nur ich verstand,
Das Flüstern, dem die Herzen lauschten,
Den Druck, den bebenden, der Hand:

Den Kuß, so schuldlos, so voll Feinheit,
Daß Lieb' ihr Feuer selbst bezwang;
Vor deines Auges Seelenreinheit
Errötend schwieg der Sehnsucht Drang.

Der Ton, der mich ans Glück gewöhnte,
Wenn ich versank in Grübelein;
Das Lied, das himmlisch mir ertönte,
Doch lieblich mir von dir allein;

Das Freundschaftpfand, - noch trag' ich meines,
Doch wo ist deins? – ach, wo bist du?
Oft hat mich Leid gebeugt, doch keines
Zerstörte so des Herzens Ruh'.

Du ließest klug im Lenz der Jahre
Die Neig' im Leidenskelche mir;
Wär' nirgend Ruh' als auf der Bahre,
Dann wünscht' ich dich nicht wieder hier;

Wenn aber hoch auf Sternenbahnen
Zu schönrem Dasein du entflohst,
Dann sei von deinem Glück ein Ahnen
Hienieden meines Jammers Trost.

Lehr' mich wie du geduldig werden,
Verzeihung suchen und verzeihn;
So war mir deine Lieb' auf Erden,
So soll mein Hoffen droben sein.
(11. Okt. 1811)

(Übersetzt von Otto Gildemeister 1823-1902)

Aus: Lord Byrons Werke In sechs Bänden
Übersetzt von Otto Gildemeister
Dritter Band Fünfte Auflage Berlin 1903 (S. 36-38)
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Away, away, ye notes of woe!

Hinweg, hinweg, ihr bangen Lieder!
Du einst so tröstlicher Gesang!
Sonst muß ich fliehn, - ach, niemals wieder
Wag' ich zu lauschen deinem Klang.
Das alte Glück will auferstehen, -
O schweigt und legt die Harfe hin!
Ich darf nicht denken, mag nicht sehen,
Was einst ich war, was jetzt ich bin.

Die Stimme, die das Lied verschönte,
Ist tot, und all sein Zauber flieht;
So lieblich auch die Weise tönte,
Mir klang sie wie ein Grabeslied.
Ja, deinen Namen rauscht sie leise,
Geliebte Thyrza, teurer Staub!
Mir schaudert bei der süßen Weise,
Und für den Wohllaut bin ich taub.

Nun alles still! – nein, in der Höhe
Schwebt das bekannte Echo nun,
Die Stimme, der ich gern entflöhe, -
Die Stimme könnte jetzt wohl ruhn.
Oft bebt mein Herz vor ihrem Rauschen,
Der Schlaf vernimmt den sanften Ton,
Und die erwachten Sinne lauschen
Umsonst, - der Traum ist schon entflohn.

Ach, ob ich wachte oder schliefe,
Du bist nur noch ein schöner Traum,
Ein Stern, der leuchtet auf der Tiefe
Und dann versinkt am Himmelssaum.
Er aber, der in Sturmes Schauern
Des Lebens öde Bahn durchfährt,
Wird lang den lieben Stern betrauern,
Der seine Pfade hat verklärt.
(6. Dez. 1811)

(Übersetzt von Otto Gildemeister 1823-1902)

Aus: Lord Byrons Werke In sechs Bänden
Übersetzt von Otto Gildemeister
Dritter Band Fünfte Auflage Berlin 1903 (S. 38-39)
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One struggle more

Ein letzter Kampf, und ich bin frei!
Ein Seufzer noch der Lieb' und dir,
Dann ist die wilde Qual vorbei,
Und wieder liegt die Welt vor mir.
Willkommen nun Geräusch und Tand,
Willkommen, was ich einst geflohn;
Wenn auch des Lebens Lust verschwand,
Kein Schmerz kann mich hinfort bedrohn.

Bring mir denn Wein, den Becher bring!
Die Einsamkeit ist unser Feind;
Sei Herz, ein leichtes, leeres Ding,
Lach', wo man lacht, flieh, wo man weint.
So war es nicht, so wär' es nie
In jenen Tagen goldnen Lichts;
Doch sie hat mich verlassen, sie
Ist nichts, - nun ist mir alles nichts.

Vergebens lockt mein Lied den Scherz:
Das Lächeln, das den Gram versteckt,
Höhnt nur in tiefer Brust den Schmerz,
Wie eine Ros' ein Grab verdeckt,
Bisweilen wohl vor Becherlust
Weicht das Gefühl der bittren Pein,
Und Freud' entflammt die wilde Brust, -
Das Herz, das Herz bleibt doch allein!

Einst war es Trost, in holder Nacht
Zum Sternenhimmel aufzuschaun;
Ich dachte dann: all diese Pracht
Glänzt auch auf deine ernsten Brau'n.
Zu träumen war ich oft gewohnt
Auf blauer Flut an Suniums Kap,
"Auch Thyrza blickt auf jenen Mond!"
Und ach, der Mond beschien ihr Grab.

Auf schlummerlosem Fieberpfühl,
Als Krankheit höhlte mein Gebein,
Da seufzt' ich matt voll Dankgefühl:
"Thyrza weiß nichts von meiner Pein!"
Was nützt die Freiheit, die man nur
Dem Sklaven gibt an Grabes Rand?
So gab zu spät mich die Natur
Dem Tag zurück, als ihrer schwand.

O Thyrzas Pfand aus schönrer Zeit,
Wo jung noch Lieb' und Leben war,
Vom schwarzen Hauch der Traurigkeit
Verwandelt bist du ganz und gar.
Das Herz, das einst sich gab mit dir,
Ist still, - o wäre meins es auch!
Kalt ist es, aber fühlt noch hier
Und schaudert vor dem eis'gen Hauch.

Du bittres Denkmal, Pfand der Schmerzen,
Ich drück' ans Herz dich fest und dicht;
Laß jene Lieb' in meinem Herzen
Nicht brechen, bis es selber bricht!
Besänftigt blüht sie, nie vertrieben
In heil'ger Hoffnungslosigkeit;
O, tiefer als beglücktes Lieben,
Ist Liebe, die der Tod geweiht!

(Übersetzt von Otto Gildemeister 1823-1902)

Aus: Lord Byrons Werke In sechs Bänden
Übersetzt von Otto Gildemeister
Dritter Band Fünfte Auflage Berlin 1903 (S. 39-41)
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And thou art dead

Heu quanto minus est cum reliquis
versari quam tui meminisse!

Und du bist tot? – so schön und zart,
So seltne Lieblichkeit,
Wie je im Staub geboren ward,
Geknickt vor ihrer Zeit!
Ob dich die Erde bettet kühl
Und ob die Menge dein Asyl
Sorglosen Schritts entweiht:
Zwei Augen weiß ich, die getraun
Sich nie auf dieses Grab zu schaun.

Ich will nicht fragen nach dem Ort,
Ich will zur Gruft nicht gehn;
Blumen und Kräuter sprießen dort,
Ich mag sie nimmer sehn;
Ich zog mir selbst den bittren Schluß:
Was ich geliebt und lieben muß,
Wird wie die Spreu verwehn.
Auch ohne Stein, da drinnen spricht's:
Was du so sehr geliebt, ist nichts.

Und doch, ich hatte dich so lieb,
So brünstig, bis zuletzt,
Dein Herz, das unverwandelt blieb
Und fern von Wandel jetzt.
Nicht Alter kühlt, nicht Trug bedroht
Die Liebe je, auf die der Tod
Sein Siegel hat gesetzt;
Und wär' es auch, verhüllt vor dir
Bleibt Wandel, Fehl und Schuld in mir.

Des Lebens Lenz war dein und mein,
Der Winter bleibt für mich;
Der finstre Sturm, der Sonne Schein
Erneut sich nie für dich.
Beneiden, nicht beweinen will
Ich diesen Schlaf, traumlos und still:
Und nicht betrauer' ich,
Daß plötzlich all dein Reiz versank,
Eh' ich ihn welkend sah und krank.

Die Blume, die am vollsten blüht,
Muß auch zuerst vergehn;
Wenn auch kein Raub ihr Los verfrüht,
Ihr Kelch wird doch verwehn;
Und weher tut's, die Blume matt
Langsam verwelken, Blatt um Blatt,
Als rasch gepflückt zu sehn:
Dem Auge graut es vor der Macht,
Die das, was schön war, häßlich macht.

Wie schrecklich, die Verwüstung schaun
Im schönsten Angesicht!
Viel düstrer ist das Abendgraun
Nach solchem Morgenlicht:
Dein Tag war wolkenloses Gold,
Du warst bis an dein Ende hold,
Verlöscht, - verfallen nicht;
So wie ein Stern am Himmelszelt
Am hellsten leuchtet, wann er fällt.

O, hätt' ich Tränen ohne Zahl,
Wie ich sie einst gekannt!
Denkt, daß ich nicht ein einzig Mal
An ihrem Bette stand!
Ich las in ihren Augen nicht,
Ich stützte nicht ihr Angesicht
Mit weicher, leiser Hand;
Hab' ihr die Liebe nicht gezeigt,
Die nun für uns auf ewig schweigt.

Und doch, entfesselt wie ich bin,
Der Erde reichste Zier
Wär' mir ein ärmerer Gewinn
Als solch ein Traum von dir!
Dein alles, was nicht sterben kann,
Aus ewigem Graun und Grabes Bann
Kehrt es zurück zu mir.
Begrabne Liebe! teurer war
Nur eins, - dein Leben, licht und klar.
(Februar 1812)

(Übersetzt von Otto Gildemeister 1823-1902)

Aus: Lord Byrons Werke In sechs Bänden
Übersetzt von Otto Gildemeister
Dritter Band Fünfte Auflage Berlin 1903 (S. 42-44)
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If sometimes in the haunts of men

Wohl manchmal mag im Lärm der Welt
Dein Bild der Brust entschwunden sein;
In stillen Stunden aber stellt
Dein lieber Schatten treu sich ein.
Die einsam dunkle Stunde kam,
Die mir dein Schattenbild erneut,
Und unbemerkt wehklagt der Gram,
Der erst zu reden sich gescheut.

O zürne nicht, wenn im Gewühl,
Untreu der alten lieben Zeit,
Sich selbst verdammend mein Gefühl
Statt dir allein dem Scherz sich weiht.
Glaub' mir, die Trauer weilt nicht fern,
Wenn auch die Träne nimmer rinnt;
Vor Narren nur verberg' ich gern
Die Seufzer, die dein eigen sind.

Mein Becher bleibt nicht ungeleert,
Doch nicht die Sorg' ertrinkt im Wein;
Ein tödlicher Getränk begehrt
Zum Lethetrunk trostlose Pein.
Ob auch Vergessenheit die Qual
Der bangen Träume sanft verwischt,
Fortschleudern würd' ich den Pokal,
Darin der Schmerz um dich erlischt.

Verschwände je dein Bild in mir,
Wo kehrte dann mein Herz noch ein?
Wer würde deiner Urn' und dir
Die letzte liebe Ehre weihn?
Nein, nein! – ein Stolz in Kummer ist
Der teure Totendienst für mich;
Ob dich die ganze Welt vergißt,
Mir ziemt Erinnerung an dich.

Du hättest auch in treuem Leid
Geklagt um ihn, der unbeklagt
Nun scheiden wird aus dieser Zeit,
Wo du allein nach ihm gefragt.
Und o, ich fühl' es, viel zu schön
War jenes Glück, das ich begehrt:
Du warst ein Traum aus Himmelshöhn, -
Und Erdenliebe dein nicht wert.
(14. März 1812)

(Übersetzt von Otto Gildemeister 1823-1902)

Aus: Lord Byrons Werke In sechs Bänden
Übersetzt von Otto Gildemeister
Dritter Band Fünfte Auflage Berlin 1903 (S. 44-46)
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Auf ein zerbrochnes Karneol-Herz

Du armes Herz! und kann es sein?
Du liegst zerbrochen in der Hand?
Die Sorg' um dich jahraus jahrein
War, ach, umsonst auf dich verwandt?

Doch köstlicher und teurer ist
Ein jedes Bruchstück dieses Steins:
Denn der dich trägt, fühlt nun, du bist
Ein besseres Emblem für seins.
(16. März 1812)

(Übersetzt von Otto Gildemeister 1823-1902)

Aus: Lord Byrons Werke In sechs Bänden
Übersetzt von Otto Gildemeister
Dritter Band Fünfte Auflage Berlin 1903 (S. 46)
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Auf die Frage, was der Ursprung der Liebe sei

"Ursprung der Liebe?" – Ach, wozu
Soll ich dem Foltrer Antwort geben?
In hundert Augen liesest du:
"Wenn sie dich sieht, springt sie ins Leben!"

Doch soll ich dir ihr Ende sagen?
So spricht mein Herz, so ahnt mein Sinn:
Lang wird sie still ihr Weh ertragen,
Doch leben, - bis ich nicht mehr bin.

(Übersetzt von Otto Gildemeister 1823-1902)

Aus: Lord Byrons Werke In sechs Bänden
Übersetzt von Otto Gildemeister
Dritter Band Fünfte Auflage Berlin 1903 (S. 52)
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Remember him

Gedenk an ihn, der standhaft war
Im bittren Kampf der Lieb' und Pflicht;
Denk' an die Stunden der Gefahr, -
Wir liebten, doch erlagen nicht.

O schmelzend Aug! o weiche Brust!
Wie rieft ihr alle Sehnsucht wach!
Wie zähmte jede wildre Lust
Dein sanftes Flehn, dein rührend Ach!

O, laß mich fühlen, mein Verzicht
Hat dich von langer Reu' befreit;
Laß mich erröten, daß die Pflicht
Nur siegen konnt' in schwerem Streit.

Ja, denk' an dies, wann emsig still
Der Haß sich an sein Werk begibt.
Wann er die Ehre würgen will
Und schmähn das Herz, das dich geliebt.

Was ich auch war, du sahest doch
Gezähmt der Selbstsucht dunkle Macht;
Dich, reine Seele, segn' ich noch,
Noch jetzt in banger Mitternacht.

O, hätten wir uns einst gekannt, -
Eh' Sünd' es war, uns gut zu sein,
Mit freiem Herzen, freier Hand,
Und würdiger ich selber dein!

Still wie zuvor sei dein Geschick,
Vom bunten Weltlärm fern und frei:
Mit diesem bittren Augenblick
Sei deine Prüfungszeit vorbei!

Dort würde ich dies sünd'ge Herz
Zerstören, wie es sich zerstört;
Dort würd' ich unter Glanz und Scherz
Von wilder Hoffnung neu betört.

Den andern, deren Glück und Weh
Wertlos wie meins ist, laß die Welt!
Die Bühne flieh, dem Kampf entgeh,
Wo jeder, der Gefühl hat, fällt.

O du, so jung, so schön, so mild,
So rein in deiner Einsamkeit, -
Was hier geschah, sei dir ein Bild
Der Qual, die dort das Herz entzweit.

Vergib den Wahnsinn, welcher einst
Die Trän' in teure Augen trieb!
Es ist die letzte, die du weinst,
Die letzte Trän' um mich vergib!

So schwer die Trauer lasten mag,
Daß ich zum letztenmal dich sah,
Doch war verdient der harte Schlag,
Fast dünkt mich lieblich, was geschah.

Wenn ich dich wen'ger liebte, wär'
Das Opfer leicht, das du begehrst;
Mein Herz trennt sich nicht halb so schwer,
Als wenn du jetzt sein Opfer wärst.
(1813)

(Übersetzt von Otto Gildemeister 1823-1902)

Aus: Lord Byrons Werke In sechs Bänden
Übersetzt von Otto Gildemeister
Dritter Band Fünfte Auflage Berlin 1903 (S. 52-54)
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Sonette an Genevra

1.
Der Augen inn'ges Blau, die blonden Haare,
Der matte Glanz in deinen ernsten Mienen,
Als ob des Grames Milde wohn' in ihnen,
Von seiner Qual entzaubert, heiter-klare,

Sie atmen Trauer, stille, wunderbare,
Daß, - wenn nicht deines Busens reiche Minen
Voll lautrer goldener Gedanken schienen, -
Ich glaubte dich gebeugt durch bittre Jahre.

Mit solchem Blick und Farben wie die deinen,
Geboren aus des Malers Traumgesichten,
(Nur freilich Grund zur Buße hast du keinen,)

Sah Guidos Büßerin den Morgen scheinen;
Doch du bist trefflicher, - kein Recht zu weinen
Hat Reue hier, und Tugend nichts zu richten.


2.
Die Wang' ist bleich, vom Leiden nicht, vom Sinnen,
Und doch so schön! – wenn Fröhlichkeit die reinen
Schneerosen zwänge purpurner zu scheinen,
Ich wünschte diese gröbre Pracht von hinnen.

Still ist das tiefe Blau, und doch beginnen
Die starrsten Augen, die es schaun, zu weinen,
Und meiner Mutter Weichheit quillt in meinen,
Wie letzte Regentropfen rinnen.

Durch dunkle Wimpern deiner Augenlider
Glänzt schwermutvoller Milde lichtes Zeichen,
Gleich einem Seraph, der vom Himmel nieder

Sich neigt zu Schmerzen, die ihn nicht erreichen, -
Voll Hoheit du und doch so reizend wieder,
Die Andacht wächst, und Liebe will nicht weichen.
(17. Dez. 1813)

(Übersetzt von Otto Gildemeister 1823-1902)

Aus: Lord Byrons Werke In sechs Bänden
Übersetzt von Otto Gildemeister
Dritter Band Fünfte Auflage Berlin 1903 (S. 55)
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She walks in beauty

In ihrer Schönheit wandelt sie
Wie wolkenlose Sternennacht;
Vermählt auf ihrem Antlitz sieh'
Des Dunkels Reiz, des Lichtes Pracht:
Der Dämmrung zarte Harmonie,
Die hinstirbt, wann der Tag erwacht.

Ein Schatten mehr, Licht minder klar,
So wär' die tiefe Anmut nicht,
Die niederwallt im Rabenhaar
Und sanft verklärt ihr Angesicht,
Aus welchem hold und wunderbar
Die reine liebe Seele spricht.

O diese Wang' o diese Brau'n
Wie sanft, wie still, und doch beredt,
Was wir in ihrem Lächeln schaun!
Ein frommes Wirken früh und spät,
Ein Herz voll Frieden und Vertraun,
Und Lieb', unschuldig wie Gebet.

(Übersetzt von Otto Gildemeister 1823-1902)

Aus: Lord Byrons Werke In sechs Bänden
Übersetzt von Otto Gildemeister
Dritter Band Fünfte Auflage Berlin 1903 (S. 133)
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If that high world

Wenn Lieb' in jenen Welten blüht,
Die über Sternen ewig währen,
Wenn dort das teure Herz noch glüht,
Dieselben Augen, ohne Zähren, -
Wie schön die unbetretnen Sphären!
Wie süß zu sterben vor der Zeit,
Daß Angst und Trauer sich verzehren
In deinen Strahlen, Ewigkeit!

So muß es sein! – nicht für dein Ich
Bebst du vor jener letzten Schranke
Und möchtest fliehn und klammerst dich
Doch an des Daseins morsche Planke.
Die Zukunft – lieblicher Gedanke! -
Gibt Herz dem Herzen einst zurück,
Und dort im Auferstehungstranke
Trinkt Seel' in Seel ein ewig Glück.
 

(Übersetzt von Otto Gildemeister 1823-1902)

Aus: Lord Byrons Werke In sechs Bänden
Übersetzt von Otto Gildemeister
Dritter Band Fünfte Auflage Berlin 1903 (S. 134-135)
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My soul is dark

In mir ist Nacht, - o schnell besaite
Die Harfe, die den Gram bezwingt;
Erweckt von leisen Fingern gleite
Der Schall, der süß und schmelzend klingt.
Wenn noch dies Herz nach Hoffnung ringt,
Dein Zauberton läßt sie erblühn;
Wenn Träne noch im Aug' entspringt,
Sie fließt, anstatt im Hirn zu glühn.

Wild sei und tief der Töne Fluß,
Kein Lied, von Glück und Lust verklärt:
Ich sag' dir, daß ich weinen muß.
Sonst springt dies Herz, von Qual verzehrt;
Denn sieh', es ward von Gram genährt,
Schlaflos und schweigend kämpft' es lang;
Und nun, wo es das Schlimst' erfährt,
Bricht's – oder heilet durch Gesang.

(Übersetzt von Otto Gildemeister 1823-1902)

Aus: Lord Byrons Werke In sechs Bänden
Übersetzt von Otto Gildemeister
Dritter Band Fünfte Auflage Berlin 1903 (S. 138-139)
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I saw thee weep

Ich sah dich weinen, - hell und schwer
Die Trän' im tiefsten Blau;
Da däuchte mir, das Auge wär'
Ein Veilchen, feucht von Tau.
Ich sah dich lächeln, - bleich und fahl
Erschein des Saphirs Glühn,
Besiegt von dem lebend'gen Strahl,
Den seine Blicke sprühn.

Wie das Gewölk den goldnen Saum
Von jener Sonn' empfängt,
Den selbst der Abendschatten kaum
Vom Himmelszelt verdrängt,
So strahlt dein Lächeln all sein Glück
Ins finstere Gemüt
Und läßt den Sonnenschein zurück,
Der hell das Herz durchglüht.
 

(Übersetzt von Otto Gildemeister 1823-1902)

Aus: Lord Byrons Werke In sechs Bänden
Übersetzt von Otto Gildemeister
Dritter Band Fünfte Auflage Berlin 1903 (S. 139)
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An den Po

River, that rollest by the ancient walls

Strom, der du fließest bei den alten Zinnen,
Wo die Geliebte wohnt, - so oft sie sich
An deinem Saum ergeht und ihren Sinnen
Vorüberschwebt Erinnerung an mich,

Sei du mit deiner tiefen, mächt'gen Fülle
Ein Spiegel meines Herzens, der ihr all
Die tausend Wünsche dieser Brust enthülle,
Wild wie du selbst und reizend wie dein Fall!

Ein Spiegel meines Herzens! – ja, so ist es:
Ist nicht dein Wasser dunkel, wild, voll Kraft?
Was meine Liebe war und ist, du bist es,
Und wie du bist, war meine Leidenschaft.

Sie mag gezähmt sein, doch versiegt sie nimmer;
Du überflutest deine Uferbank,
Verwandter Strom, - doch steigst du auch nicht immer;
Auch deine Flut sinkt, wie die meine sank.

Doch Trümmer viel ließ sie zurück, und wieder
Schwillt unser Strom, der oft die Dämme warf;
Du trachtest wild und eilst zum Meere nieder,
Zur Liebe ich, - wo ich nicht lieben darf.

Der Strom hier murmelt bald zu ihren Füßen,
Von seinem Schaum wird ihr Kastell bespült,
Und ihre Augen werden dich begrüßen,
Wann sie den Hauch der Abendlüfte fühlt.

Wie ich dich sah, so sieht auch sie dich schäumen,
Und voll von dem Gedanken kann ich nie
Dein flutend Wasser sehen, nennen, träumen
Ohne ein unzertrennlich Ach um sie!

Dann spiegelt sich ihr Aug' in deinem Schimmer,
Ja! ruht auf deinem Strom, wo meines ruht:
Zurück zu meinem aber fließt sie nimmer,
Selbst nicht im Traume, die beglückte Flut.

Der Strom mit meinen Tränen kehrt nicht wieder,
Und sie, zu der dein Strom eilt, kehrt sie je?
Wir blickten beid' in deine Wasser nieder,
Ich an der Quelle, sie an blauer See.

Das aber, was uns trennt, ist nicht die Ferne,
Nicht tiefe Flut und nicht der Erde Raum:
Nein, Widerstreit verschiedner Schicksalssterne, -
Ach, beider Heimat ist verschiedner kaum.

Ein Fremdling liebt die Tochter dieser Lande,
Des Nordens Sohn, - doch südlich ist sein Blut,
Als hätte nie der schwarze Wind vom Rande
Der eis'gen Küsten ihm gekühlt die Glut.

Ja, südlich ist das Blut in meinem Herzen;
Sonst wär' ich meiner Heimat nicht entflohn.
Und wäre nicht, trotz unvergeßner Schmerzen,
Ein Sklav der Lieb', ein Sklav in deiner Frohn.

Was nützt das Ringen? – lasset jung mich sterben
Und laßt mich lieben, wie ich einst geliebt.
Was Staub gebar, wird bald im Staub verderben,
Wo tiefe Ruh auch dieses Herz umgibt.
(1819)

(Übersetzt von Otto Gildemeister 1823-1902)

Aus: Lord Byrons Werke In sechs Bänden
Übersetzt von Otto Gildemeister
Dritter Band Fünfte Auflage Berlin 1903 (S. 316-317)
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Mein einsam Kissen

(Text zu einer Hindu-Melodie, welche die Gräfin Guiccioli zu singen liebte. 1823)

O mein einsam, einsam, einsam Kissen!
Wo ist mein Teurer? ach, wo ist mein Teurer?
Ist er's, den ich im Traume seh', der Steurer
Weit – weit im Meer, umringt von Finsternissen?

O mein einsam, einsam, einsam Kissen!
Wo die liebe Stirn lag, liegt mein Haupt voll Jammer,
Wie die Weide tief gebeugt in öder Kammer.
Und der langen Nacht ist ihr Gestirn entrissen.

O du mein armes und verlaßnes Kissen!
Schick' goldne Träume, daß mein Herz nicht breche,
Zum Dank für meine heißen Tränenbäche,
Daß ich nicht sterb', eh' wir daheim ihn wissen.

Dann, wenn du willst, mein nicht mehr einsam Kissen,
Laß diese Arm' ihn einmal noch umfassen,
Laß mich ihn sehn und dann vor Wonn' erblassen,
O mein vereinsamt Herz, mein einsam Kissen!
 

(Übersetzt von Otto Gildemeister 1823-1902)

Aus: Lord Byrons Werke In sechs Bänden
Übersetzt von Otto Gildemeister
Dritter Band Fünfte Auflage Berlin 1903 (S. 324)
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Der erste Liebeskuß

Doch nur von Lieb' und Liebe,
Ertönet meine Leier.
Anakreon

Hinweg mit Romanen, hinweg mit Gedichten,
Sie weben uns doch nur betrüglichen Schein;
Ein Herz nur – sonst will ich auf Alles verzichten -
Und den ersten Liebeskuß will ich allein.

Ihr Reimer, die ihr so geschickt phantasiret,
Ihr schreibt nur Idyllen, ihr schäfert im Hain,
Doch wett' ich, ihr wäret weit mehr inspiriret,
Sög't zuvor ihr den ersten Liebeskuß ein.

Verweigert Apoll euch poetischen Schimmer,
Und zeigen die Musen sich hart wie ein Stein,
Gebt ihnen den Abschied, sonst wird es nur schlimmer,
Der erste Liebeskuß heilt euch allein.

Ich hasse die kalten, erkünstelten Lügen,
Mag feind auch die Spröde, die Fromme mir seyn;
Ich will nur ein Herz, das mich nie wird betrügen,
Und den ersten Liebeskuß will ich allein.

Die Bilder der Heerden und Lämmer – sie geben
Dem Geiste wohl Stoff, doch es dringet nicht ein;
Ihr träumt nur von einem arkadischen Leben,
Doch der erste Liebeskuß gibt es allein.

O schweigt mir von erblichen Lastern und Sünden,
Die seit Adam die Menschen verfolgten mit Pein,
Auf Erden ist wohl noch ein Eden zu finden,
Doch der erste Liebeskuß gibt es allein.

Kaltes Blut bringt das Alter, die Lust ist vorüber,
So schnell wie der Zeiten Flug eilt nicht der Aar;
Doch es folgt uns als schönste Erinn'rung hinüber,
Wie selig der erste Liebeskuß war.
 

(Übersetzt von Ernst Ortlepp 1800-1864)

Aus: Lord Byron's sämmtliche Werke
Nach den Anforderungen unserer Zeit
neu übersetzt von Mehreren.
Erster Band Stuttgart 1839 (S. 21-22)
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An M. S. G.

Wenn ich träume, du liebst mich, so wirst du vergeben,
Es störe den Schlummer dir nicht;
Mag im Traum auch das reizendste Bild mich umschweben,
Es erweckt mich ein schmerzliches Licht.

Drum, Morpheus, gieß über mich aus deine Schaale,
Ich weihe mich dir, ich bin dein;
Käm' heute der Traum mit dem gestrigen Strahle,
Wie wollt' ich so selig dann sein!

Der Schlaf wird ein Bruder des Todes geheißen,
Es lebt in ihm mehr, was lebt;
Doch mag von der Zukunft mein Faden zerreißen,
Wenn die Gegenwart Kränze mir webt.

Nicht zürne, mein Mädchen! Sei günstig und heiter,
Zwar schein' ich dir überbeglückt;
In Träumen nur schweif' ich stets weiter und weiter,
Doch Erfüllung bleibt stets mir entrückt.

Im Traume nur seh' ich dich lächeln und winken,
Doch trifft mich die Strafe gar schwer,
Denn alle die lieblichen Träume versinken,
Und erwach' ich, dann wink'st du nicht mehr.

(Übersetzt von Ernst Ortlepp 1800-1864)

Aus: Lord Byron's sämmtliche Werke
Nach den Anforderungen unserer Zeit
neu übersetzt von Mehreren.
Erster Band Stuttgart 1839 (S. 36-37)
___________


An M.

O strahlte doch in deinen Blicken
Für stolze Glut ein mildrer Schein,
Du würdest weniger bestricken,
Doch desto liebenswürd'ger sein.

Du bist so himmlisch-schön gestaltet,
Doch schreckt uns dieser Flammenblick;
Wir staunen; doch der Zweifel waltet
Und drängt die Zärtlichkeit zurück.

Als die Natur dich rief in's Leben,
Erschien dein Zauber ihr so groß,
Daß sie befürchtete mit Beben,
Du seiest für den Himmel bloß.

Und um ihr liebstes Werk zu schützen,
Dem keines Engels Schönheit gleicht,
Ließ sie aus deinem Auge blitzen
Den Glanz, den nie ein Blitz erreicht.

Der Sylphe muß vor dir erblassen,
Wenn er im Mittagsglanze brennt,
Dein Strahl muß Alle magisch fassen,
Denn Feuer ist dein Element.

Man sagt von Berenice's Locken,
Sie prangten in der Sternenwelt,
Doch all' ihr Glanz – er würde stocken,
Erschienst du an dem Himmelszelt.

Wenn deine Augen Sterne wären,
Säh' man die Schwestersterne nicht,
Und selber ganzen Sonnenheeren
Gebräche neben dir das Licht.
 

(Übersetzt von Ernst Ortlepp 1800-1864)

Aus: Lord Byron's sämmtliche Werke
Nach den Anforderungen unserer Zeit
neu übersetzt von Mehreren.
Erster Band Stuttgart 1839 (S. 37-38)
___________

 

An Mary

Bei Empfang ihres Porträts

Dein holdes Bild, so gut getroffen,
Als es ein Maler treffen mag,
Verscheucht die Furcht, belebt mein Hoffen,
Und weckt aus Nacht mir neuen Tag.

Ich sehe deine Locken malen
Mit Gold der Stirne reinen Schnee
Ich seh' der Wangen Rosen strahlen,
Seh' deinen Mund, und sterb' an Weh.

Ich sehe hier – ach, nicht die Blicke,
In denen lauter Feuer brennt!
In deiner Kunst ist eine Lücke,
Mein Maler, für dies Element!

Ich seh' hier alle Zauberfarben;
Doch wo ist jener Schwärmerzug,
Von dem der Sterne Schimmer starben,
Und der den Preis vor Luna trug?

Du holdes Bild! das ohne Leben
Mich mehr entzückt, als was nur lebt:
Weil Leben nie mich kann umweben
Mit Zaubern, wie dein Reiz sie webt!

Sie gab dich mir mit Furcht; sie dachte
Zu sinken in Vergessenheit;
Doch lacht dies Bild stets wie es lachte
Und trotzet einer Ewigkeit.

Durch Augenblicke, Stunden, Jahre
Bleibt seine Zauberkraft mir neu;
Es leuchtet über meine Bahre,
Mein letzter Blick ist ihm noch treu.
 

(Übersetzt von Ernst Ortlepp 1800-1864)

Aus: Lord Byron's sämmtliche Werke
Nach den Anforderungen unserer Zeit
neu übersetzt von Mehreren.
Erster Band Stuttgart 1839 (S. 38-39)
___________
 


An Lesbia

O Lesbia, seit ich von dir gegangen,
Verlosch der einst'gen Liebesflamme Licht;
Du sagst, daß ich allein in Schuld befangen,
Und fragst, warum? – Jedoch, ich weiß es nicht.

Dir trübt die Stirne keine Spur von Schmerzen,
Wir sind kaum älter, meine Lesbia,
Als damals, wo wir ruhten Herz an Herzen,
Und wo den Himmel ich geöffnet sah.

Kaum sechzehn Lenze waren dir entschwunden,
Kaum seit zwei Jahren sind wir erst getrennt;
Manch and're Neigung hat sich eingefunden,
Du weißt, das Schweifen ist mein Element.

Wohl hast du Recht, mich trifft allein der Tadel,
Und schuldig bin ich der Verrätherei;
Denn deine Brust bewahrt den einst'gen Adel,
Ich – ich riß dieses Liebesband entzwei!

Bezweifelt hab' ich nimmer dein Empfinden,
Auch hab' ich nie an Eifersucht gedacht;
Ein And'rer kann dich glühender umwinden,
Doch Trug war mir so fern, wie Tag der Nacht.

Dem Heucheln war ich niemals zugewendet,
Ich liebte dich aus tiefstem Herzensgrund,
Und hat auch nun der schöne Traum geendet,
So bleibt die Seele doch mit dir im Bund.

Wir treffen uns nicht mehr in jenen Lauben,
Entfernung lehrte mich den Unbestand;
Doch sieh', so Manche, die an Liebe glauben,
Vertauschen mit dem Bande gern das Band.

So schön, wie früher, strahlen deine Wangen,
Die jeder Tag mit neuer Schönheit schmückt,
Bezaubert bleibt die Welt an ihnen hangen,
Und wer dich schaut, der staunt, der ist entzückt.

Mit diesen Waffen siegst du über Jeden,
Ja, Mancher wird noch seufzen so wie ich;
Doch kannst du auch von ihrer Treue reden,
Du findest keinen Zärtlichern als mich!
 

(Übersetzt von Ernst Ortlepp 1800-1864)

Aus: Lord Byron's sämmtliche Werke
Nach den Anforderungen unserer Zeit
neu übersetzt von Mehreren.
Erster Band Stuttgart 1839 (S. 40-41)
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Der Liebe letztes Lebewohl

Sie flieht und flieht mich immer!
Anakreon

Der Liebe Rosen glühn im Lebensgarten,
Doch stören gift'ge Blumen oft ihr Wohl!
Ach, ihrer wird das schärfste Messer warten,
Es heißt: der Liebe letztes Lebewohl.

Was helfen uns doch alle sel'gen Träume?
Was hilft der Schwur der Treue? Dumpf und hohl
Verhallt der Eid; wir gehn in ferne Räume,
Es klingt der Liebe letztes Lebewohl.

Die Hoffnung zwar besänftigt uns're Schmerzen,
Das Wiedersehen strahlet als Idol
Erneuter Lust dem traumberauschten Herzen,
Es denkt kaum an der Liebe letztes Lebewohl.

Seht jene Zwei, die für einander glühten,
Und liebend rangen nach demselben Pol;
Sie freuten sich der schönen Jugendblüthen,
Bis sie zerstört das letzte Lebewohl.

O Mädchen, scheuch die Thränen von den Wangen,
Die schöner quellen als dein Busen quoll,
Ich weiß es wohl, dich nahm der Wahn gefangen,
Doch sagt Verstand das letzte Lebewohl.

Der Misanthrop, der vor den Menschen fliehet
In Wälder und in Grotten öd' und hohl,
Der Winden klagt, wohin sein Herz ihn ziehet,
Seufzt von der Liebe letztem Lebewohl.

Es trennt der Haß der Liebe Zauberketten,
In denen unsern Herzen war so wohl;
Doch vor dem Wahnsinn kann ich kaum mich retten,
Gedenk' ich an das letzte Lebewohl.

Die Jugend flieht und Hoffnungen veralten,
Die Liebe sieht am Ende keinen Pol,
Sie senkt die Flügel, welche Wetter spalten,
Vom Sarg erklingt ein letztes Lebewohl.

Hienieden trifft des Lebens Hochentzücken
Von allen Büßungen die schwerste wohl,
Wer alle Liebeswonnen durfte pflücken,
Der büßt sie ab im letzten Lebewohl.

Wer an dem Lichtaltar vor Amor kniet,
Der streut bald Myrthen, bald Cypressen wohl;
Die Myrthe spricht von Liebe, die erblühet,
Cypresse spricht vom letzten Lebewohl.
 

(Übersetzt von Ernst Ortlepp 1800-1864)

Aus: Lord Byron's sämmtliche Werke
Nach den Anforderungen unserer Zeit
neu übersetzt von Mehreren.
Erster Band Stuttgart 1839 (S. 45-46)
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Lied

Als ich fröhlich noch schwärmt' in das Hochland hinaus,
Und klimmte zum Gipfel von Morwen empor,
Um zu hören des Waldstroms Donnergebraus
Das unten sich in die Gewitter verlor,
An Weisheit noch Schwächling, an Muth nur ein Held,
So rauh wie die Felsen im wilden Revier,
Da sah ich voll Sterne das Himmelsgezelt,
Doch den Preis als dem lieblichsten Stern gab ich Dir.

Von Liebe war nur mir der Name bekannt,
Ihre Leidenschaft fühlte der Knabe noch nicht;
Doch was ich auf Schottlands Gebirgen empfand,
Das leuchtet und glüht mir in ewigem Licht;
Ein Bildniß nur lebte mir stets in der Brust,
Ich dacht' an kein Dort trotz dem einsamen Hier,
Ich wünschte mir wenig und fühlte nur Lust,
Und was ich mir wünschte, das fand ich in Dir.

Am Morgen von munteren Doggen umbellt,
Da zog ich die Berge, die Thäler entlang,
Ich schaute den Dee*, wie er woget und wellt,
Und hört' aus der Ferne den Hochlandsgesang;
Am Abend schlief sanft ich auf Moos und auf Kraut,
Und Träume von Mary verweilten bei mir,
Und glänzte die Morgenflur sonnig bethaut,
Galt mein allererstes Gebet, Mary, Dir.

Ich schied aus dem Land und ich träumte nicht mehr,
Die Berge sind fern und die Jugend dahin,
Und denk' ich zurück, wird das Herz mir nur schwer,
Da der Letzte des welkenden Stammes ich bin.
Ach, Glanz ward mir nur, zu verbittern mein Loos,
Gedenk' ich zurück, bricht das Herz mir wohl schier,
Denn hoff' ich auch nichts, und erinnr' ich mich bloß,
Ist kalt auch mein Herz, so gehört's doch noch Dir.

Seh jetzt einen Fels ich, der hoch sich erhebt,
So seh' ich den Fels, den bei Colbleen ich sah,
Und seh' ich ein Auge von Liebe belebt,
So denk' ich des Auges, das ewig mir nah;
Seh jetzt ich ein Lockenhaar leuchtend und hold,
So denk' ich, solch Haar war, Mary, deine Zier,
Ich seh deine Locken von wallendem Gold,
Die Locken, die heilig der Schönheit und Dir.

Vielleicht wohl erscheinet mir der Tag noch einmal,
Wo mein theueres Schottland ich wieder darf sehn,
Doch erschau' ich dann Alles im vorigen Strahl,
Wirst du, o Mary, doch nicht vor mir mehr stehn;
Lebt wohl, o ihr Hügel, mein Berg und mein Hain,
Leb' wohl, o mein Dee-Fluß auf Ewigkeit mir!
Was einstens gewesen, wird nie wieder sein,
Denn was, Mary, bin ich, was – ferne von Dir?

* Ein Fluß in Schottland

(Übersetzt von Ernst Ortlepp 1800-1864)

Aus: Lord Byron's sämmtliche Werke
Nach den Anforderungen unserer Zeit
neu übersetzt von Mehreren.
Erster Band Stuttgart 1839 (S. 141-142)
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Lied

Erinnre mich nicht an die sel'gen Stunden,
Die mir in deinen Armen hingeschwunden,
Wo ich geathmet nur für dich allein;
Die Himmel, die ich all in dir besessen,
Mein Götterglück – ich werd' es nie vergessen,
Es wird mir folgen bis in's bess're Sein.

Das Eine fühlte, was das Andre fühlte,
Wenn ich in deinen goldnen Locken wühlte,
Und Beider Herz in wildem Sturme schlug;
Noch seh' ich deines Busens hohe Wellen,
Noch seh' ich deine Purpurlippen schwellen,
Und les' in deiner Augen Zauberbuch.

Ich sehe dich an meiner Brust noch liegend,
Zurückgebeugt, besiegt, und mich besiegend,
Durch Widerstreben doppelt nur verschönt,
Bis wir uns faßten eng und immer enger,
Und bis die Küsse glühten lang und länger,
Und bis ich starb in dir, mit Sieg bekrönt.

Ich sehe dich von Seligkeit umflossen,
Seh', wie sich träum'risch deine Augen schlossen,
Und uns die ganze Welt umher verschwand;
Bald senkten da sich deine Augenlider
Halbschlummernd, und bald hoben sie sich wieder,
Wie schwarze Raben auf beschneitem Land.

Ich sah dich in der letzten Nacht im Traume,
Und schweifte in verschwund'ner Zeiten Raume,
Ha, und da warst du so unendlich schön!
Wer dich nicht sah, der kann sich nimmer malen
Solch einer Sonne tausendfache Strahlen;
Was er von Schönheit spricht, ist leer Getön.

Darum erinn're mich nicht an die Stunden,
Die mir in deinen Armen hingeschwunden,
Von denen nur ein Traum zurück mir blieb;
Die Himmel all', die ich in dir besessen,
Erst in dem Grabe kann ich sie vergessen,
Und selbst im Grabe hab' ich dich noch lieb.
 

(Übersetzt von Ernst Ortlepp 1800-1864)

Aus: Lord Byron's sämmtliche Werke
Nach den Anforderungen unserer Zeit
neu übersetzt von Mehreren.
Erster Band Stuttgart 1839 (S. 179-180)
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An die Geliebte nach ihrer Vermählung

Es blüht' ein Lenz, ich nenn' ihn nicht,
Denn er wird nie vergessen sein,
Wo unser Leben war Gedicht,
Wo ich ganz dein war und du mein.

Seit jenen Stunden, wo dein Arm
Zum ersten Male mich umfaßt,
Empfand ich auch so manchen Harm,
Den du nicht mitempfunden hast.

Doch nichts erschuf mir tiefern Schmerz,
Als der Gedank': "Es ist vorbei!
Dem zweiten Herzen fehlt ein Herz!
Sein Lieben war nur Tändelei!"

Jedoch ein Trost bot sich mir dar,
Als jüngst dein holder Mund erklärt,
Was ich gehalten einst für wahr:
"Es sei dir jene Zeit noch werth."

Und bist du, seit du schiedst von mir,
O theure Freundin, feind mir auch,
Entzückt mich doch ein Blick von dir
Wie Sonnenschein und Frühlingshauch.

Ruh' gibt mir der Gedanke doch
Und heilt balsamisch meine Pein:
"Was du auch warst und werdest noch,
Du warst einmal doch einzig mein!"
 

(Übersetzt von Ernst Ortlepp 1800-1864)

Aus: Lord Byron's sämmtliche Werke
Nach den Anforderungen unserer Zeit
neu übersetzt von Mehreren.
Erster Band Stuttgart 1839 (S. 180-181)
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An eine Dame

Und willst du weinen, wenn ich sank?
Sag's noch einmal, mein holder Stern!
Doch schweige, macht das Wort dich krank,
Denn krank säh' ich dich nimmer gern.

Mein Herz ist kalt – ich hoffe nicht,
In meinen Adern stockt das Blut,
Und sterb' ich, wirst nur du, mein Licht,
Ihm nahen, der im Grabe ruht.

Und doch erscheint mir in der Nacht
Ein Strahl, der Himmelstrost mir gibt,
Der meine Sorgen schweigen macht,
Und sagt, daß du mich einst geliebt.

Dank jeder Thräne, die du weinst
Für einen thränenlosen Mann,
Noch theurer bist du jetzt als einst
Ihm, der nun nicht mehr weinen kann.

Süß Mädchen, einst erglüht' ich heiß,
Als mich umschlang dein weicher Arm,
Doch jetzt, wo ich von Qual nur weiß,
Macht Liebe selbst mich nicht mehr warm.

Und weinen willst du, wenn ich sank?
Sag's noch einmal, mein holder Stern!
Doch schweige, macht das Wort dich krank,
Denn krank säh' ich dich nimmer gern.
 

(Übersetzt von Ernst Ortlepp 1800-1864)

Aus: Lord Byron's sämmtliche Werke
Nach den Anforderungen unserer Zeit
neu übersetzt von Mehreren.
Erster Band Stuttgart 1839 (S. 181-182)
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"Holdes Mädchen von Athen"

Holdes Mädchen von Athen,
Eh wir voneinander gehn,
Gib und nimm das Herz zurück
Nimm dafür mein Lebensglück!
Eh' ich scheide, höre mich:
"Leben mein, ich liebe dich!"

Ja, bei deinem goldnen Haar,
Das ein Spiel der Lüfte war,
Bei dem zarten Augenlied,
Dem ich sang so manches Lied,
Bei dem Auge, dem nichts glich:
"Leben mein, ich liebe dich!"

Bei dem Munde, der mir lacht,
Bei des Wuchses Götterpracht,
Bei der Blumensprache Bann,
Den das Wort nicht nennen kann,
Bei dem Glück, das uns entwich:
"Leben mein, ich liebe dich!"

Mädchen, bin ich dir nun fern,
Denke mein, du holder Stern!
Geh ich auch nach Stambul hin,
Bleibt doch in Athen mein Sinn;
Dir gehört mein ganzes Ich:
"Leben mein, ich liebe dich!"
(Athen 1810)

(Übersetzt von Ernst Ortlepp 1800-1864)

Aus: Lord Byron's sämmtliche Werke
Nach den Anforderungen unserer Zeit
neu übersetzt von Mehreren.
Erster Band Stuttgart 1839 (S. 203-204)
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Sie geht in Schönheit

Sie geht in Schönheit gleich der Nacht
Mit wolkenlosem Sternenschein,
Geschmückt allein mit ihrer Pracht,
Geschmückt mit ihrem Reiz allein;
Seht, welch' ein Zauber sie umlacht!
So herrlich kann die Nacht nie seyn!

Ein Schatten wen'ger oder Licht! -
Sie wär' die halbe Schönheit bloß!
Die Locke wär' so magisch nicht!
Des Auges Herrschaft nicht so groß!
So süß nicht des Gedankens Licht,
Das ruhet in der Wimpern Schoos!

Ha, sieh die Wang', die Stirn sieh an!
Sie ist so sanft, beredt und hold!
Ihr Lächeln zaubert himmelan,
Ein Eden wird dir aufgerollt;
Hinschmilzt das Herz und betet an
Der Unschuld allerreinstes Gold!
 

(Übersetzt von Ernst Ortlepp 1800-1864)

Aus: Lord Byron's sämmtliche Werke
Nach den Anforderungen unserer Zeit
neu übersetzt von Mehreren.
Zweiter Band Stuttgart 1839 (S. 55)
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