Europäische Liebeslyrik

(in deutscher Übersetzung)

Edward Charles Halle (1846-1914) - Die Musik

 


Alfonso de Cartagena (1384-1456)

(In der Übersetzung von Ludwig Clarus und Paul Heyse)



Gewalt der Liebe

So Körper, wie Seele, so Streben wie Leben
Erleuchten, umnachten des Feuers Gewalten;
Wohin sie dir fassenden, raffenden, streben,
Da töten sie ohne je selbst zu erkalten.
Was thu' ich, da alles mir Feindschaft verkündet?
Da Gutes und Böses nur Leiden mir schafft?
Mich glühet das Feuer, das wild mich entzündet,
Des G'walt mich bewältigt, mich hält und mich bindet,
Mich bindet und löset mit siegender Kraft.

Wo soll ich mir Trauer, wo Freude mir zeigen?
Seit rings mich so große Gefahren betroffen,
Muß ich weinen, muß lachen, muß reden, muß schweigen,
Kein Heil ist zu finden, zu suchen, zu hoffen.
Nicht such' ich's zu suchen, noch mag ich's erfliegen,
Bedräut und bedrängt von so grimmigen Plagen,
Nicht will ich besiegt sein, noch will ich besiegen;
Nicht will ich beschweren, noch will ich vergnügen.
Nichts weiß ich zu thun und nichts weiß ich zu sagen.

Was thu' ich voll Trauer bei solcher Beschwerde,
Wen sendet ihr, daß er mir helfe in Klagen,
Wohin auf der Erde, daß ruhig ich werde?
Was fühl' ich, was thu' ich, was nehm' ich zu tragen?
Gebt Mittel zum Heile; ich kann's nicht erreichen,
Mein Übel zu heben, mein Leid zu bezwingen,
Ich zeig's, ich versteck' es, muß dulden, muß schweigen,
Drum wird mir, drum muß mir das Leben zerspringen.

Übersetzt von Ludwig Clarus (Ps. von Wilhelm Volk) (1804-1869)

Aus: Eine Blütenlese aus Spanischen Dichtern aller Zeiten
In deutschen Übertragungen
Herausgegeben von Julius Hart
Stuttgart Verlag von W. Spemann o. J. [1883] (S. 70-71)

_____



Scheiden will ich nun

Scheiden will ich nun,
Doch von Liebe? Nein!
Denn es kann nicht sein.

Wer zu seinem Frieden
Scheiden will von Schmerz,
Von sich selbst geschieden
Lebt er allerwärts,
Wird ein sehnend Herz
Keinem andern weihn,
Denn es kann nicht sein.

Muß ich auch dich meiden,
Werd' ich Heil erwerben,
Denn es kann am Scheiden
Wohl das Leben sterben;
Doch der Sehnsucht Leiden
Schlummert niemals ein,
Denn es kann nicht sein.

Übersetzt von Paul Heyse (1830-1914)

Aus: Eine Blütenlese aus Spanischen Dichtern aller Zeiten
In deutschen Übertragungen
Herausgegeben von Julius Hart
Stuttgart Verlag von W. Spemann o. J. [1883] (S. 71)

_____


 

 


zurück zum Verzeichnis

zurück zur Startseite