Europäische Liebeslyrik

(in deutscher Übersetzung)

Edward Charles Halle (1846-1914) - Die Musik

 

 

Luigi Capuana (1839-1915)

(In der Übersetzung von Paul Heyse)



Augenblicksbilder

1.
Welch ein Rauschen, Flüstern, Schwirren
Schwingt im Wald sich wipfelwärts!
Strahlen durch die Lüfte irren,
Und wie lacht in mir das Herz!

Und doch sollt' ich gehn in Trauer,
Da die Liebste mich verließ!
Doch das Herz mit süßem Schauer
Spricht in mir: Vielleicht ist sie's,

Was da schwirrt und flüstert immer,
Raunt und rauscht in Waldesnacht,
Rings die Luft erfüllt mit Schimmer
Und in meinem Herzen lacht.

Oder träum' ich selbst im Wachen
All den Trug, der mich umgiebt,
Leichter mir das Herz zu machen?
Ach, ein Thor ist, wer da liebt!
(S. 159)
_____



2.
Könnten reden die Akazien,
Könnten diese Pfade reden,
Ach, wie viel ihr sagen würden sie,
Weß ich selbst mich nie vermaß!

Könnten reden diese Zeitungen,
Deren enggedruckte Spalten
Eifrig ich zu lesen heuchelte,
Während ich doch nie sie las!

Welche Wonne, dies beklommene
Süße, bange Stehn und Harren,
Dieses Spähn, dies ungeduldige,
Bis ich endlich sie erblickt,

Langsam wandelnd, die Holdselige,
Unter jener Bäume Schatten,
Ahnungslos, in welchen Hinterhalt
Sich mein armes Herz verstrickt.

Doch die Pfade, die Akazien,
Werden Sprache nie gewinnen,
Nichts verrathen auch die Zeitungen,
Liegen längst zerrissen da.

Meiner Lieb' und Qual Geheimnisse
Werden stets mein eigen bleiben;
Manchmal aber flüstern hör' ich sie:
Narr! auch sie - sie kennt uns ja!
(S. 159-160)
_____



3.
Heut - warum, weiß ich nicht - seh' ich inmitten
Von Grün ein weißes Häuschen, einen Weg
Ganz in der Ferne, wenig nur beschritten,
Der unten endet zwischen Dorngeheg;

Und ein geschlossnes Gitter, einen langen
Laubgang, der schattend dort versteckt die Thür,
Dahinter, wo die blüh'nden Disteln prangen,
Ein steiler Damm, Ginster in frischer Zier.

Ein Schweigen ruht auf Thür und Fenstern allen,
In all dem Grün wie traurig ist es hie!
Warum nur ist mir wieder eingefallen
Das Häuschen und der Weg? Wo sah ich sie?

Nun weiß ich's: dort vor jenem Hause preßte
Sie meinen Arm stark mit der weißen Hand
Und zeigte lächelnd hin nach jenem Neste -
Und ich: Wer weiß! - - Doch jede Hoffnung schwand!
(S. 160-161)
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übersetzt von Paul Heyse (1830-1914)

Aus: Paul Heyse Italienische Dichter in Übersetzungen
Lyriker und Volksgesang Neue Folge
Gesammelte Werke (Gesamtausgabe)
Reihe V Band 5
George Olms Verlag Hildesheim Zürich Neu York 2002
(Nachdruck der Ausgabe Stuttgart Berlin 1905)


 

 


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