Europäische Liebeslyrik

(in deutscher Übersetzung)

Edward Charles Halle (1846-1914) - Die Musik


 

Luis de Camoes (1524-1579)

(In der Übersetzung von Ludwig von Arentsschildt 1807-1883)


 

Sonette


7.
Als ich von Liebe noch allein mich nährte,
War ich nicht stets am Ruder festgebunden,
Bald hab' ich frei, bald unfrei mich empfunden,
Der ich mich stets in neuer Glut verzehrte.

Beständigkeit das Schicksal mir verwehrte:
Der Leiden Wechsel hab' ich zwar gefunden,
Doch nie vernarben dem die tiefen Wunden,
Der immerdar des Glückes Gunst entbehrte.

Und war ich leidenfrei auch kurze Zeit,
So war's gleich Einem, der mit Mühe rastet,
Daß er gestärkt aufs neue sich belastet.

Doch sei der Gott gepriesen für mein Leid,
Dem es gefiel, mit meinen bittern Schmerzen
Gleich einem heitern Zeitvertreib zu scherzen.
(S. 9)
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8.
Du senktest tief leidschwere Augenlider,
Dein Flammenblick den Kummer nicht verschloß,
Klar, wie ein Quell, der hin durch Blumen floß,
Von deiner Wange fiel die Thräne nieder.

Das weckte mir erstorbne Hoffnung wieder:
In Thränen sich die süße Lust ergoß:
Ein Blitz des Glücks durch meine Seele schoß,
Im Herzen regt' es sich, wie neue Lieder.

Es schwört der Gott, ein holdes Mitleid habe
Erzeugt dein Weinen. Ach! den Sinn bethört
Der Glaube schon, daß Wahrheit sprach der Knabe.

Aus Thränen, die im Aug' des Mitleids schwellen,
Der Gott in einem Augenblick beschwört
Die Thränen, die dem Born des Glücks entquellen.
(S. 10)
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9.
So ganz die Widersprüche mich umwanden,
Daß mich der Frost in Flammen macht erbeben,
Daß Lust und Leid sich ohne Grund verweben:
Zum Hafen streb' ich, ohne je zu landen.

Im Widerstreit ist, was die Sinn' empfanden;
Die Seele flammt, das Aug' ist nachtumgeben;
In Hoffnung reich ist voller Furcht mein Leben;
Vernünftig bald, bald in des Irrwahns Banden.

Zum Himmel schweb' ich auf, gebannt am Grunde;
Im Augenblick durchleb' ich hundert Jahr';
In hundert Jahren doch nicht eine Stunde.

Und wenn mich Einer fragt, wie es geschehen,
Ich weiß es nicht, doch scheint mir dieses wahr:
Es ist, weil ich, o Herrin, dich gesehen.
(S. 11)
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10.
Wer liebt, ist im Geliebten ganz verschwunden,
Weil er in diesem völlig aufgegangen:
Ich hege keinen Wunsch mehr, kein Verlangen,
Weil das Ersehnte meinem Ich verbunden.

Und hab' ich dich in meinem Geist empfunden,
Was kann der Körper weiter noch erlangen?
Ihn hält ein Frieden wunderbar umfangen,
Weil er die liebe Seele fest umwunden.

Doch jene Göttin, rein und ohne Fehle,
Verwuchs untrennbar fest mit meiner Seele,
Wie Geist und Körper innig sich verweben;

Sie lebt in mir, ein reiner Lichtgedanke.
Und jene Liebe, die mir gab das Leben,
Strebt nach Gestaltung in bestimmter Schranke.
(S. 12)
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11.
Ich bin in meinem Schmerz so ohne Gleichen,
Ob groß', ob kleine Leiden mich geschlagen,
Daß mir der Gott, weil ich sie gern ertragen,
Als meinen Lohn müßt' größre Schmerzen reichen.

Doch tödtet er mich nur mit kleinen Streichen,
Ein langsam Gift soll mir die Kraft zernagen,
Indem er umstößt das Gesetz der Plagen,
Und kalt versagt den Schmerz dem Schmerzenreichen.

Doch wenn er boshaft sinnt auf solche Tücke,
Daß er der Leiden Schuld mit Leid entrichte,
Werd' ich vergehn wie Schnee im Sonnenlichte.

Doch sieht er, wie das Weh mir wird zum Glücke,
Wird geizig er der Schmerzen Last erschweren,
Weil, wie er zahlt, sich seine Schulden mehren.
(S. 13)
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13.
In einem Garten, wo in bunter Pracht
Viel duft'ge Blumen bei einander standen,
Sich eines Tags von ungefähr verbanden
Der Schönheit holde Göttin und der Jagd.

Dione lobt der Feuerlilie Pracht
- So viel der Blumen aber auch sich fanden,
Das Veilchen blüht am schönsten in den Landen -
Diana preist, wie hold die Rose lacht.

So sprach der Liebe Göttin zu dem Sohne,
Cupido, der sich beiden dort vereint:
Von diesen drein, wer trägt der Schönheit Krone?

Und lächelnd diese Antwort gab der Lose:
Schön sind sie alle, aber mir erscheint
Das Veilchen schöner als Lilie und Rose.
(S. 15)
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14.
Vom Mittagsbrand ermattet ruht das Wild,
Nur Liso fühlet nicht der Sonne Schein;
Der Glut, die ihn verzehrt, kann Sie allein
Nur Lind'rung schaffen, die sein Herz erfüllt.

Bang schallen seine Klagen durchs Gefild,
Und selbst der Fels fühlt Mitleid und der Hain,
Doch sie erweichen nicht das Herz von Stein,
Das ganz erfüllt ein andres, fremdes Bild.

Vom Irren in der Wildniß ganz ermattet,
Hat er dies dunkle Wort von seinen Schmerzen
In einer Buche Rinde eingeschrieben:

Hofft nicht auf Weiber, die einst lieb ihr hattet,
Denn also schuf Natur die leichten Herzen,
Daß sie im Wechsel nur beständig blieben.
(S. 16)
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15.
Schon seh' ich Amor neue Netze weben,
Mir zu bereiten unerhörte Leiden;
Doch von der Hoffnung kann er mich nicht scheiden,
Weil ich sie nie besaß in meinem Leben.

Von welcher Hoffnung, seht nur, muß ich leben!
Wer wird mich je um solchen Trost beneiden!
Der wird den Sturm nicht fürchtend mehr vermeiden,
Der steuerlos den Wellen preisgegeben.

Ob auch kein Schmerz mich Hoffnungslosen quäle,
Hat doch die Lieb' ein Leiden mir beschworen,
Ein tödtliches, das mordet ungesehen.

Ich fühle schon seit Tagen in der Seele,
Ich weiß nicht was, noch wo es ist geboren,
Das kommt, das schmerzt - ich weiß nicht, wie's geschehen.
(S. 17)
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16.
Wer deiner Augen Zaubermacht empfunden,
Wem hell ihr Glanz der Liebe Glut entfacht,
Erblindet nicht sein Aug' an ihrer Pracht,
So hat er leichten Kaufs sein Glück gefunden.

Der Preis schien mir gerecht in allen Stunden.
Doch ich hab' Seel' und Leben dargebracht,
Daß freundlich mir einmal sein Blick gelacht -
Nun ist mir Alles, was ich hatt', entschwunden.

Die Hoffnung, lange schon, und Seel' und Leben,
So viel sonst mein war, Alles ist dein eigen:
Doch ich allein darf auch die Zinsen heben.

Des Vortheils Schale müßte mir sich neigen:
Dir gab ich Alles, was ich bin und habe,
Doch wächst die Schuld mit jeder neuen Gabe.
(S. 18)
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17.
Wenn aus dem holden Lächeln, der Geberde
Mein Auge trinkt ein volles, süßes Leben,
Fühl' ich den Geist so freudig sich erheben,
Daß mir ein Paradies erscheint die Erde.

Wer nie das Glück gepflegt an seinem Herde,
Sieht jedes andre Gut wie Duft verschweben,
Und wenig braucht's, wem solch ein Loos gegeben,
Daß die Vernunft ihm fremd und treulos werde.

Ich werde nie mich mühn, dein Lob zu künden,
Weß Seele deiner Anmuth Glanz erhellt,
Weiß, daß kein Mensch vermag sie zu ergründen.

Du bist ein solches Wunder dieser Welt,
Wer dich erschuf, ein jeder glaubt es gerne,
Daß er den Himmel schuf und alle Sterne.
(S. 19)
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18.
Da meines Glückes Sonne sank zu Thal,
Du süß Erinnern der Vergangenheit,
Warum erneust du stündlich mir das Leid?
O laß mich Ruhe finden doch einmal!

Es hegt mein Herz Geschichten sonder Zahl,
Erträumten Glücks erlogne Herrlichkeit.
Und war es auch kein Wahn - er floh so weit!
Und mir blieb nichts als der Erinn'rung Qual.

Ich lebe nur von ihr, und bin vergessen
Von jener, die stets meiner denken müßte,
Wenn ihr wie mir Erinn'rung lieblich wäre.

O, wem ein zweites Leben zugemessen!
Wenn mich das Glück mit warmer Lippe küßte,
Wie wollt' ich nützen dieser Leiden Lehre!
(S. 20)
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19.
Du meine Seele, die so früh geschieden
Aus diesem Leben, das dir nicht gefallen,
Jetzt ruhst du ewig in des Himmels Hallen,
Indeß ich leb' im steten Schmerz hienieden.

Lebt das Gedächtniß fort im Himmelsfrieden,
Wenn auf zu dir der Erde Klagen schallen,
Gedenk der Liebe, dir geweiht vor Allen,
Die du in meinen Blicken nicht vermieden.

Und wenn das Leben, das mich schwer bedrückt,
Für das ich keinen Trost hier finde, keinen,
Wenn dich des Herzens bange Sehnsucht rührt:

So bitte Gott, der dich so früh entrückt,
Mit dir so schnell mich wieder zu vereinen,
Wie er dich schnell dem trüben Blick entführt.
(S. 21)
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20.
In einem Hain, der Nymphen duft'gem Reich,
Hat sich Sibylla eines Tags ergangen;
Vom dichten Schatten eines Baums umfangen,
Pflückt gelbe Blüten sie von schlankem Zweig.

Cupido, für des Mittags Glut zu weich,
Schläft dort in süßen Traumes Arm gefangen;
An einem Ast nachlässig aufgehangen,
Ruht Pfeil und Bogen mit dem Gott zugleich.

Zum großen Werk schickt sich die Nymph' in Eile,
Da sie sich so vom Glück begünstigt sieht:
Leicht mit des Gottes Waffen sie entschwebt.

Den Augen jetzt entsendet sie die Pfeile.
Ihr Hirten, flieht, sie tödtet Alle, flieht!
Nur mich allein nicht, der vom Tode lebt.
(S. 22)
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22.
Als ich die Hand zum Abschied dir gereicht,
Hab' ich des Todes bittern Schmerz empfunden;
O, thöricht, wer vertraut den falschen Stunden,
Dem Stern des Glücks, der aufflammt - und erbleicht.

Dem schon der Tod durch alle Adern schleicht,
Er bleibt durch alle Zeit dir treu verbunden,
Des sei gewiß: dem Schmerze seiner Wunden
Ist selbst des Todes tiefer Schlaf zu leicht.

Und um dein Fernsein will ich lieber klagen,
Als mich an irgend einem Glück erfreun;
Ob du dich selbst vergißt, ich kann es nicht.

Gern will ich der Erinn'rung Schmerz ertragen,
Mein stolzes Recht mir stündlich zu erneun,
Daß ich es werth bin, daß mein Herz dir bricht.
(S. 24)
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23.
Du süße Feindin, deren zarte Hand
Die feinen Fäden meines Glücks geschlagen,
Ach, nicht einmal dein Grab kann ich erfragen,
Und ohne Trost irr' ich von Land zu Land.

Du schläfst für immer in des Meeres Sand.
Ob deinem Grab die wilden Fluten schlagen:
So lang ich lebe, werd' ich um dich klagen,
Wirst du von mir als höchstes Gut erkannt.

Und wenn die Kraft gegeben meinem Wort,
Daß es durchtönt der Zeiten lange Reihe,
Klingt unsrer Liebe Sage fort und fort.

Und wo ein Volk empfing des Schönen Weihe,
Ein Herz der Saiten süßem Klang erbebt,
Dein Bild in ew'gem Jugendglanze lebt.
(S. 25)
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24.
Du Früherwachte aus des Lebens Traum,
Der zartes Mitleid einst das Herz belebt,
Du sollst, so lang' ein Herz in Sehnsucht bebt,
Ewig gepriesen sein durch Zeit und Raum.

Als du die Augen aufgeschlagen kaum,
Der Sonne gleich, die rein im Aether schwebt,
Zerriß der Faden, allzu fein gewebt,
Im Tod, vor dem ein jeder Wille Schaum.

Du sahst der Thränen Quellen sich ergießen,
Aus meinen Augen glühend niederfluten,
In einem großen Strom zusammenfließen;

Vernahmst den Schrei, dem tiefsten Weh entstammten,
Der kalt erstarren machte Feuers Gluten,
Daß selbst aus Mitleid weinten die Verdammten.
(S. 26)
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25.
Wenn, als die süße Hoffnung mich verlassen,
Zugleich auch die Erinn'rung wär' entschwunden
Vergangnen Glücks, des Weh's der heut'gen Stunden,
Trüg' ich des Lebens Wechselloos gelassen.

Es kann mein Leiden nimmerdar erblassen,
Denn jedes Glück, das mich mit dir verbunden,
Zeigt mir der Gott, bis wild den Todeswunden
Erynnien gleich Erinnerungen fassen.

Die Dinge, deren kaum ich noch im Innern
Ein Zeichen trage, weil sie längst vergessen,
Zu meiner Pein mich sonnenhell umstrahlen.

O hartes Schicksal! unerhörte Qualen!
Wem war ein Weh wie meines zugemessen?
Entschwundnen Glücks im Leid sich zu erinnern.
(S. 27)
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26.
Lethea trotzt auf ihrer Schönheit Macht:
So sehr ist sie von Eitelkeit bethört,
Daß sie selbst gegen Götter sich empört,
In frechem Stolz die Ewigen verlacht.

Doch schnell der Groll der Himmlischen erwacht,
Der ihr die wohlverdiente Rache schwört,
Wie es für solche Frechheit sich gehört:
Das hat ihr trüben Untergang gebracht.

Oleno, der sein Leben ihr geweiht,
Der nicht ertragen kann das tiefe Leid,
Daß solche Schönheit harte Straf' erleide,

Ist ihre Schuld zu tragen schnell bereit;
Daß selbst der Tod nicht Lieb' von Liebe scheide,
Sind schnell in einen Fels verwandelt Beide.
(S. 28)
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27.
Ihr Leiden, die ihr mich so hart geschlagen,
Wann ruht eu'r wildes Zürnen doch einmal?
Was häuft ihr unermüdet Qual auf Qual?
Ist's nicht genug des Wehs, das ich ertragen?

Doch wenn ihr stolz geglaubt, ihr dürftet wagen,
Zu löschen meiner Seelen Flammenstrahl,
Seid ihr bethört, denn stärker tausendmal
Als ihr ist meiner Liebe kühnes Wagen.

Doch wenn ihr mir zugleich mit meinem Leid
Das Leben nehmt, das meinen Schmerz ernährt,
So will ich freudig ruhn im Schooß der Erden.

Dann ist uns Beiden unser Wunsch gewährt,
Euch, daß in diesem Kampf' ihr Sieger seid,
Und mir, im Tod von euch besiegt zu werden.
(S. 29)
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28.
In dir seh' ich den Lenz, den blütenvollen,
Den jugendschönen, glänzend aufgegangen,
Denn deinen Lippen, deinen zarten Wangen
Ist Ros' an Ros' und Nelk' an Nelk' entquollen.

So herrlich hat Natur dich schmücken wollen
Mit ihrer schönsten Farben reichstem Prangen,
Daß Berg und Wald erfüllt ein heiß Verlangen,
In Liebesweh des Flusses Wellen rollen.

Doch willst du nicht, daß wer dich liebt, die Blüten
Sich pflücken, flechten darf zum Kranz der Lust,
Wirst bald du sehn, wie flüchtig sie verglühten,

Denn wenig hilft es, daß dir Wang' und Brust
In seltner Schöne duft'gem Reiz erblühten,
Trägst du im öden Geist des Unkrauts Wust.
(S. 30)
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29.
Um Rahel diente Jakob sieben Jahr
Dem Laban, Rahel's Vater, doch sein Streben
Galt nicht dem Vater, nur der Tochter eben,
Die ihm der einz'ge Preis der Arbeit war.

Für einen Tag entschwanden hoffnungsklar
Die andern, stündlich flog dahin sein Leben:
Allein der Vater, arger List ergeben,
Bringt für die Rahel ihm die Lea dar.

Erschrocken sieht der Hirt, daß er betrogen,
Wie wem der Kelch am Lippenrand zerbricht,
Die heißgeliebte Hirtin sich entzogen.

Und andre sieben Jahr' ist er geblieben.
Er spricht: gern dient' ich länger, wäre nicht
Zu kurz dies Leben für so langes Lieben.
(S. 31)
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30.
Es ordnet zart das süße Vögelein
Mit seinem Schnabel seine bunten Schwingen,
Vom Blütenzweig die hellen Töne klingen,
Wild, regellos in goldnem Sonnenschein.

Ein Jäger wandelt durch den duft'gen Hain,
Müd' von des Weidwerks heiterem Gelingen;
Läßt ihm durchs Herz des Pfeiles Spitze dringen;
Bereitet ihm das Nest still, kalt und klein.

So ward mein Herz vom süßen Leid getroffen,
Als es am froh'sten in der Brust mir spielte -
So war es längst beschlossen vom Geschicke -

Aus deinem Aug, so klar, so groß und offen,
Versteckt der Schütz nach meinem Herzen zielte,
Als ich geblendet war von deinem Blicke.
(S. 32)
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31.
Die Sehnsucht wünscht, daß ihr dein Auge lachte:
Sie weiß nicht, was sie will, sie ist betrogen.
Denn diese Lieb' ist zart wie Duftes Wogen,
Das Herz weiß kaum, was seinen Wunsch entfachte.

Es gibt kein Ding, das von Natur nicht trachte,
Daß es nicht werde seinem Selbst entzogen,
So hat die Sehnsucht auch sich selbst belogen,
Die das Ersehnte liebt, das Tod ihr brachte.

In mir allein geht dies Gesetz zu Grunde:
Denn wie der Stein, der aus der Höhe fällt,
Gezwungen wird zum Mittelpunkt zu streben,

So fühle, Herrin, ich in jeder Stunde,
Frei des Gesetzes, dem gehorcht die Welt,
Von mir zu dir entfliehen Geist und Leben.
(S. 33)
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32.
Warum verlangst du, Herrin, daß mein Leben
Ich solchem großen Leid zum Opfer bringe?
Ist es Verdienst um dich, ob auch geringe,
So duld' ich willig, ohne Widerstreben.

Könnt' ich durch Schmerzen mich zu dir erheben,
So wär' ich sicher, daß mein Wunsch gelinge:
Doch Thorheit ist es, mit des Falters Schwinge
Zum Felsenhorst des Adlers aufzuschweben.

So kühlet nichts das Brennen meiner Wunden,
Und doch wirst du mein ew'ger Schuldner sein,
Weil ich vermocht, dein Zürnen zu ertragen.

Wenn nur, wer ebenbürtig dir erfunden,
Ein Recht besitzt, sein Leben dir zu weihn,
Darfst du allein dich nur zu lieben wagen.
(S. 34)
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33.
Soll ich erdulden dieses tiefe Leid,
Als Strafe für das Weh, das ich erlitten,
Sieh, diese Seele, welche unbestritten
Dir angehört, ist deinem Zorn geweiht

Und duldet willig deine Grausamkeit.
Ich werde dich mit keinem Wort erbitten,
Denn größ're Qual erduldet' ich inmitten
Von dieses Lebens wechselvollem Streit.

Was aber soll vor deinem Blick mich schützen,
Den nie ein Flehn zum Mitleid wird bewegen?
Ich halte ihm als Schild mein Herz entgegen;

Denn besser, als von halbzerstörten Schanzen
Im eiteln Kampf das beste Blut verspritzen,
Werf' ich, Schutz suchend, schnell mich in die Lanzen.
(S. 35)
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34.
Wenn still und klar die Sonn' hinabgegangen,
Die Welt erfüllt des Zwielichts milder Schein,
Geh' ich den Strand entlang im duft'gen Hain,
Der süßen Feindin denkend mit Verlangen.

Hier schmückte sie der goldnen Locken Schlangen:
Dort stützt' das Haupt die Hand von Elfenbein;
Hier schien sie froh und dort betrübt zu sein;
Bald ruhte sie, bald war sie fortgegangen.

Hier saß ich, hier hat mich ihr Blick getroffen,
Als sie die klaren Augen aufgeschlagen,
Bald stolz und bald doch auch, als dürf' ich hoffen;

Hier lachte sie, und dort hört' ich sie klagen -
Und solchem eiteln Sinnen hingegeben,
Verzehrt in ew'ger Sehnsucht sich mein Leben.
(S. 36)
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35.
Ein Blick der Augen, eigen, mild und zart;
Liebliches Lächeln, fast doch wie erzwungen;
Demuth und Anmuth, wunderhold verschlungen,
Mit heitrem Frohsinn wunderbar gepaart;

Jungfräulich sicher, doch vor Stolz bewahrt;
Ein Herzensfriede, mühsam nicht errungen;
Und eine Güte, die mit tausend Zungen
Der klaren Seele Reinheit offenbart;

Und eine Sanftmuth, und ein furchtsam Wagen;
Ein Bangen, ohne Schuld; ein heitres Blicken;
Geduldiges, gehorsames Ertragen:

Das sind die Reize, welche mich umstricken,
Das Gift der Circe, der die Kräft' erlagen
Deß, den verwandelt hat ihr zaubrisch Nicken.
(S. 37)
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36.
Als ich, die Waffen in den Händen, wachte,
Ward ich von deiner Schönheit Macht gebunden:
Nun hat als eitel Jeder es empfunden,
Wer deinen Augen zu entfliehn gedachte.

Die meiner Thorheit siegessicher lachte,
Ließ die Vernunft sich waffnen viele Stunden:
Jetzt büß' ich meinen Stolz im Schmerz der Wunden:
Der Himmel Menschenwitz zunichte machte.

Doch warst du auch vom Schicksal auserlesen,
Dich mit des Sieges Lorbeerkranz zu krönen,
Kannst du doch kaum nach ihm Verlangen tragen.

Denn, wenn ich vorbereitet auch gewesen,
Für dich gehört der Sieg nicht zu den schönen,
Mein ist der größre Ruhm, von dir geschlagen.
(S. 38)
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38.
Ihr schönen Augen, welche unsrer Zeit
Geschenkt, des Himmels Glanz zu offenbaren,
Wollt eure Zauberallmacht ihr erfahren,
So schaut auf mich, deß Seele euch geweiht.

Es liegt des Lebens Lust, des Lebens Leid
In eures Lächelns Macht, des wunderklaren:
Ich, welchem stündlich wachsen die Gefahren,
Bin auf den schlimmsten Ausgang längst bereit.

Und hegest du, dich anzuschaun, Verlangen,
Aus meinem Geist, dem deines Bildes vollen,
Wird dir der deine klar entgegenstrahlen.

Doch, um mich nicht zu sehn, so muß ich bangen,
Wirst du dich selbst dort nicht erblicken wollen:
So große Freud' hast du an meinen Qualen.
(S. 40)
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39.
Als dich die Kerze schaute, wie ich dich
Mit meines Geistes Augen stets betrachte,
Der Sehnsucht Feuer ihre Glut entfachte
Zu dir, vor der der Sonne Glanz erblich.

Von Doppelglut verzehrt, empörte sich,
Die ungeduldig dich zu küssen dachte,
Uneingedenk des Schadens, den sie brachte -
Von ihrem Kuß das Zeichen noch nicht wich.

Glücksel'ge Flamme, welche kühn gewagt
Den Schmerz zu stillen mit der Sehnsucht Muth,
Da, wo die Sonne selbst in Furcht verzagt!

Das Element auch deine Macht verkündet:
Und jenen Schnee verzehrt des Feuers Glut,
Der Herzen und Gedanken uns entzündet.
(S. 44)
_____


40.
Der Felder frisches Grün, der duft'ge Hain,
Der kühlen Bäche Flut, der ewig hellen,
Die aus der Berge Felsengrotten quellen,
In denen ruht der Landschaft Widerschein;

Der Felsen reich Gebild in schroffen Reihn,
Die sich umher in wilder Ordnung stellen:
Ihr macht das Herz in Freude nicht mehr schwellen,
Seit Sie entfernt, durch die ihr schön allein.

Ihr seht mich nicht mehr, wie ihr einst mich saht.
Der grüne Hain kann keine Lust mir schenken,
Noch auch der Quellen sonniges Erglühn.

Ihr weckt in mir ein banges Angedenken:
Von meinen glühen Thränen wächst die Saat,
Aus der der Sehnsucht dunkle Blumen blühn.
(S. 42)
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41.
Die Spindel oft Deliana's Hand entfällt,
Die Thränen zittern auf den schönen Wangen.
Laurenio im sehnenden Verlangen
Fühlt tief sein Herz von ihrem Zorn vergällt.

Sie, welchem Sylvio ist all die Welt,
Sehnt sich umsonst nach ihm mit heißem Bangen. -
Wie könnte Jemand Trost von dem verlangen,
Der sich im Schmerz des eignen Wehs gefällt!

Laurenio, der die Wahrheit eingesehn,
Sprach schluchzend, und die dichten Haine klagen,
Von seinem Schmerz zum Mitgefühl erregt:

Wie konnt' es je nach Gottes Rath geschehn,
Daß Herzen, die in gleichem Leide schlagen,
Von so verschiednen Wünschen sind bewegt.
(S. 43)
_____


42.
Du schöne Locke, seidenreich und klar,
Des wohlverdienten Lohnes Unterpfand,
Hat schon dein Anblick mir den Geist entwandt,
Was wird das Haupt erst thun mit blondem Haar?

Und ließest deshalb du, der Fesseln bar,
Die Flechten fliegen, um mit karger Hand
Almosen mir zu reichen, schönes Band?
Willst du den armen Bettler morden gar?

Du strahlst in meiner Hand, ein goldnes Licht;
Ich hege dich als Balsam meiner Schmerzen,
Weil mir ein jeder andre Trost gebricht.

Stillst du auch nicht die Sehnsucht mir im Herzen,
Sollst du mir, wie die Knosp' im Rosenkranze,
Als Theil, ein Sinnbild bleiben für das Ganze.
(S. 44)
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43.
Der Schwan, fühlt er des Lebens Ende nahn,
Vom Schmerz der Trennung wehmuthsvoll bezwungen,
Hat sich mit klarem Ton emporgeschwungen,
Einsam hinauf zum lichten Sternenplan.

Er hoffet sehnsuchtsvoll im eiteln Wahn
Unsterblichkeit, vom Todespfeil durchdrungen;
Und wie des Liedes letzter Ton verklungen,
Erbleicht des Lebens schöner Blumenplan.

So, Herrin, als mein Lebensglück zerfallen,
Als ich der Liebe bittres Loos empfunden
Und mir von Leben wenig mehr geblieben:

Ließ ich in weichem Ton die Saiten schallen,
Sang deinen Zorn, den ich so schwer empfunden,
Dein Herz, das treulos falsche, und mein Lieben.
(S. 45)
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44.
Minerva, groß an Wissen und Verstand,
Und Venus, nie an Schönheit überwunden,
Diana, Juno, Königin der Stunden,
Sie werden hochverehrt in jedem Land;

Die Weisheit auch, die Geist und Leib verband,
Daß beide wunderbar sich eins empfunden,
Die das Gebäude dieser Welt verbunden,
Das sich den Elementen schön entwand.

Doch größre Wunder schaffte die Natur,
Indem sie, Herrinnen, in euch vereint,
Was dort in jeder einzeln nur erschienen,

Des Himmels Glanz, der Schmelz der Frühlingsflur,
Was lieblich rein und anmuthvoll erscheint,
Muß euch in Luft, Licht, Erd' und Wasser dienen.
(S. 46)
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45.
Es nahm Deliana, sich an dem zu rächen,
Für den ihr Herz in Liebe sonst geschlagen,
Den Hirten Gil; nun muß sie selbst ertragen
An fremder Schuld den Lohn der eignen Schwächen.

Der Wangen Rose bleicht in Thränenbächen,
Der heitre Scherz verwandelt sich in Klagen,
Die Hoffnung stirbt im traurigen Entsagen:
Denn Alles wird der Wankelmuth zerbrechen.

Ein zartes Kraut, verpflanzt in dürre Erde,
Die weiche Frucht, gepflückt von rauher Hand,
Der wahren Lieb' Erinn'rung, falsche Treue

Macht, daß ein Paradies zur Wüste werde:
Erlog'ne Liebe, ach zu spät erkannt!
Erfüllt der Schönheit Herz mit Schmerz und Reue.
(S. 47)
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46.
Ich weiß schon längst, was mir die Zukunft droht;
Es gleicht mein Leben einer trüben Sage,
Der tiefe Schatten der vergangnen Tage
Verhüllet dicht der Zukunft Morgenroth.

Des Schicksals Zorn, der Hoffnung früher Tod,
Wol hätt' ich Grund zu tiefempfundner Klage.
O daß ein Gott den Becher mild zerschlage,
Der mir nur Gift auf goldnem Grunde bot!

Das Glück hat niemals mir gelacht;
Daß meine Lieb' ein tief'res Elend quäle,
Ernährt sie sich mit eitler Träume Pracht.

Doch ob kein Stern mir segenbringend lacht,
Du lebest, Herrin, stets in meiner Seele -
An meinem Willen bricht des Schicksals Macht.
(S. 48)
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47.
Wenn du, o Herrin, nur ein einzig Mal
Mitleid mit meinem langen Schmerz empfunden,
So hätt' ich nimmerdar den Muth gefunden,
Von dir zu scheiden, meine süße Qual.

Lacht mir auch nicht mehr deiner Augen Strahl,
Doch bist du meinem Geist so fest verbunden,
Daß ich nicht glauben kann, du sei'st entschwunden,
Fühl' ich es auch am Leben, öd' und schal.

Ich scheide, Herrin, und in ew'ger Nacht
Wandl' ich fortan mit thränentrübem Aug',
Gleich Einem, dem erlosch der Sonne Glanz.

Am Grab des Glückes hält die Sehnsucht Wacht:
Ich war für dich nichts als ein flücht'ger Hauch:
Mir welket nimmer der Erinn'rung Kranz.
(S. 49)
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50.
Die letzte Hoffnung hab' ich aufgegeben,
Und, Liebe, deinen Tempel still beschritten;
Und aus dem Schiffbruch, welchen ich erlitten,
Weih' ich, anstatt der Kleider, dir mein Leben.

Was willst du mehr von mir, deß glühes Streben
Umsonst mit dir gerungen; dem entglitten
Die Siegeshoffnung auf der Laufbahn Mitten,
Deß Geister, wie gebannt, dich stets umschweben?

Nimm hin den Geist, die Hoffnung und das Leben;
Die Trümmer meines Glücks, das längst verschwunden;
Sie will es also, der ich mich ergeben.

Du darfst dich grausam freu'n an meinen Wunden:
Und hast du nicht genug an meinen Leiden,
So magst du dich an meinen Thränen weiden.
(S. 52)
_____


51.
Die Saiten tönten, und die Musen sangen:
Von ihrer Chöre Harmonie bezwungen,
Hat sich entzückt mein Geist emporgeschwungen,
Zu deinem Lobe meine Lieder klangen:

Heil sei dem Tag, da deine Rosenwangen,
Da deiner Augen Strahl mein Herz durchdrungen!
Ich Sel'ger halt' ein süßes Glück umschlungen,
Weit über alle Sehnsucht und Verlangen!

So prahlt' ich, als der Hoffnung Rad sich wandte,
Das sich im Kreise dreht gedankenschnelle,
Und mir die Liebe alles Glück entwandte.

In Mitternacht verschwand des Tages Helle:
Und wenn noch eine Hoffnung hegt das Herz,
So ist's auf irgend einen tiefern Schmerz.
(S. 53)
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53.
Montano ist getrennt von seiner Lieben,
Vom Glück, das er so lang und warm gepflegt.
Sein treues Herz ihr süßes Bildniß hegt:
Das ist fortan sein einz'ger Trost geblieben.

Und von der ind'schen Küste Felsgeschieben,
An die aufbrausend wild die Brandung schlägt,
Das Meer den trüben Blick zur Ferne trägt,
Doch seine Seufzer echolos zerstieben.

Dir, Himmel, sei der tiefe Schmerz geklagt,
So sprach er, dir der Seele glühes Sehnen,
Euch Sternen, die ihr jeden Trost versagt.

Tragt mit euch fort, ihr Wellen, meine Thränen,
Ist, wie die Sonne dort vom Himmelsbogen,
Mein ganzes Glück doch mit euch fortgezogen.
(S. 55)
_____


54.
Jetzt weiß ich es, daß, nur um seine Macht
Zu prüfen, mich von dir das Schicksal scheidet:
Die Schuld wird selbst zur Strafe dem, der leidet,
Von seinem Glück getrennt, in dunkler Nacht.

Daß mir dein Auge günstig nie gelacht,
An meinem Schmerz selbst nicht dein Geist sich weidet,
Daß mich dein Herz nicht sucht und nicht vermeidet,
Das hat mir mehr, als Trennung, Leid gebracht.

Deß Glück der Zorn des Schicksals jach zerschellt,
Der sich von seinem liebsten Glück geschieden,
Kann der ertragen dieses Lebens Pein?

Ein Herz erstarrt, deß Glück im Nu zerfällt:
O! Scheiden ist ein großer Schmerz hienieden,
Der größte aber ein Geschiedensein.
(S. 56)
_____


56.
Najaden, die ihr durch den duft'gen Wald
Die Bäche führt durch bunte Waldesauen,
In meinen Augen könnt ihr Quellen schauen,
Die nicht den andern weichen an Gehalt.

Dryaden, die ihr mit des Pfeils Gewalt
Den flücht'gen Hirsch erlegt in Bergersauen,
Ich kenne Augen, welche ohne Grauen
Auf Herzen zielen, stolz und grausam kalt.

Verlaßt die Köcher und die frischen Quellen,
Kommt schnell herbei, ihr Nymphen, wollt ihr sehen,
Welch' gift'ge Wunden schöne Augen ritzen.

Seht, wie umsonst die Tage mir vergehen:
In meinen Augen seht ihr eure Quellen,
In ihren Augen eure Pfeile blitzen.
(S. 58)
_____


58.
Wenn ich vermag, die Last so lang zu tragen,
Erliege ich nicht eh'r der Liebe Pein,
Bis ich verdunkelt seh der Sterne Schein,
Die einzig Glanz verliehen meinen Tagen:

Und wenn die Stunden, die an Allem nagen,
Der Wangen Rosen bleichen ein bei ein,
Wenn du verlassen wandelst und allein,
Die goldnen Locken Schnee des Alters tragen:

Dann wirst du, Herrin, auch verwandelt sehn
Des stolzen Herzens kalte Grausamkeit,
Dann ist's zu spät, die Schuld einzugestehn.

Dann duldest du fruchtloser Reue Leid:
Dann könnt' ich mich an deinen Thränenbächen
Für das, was ich durch dich gelitten, rächen.
(S. 60)
_____


60.
Wer hoffte je den Frieden zu bewahren,
Des Sehnsucht deiner Augen Glanz geweckt?
Dort hält der blinde Knabe sich versteckt,
Das wird ein Jeder bald genug erfahren.

Dort thront der Gott und sinnet auf Gefahren,
Von dort herab er die Andächt'gen neckt. -
Die Sehnsucht wird vom Schlummer bald erweckt,
Wo Jugend sich und Schönheit offenbaren.

Wer sieht, wie Rosen weißem Schnee entspringen,
Von krausem Goldgeflechte reich umgeben,
Das reine Lichter wunderbar durchstrahlen:

Sieht Goldgeschosse, wie ein Blitz, durchdringen
Die Seelen, die in Liebesandacht beben,
Wie Sonnenlicht durchdringt krystallne Schalen.
(S. 62)
_____


65.
Die Augen, welche selbst der Sonne Pracht
Verdunkeln, einzig leuchten meinem Leben,
Zu ihnen auf wagt' ich den Blick zu heben,
Nun hat ihr Glanz die meinen blind gemacht.

Gefesselt schwank' ich durch die dunkle Nacht:
Ich habe Wunsch und Willen aufgegeben;
Ich werde nicht aus meinen Banden streben,
Selbst an die Flucht hab' nimmer ich gedacht.

Und doch, wenn du mich angeschaut einmal
Im finstern Zorn, mit kaltem Augenstrahl,
Belebt die Seele sich, die fast erlegen.

O, zarte Heilung! fremder Widerspruch!
Ist schon dein Zorn zum Leben mir genug,
Wie würd' es sein, kämst du mir hold entgegen?
(S. 67)
_____


66.
Des Himmels Schönheit in der Erde Banden,
Die jedes Herz mit süßer Glut durchdrungen,
In deren Anschaun jeder Wunsch verklungen,
Und doch von keinem Menschengeist verstanden.

Wo lebten, die so hohen Muth empfanden,
Zu bringen dir vollgült'ge Huldigungen?
Du hast die Geister wunderbar bezwungen,
Die als Vasallen deinen Thron umstanden.

Wer deiner Reize kleinsten nur betrachtet,
Dem wird zum Paradies die weite Erde,
Es ist das Herz und der Verstand bethört.

Doch was zumeist in deinem Lob mich stört,
Ist, daß ich stumm in deiner Nähe werde,
Und bist du fern, ist mir der Geist umnachtet.
(S. 68)
_____


67.
Mein Auge wird nicht müde, zu beweinen
Den Schmerz, der sich mit jeder Stunde mehrt;
Stets wächst die Flamme, ewig unverzehrt. -
Ach, Amor hat kein Mitleid mit den Seinen!

Der Blinde führt mich irr' in wilden Hainen,
Aus denen keine Rückkehr mir gewährt:
Mir lauscht die Welt, deß Lied sein Leid verklärt,
Und ungerührt läßt es der Menschen keinen.

Und wenn in Wäldern, Wiesen und in Thalen
Noch irgend Liebe, Mitgefühl zu finden,
In Pflanz' und Wild, in Vogel, Fels und Fluten:

So lauschen sie der Sage meiner Qualen,
Und fühlen ihren Schmerz vor meinem schwinden:
Denn großes Leid kühlt kleinern Leidens Gluten.
(S. 69)
_____


68.
Befiehl mir, dich zu lieben, holdes Leben,
Ich folge gern dem lieblichen Gebot,
Deß Bruch mit deinem Zorne mich bedroht:
Dann ist berechtigt meiner Sehnsucht Streben.

Verbiet' mir alles Andre; darf ich leben
In deinem Anschaun, schwinden Müh' und Noth;
Und lacht mir nie der Liebe Morgenroth,
Darf ich doch nicht vor deinem Hasse beben.

Und willst du dieses grausam mir versagen,
Wenn ich um deine Huld vergebens werbe:
So duld' es gnädig, daß ich für dich sterbe.

Verweigerst du auch dies, so muß ich tragen,
Ich weiß nicht wie, ein Leben ohne Frieden,
Zufrieden doch mit dem, was du beschieden.
(S. 70)
_____


69.
Es muß der Rettung Telephus entsagen,
Denn ohne Hoffnung schmerzen seine Wunden,
Die der ihm schlug, den einst in nächt'gen Stunden
Die dunkle Flut des heil'gen Styx getragen.

Die Antwort gab Apoll auf seine Fragen:
Er werde leicht von seiner Qual gesunden,
Wenn jene Waffen ihn aufs neu' verwunden,
Das Schwert, das ihn zum ersten Mal geschlagen.

Ein gleiches Schicksal, Herrin, ist das meine. -
Zum Tod getroffen, weil ich dich gesehen,
Kannst du allein auch Rettung mir gewähren.

Doch strahlst du in so holder Anmuth Reine,
Daß, wie dem Kranken, es auch mir geschehen,
Dem, trinkend, sich des Durstes Qualen mehren.
(S. 71)
_____


72.
Wenn, müde von dem Leid, das ich ertragen,
Ein tiefer Schlaf umhüllt die Augenlider,
Kehrt jene mir in süßen Träumen wieder,
Die mir ein Traum war in entschwund'nen Tagen.

In eine öde Wüstenei verschlagen -
Auf halbem Weg sinkt matt das Auge nieder -
Verfolg' ich sie, die leicht, wie Waldgefieder,
Mich flieht, und ach! ich kann sie nicht erjagen.

Ich rufe: Fliehe nicht, geliebter Schatten!
In ihrem Aug', im sanften, kummermatten,
Les' ich: Es kann nicht sein! in einer Thräne.

Sie flieht, ich rufe: Dina - o noch mene
Der Lipp' entflohen, wach' ich auf und sehe,
Daß ich das Glück selbst nicht im Traum erflehe.
(S. 74)
_____


73.
Ihr flammenden Gesänge, die den Muth
Mir aufrecht hieltet in dem Druck der Leiden,
Ihr bleibt zurück, muß ich vom Leben scheiden,
Ihr dürft nicht untergehn in Lethes Flut.

Daß die Jahrhunderte an eurer Glut,
Die Völker sich an euern Flammen weiden;
Durch euch gewarnet, die Gefahr vermeiden,
Sich glücklich bergen, froh der sichern Hut.

Und seht ihr Einen, der sein ganz Vertrauen
Gesetzt auf Glück und Liebe, deren Leiden
Von Vielen wird für Seligkeit gehalten:

So saget ihm, die ihr gedienet beiden,
Daß treulos ist das Glück und voller Grauen,
Und falsch und trügerisch der Liebe Walten.
(S. 75)
_____


74.
Ob ihren Stolz die Unbarmherz'ge nähret
Mit meines Lebens bestem Herzensblut,
Doch wächst in jedem Augenblick die Glut,
Und flammt empor, je mehr sie mich verzehret.

Und ist durch sie allein die Welt belehret
Von dem, was edel ist und schön und gut,
Wie kommt's, daß sie mir so viel Leides thut?
Ja, daß sie stolz selbst meinen Tod begehret?

Den duft'gen Lorbeer flicht um deinen Scheitel,
Besiege, Herrin, mich, nimm mich gefangen,
Laß durch die Welt die Siegeshymne schallen.

Ich bin so sehr auf meine Schmerzen eitel,
Daß, solltest du nach meinem Tod verlangen,
Der Ruhm erschien mir neideswerth vor allen.
(S. 76)
_____


75.
Vor Vielen preis' ich glücklich, wer allein
Die Launen der Geliebten muß beklagen,
Denn er darf hoffen, daß in bessern Tagen
Ihm freundlich lächle einst des Glückes Schein.

Auch jene sollen mir gepriesen sein,
Die in der Ferne Schmerz der Sehnsucht tragen;
Ach! wem ein Gott verlieh, sein Leid zu klagen,
Der fühlet weniger die herbe Pein.

Gepriesen auch, wo vom Geschick ereilt,
Ein Herz, von Stolz und Grausamkeit getroffen,
Den tiefen Schmerz mit leiser Klage hegt.

Unselig, wer der Schuld Bewußtsein trägt,
Für die er nimmer darf Vergebung hoffen;
Die Wunde, die nicht ohne Narbe heilt.
(S. 77)
_____


76.
O, könnt' ich mit der Nachtigall durchschweben
Den duft'gen Hain, vergessen von der Zeit!
Am Grab des Lieblings, süßem Schmerz geweiht,
Hat sie den Traum des Glückes aufgegeben.

Wer, fern den Menschen, dürfte ruhig leben
Mit ihr allein in stiller Einsamkeit!
Daß wir einander, in dem gleichen Leid,
Uns trösteten für ein verfehltes Streben!

Beglückter Vogel, hat nach erstem Glücke
Dich um ein zweites die Natur betrogen,
Gab sie dir doch den bittern Schmerz, zu klagen.

Unselig, wem des Schicksals harte Tücke
Die freie Luft zu athmen selbst entzogen,
Dem alle Elemente sich versagen.
(S. 78)
_____


78.
Ein heitrer Seelenfrieden, tief und klar,
Dem diese Welt ein Paradies erschienen,
Ein Lächeln zwischen Perlen und Rubinen,
Und Ros' und Schnee, umwallt vom goldnen Haar;

Anmuth und Hoheit zeigen wunderbar,
Wie aller Reichthum aus des Geistes Minen,
Die Schätze der Natur der Schönheit dienen,
Dem Wunder, das durch dich ward offenbar;

Und eine Stimme, die belebt und tödtet,
So einzig süß und mild, Herrin, die deine,
Aus der der Seele reines Glück erklungen:

Das sind die Waffen, welche mich bezwungen. -
Doch glänzt die Wange mir im lichten Scheine,
Vom Stolz, von dir besiegt zu sein, geröthet.
(S. 80)
_____


79.
Ich weiß, Amor, daß meine Furcht gegründet,
Doch hast du mich aus Eigennutz belogen,
Und leugnest dreist, und schwörst auf goldnem Bogen,
Und ich, ich glaube, was du mir verkündet.

Die Arme lässig auf der Brust geründet,
Beacht' ich nicht, daß drohend mich umzogen
Der Leiden Nacht; daß ich mich selbst betrogen,
Ich glaub' es dir, von Leidenschaft entzündet.

Ich lasse nicht allein mich gern belügen,
Ich dank' es dir aufrichtig und verneine
Mir selbst das Weh, das ich empfunden habe.

O, schweres Leid, o eitles Selbstbetrügen!
Daß bei der Wahrheit doch so grellem Scheine
Mich völlig blenden kann ein blinder Knabe!
(S. 81)
_____


80.
Wer Schiffbruch litt auf öder Wasserwüste,
Mit Sturm und Wogen kämpfte lange Strecken,
Daß ihn selbst noch im Traum verfolgt der Schrecken,
Obgleich schon längst ihn barg die sichre Küste:

Er schwört, ob mild der Strahl die Fluten küßte,
Nichts lockt vom Herd mich zu des Meeres Becken!
Doch ach! die Ruh wird alte Sehnsucht wecken,
Er trotzt der Furcht, ob mit dem Tod er's büßte.

So, meine Herrin, ists' auch mir geschehen.
Ich floh vor dir, ich hoffte mich zu retten,
Ich schwur dein Antlitz nimmer mehr zu sehen.

Umsonst! ich zog nur fester meine Ketten,
Zurück zu dir treibt stets mich das Verlangen,
Wo ich doch fast zu Grunde schon gegangen.
(S. 82)
_____


81.
Die Liebe gleichet unsichtbarer Glut,
Geheimem Weh, das wir bewußtlos tragen;
Sie ist ein unbehagliches Behagen,
Ein Schmerz, der ungefühlt zerstört den Muth;

Ein Sehnen, das gesättigt nimmer ruht;
Ist Einsamkeit im Volksgewühl ertragen,
Im Freudentaumel Seelenhungers Nagen,
Und ärmer stets, je mehr sich häuft das Gut.

Freiwillig läßt sie sich in Ketten zwingen,
Sie dient des Siegers Sieger; hegt die Treu
Selbst dem, der sie belohnt mit Todeswunden.

Wie aber könnte je harmonisch klingen
Die Lieb' im Menschenherzen, ewig neu,
Die stets im Widerspruch mit sich gefunden?
(S. 83)
_____


82.
Wenn Alle, die dich lieben, Leid verdienen,
Wer könnte je vor Schmerzen sich bewahren?
Und wessen Herz entginge den Gefahren
Nur einen Augenblick, bist du erschienen?

Was könnte je zu größerm Ruhme dienen,
Als treu dein Bild im Geiste zu bewahren?
Denn was ein Herz Leidvolles auch erfahren,
Verschwindet schnell vor deinen holden Mienen.

Und willst du Alle tödten, die dich lieben,
Da Alle in derselben Flamme brennen,
Wird Niemand bald lebendig sein geblieben.

So magst du, Herrin, nur mit mir beginnen,
Denn meine Schuld, wol ist sie leicht zu kennen,
Und Allen offenbar mein treues Minnen.
(S. 84)
_____


84.
Das blonde Haar im wellenreichen Glanze,
Zusammen bald von schöner Hand gebunden,
Bald frei, vom duft'gen Rosenzweig durchwunden,
Umgibt das Antlitz, wie mit einem Kranze.

Ihr Augen, die ihr strahlt im reinen Glanze,
Hell flammend, wie die Sonn' in Morgenstunden,
Die ihr das Herz, die Seele mir entwunden,
Gut, daß die Ferne mich vor euch verschanze!

O süßes Lächeln, zauberhaft geboren
Inmitten weißer Perlen und Korallen,
O, daß dein Echo kläng' in meinen Ohren!

Wenn der Gedanke schon das Herz umstrickte,
Die Reize, die nur Phantasie beschworen,
Wenn ich dich säh'! - o daß ich dich erblickte!
(S. 86)
____


85.
Einst war es mir ein süßes Glück, zu lieben,
Als voll der Hoffnung Blüte aufgesprungen;
Das Herz, von seligem Vertraun durchdrungen,
Ward auf dem Meer der Sehnsucht fortgetrieben.

Was ist vom flücht'gen Traume mir geblieben?
Wie ist so bald das holde Lied verklungen!
Je heller strahlt das Glück, das wir errungen,
Um so viel schneller wird es nur zerstieben.

Wer hochbeglückt der Freude Kuß empfunden,
Wol hat er Recht, im bangen Schmerz zu beben,
Ist ihm im Weh das kurze Glück entschwunden.

Doch wem die Welt Erfahrungen gegeben,
Den schrecken nicht und schmerzen nicht die Wunden:
Nicht fremd erscheint ein längst gewohntes Leben.
(S. 87)
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90.
Vollkommner Anmuth holde Lieblichkeit;
Vollduft'gen Lenzes jugendfrisches Leben,
Dir bin ich willenlos und ganz ergeben;
Es ist mein Herz vom Schicksal dir geweiht.

Der schönen Züge klare Lauterkeit,
Die aller Anmuth Genien umschweben;
Die Augen, d'rin die Liebesgötter weben
Das Netz, zum Fang für jedes Herz bereit:

Willst du so seltner Schönheit Wunder sehn,
Die wahrlich Jedem sehenswürdig scheinen,
Willst du auch nicht des Gottes Ruf verstehn,

In meinem Herzen alle sich vereinen:
Siehst du dich dort, vielleicht wird es geschehn,
Daß du begreifst, was meine Blicke meinen.
(S. 92)
_____


91.
Die ihr im stillen Geist, dem ruhig klaren,
Erkennt des flücht'gen Lebens Maß und Werth,
Und denen nichtig scheinet und verkehrt,
Was Andern Leiden bringet und Gefahren:

Habt ihr der Liebe Allmacht nie erfahren,
So wisset, daß sie wunderbar verklärt;
Und um so tiefer nur das Herz beschwert,
Je wen'ger mächtig ihre Zauber waren.

Und glaubte Niemand, daß ein Fehl, ein Flecken,
Der sich an dem geliebten Wesen zeigt,
Der wahren Liebe je Gefahr gebracht.

Vielmehr erhöht er sie. Ihn zu verdecken,
Sehnt sich das Herz, die Schuldanklage schweigt,
Und in dem Kampfe wächst der Liebe Macht.
(S. 93)
_____


92.
Was könnte diese Welt mir weiter geben,
Da Sie, der ich mein ganzes Herz geweiht,
Mit Haß mir lohnt und kalter Grausamkeit?
Mit Tod zuletzt - wonach sollt' ich noch streben?

So schlepp' ich weiter denn mein nichtig Leben,
Denn Niemand - ach! ich weiß es - stirbt am Leid:
Und gibt's ein tieferes Weh, ich bin bereit,
Jetzt kann ich Alles schauen ohne Beben.

Zu meinem Leid verschanzte mich der Tod
Vor jedem Graun, mit dem die Zukunft droht:
Mit meinem Glück hab' ich die Furcht verloren.

Das Leben gab mir Haß nur, bittre Herbe,
Der Tod den großen Schmerz, mit dem ich sterbe:
Für dies allein, so scheint's, bin ich geboren.
(S. 94)
_____


97.
Wie theuer ward es mir, dich zu erkennen,
Amor, beschwerlicher, dich zu erjagen;
Viel tiefes Leid mußt' ich durch dich ertragen,
Bis ich dich sah in Haß und Zorn entbrennen.

Ich dachte, daß, um völlig dich zu kennen,
Kunst und Erfahrung g'nügte meinen Tagen;
Das aber macht die Flammen höher schlagen,
Um dessentwillen wir uns feindlich trennen.

So heimlich lagst du in der Brust verborgen,
Daß nicht einmal ich selber von dir wußte,
Der doch mir so viel Leid erregt und Schmerzen.

Erst jetzt entdecktest du dich, und ich mußte
Die Schmach und Schande meiner Niederlagen
Und tiefes Unrecht, deinetwillen, tragen.
(S. 99)
_____


102.
Von Liebe leb' ich, sag' ich nur und singe,
Und ungeliebt muß ich ihr Leid ertragen;
Der Sorgen will ich sorglos mich entschlagen,
Die Lieb' allein ist mir nicht zu geringe.

Die Liebe, die aufstrebt mit stolzer Schwinge,
Und ihren Ruhm gesetzt in kühnes Wagen,
Die höher strebt mit kräft'gem Flügelschlagen,
Je näher ihr um's Haupt die Blitze klingen.

Daß solche Liebe, ach, nur Leid erjagt!
Daß Lieb' und Leid mit gleichen Kräften ringen
Und jedes strebt, das andre zu bezwingen!

Es ist umsonst! Wenn auch zuweilen tagt
Der Hoffnung Schein dem leidgequälten Herzen:
Fern schafft sie Muth, doch in der Nähe Schmerzen.
(S. 104)
_____


103.
Wenn Laura's vielgepries'ner Schönheit Blüt'
Ein weltberühmter Dichtermund besungen,
So sängen dich nur würdig Engelzungen,
Um die ein lichtrer Glanz der Schönheit glüht.

Zu deinem Preise sich umsonst bemüht,
Weß Geist ein höh'rer Genius nicht durchdrungen:
Dich anschaun durft' ich wol; doch ist verklungen
Lautlos dein Lob im zagenden Gemüth.

Ein Kind des Himmels bist du, nicht der Erde:
Zum Ruhm der armen Welt herabgestiegen,
Das ist für jeden Menschen leicht zu fassen.

Ich glaube, daß du dich herabgelassen,
Der Erde Schuld und Schande zu besiegen
Mit deiner Schönheit heiliger Geberde.
(S. 105)
_____


104.
Der blonden Locken weiche Zauberschlangen,
Die mit dem Glanz der Sonne siegreich stritten,
Die Majestät, an der Schiffbruch gelitten
Zu jeder Zeit mein glühendes Verlangen;

Verstohlne Blicke, welche mich durchdrangen,
Wie Pfeile, die des Lebens Kern durchschnitten;
Anmuth'ge Schalkheit, die auf meine Bitten
Ungläubig lauscht, Erröthen auf den Wangen;

Dies sichre Wesen, diese ruh'ge Würde,
Die deiner Schönheit höhern Glanz verleiht,
Himmlische Gottheit auf der armen Erde:

Wol ziemt dir Mitleid, keine Grausamkeit!
Ach, Amor's Last ist eine schwere Bürde!
Und deine Härte schafft mir viel Beschwerde.
(S. 106)
_____


105.
Wer glaubt' es, Herrin, daß du nicht empfunden
Den Werth von einem treu dir eignen Leben?
Doch ob du Haß für Liebe mir gegeben,
Dein eigen bleib' ich doch in allen Stunden.

Ein dir ergebnes Herz willst du verwunden,
Um jenes Haupt der Liebe Kranz zu weben,
Dem nichts du bist? Jetzt weiß ich, daß mein Streben
Den Weg zu deinem Herzen nicht gefunden.

Ich konnte deinen Willen nie ergründen,
Und meine Liebe willst du nicht verstehn,
Wie klar auch meine Blicke sie verkünden.

Und wirst du nie erhören auch mein Flehn,
So lang ich bin, bin ich dir treu geblieben:
Daß du mich nicht liebst, zwingt mich, dich zu lieben.
(S. 107)
_____


106.
Wer sich erkühnet, Herrin, dich zu loben
Mit schwächern Ton, als wie die Engel sangen,
Verdienet schwere Strafe zu empfangen,
Denn du bist über jedes Lob erhoben.

Wär' ein Gesang auch noch so schön gewoben,
Er trage, dich zu preisen, kein Verlangen;
Nur Engelchöre deiner würdig klangen,
Die irdischen sind ungehört zerstoben.

Gesegnet sei für immer deine Seele
Für deiner Liebe süßes Gnadenzeichen,
Das huldvoll du dem Sehnenden gegeben.

Ich will es höher schätzen als mein Leben,
Ihm kann sich nichts an hohem Werth vergleichen,
Und ich bin reich, ob sonst mir Alles fehle.
(S. 108)
_____


109.
Stets webet Amor neuer Leiden Schlingen,
Und lockt mit längst bekannten Truggestalten;
Verspricht, was er doch nicht gedenkt zu halten,
Daß neuer Schmerz das alte Weh durchdringe.

War's nicht genug des Leids, mit dem ich ringe?
Daß mir im Aug' die Thränen nie erkalten?
Daß ich den Tod in tausend Schreckgestalten
Erdulde? scheint der Jahre Schmerz geringe?

Ein neues Herz muß in der Brust mir schlagen,
Ein neues Licht den trüben Augen tagen,
Eh' ich dir glaube, wie ich einst dir glaubte.

Du hast, Betrüger, dich in mir betrogen,
Du bist verachtet, ich hab' nicht gelogen,
Wie jener, den der Ehre man beraubte.
(S. 111)
_____


110.
Wohin soll ich die trüben Blicke wenden,
Daß sie nicht schauen meiner Leiden Quelle?
Wo soll ich suchen eine Ruhestelle,
Daß die Gedanken endlich Frieden fänden?

Die Hoffnung wandelt stets mit leeren Händen;
Und nie genügt ein Glück, ob noch so helle;
Die Liebe, flüchtig, wie des Meeres Welle,
Ist gleich dem Blitz, der leuchtet, um zu blenden.

Und doch, ist auch die Täuschung längst verflogen,
Hält sie den Geist in also festem Bande,
Daß ich von allem sie allein ersehen.

So hat, ich weiß nicht was, mich fortgezogen,
Ein Nichts, von Jahr zu Jahr, von Land zu Lande,
Das stets entweicht, wenn ich's zu fassen wähne.
(S. 112)
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113.
Du siehst mein Mannesherz im Leid erbeben,
Aufricht'ge Liebe hast du kalt verlacht;
Es hat dein Stolz die Schmerzen nicht bedacht,
Für nichts geachtet ein dir treues Leben.

Seh' ich dem Mitleid kalt dich widerstreben,
Erbarmungslos, fürcht' ich, im Felsenschacht
Hat einst ein Tiger Nahrung dir gebracht,
Daß dir ein harter Fels das Sein gegeben.

Und wenn ich zu entschuldigen mich mühe
So seltne Grausamkeit, muß ich ertragen,
Je mehr ich ringe, um so tiefres Leiden.

Es tragen gleiche Last der Schuld wir Beiden:
Dich muß ich, ach! um meinen Tod verklagen,
Und mich, daß ich, für die mich mordet, glühe.
(S. 115)
_____


114.
Du Luft, von meiner Seufzer Glut durchdrungen,
Du Erde, müde meiner steten Klagen,
Du Quell, der meine Thränen fortgetragen,
Du Feuer, meiner glühen Brust entsprungen;

Jetzt habt ihr Ruh vor mir: doch nur gezwungen,
So glaub' ich, werdet ihr dem Kampf entsagen:
Denn wem im Leid gebricht die Kraft, zu tragen,
Der lebt allein durch eure Schütterungen.

Grausam Geschick! o Liebe, mein Verderben!
Wie treibst du mich umher auf dunkeln Wegen,
Ob ich dich jemals gnädig finden werde?

Kann nur mein Tod der Harten Gunst erwerben?
Wie frist' ich nur ein Leben, dem entgegen
Geschick, Luft, Feuer, Wasser, Liebe, Erde?
(S. 116)
_____


115.
Ich seh' es klar, der Traum des Glücks entschwebt,
Daß meine Leiden stündlich sich vermehren:
Ich baut' auf Sand, ich schrieb im Wind, dem leeren;
Wie Lamm dem Wolf mein Herz vor dir erbebt.

Ich bin Arachne, die mit Pallas webt,
Der Tiger selbst wird Mitleid mir gewähren.
Der will das Meer mit seinen Händen leeren,
Der unverdient zu diesem Himmel strebt.

Den Frieden such' ich in der Hölle Streit;
In dunkler Nacht den lichten Sonnenstrahl;
Im Winterschnee des Frühlings duft'ge Blüte;

Die Nacht im tageshellen Göttersaal;
Das heißersehnte Glück im ew'gen Leid:
Und ach! in deiner Härte Lieb' und Güte.
(S. 117)
_____


116.
Von hier, wo mich der Trennung Sehnsuchtringen
In bangem Deingedenken will verzehren,
Send' ich den Geist, den dunkeln, leidenschweren,
Dich aufzusuchen auf der Liebe Schwingen.

Wenn ich mit Flammen, die mich wild umdringen,
Nicht fürchtete, mein' Lieb', dich zu versehren,
Zu deinen Füßen lauscht' ich deinen Lehren,
Zu lernen, deine Liebe zu erringen.

Doch in der Ferne auch, in der ich klage,
Erkenn' ich dich als meine Herrin, bebe
Vor deinem Bild, das ich mit Thränen bade.

Daß du die Treue sähst, die ich dir trage!
Das Leid, darin ich deinetwillen lebe!
Ob unverdient, vielleicht doch fänd' ich Gnade.
(S. 118)
_____


117.
Es gibt kein Lob, das sich erkühnt zu wagen,
Sich gleich zu halten deinem kleinsten Werth:
Du bist du selbst, mehr kann, wer dich verehrt,
Kunst und Natur zu deinem Preis nicht sagen.

Der Schönheit Blüten, die vereinzelt lagen,
Die Anmuth, welche vielen hold beschert,
Hat sich in dir zum reichen Kranz verklärt,
Daß jene nur die kleinen Theile tragen.

Wenn ich dich preise, ist's nicht meine Schuld,
Kann ich nicht schmücken dich mit würd'gen Kränzen,
Du prangst zu herrlich in des Himmels Huld.

Du trägst die Schuld und deiner Schönheit Glänzen.
Sei gnädig, wie die Gottheit, die voll Huld
Mit schlichtem Schmuck sich läßt den Altar kränzen.
(S. 119)
_____


118.
O, treibe nicht zu Berge mit der Heerde!
Ich sah, daß Amor Netze dir bereite,
Dort fragt nach dir allein er alle Leute,
Mit sanfter nicht, mit zorniger Geberde.

Er führte offen gegen dich Beschwerde,
Daß du die schönsten Pfeile ihm als Beute
Entwendet habest; schwört, daß er noch heute
Den zarten Busen dir durchbohren werde.

O laß dich warnen! meide die Gefahren!
Es treffen dich, es kann so leicht geschehen,
Die Pfeile, die so vielen tödtlich waren.

Doch was soll ich um Vorsicht dich angehen?
Was fürcht' ich? Deine Macht zu offenbaren,
Wird Amor selbst um deine Gnade flehen.
(S. 120)
_____


119.
Das schönste Veilchen, das den Duft entsandte
Aus frischem Blätterkranz im Wiesenthale,
Wie hold es auch der Anmuth Reiz umstrahle,
Erbleicht von deiner Schönheit, Violante.

Du fragst, weshalb? Auf deiner Wang' entbrannte
Ein zartres Roth, als schmückt die Blütenschale;
In dir vereinigt sich zum vollen Strahle,
Was Erd' und Himmel jemals Schönes kannte.

O helle Sonne! lichtdurchströmte Blüte!
Du, die geraubt mir Sinne und Gedanken,
Daß dich des Gottes süßer Blitz durchglühte!

O säh' ich dich im Rausch der Liebe schwanken!
Daß mir Aeneas' süßes Glück erblühte,
Als seine Lippen Dido's Küsse tranken!
(S. 121)
_____


120.
Der Lilie Schnee vor deinem Glanze schwindet,
Die Ros' erbleicht im Purpur deiner Wangen;
Die Welt hat Licht von deinem Blick empfangen,
Vor dessen Strahl das Sonnenaug' erblindet.

Entzücken der Sirenen Zungen bindet,
Wenn deiner Stimme süße Tön' erklangen;
Die Grazien erfüllet Neid und Bangen,
Weil deine Anmuth ihre überwindet.

Du raubst Dionens Hand die Siegesfahne,
Vertreibst Minerva von der Künste Throne,
Besiegst an reiner Keuschheit selbst Diane.

O nimm vom stolzen Haupt der Herrschaft Krone!
Sei nicht als du und doch, zum Unterthane
Wird jeder deiner Macht - o schone! schone!
(S. 122)
_____


121.
Viel wahre Schmerzen mir das Herz durchdringen,
Die sich aus eitelm Trug zusammenfügen.
Wol sind der Liebe Gaben Zauberlügen,
Die rasch, ich weiß nicht wie, den Geist bezwingen.

Verführerisch, wie die Sirenen singen,
Daß sie des Herzens kaltem Stolz genügen,
So schmeicheln sie, um erst uns zu betrügen,
Und schütteln Schmerz dann von den gift'gen Schwingen.

Bin ich am Land, im sichern Hafen fast,
Aufbäumen sich im Sturm des Meeres Wellen,
Daß plötzlich mich erfaßt des Todes Grauen.

Doch ich bin der, der nicht im Kampf erblaßt!
Die Brandung kenn' ich und der Strömung Schwellen
Im Meer der Liebe, dem will ich vertrauen.
(S. 123)
_____


122.
Dich nicht zu sehn wünsch' ich zu tausend Malen,
Ob sich vielleicht der Seele Stürme legen,
Und weiß doch, daß ich meinem Schmerz erlegen,
Wenn deiner Augen Sonnen mir nicht strahlen.

Hier schwinden nie die schmerzlich süßen Qualen,
Wo immerdar dein Bild mir lacht entgegen:
Dies Leid ist meines Herzens schönster Segen,
Lieb, wie der Nacht des Mondes milde Strahlen.

Ich suche niemals Heilung dieser Schmerzen,
Denn wol empfind' ich's, hätt' ich sie gefunden,
Wär' auch das Glück verloren meinem Herzen.

Und soll ich nie von meinem Leid gesunden?
Mein ganzes Glück erklingt in deinem Namen,
Du willst, so soll es sein? - So sei es, Amen!
(S. 124)
_____


123.
Das, Herrin, war ein Schlag! Es wird die Wunde,
So lang ich athme, heilen nimmerdar;
Stets wächst der Schmerz und macht mir offenbar,
Was du gemeint in jener bittern Stunde!

Mitleidig Lächeln schwebt auf deinem Munde?
Dich schmerzt mein Weh? dein Blick, so himmelklar,
Ihn trübten meine Leiden? Wär' es wahr?
Du willst, daß ich von dieser Qual gesunde?

Es hat dein Auge meines Lebens Lust,
Du weißt es wohl, mein ganzes Glück vernichtet,
Doch lächelst du, als sei dir nichts bewußt.

O, hüte dich! du bist schon längst gerichtet!
Bald flammt die Liebe auch in deiner Brust -
Auf diese Rache hab' ich nie verzichtet.
(S. 125)
_____


124.
Wenn du geglaubt, daß deines Zornes Drohn
Die Glut ersticken werd' in meinem Herzen,
So kennst du nicht der Liebe süße Schmerzen,
Weißt nicht, daß ihr das Leid der schönste Lohn.

O, laß den Kampf - ich bin noch nie geflohn!
Es liebt die Liebe mit dem Schmerz zu scherzen,
Die tiefre Nacht durchglühn der Sterne Kerzen;
Die Lieb' erwarmt an deinem kalten Hohn.

Willst du mein Herz in süßen Schlummer wiegen,
So laß mich nicht von deiner Härte leiden,
Nur deiner Güte wird mein Trotz sich schmiegen.

Du wirst an meiner Qual umsonst dich weiden.
Dein Zorn wird meine Liebe nicht besiegen,
Denn es ist süß, um ihretwillen leiden.
(S. 126)
_____


125.
Ich hätte gern, wenn ich von dir geschieden,
Den Schmerz der tiefsten Leiden nicht empfunden,
Wenn nicht zugleich das schönste Glück entschwunden,
Das mir in deinem Anschaun hold beschieden:

Und auch den herben Tod hab' ich gemieden,
Der Hoffnung willen, die in schönen Stunden
In deiner Augen Lächeln ich gefunden -
So schwand für immerdar der Seele Frieden.

Ach, Wunsch und Willen streben sich entgegen!
Wo lebt ein Mensch, deß Seele stark genug,
In sich so wilde Kämpfe zu ertragen?

Wann endlich wird der Wünsche Sturm sich legen?
Ihr Frieden selbst ist, ach! ein eitler Trug -
Verbunden werden sie das Schlimmste wagen.
(S. 127)
_____


126.
Auf seiner Mutter Schooß in sich'rer Hut
Schläft Amor und so schön, daß er im Herzen,
Das sonst allein ihn anschaut ohne Schmerzen,
Die Lieb' erregt im tollen Uebermuth.

Ihr schöner Blick auf seinen Reizen ruht,
Der diese Welt entflammt mit seinen Kerzen;
Im Traume spricht der Schelm mit holdem Scherzen:
Du bist es, Mutter, die aufschürt die Glut.

Saliso, der im Liebesspiel erfahren,
Und dem das Wesen Beider früh bewußt,
Spricht so, des Räthsels Sinn zu offenbaren:

Schafft auch des Knaben Pfeil viel Schmerz und Lust,
Viel unvermeidlicher sind die Gefahren,
Womit der Mutter Schönheit trifft die Brust.
(S. 128)
_____


128.
Die Sonnenwende blickt entzückt empor,
Wenn sich der Gott erhebt aus goldnen Wogen,
Ihm folgt ihr Aug' am blauen Himmelsbogen,
Ihm schließt sie auf des keuschen Busens Flor.

Doch wenn sein Strahl im Westen sich verlor,
Ist ihres Lebens Glück verflogen,
Ihr letzter Hauch ist jenem nachgezogen;
Leis' klagt um sie des Nachwinds Trauerchor.

So bist auch du - die Sonne meinen Tagen -
Ein duft'ger Lenz in meiner Brust erwacht,
Hab' ich zu dir den Blick emporgeschlagen.

Kehrst du dich ab, verwelkt die bunte Pracht;
Verbirgst du dich, muß jedes Herz verzagen -
Denn deine Ferne hüllt die Welt in Nacht.
(S. 130)
_____


130.
Genoss'nes Glück wird schnell wie Thau zerstieben,
Die Sehnsucht greift nach fernen Glückes Kränzen,
Mehr als Besitz wird stets die Hoffnung glänzen,
Weil ihr des Göttlichen ein Strahl geblieben.

Es wär' ein Mangel, wenn ein wahres Lieben
Der Seel' ein Glück verliehe ohne Grenzen:
Vollendung darf dein Haupt allein bekränzen,
So hat ein schön Gesetz es vorgeschrieben.

Dein freundlich Lächeln schärft der Hoffnung Muth,
Es wächst der Wunsch, je mehr er Gunst empfangen,
Und dein Besitz erhöht der Sehnsucht Glut.

Ach, keine Hoffnung gnüget dem Verlangen!
Dir glaubt das Auge, das auf dir geruht:
Nie hat die Welt ein Glück wie dich empfangen.
(S. 132)
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131.
Es hat Natur von ihrem reichen Gut
Ein wunderherrlich Prachtgebild vollendet:
Rubinen, Rosen, Schnee und Gold verschwendet
Und hold verklärt mit frohem Jugendmuth.

Rubin die Lippen, duft'ger Rosen Blut
Durchströmt die Wangen, deren Glanz mich blendet;
Die Locken sind vom goldnen Schein umrändet;
Der Schnee des Busens weckt der Sehnsucht Glut.

Doch ihre Macht am klarsten sich verkündet
In deinem Aug', das wie die Sonne glänzt,
Und hellres Licht, als selbst der Tag entzündet.

In dir gefiel es ihr, zu offenbaren,
Wie viel ihr Reich an Reizen, wunderbaren,
In Gold, Rubin, Schnee, Ros' und Licht umgrenzt.
(S. 133)
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132.
Nie war der Muth der Liebe zu verdammen;
Das Glück begünstigt gern ein kühnes Wagen;
Stets wird als Stein ein furchtsam feig Verzagen
Dem freien Aufschwung sich entgegendammen.

Wer aufstrebt zu des Sternenhimmels Flammen,
Trifft auch den Stern in seinem Himmelswagen;
Das Glück, das Phantasie in sich getragen,
Es bricht, gleich lust'gem Wolkenschloß, zusammen.

Zum Glück hinan mußt du den Weg dir bahnen:
Wer sich verliert, der ist dem Glück verloren;
Den Keim allein austheilen die Geschicke.

Nicht Wahnsinn ist's, folgst du des Muthes Fahnen;
Nicht für den Feigling ist das Glück geboren,
Noch ist er werth, daß ihn dein Arm umstricke.
(S. 134)
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135.
Der Tod, der dieses Lebens Bande bricht,
Er dachte dran, es könn' ihm wol gelingen,
Zu sprengen leicht der Liebe süße Schlingen
Durch langer Trennung Nächte ohne Licht.

Zwei feinde Kräfte, die im Gleichgewicht,
So Tod und Liebe mit einander ringen;
Doch nimmer wird das Glück das Recht bezwingen,
Ach, und das Recht das falsche Glück auch nicht.

Wol ist die Lieb' am stärksten von den beiden.
Sie eint zwei Geister in demselben Leibe,
Aus dem der Tod die Seele zwingt zu scheiden.

Und ob das Herz auch fern dem Herzen bleibe,
Mag auch des Glückes Gunst die Liebe meiden,
Sie grünt und blüht in Trennung, Zeit und Leiden.
(S. 137)
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139.
Nun treib' ich gern dahin die wilden Wellen,
Wo mich des Schicksals harter Wille leitet,
Weil in den Wellen all mein Bildniß gleitet,
Die deinem schönen, klaren Aug' entquellen.

Die letzten Stunden schon, die traurig schnellen,
Bedrohten uns, und Alles war bereitet,
Als Liebe mir die Flut entgegen breitet,
Sich unsrer Trennung in den Weg zu stellen.

Mit festem Willen bin ich durchgedrungen,
Mit der Verzweiflung Hast, die noch entfaltet
Des Ruhmes Fahne ob den Todeswunden.

Hat den die Furcht des Todes je bezwungen,
Wie ungewohnt und fremd er sich gestaltet,
Der sich am Boden fühlet und gebunden?
(S. 141)
_____


142.
Ein güt'ger Gott vertheilt verschiedne Gaben,
Davon soll Jeder nur besitzen eine.
Drum strahlt Diana's Blick in keuscher Reine
Glanzvoll krystallnen Himmels den zu laben.

Anmuth umglänzt die Mutter jenes Knaben,
Aus dessen Blick ihr Glück erblüht alleine,
Der Pallas' Auge trennt das Sein vom Scheine,
Und Juno thront in stolzer Würd' erhaben.

Auf dich allein hat die Natur ergossen
Verschwenderisch, was jemals sie besessen,
Was ihr der Herr verliehen, ohne Tadel.

Dich schmückt, so hat der Schöpfer es beschlossen,
Diana's Keuschheit, Anmuth unermessen
Dionens, Pallas' Wissen, Juno's Adel.
(S. 144)
_____


143.
Geliebte Herrin, ob des Schicksals Hohn
Mich um die Gunst des Himmels auch betrogen,
Mir deiner Blicke Sonnenglanz entzogen,
Und ob mich tiefre Schmerzen auch bedrohn:

So lange mir die Seele nicht entflohn,
Hebt doch ob Kampf und Glut und Sturmeswogen
Dein Angedenken sich, ein Friedensbogen,
Klingt durch die Brust gleich Aeolsharfenton.

In diesem Geist, den das Geschick nicht zwingt,
Wirst du in ew'ger Jugendschöne blühen,
Ob mich Gefahr und Sorg' und Noth umringt.

Dein Name soll auf meinen Lippen glühen,
Ein Siegesruf, der laut im Kampf erklingt,
Und mich erhebt ob dieses Lebens Mühen.
(S. 145)
_____


145.
Wenn wie das Feuer brennen wird die Welle,
Wenn Tag und Nacht chaotisch sich vereinen,
Wird dieses Thal auf jener Höh' erscheinen,
An der Gestirne wandelloser Stelle:

Tauscht Amor Weisheit um die Narrenschelle,
Beherrscht uns All' ein Glauben und ein Meinen: -
Will ich der Schönheit Anschaun mir verneinen,
Und nicht mehr lieben, die der Liebe Quelle.

So lange dieses nicht geschieht auf Erden,
Nicht das Gesetzbuch der Natur zerrissen,
Wird niemals meiner Liebe Stern erblassen.

Dir war und ist und bleibt mein Herz ergeben:
Ob du mich elend willst, ob glücklich wissen,
Ich werde nie von meiner Liebe lassen.
(S. 147)
_____


147.
Es stand der Hirt an eines Baches Rand,
Der durch die Wies' ergoß die klaren Wellen,
Aus seinen Augen heiße Thränen quellen,
Die bange Klage sich der Brust entwand:

Warum trag' ich allein der Ketten Band?
Wird nie dein Herz in gleicher Liebe schwellen?
Ich sah des Glückes holden Traum zerschellen:
O, hätt' ich doch die Wahrheit nie erkannt!

Wo ist die Treue, die du mir versprochen?
Die reine Liebe, die du mir gezeigt?
Das alles schwand dahin in wenig Wochen?

Als jenem du dein Auge zugeneigt,
Vergaßest du, daß du bei seinem Schein
Mir zugeschworen, einzig mein zu sein?
(S. 149)
_____


148.
Dich anschaun ist allein schon Glück genug,
Die großen Schmerzen schafft es, dich zu missen:
Wenn ich dich zu verdienen mich beflissen,
War mir ein süßer Lohn der holde Trug.

Hüb' ich zu deinem Preis des Liedes Flug,
Hätt' mir dein Zorn der Saiten Gold zerrissen:
In dir liebt' ich mein Leid, das konnt' ich wissen;
Die Wund' ist lieb mir, die mir Liebe schlug.

Und ist so seltne Treue denn vergebens?
O süßer Ruhm! o reicher Schatz des Lebens!
Beglückt für immer, wer für dich gestorben!

Stets bleibst du dem Gedächtniß eingeschrieben;
Die Seele lebt, im Kampf für dich geblieben;
Am Ziel des Kampfes wird der Preis erworben.
(S. 150)
_____


149.
Noch stets besiegte Liebe den Verstand,
Doch seltsam war es, daß in diesen Stunden
Die Liebe vom Verstande überwunden:
Wer hat ein solches Wunder je gekannt?

Ein neuer Tod, ein neuer Schmerz erstand!
Vom Ungeheuer ist die Welt entbunden!
Es ist die Kraft der Leidenschaft verschwunden,
Doch schmerzt nicht minder tief der Qualen Brand.

Mein Herz soll dieser Schwäche nie erliegen,
Die Kraft sei mein, so will ich mit Gewalt
Feindlicher Mächte Widerstand besiegen.

Doch wenn Verstand den Sieg gewinnt zu bald,
Ist's nicht Verstand - ist, wenn wir's recht erwägen,
Des Herzens Neigung, welche uns entgegen.
(S. 151)
_____


150.
Unglücklicher, der in derselben Stunde
Du liebst und haßt und hoffst und zitternd bangst,
Bald fröhlich lachst und bald erliegst der Angst,
Der Muth und Furcht mit gleicher Kraft empfunden:

Du fliegest flügellos, führst blind, gebunden;
Je mehr du hoffst, je wen'ger du erlangst;
Am lautesten, wenn du im Schweigen rangst,
Du hast im Frieden stets den Kampf gefunden.

Unmögliches ist mir beständig wahr;
Fortstrebend bleib' ich an derselben Stätte;
Frei schein' ich mir von Kerkernacht umgeben;

Gern möcht' ich schauen, selber unsichtbar;
Der Banden frei sein, liebend meine Kette:
In solchem Kampf verzehret sich mein Leben!
(S. 152)
_____


151.
Mich glauben Alle elend unermessen,
Die meinem Schmerz mich hingegeben sehen;
Sie können nicht mein einsam Herz verstehen,
Und wie sich's sehnt, die Menschen zu vergessen.

Ich habe längst den Lauf der Welt ermessen,
Und werde niemals ihre Gunst erflehen:
Doch möcht' ich nicht in deren Reihen stehen,
Die kalt bei meinem Leiden, still gesessen.

Mög' er die Erd' und Meer und Luft durchfliegen,
Im Frost erstarr'n, der Sonne Glut erliegen,
Nach Ehr' und Glück durchspähn der Erde Rund:

Mir kann allein die Liebe nur genügen,
Ich will mich freun an deinen süßen Zügen,
Auf ewig eingeprägt der Seele Grund.
(S. 153)
_____


152.
Ihr Augen, die ein Zeugniß ihr gegeben
Der Kraft des Herrn, die euern Glanz entfacht,
Wollt ihr erkennen eure ganze Macht,
So schaut auf mich, dem Sein ihr gabt und Leben.

Du siehst in mir dein holdes Abbild schweben,
Wie es auf klarster Spiegelfläche lacht;
Und reiner schaust du deiner Reize Pracht,
Als sie auf hellstem Glase flüchtig beben.

Es wird mir meine Sehnsucht stets genügen;
Und hätt' ich auch ein größres Recht besessen,
Du magst mit mir, wie dir gefällt, verfügen.

Was du nicht bist, mir wie ein Hauch verfliegt:
Die Erd' und ihre Lügen sind vergessen,
Und wie du mich, hab' ich die Welt vergessen.
(S. 154)
_____


153.
Viel schöne Damen gab es, deren Leben
Berühmter Männer Harfen einst besangen:
Die Töne, die am herrlichsten erklangen,
Möcht' ich zu deiner Schönheit Lob verweben.

Wie Sterne sind sie, die im Aether schweben,
Erbleichend, wenn die Sonne aufgegangen;
Doch preis' ich, die erweckten das Verlangen,
Und Jene, die des Liedes Lohn gegeben.

Du bist in Anmuth, Würd' und Lauterkeit
Ein holdes Wunder, dieser Welt bescheert,
Und alles Schöne überstrahlst du weit.

O, wär' mein Geist vom Genius verklärt!
Doch hat ein Herz, das völlig dir geweiht,
Je Werth für dich, so bin ich deiner werth.
(S. 155)
_____


154.
Hoffst du auch jetzt noch, Hoffnung? Ich verzage.
Und sag', warum? Mich brach ein Wankelmuth.
Und du, mein Leben? Es erstarb der Muth.
Mein Herz? Und fühlst du nicht, wie treu ich schlage?

Und du, mein Geist? Der Liebe Zorn ich klage,
Wie lebest du? Der Hoffnung Schwinge ruht.
Und was ernährt dich? Der Erinn'rung Glut.
Und diese nur? Durch alle meine Tage.

Wo darfst du ruhn? In dem, was mir geblieben.
Und was ist dies? Daß bald erlischt mein Leben.
Und ist dir's lieb? So hat's gewollt mein Lieben.

Und sag', warum? Das ist mein Schicksal eben.
Und wer bist du? In Sklaverei getrieben.
Und wessen Sklav? Der einz'gen Lieb' ergeben.
(S. 156)
_____


155.
Wärst du, die so vollkommen ist in allen,
Ein wenig nur in Liebe mir gewogen,
Hätt' ich des Glückes Gipfel stolz erflogen,
Gebötest du dem treusten der Vasallen.

Doch meine Bitten ungehört verhallen;
Ein Leben, dem du deine Gunst entzogen,
Ist ohne Werth; um jedes Glück betrogen,
Verstoß' ich selbst mich, der dir nicht gefallen.

Und täuscht' ich mich, willst du mir Huld gewähren,
So setze, Herrin, meiner Qual ein Ziel,
Den tiefen Leiden, welche mich verzehren:

Doch keine Gnade lebt in deinem Herzen,
Und, deiner Härte ein willkommnes Spiel,
Erfreust du grausam dich an meinen Schmerzen.
(S. 157)
_____


156.
Geschieht es, daß gelegentlich einmal
Dein Blick mich trifft in glückgeweihten Stunden,
Fühl' ich von jedem Weh das Herz gesunden,
Und fürchte weiter nicht mehr Leid und Qual.

Doch fällt dein schöner Blick erzürnt zu Thal,
Ist meines Glückes flücht'ger Glanz verschwunden,
Dann hält mein Herz ein tiefres Leid gebunden,
Als jenen, dem erlischt des Lebens Strahl.

So ist mein Leben und mein Tod gebunden
An deiner Augen Glanz; in ihrem Schein
Trägst du die Herrschaft über Tod und Leben.

Doch hab' ich immerdar als Glück empfunden
Das Leben, das von dir ausströmt allein,
Und auch den Tod, der mir von dir gegeben.
(S. 158)
_____


159.
Es beugt mein Geist sich vor der Liebe Macht,
An ihrem Winke hängt mein ganzes Leben;
In deinem Dienst nur will ich mich bestreben,
Und was ich bin, sei ganz dir dargebracht.

Zufrieden mit dem Glück, das mir gelacht,
Preis' ich die Stunden, die es mir gegeben,
Und jene auch, in der es wird entschweben:
Denn sicher folgt ein Morgenroth der Nacht.

Und auf des Lebens wechselvollen Wogen
Folg' ich vertrauensvoll dem klaren Schein
Des Sternes, dessen Glanz mir nie gelogen.

In Näh' und Ferne such' ich dich allein:
Und wenn dich meine Treue je betrogen,
Soll deine Liebe mir verloren sein.
(S. 161)
_____


166.
Als Orpheus' Spiel der Unterwelt erklungen,
Zu suchen, die vor ihm hinabgegangen,
Getrieben von unsäglichem Verlangen,
Hat sein Gesang des Orkus Graun bezwungen.

Irion's Rad verweilt, nicht umgeschwungen;
Die Thräne stockt auf schwarzgequälten Wangen:
Es ist das Leid in jeder Brust vergangen,
Und Aller Schmerzen haben ihn durchdrungen.

Durch jedes Herz die süßen Töne beben,
Die dunkeln Herrscher fühlen wunderbar
Sich ganz dem holden Mitleid hingegeben.

Die Gattin folgt aus Leid ihm und Gefahr,
Er schaut zurück nach seinem süßen Leben:
Und Beide sind nun elend immerdar.
(S. 168)
_____


167.
Wie muß ich jetzt die schöne Zeit beklagen,
In der mein Lied erklang so frohgemuth!
Als ich dem Glück so warm im Arm geruht,
Ward in mein Herz der Leiden Keim getragen.

Erklang denn wirklich einst in schönen Tagen
Mein frohes Lied? Bewein' ich denn ein Gut?
Ist es ein Wahn vielleicht, der ob der Flut
Der Schmerzen mich umrauscht wie schöne Sagen?

Das Lied, das sich so hell der Brust entrang,
Ist nicht dem Glück, der Hoffnung nur erklungen:
Ich sang - doch ach! schon zu der Ketten Klang.

So lebte ich vom Irrthum hold betrogen. -
Klag' ich, vom Wahn, von dem Geschick bezwungen,
Die Hoffnung an, die mich so süß belogen?
(S. 169)
_____


171.
Mein thöricht Herz, du hofftest noch einmal?
Schau' hin, da liegt des Glückes Lenz erschlagen!
O, wie viel starb dahin in jenen Tagen!
Nun schmerzt mich ewig der Erinn'rung Qual.

O, viel zu schön für dieses Erdenthal
War diese Blüt', um jemals Frucht zu tragen!
Daß nicht die Welt ein Recht gehabt zu sagen,
Vollkommnes reife je in ihrem Strahl.

Wenn sich das Glück die kurze Seligkeit,
Die mich verzehrt in der Erinn'rung Schmerz,
Bezahlen läßt mit nie gestilltem Leid,

Darf es mit Recht des Undanks mich verklagen,
Wenn nur unwillig mein gekränktes Herz
Und zürnend seine Grausamkeit ertragen?
(S. 173)
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183.
In neuer Liebe Cephalus erglüht:
Aurora sich umsonst in Gram verzehrt,
Obgleich ihr Aug' den jungen Tag verklärt,
Der Rose Glanz auf ihrer Wange blüht.

Er, dessen Herz für Procris Flammen sprüht,
Für die er gern das höchste Glück entbehrt,
Hofft, daß ihr Herz so treue Liebe nährt,
Wie er sie trägt verschlossen im Gemüth.

Sie zu versuchen, sinnt er auf Betrug:
Verwandelt will er ihre Gunst erwerben:
Die List gelingt zu seinem eignen Fluch. -

Es spinnt die Lieb' ihr eigenes Verderben;
Stets spannt sie Netze aus voll Lug und Trug,
Und klagt dann den Gewinn, den traurig herben.
(S. 185)
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184.
Die schöne Nymphe, die gefangen ist
Von Cephalus, zu seinem eignen Schaden,
Entflieht dem Zürnenden auf Waldespfaden,
Ich weiß nicht, ob aus Scham, vielleicht aus List.

Doch wer der Liebe Allgewalt ermißt?
Er folgt ihr sehnsuchtsvoll auf Felsengraden;
Versöhnung fleht sein Blick, so schmerzbeladen,
Sein liebend Herz der Falschen Schuld vergißt.

Zu ihren Füßen wirft er sich mit Beben,
Die schwer beleidigt seine Eifersucht;
Verzeihung fleht er, fleht schon um sein Leben.

O, blinder Liebe wunderbares Wesen!
Daß der Beleidigte Verzeihung sucht
Der Schuld, der jene schuldig doch gewesen.
(S. 186)
_____


185.
Die Flamme winkt; es stürzt mit kühnem Wagen
Leander sich ins Meer mit frohem Muth,
Er achtet nicht des Sturms, der Wogen Wuth,
Und fühlt nicht, wie die Kräfte ihm versagen.

Und weit ins öde Meer hinausgetragen,
Erliegt die Kraft, doch nicht der Liebe Glut,
Und wie ihn schon umrauscht die Todesflut,
Dem stummen Meer vertraut er seine Klagen:

O, nicht um meinetwillen, dunkle Wogen,
Um ihretwillen war mir lieb das Leben!
Dies Eine bitt' ich, hoff' ich mit Vertrauen:

Ihr habt mich um das schönste Glück betrogen,
Doch sei euch gern der arme Neid vergeben -
Laßt ihr nur sie nicht meine Leiche schauen.
(S. 187)
_____


186.
Ein Auge, das in reiner Lieb' erglühte,
Und, doppelt schön, in Flammen sich verzehrt,
Ein Angesicht, von Anmuth hold verklärt,
Wo weißem Schnee die Purpurros' entblühte.

Der Haare Glanz zu übertreffen, sprühte
Umsonst die Sonne Flammen, neidbeschwert,
Die schlanke Form, die Hand, des Zepters werth -
In Staub zerfiel der Anmuth reichste Blüte.

Vollkommne Schönheit, schon im Lenz verdorben?
Der Blume gleich, geknickt in Frühlingsstunden,
Vom Todeshauch verwelkt das junge Leben.

Und Amor ist aus Mitleid nicht gestorben?
Um jene nicht, sie ist zum Licht entschwunden,
Aus Schmerz um sich, den dunkle Nacht umgeben.
(S. 188)
_____


190.
Für den so warm der Göttin Herz geschlagen,
Der schöne Atys, ward zum Baum im Hain;
Aus Kummer ward Cybelens Herz zu Stein,
Bis ihren Schmerz erleichtern bange Klagen.

Zum Zeus empor hat sie ihr Weh getragen;
Der Palme Pracht, des Lorbeers duft'gen Schein
Fleht sie der schönen Pinie zu verleihn,
Um welche sie so tiefes Leid getragen.

Der Mutter Wunsch der mächt'ge Sohn gewährt:
Zum Sternendom soll auf die Krone dringen,
Des Himmels Schaffen sei ihm klar und licht.

Beglückter Baum, o wem ein Zweig bescheert
Von dir für seine Stirn, vergönnt zu singen,
In deiner Nacht, ein ewiges Gedicht!
(S. 192)
_____


193.
Unglück und Schuld und Liebe sind verbunden,
Mich dem Verderben und der Schmach zu weihn:
Die Liebe, ach! war schon genug allein,
Nicht braucht's der andern zwei, mich zu verwunden.

Ob Alles stirbt, doch lebt vergangner Stunden
Erinnerung, und schafft mir bittre Pein:
Die Sehnsucht selbst, noch einmal froh zu sein,
Ist mit der Hoffnung flücht'gem Glanz verschwunden.

Mein ganzes Leben war ein eitler Trug:
Verwegne Hoffnung hat mein Glück versehrt,
Und nur gerecht traf mich des Schicksals Fluch.

Der Liebe kurzer Traum war nichts als Lug,
O, daß der Schmerz, der meine Kraft verzehrt,
Für ihrer Rache Hunger doch genug!
(S. 195)
_____


201.
Noch weint mein Auge um der Liebe Leid,
Und schon soll ich zu ihrem Preise singen;
Indeß noch trüb' in meiner Brust erklingen
Die bangen Klagen kaum vergangner Zeit.

Besiegt im Kampf, ist doch mein Haupt geweiht,
Denn Ruhm genug ist schon ein solches Ringen;
Zu glorreich langen Sagen sich verschlingen
Die schweren Niederlagen, Schmerz und Streit.

Die Schönheit, der ich meine Lieder sang,
Die meiner Harfe Ruhm verleiht und Thränen,
Füllt rings die weite Erde mit Erstaunen.

Ich bin zufrieden mit der Liebe Launen,
Ersticken Thränen auch des Liedes Klang,
Mehr als die Lieder lieb' ich dieses Sehnen.
(S. 203)
_____


202.
Warum hat mich so tiefes Leid beschwert,
Wie vor mir noch kein Menschenherz empfunden?
Warum, ach! ward im Kampf ich überwunden,
Der mehr mich als des Sieges Lorbeer ehrt?

Mein herbes Leid hat ruhmvoll mich verklärt,
Und prahlend darf ich zeigen meine Wunden:
Denn kühner That hab' ich mich unterwunden;
Stets war der Muth des schönsten Ruhmes werth.

Ich lebe nur von deiner Augen Strahl,
Mein ganzes Wesen ist an dich verloren,
In Thränen schmilzt dahin mein armes Leben.

Ich war und bin dir immerdar ergeben,
Gern mag des Todes Pfeil mein Herz durchbohren,
Das ich an dich verlor schon tausendmal.
(S. 204)
_____


203.
Süßduftige Gesträuche hold umgeben
Die frischen Wasser dieser klaren Quelle;
Und schöne Nymphen ruhen an der Welle,
Gewohnt zu herrschen über Tod und Leben.

Im Kampf mit Amor sie als Schild erheben
Der Glieder Pracht, die Augen rein und helle:
Der Welt vergessend an der schönen Stelle,
Friedvolles Glück für sie die Stunden weben.

Amor, der niemals duldet ein Verbrechen
An seiner Macht, deß Zorn ihr Stolz beschworen,
Beschließt für die Verachtung sich zu rächen.

Als er sie anschaut, ist sein Muth verloren:
Gefangen hat er, todt und überwunden
Und waffenlos vor ihnen sich empfunden.
(S. 205)
_____


204.
Von eines Satyrs rohem Arm umschlungen,
Freiwillig seinen Küssen hingegeben,
Erblickt' ich sie, die einst mein süßes Leben:
Das hat mit tiefem Weh mein Herz durchdrungen.

Die würdig war der reinsten Huldigungen,
Werth, sich ums Haupt der Schönheit Kranz zu weben,
Konnt' sie dem edeln Stolz so viel vergeben?
Nun ist ihr Preis auf immerdar verklungen.

Nachdem mein Aug' erduldet dieses Grauen,
Kenn' ich der Liebe Sinn, zu meinem Leid,
Jetzt weiß ich, daß nur Thoren ihr vertrauen.

Wenn so viel Schönheit solch ein Greu'l entweiht,
So ist sie nichts, und nur der Zufall lenkt
Der Menschen Geist und Sinne unbeschränkt.
(S. 206)
_____


205.
Wer Amor falsch will und betrüglich schelten,
Leichtsinnig, eitel, undankbar, verlogen,
Hat sich verdiente Strafe zugezogen,
Und grausam wird der Gott die Schuld vergelten.

Amor ist zart und hold und zürnet selten,
Wer dies verneint, der hat sich selbst betrogen,
Der soll für blind uns gelten und verwogen,
Verhaßt auf Erden und in jenen Welten.

An mir ward klar, ob Amor Böses triebe,
Und seine Härt' an meinem Leid erscheint,
Daß seine Macht den Völkern deutlich werde.

Doch all sein Zürnen ist der Zorn der Liebe;
Und solche Lust ist seinem Leid vereint,
Daß ich es tausche für kein Glück der Erde.
(S. 207)
_____


206.
Beatrix, schöne, solche Macht gegeben
Ist deiner Augen klaren Zauberblicken,
Daß schmerzlich süß sie jedes Herz umstricken,
Das sie erschaut auch nur in Traumesleben.

So schön sind sie, daß selbst das kühnste Streben
Nicht wagt, zu ihnen hoffend aufzublicken,
An ihrem Glanz kann keiner sich erquicken,
Daß ihn der Liebe Netze nicht umweben.

Das haben längst zu ihrem Leid erfahren
Die meinen, die, vom lichten Glanz geblendet,
Ihr Leid beweinen in glückloser Nacht.

Wär' einmal mild der Blick mir zugewendet,
Deß Zauberglanz so elend mich gemacht,
Vergäß' ich alle Leiden und Gefahren.
(S. 208)
_____


207.
Ihr heitern, grünen, anmuthreichen Auen,
Stets lieb' ich eurer Blüten duft'gen Reigen;
Sie durften sich vor ihrer Anmuth neigen,
Die mir erschien die herrlichste der Frauen.

Ich werd' euch stets beneiden, schöne Gauen,
Euch fiel das reichste Erdenglück zu eigen.
Der Liebe Leiden klagt in euern Zweigen,
Und fremde Thränen werden auf euch thauen.

Und wenn vielleicht, ihr Blüten, durch mein Flehen
Sich Ignez' Herz in Liebe noch erweichte,
Wenn schon vom Zweig die letzten Blätter wehen,

So saget ihr, daß ihr mein Herz gesehen,
Wie stets ich treu ersehnt das nie Erreichte: -
Dann ist vergessen, was mir Leids geschehen.
(S. 209)
_____


209.
Die Liebe, die mit hohlen Truggestalten
Bezahlt den Eifer, den wir ihr geweiht,
Wird mich in jeder Schickung, jeder Zeit,
Doch als Vasall in ihrem Banne halten.

O seht den reichen Lohn, den ich erhalten
Für meinen Dienst, dafür, daß ich bereit
Zu jedem Opfer - Undank, bittres Leid -
Vergessenheit deckt mich mit dichten Falten.

Doch ob mein Leid auch wächst in allen Stunden,
Zu dem stets neu die Liebe mich verdammt,
Die Liebe nicht, o nein! ein feindlich Hassen,

Ich habe dennoch süßen Trost gefunden,
Weil hell mein Ruhm in meiner Liebe flammt,
Der nimmer wird in Gramesnacht erblassen.
(S. 211)
_____


210.
Die blut'gen Schrecken wildverworr'ner Schlacht,
Todsprühender Geschütze Donnerlaut,
Vor welchem selbst dem Wüstenlöwen graut,
Der Fels erbebt bis in den tiefsten Schacht:

Sie haben, mich zu schrecken, keine Macht.
Seitdem in deine Augen ich geschaut,
Bin ich mit jeglicher Gefahr vertraut,
Ja hab' ich keiner nur einmal gedacht.

Ich fürchte nicht des Stahls, der Flammen Wuth,
Mein Leben kann ich opfern in der Schlacht,
Und es erneun, ein Phönix, aus der Glut;

Und was die Stunden Böses mir gebracht,
Besiegen werd' ich es mit starkem Muth:
Nur vor der Liebe bin ich ohne Macht.
(S. 212)
_____


211.
Mein Herz vertraut' sich selbst in bösen Stunden,
Und dachte nicht, daß es den kühnen Muth
Abbüßen werd' in solcher Schmerzen Glut,
Wie vor ihm noch kein Menschenherz empfunden.

Von schöner Augen Zauberkraft gebunden,
Vertauscht' ich sie mit jenen, die geruht
In meinem Geist; in der Begierden Flut
War das Bewußtsein meiner Seel' entschwunden.

O Hippolyt, du, den in reiner Jugend
Phädra geliebt, inbrünstig, voller Schmerzen,
Die nicht gewußt die Ehrfurcht zu bewahren,

In mir besiegte Amor deine Tugend:
Doch ist sie längst gerächt in meinem Herzen
Durch tiefe Reue, die ich nun erfahren.
(S. 213)
_____


212.
Wenn ihr erkennen wollt der Liebe Macht,
Ihr reines Gold und ihre Lauterkeit,
So schaut auf mich, der alle seine Zeit
In ihrem Dienst als Priester zugebracht.

Die lange Trennung der Erinn'rung lacht:
Auf rauhem Meer, in Noth und blut'gem Streit,
Wenn stets der Muth zum wilden Kampf bereit,
Hat nicht das Herz der weichen Sehnsucht acht.

Doch ob das Glück, das Schicksal mich bedrohn
Mit Leid und Tod, Verdammniß und Verderben;
Ob Freud' und Hoheit mir die Stirn umkränzen,

Ob Leid mich trifft, des Glückes Stern' umglänzen:
Ihr reines Bild lebt in mir noch im Sterben,
Ihr Nam' erklingt zuerst an Gottes Thron.
(S. 214)
_____


213.
Die Augen, die, mit ihren sanften Strahlen
Vorübergleitend, mir das Herz verwunden,
Ach, könnt' ich fesseln sie auf kurze Stunden,
Wol fänd' ich sichern Schutz vor meinen Qualen.

Ob ich auch Gift genöss' aus goldnen Schalen,
Hätt' ich zugleich Vergessen nur gefunden!
Vom Arm des Glückes Momente lang umwunden!
Mit meinem Leben würd' ich's gern bezahlen.

O dürft' ich dich, du Herrliche, umschweben,
Nachtfaltern gleich, die um die Kerze kreisen,
So möchte mich des Auges Blitz durchbohren.

Daß es auf mir verweilte! daß verloren,
In ihm die Stund' ich dürfte selig preisen,
Die Leben mir, die Frieden mir gegeben!
(S. 215)
_____


214.
War's nicht genug an dieser Liebe schon,
Den Leiden, die des Lebens Kraft zersetzen,
Muß noch der Tod mit plötzlichem Entsetzen,
Mit marternder Vernichtung mich bedrohn?

Doch ob im Schmerz die letzten Stunden flohn,
Ich will dem Schicksal mich nicht widersetzen.
Der wird als nichts die Qual des Todes schätzen,
Deß treue Liebe lohnt ein kalter Hohn.

Denn deiner Reize Macht und Herrlichkeit,
Dein harter Zorn beschloß mit kaltem Muth
Bisher noch nie erhörte Grausamkeit.

Dein finstrer Hohn und meiner Liebe Glut,
Sie haben, ach! zwiefachem Tod geweiht
Ein Leben, das in dir allein geruht.
(S. 216)
_____


215.
Hilf, Herrin, dir Genugthuung zu geben,
Daß ich gewagt mit kühnen Huldigungen
In meinem Nichts, von deinem Reiz bezwungen,
Zu dir des Herzens Hoffnung zu erheben.

Vor deinem Glanz erbleicht das kühnste Streben:
Nur einmal ist es der Natur gelungen,
Daß solche Schönheit ihrer Kraft entsprungen,
Die nie zum zweiten Mal verklärt das Leben.

Wer dich erblickt, von deiner Schönheit trunken
- Mir sinkt der Blick vor deiner Hoheit Strahlen -
Dem stirbt dahin die Hoffnung wie der Muth.

Doch wenn du dich erfreust an meinen Qualen,
Ertrag' ich gern das Leid, d'rin ich versunken:
Mit deinem Zorn wächst meiner Liebe Glut.
(S. 217)
_____


216.
O, dieses Flusses klare Flut,
In dessen Tiefe sich, der dunkel hellen,
Baum und Gesträuch beschaun mit weichem Schwellen,
Wo duft'ger Schatten kühlt des Mittags Glut;

Der Regengüsse und der Stürme Wuth,
Sie mögen niemals trüben deine Wellen:
Die Thränen, welche meinem Aug' entquellen,
Bewahren dich vor dem Versiegen gut.

Wenn die Geliebte kommt, sich zu beschauen,
So zeige ihrer Augen holdem Licht
Mein gramgefurchtes, bleiches Angesicht.

Und wendet sie sich ab, erfüllt von Grauen,
Beleidiget von meiner Blicke Flehn,
So soll sie sich, zur Strafe, selbst nicht sehn.
(S. 218)
_____


217.
Im süßen Traume hielt ich oft umwunden,
An sel'ger Brust die Liebliche umfangen:
Dann flammt empor ein sehnendes Verlangen
Nach lebenswarmen, wahren Glückesstunden.

So lang mein Herz der süße Traum gebunden,
Hält mich des Glückes holder Wahn gefangen;
Sobald das schöne Truggebild vergangen,
Ist alles Glück im dunkeln Leid verschwunden.

Sehnsucht, dich anzuschaun, läßt mich erwachen:
Du bist beglückt, ich weiß, siehst du mich nicht,
Mich freut es, blind zu sein, dich zu betrachten.

Ist's mir genug am Glück, das Träume brachten,
Ist's lieb mir, wenn mein Herz im Leide bricht,
So wird der Tod für dich mich selig machen.
(S. 219)
_____


218.
Mein Wunsch und deine Schönheit sich erkannten,
Mein Glück hat sie zu meinem Leid verbunden:
Aus der Verbindung wuchs in kurzen Stunden
Ein schöner Knabe, den sie Liebe nannten.

So maßlos für den Schönen sie entbrannten,
Daß, da sie sich am glücklichsten empfunden,
Und unbewußt des Leids, das sie umwunden,
Verloren in der Liebe Flammen brannten.

Die Schönheit, der Begierde hingegeben,
Hat ein geflügelt Ungeheu'r geboren,
Stolz ist die Mutter, Eifersucht das Kind.

O Mutter, ganz dem Kinde gleich gesinnt!
Warum gabst du den ew'gen Ahn verloren?
Weßhalb dem ird'schen Vater ew'ges Leben?
(S. 220)
_____


219.
Wenn diese Flammen, die mein Herz durchdringen,
Erlöschen könnten in des Wassers Fluten;
Könnt' ich an diesen Wunden auch verbluten,
Wie meine Seufzer in der Luft verklingen;

Wenn meine Seele auf des Sturmes Schwingen
Aufschweben dürfte auf des Blitzes Gluten;
Und wenn mein Geist auf heißen Thränenfluten
Entflöh' des Lebens Haft im bangen Ringen:

Nie würd' es doch des Schicksals Zorn gelingen
- Der süßen Hoffnung will ich froh vertrauen -
Des Herzens glühe Sehnsucht zu bezwingen.

Ach, deine Schönheit werd' ich ewig schauen!
Wenn schon des Lethe Wellen mich umklingen,
Verscheucht dein süßes Bild des Todes Grauen.
(S. 221)
_____


225.
Ihr meiner traur'gen Augen süße Lügen,
Wie weckt ihr mächtig in mir die Gedanken!
Nun sprengt die Sehnsucht ihres Grabes Schranken,
Erlogne Ruh kann mich nicht mehr betrügen.

Mit deinen weichen, engelgleichen Zügen
Machst du das Herz vor Wehmuth mir erkranken:
Auch dieses flücht'ge Glück will ich dir danken,
Kann es auch meiner Sehnsucht nicht genügen.

Mich hat ein Wahn getäuscht, so will es scheinen,
Sie ist es nicht, die ich im Herzen trage,
Glüht auch das Bild fast in lebend'ger Klarheit.

So hörte sie mir zu, sah so mich weinen,
So lauschte sie mitleidig meiner Klage:
Fast ist's, als ob der Schatten wäre Wahrheit.
(S. 227)
_____


232.
Welch schwankend Hoffen, welch ein Trug, der leise
Mit falschem Wahn umspinnet die Gedanken,
Daß wir das Gift mit gier'gem Munde tranken
Und Leid und Noth uns auserwählt zur Speise!

Des ungewissen Lebens Menschenweise!
Den Worten glaubend, die betrüglich schwanken;
Um Stunden weinend, die zu früh versanken,
Die einzig schönen in des Jahres Kreise.

Vertraue nicht der trüglichen Erscheinung,
Geborgt nur war, was du geliebt im Leben:
Der Welt Gestalten wandelbar zerstieben.

Du wandle auch Empfindung, Wunsch und Meinung,
Und bleib' allein der Liebe treu ergeben,
Die unvergänglich ist mit dem Geliebten.
(S. 234)
_____


247.
Ihr Glücklichen, die Beide ihr verbunden,
Zum Himmel, wo die Liebe herrscht, entflogen,
Wo ihr ein Glück, das hier euch schnell entzogen,
In wandelloser Seligkeit gefunden;

Das hier nur, weil es euch so schnell entschwunden,
Zu tiefem Schmerz und Klagen euch bewogen;
Jetzt tragen euch des Glückes weiche Wogen:
Jetzt haltet ihr euch ohne Furcht umwunden.

O traurig, wer hienieden lebt, umgeben
Vom Netz der Liebe; den des Glückes Strahlen
Zu seinem Leid stets flammender umweben!

Weh mir, denn nutzlos ist sein schmerzlich Streben,
Dem nur der Gott zu seinen tiefen Qualen,
Zu größerm Leid, verliehn ein langes Leben.
(S. 249)
_____


249.
Halt an, Apoll, den schnellen Lauf, o halt!
Die Nymphe laß! Was du als Lieb' empfunden,
Ist Liebe nicht; dich hält ein Wahn gebunden,
Das fühlst an deinem Schmerz du nur zu bald!

Die wahre Lieb' erzwinget nicht Gewalt;
Erzwungne Liebe kann dich nur verwunden.
Daß nicht die höchste Schönheit, schnell entschwunden,
Verwandelt sei, der schönste Schmuck im Wald!

O, daß dich nicht ein flüchtiges Vergnügen
Des Sterns beraube, der verklärt dein Leben,
Laß dir an einem stillen Glück genügen.

Ach, mindre Leiden wird ihr Zorn dir geben,
Und deinen Schmerz wirst leichter du ertragen,
Als ihre Ferne ewig zu beklagen.
(S. 251)
_____


255.
Du lebst in mir! dies, hoff' ich mit Vertrauen
Ist meiner Liebe Ruhm und Recht zugleich:
Doch wird mein Glück in deinem Anschaun bleich,
Nie darf ich hoffen, in dein Herz zu schauen.

Dich zu erkennen, Königin der Frauen,
Bin ich zu arm, dein Geist ist viel zu reich,
Doch würd' ich dir misfallen, wollt' ich gleich
Mein Glück auf meines Wesens Wechsel bauen.

Nur dieses Eine weiß ich voll und klar:
Blick' in mein Herz mit kalter Grausamkeit,
So wird dir deine Härte offenbar.

Das kannst du schaun in mir zu jeder Zeit,
Weil ich für immerdar mein ganzes Leben
Als Pfand der Treu' an dich dahin gegeben.
(S. 257)
_____


257.
Wie der Nachtfalter, den geheime Macht
Zur Flamme lockt, die er zu tausend Malen
Im Kreis' umschwärmt, bis er in süßen Qualen,
Von ihr verzehrt, sein Erdensein vollbracht:

So eil' auch ich zur Flamme, liebentfacht.
Von deiner Augen süßen Todesstrahlen
Verzehrt, werd' ich den schönen Wahn bezahlen,
Gewisser nur, weil ich an Flucht gedacht.

Ich weiß, wie viel die trunknen Blicke wagen,
Ich weiß, wie hoch aufstreben die Gedanken,
Und daß des Todes Schwingen mich umschlagen.

Doch duldet Liebe kein unsichres Schwanken,
Noch meine Seele, die den Schmerz zu tragen,
Als ihren größten Ruhm, dir möchte danken.
(S. 259)
_____


258.
Erinnerungen, ach, Erinnerungen,
Die ihr so warm in meiner Seele glüht,
O quält mich nicht! ist doch das Glück verblüht,
Sind Lenz und Liebe doch zugleich verklungen!

O Schmerz der Liebe! der mich tief durchdrungen,
Wie schnell erstarb die Hoffnung im Gemüth!
Wie war ich einst so froh um sie bemüht!
Nun hat der Tod die Liebliche bezwungen.

Erst welkte diese, dann verdarb das Leben
Die Seligkeit, die schneller bleicht hienieden,
Je wärmer wir des Schicksals Gunst empfunden.

Wär mit dem Glück Erinn'rung auch entschwunden!
Dann dürfte ich im stillen Seelenfrieden
Des größern Sieges Lorbeerkranz erstreben.
(S. 260)
_____


259.
Ihr schönen Augen, selbst die Sonn' erblindet
Vor eurem Glanz, von bleichem Neid entfacht;
Mit Recht habt ihr die Thörichte verlacht,
Die allzukühn des Streits sich unterwindet.

Doch wenn ihr stolzen Liebe nicht empfindet,
Hochmüthig trotzt auf eurer Schönheit Macht,
Bedenkt, dem klarsten Tage folgt die Nacht,
Auch ihrer Schönheit Herrlichkeit verschwindet.

O, brich die Frucht, so lang die Schönheit blüht,
O, brich die Frucht, eh' dir entfliehn die Stunden,
Daß nicht die Sehnsucht dich zu spät durchglüht!

Ich, der das Leben und den Tod empfunden
Durch dich, gab gern dem Gott, was ich ihm schulde,
Zufrieden, daß ich deinetwegen dulde.
(S. 261)
_____


266.
Gefürchtet, Herrin, hab' ich lange schon,
- Zu schmerzlich mußt' ich dein Vertraun entbehren -
Dein Zögern werde sich in Haß verkehren;
Nun ist Verderben meiner Liebe Lohn.

Längst ist die letzte Hoffnung mir entflohn,
Dem Andern wirst du deine Huld gewähren:
Nun wird dein Wankelmuth und mein Entbehren,
Wird meine Lieb' erkannt, sowie dein Hohn.

Mein ganzes Herz hatt' ich dir hingegeben,
Dein eigen war, was ich besaß im Leben,
Du gabst und du entzogst mir deine Liebe.

Und ob auch alles Andre mir verbliebe,
Jetzt bin ich ganz veramt. - Daß nicht einmal
Erinnerung dir schaffe bittre Qual!
(S. 268)
_____


268.
Die reine Liebe, die ich, treu und wahr,
Für dich gehegt, von keinem Wunsch entweiht,
Die mich durchglüht seit meiner Knabenzeit,
Ich trage sie im Herzen immerdar.

Sie kennt den Wechsel nicht, und wunderbar
Ist sie von des Geschickes Macht befreit;
Von keinem Glück getrübt, von keinem Leid,
Bleibt sie mein Stern, wie sie es ist und war.

Es welkt das Gras, es schwindet Blatt und Blüte,
Im Herbste stirbt, was schön im Lenz geboren,
Nur meiner Liebe Frühling ewig lacht.

Doch daß dein Herz im Zorn für mich erglühte,
Daß deine Gnade ich umsonst beschworen,
Hat meiner Liebe tiefes Leid gebracht.
(S. 270)
_____


269.
Die Schönheit dieser frischen Bergesauen
Und der Kastanien dunkelgrüne Schatten,
Der Bäche Murmeln durch die Blumenmatten,
Wo nicht der Schatten eines Leids zu schauen;

Des Meeres tiefer Klang, die fremden Gauen,
Am Hügelsaum der Abendsonn' Ermatten,
Der Heerden Heimwärtszug, der kräutersatten,
Der Wolken stiller Kampf, der silbergrauen:

Was alles die Natur in heitern Scherzen,
Im reichen Wechselglanz mich läßt umstrahlen,
Bist du entfernt, schafft es mir bittre Schmerzen.

Ach, ohne dich ist Gift in allen Schalen!
Je heller leuchten rings der Freude Kerzen,
Um so viel tiefer fühl' ich meine Qualen.
(S. 271)
_____


271.
Ich habe, Herrin, niemals dich verklagt,
Daß du verschmähtest meine Huldigungen,
- Ich habe nach zu hohem Ziel gerungen -
Daß du so langer Treu' den Lohn versagt.

Ich habe meinem Glücke längst entsagt;
Um dich nur fühl' ich mich vom Leid bezwungen,
Daß dein Verderben Dem so leicht gelungen,
Der nie nach deiner Liebe Werth gefragt.

Es ist die Rache doppelt süß und fein,
Die der Gekränkte nimmt an seinem Feind,
Wenn die Genugthuung gerecht erscheint:

Doch seh' ich dich verzehrt vom tiefen Schmerz,
Durchdringt ein bittres Leiden mir das Herz:
Ach, niemals wünscht' ich so gerächt zu sein!
(S. 273)
_____


272.
Als deiner Schönheit Glanz und Herrlichkeit
In meiner Brust der Liebe Glut entfacht,
War es zugleich mein Loos, daß ihre Macht
Erstark' an deiner kalten Grausamkeit.

Die Liebe wird besiegt von keinem Leid,
Ob mir dein Blick auch niemals freundlich lacht.
Mich hat mein Loos zum Opfer dir gebracht,
Was mir dein Zorn verhängt - ich bin bereit.

Nimm hin mein Herz! Du Stolze, zögre nicht,
Die Seele hinzuopfern, die für dich
Allein des Lebens schwere Last getragen.

Die Freiheit, ach! hat keinen Reiz für mich.
Laß mich erfüllen meine liebe Pflicht,
Mit unverletzter Treu den Tod ertragen.
(S. 274)
_____


275.
Sag', Herrin, mir, der Schönheit Ideal,
Wo fandest du zu deinen lichten Flechten
Des reinen Goldes Glanz, des feinen, echten?
Wo liegt die Mine, das beglückte Thal?

In deinem Auge der Prophetenstrahl,
Kam deine Hoheit dir von heil'gen Mächten?
Spannst du, Medea gleich, in dunkeln Nächten
Geheime Zauber zu der Menschen Qual?

Wer gab die Muscheln dir aus Meeresschachten,
So Perlen dir des Osts entgegenbrachten,
Die, wenn du lächelst, in Rubinen strahlen?

Weil ganz nach Wunsch dich deine Geister machten,
O, hüte dich, im Quell dich zu betrachten,
Daß dich nicht treffen des Narcissus Qualen.
(S. 277)
_____


278.
Du, Herrin meiner Seele, zürne nicht
Des liebentflammten Herzens Raserein!
Laß huldreich deiner schönen Augen Schein
Mir lächeln, wie der Welt das Sonnenlicht.

Gewiß, selbst meine Thorheit für mich spricht,
Schaust du auf meine Treue, echt und rein;
Und wolltest du mir dennoch nicht verzeihn -
Dein Strafen dulden ist mir liebe Pflicht.

Laß nicht das süße Weh, das mich verzehrt,
Dem treuen Herzen werden herbe Pein,
Das dir allein in treuer Lieb' ergeben.

Du bist von jeder Herrlichkeit verklärt,
O hüte, Dame, dich, daß nicht allein
Mitleid'ger Dank nur fehle deinem Leben.
(S. 280)
_____


283.
So vieles Leid, so tief empfundne Klagen,
Die ich geheim in meiner Brust verschlossen,
So viele Thränen, ach! umsonst vergossen;
Ein langes Weh, ein trauriges Entsagen;

Die Liebe, die nur Leid mir eingetragen,
Durch die von jedem Glück ich ausgeschlossen,
Litt ich um ihretwillen unverdrossen,
Hab' ich, als wär's ein hohes Glück, ertragen.

Für jeden Schmerz, das hab' ich froh empfunden,
War mir Ersatz ein einz'ger milder Blick
Von jener, der ich dien' aus freier Wahl.

O segensreicher, schöner Augenblick!
Nun ist die Nacht auf immer mir entschwunden
Vor diesem einz'gen hellen Sonnenstrahl.
(S. 285)
_____


Übersetzt von Louis von Arentsschildt 1807-1883

Aus: Sonette von Luis Camoens
Aus dem Portugiesischen von Louis von Arentsschildt
Leipzig F. A. Brockhaus 1852


 


 

 


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