Europäische Liebeslyrik

(in deutscher Übersetzung)

Edward Charles Halle (1846-1914) - Die Musik

 


Miguel de Cervantes Saavedra (1547-1616)

(In der Übersetzung von Edmund Dorer und August Wilhelm von Schlegel)



Ständchen

I.
Magst am Balkon du lauschen
Oder am Fenster stehn,
Gib acht, es kommt dein Geliebter,
Meid Holdchen, du kannst ihn sehn.

Bleibe heiter, o Nacht,
Bis der Morgen erwacht,
Und über alle Blumen
Tauige Perlen sprüht;
Aber dieweil du harrest
Bis hell die Sonne glüht,
Sage du meiner Schönen
In sanften, süßen Tönen:
Magst am Balkon du lauschen,
Oder am Fenster stehn,
Gib acht, es kommt dein Geliebter,
Mein Holdchen, du kannst ihn sehn.
Und läßt ihr Herz sich rühren,
Mußt an der Hand sie führen
Und dann vergiß es nicht!
O sag ihr hold und leise,
Oder mit lautem Mund,
Daß sie die süße Weise
Vernimmt in des Herzens Grund:
Magst am Balkon du lauschen,
Oder am Fenster stehn,
Gib acht! Es kommt der Geliebte,
Mein Holdchen, du kannst ihn sehn.


II.
Vor deiner Thüre,
Geliebte mein,
Wandeln sich Dornen
In Rosen fein.
Pflanzt trotzige Eschen
Und harte Eichen
Vor Liebchens Thür.
Und trifft sie ihr Blick,
Sie werden sich neigen
Sanft wie die Myrte mit duftigen Zweigen:
Und Dornen sich wandeln
In Rosen fein.
Wie welkes Gras
Sich grünend erhebt,
Wenn ihr Fuß es berührt,
Ihr Atem belebt!
Mit Lächeln erheitert sie
Herz und Gefilde:
Den Knecht, den Gebieter
Beherrschet sie milde,
Daß Dornen sich wandeln
In Rosen fein.

Übersetzt von Edmund Dorer (1831-1890)

Aus: Eine Blütenlese aus Spanischen Dichtern aller Zeiten
In deutschen Übertragungen
Herausgegeben von Julius Hart
Stuttgart Verlag von W. Spemann o. J. [1883] (S. 120-121)
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Die Schalkhafte

Mutter mein, o Mutter!
Hüter stellet ihr:
Hüt' ich mich nicht selber,
Hilft kein Hüten mir.

Steht es nicht geschrieben,
Und ein wahres Wort,
Daß wir immerfort
Das Verbot'ne lieben?
Zwang dient nur den Trieben,
Mehr sie aufzuwiegeln;
Drum mich zu verriegeln
Thut nicht weislich ihr,
Hüt' ich mich nicht selber,
Wehrt kein Hüten mir.

Mag der Wille nicht
Sich für sich bewachen,
Sind nur schlechte Wachen
Scheu ihm oder Pflicht.
Ja fürwahr, er bricht
Durch des Todes Schranken,
Mit was für Gedanken,
Nie erratet's ihr.
Hüt' ich mich nicht selber,
Wehrt kein Hüten mir!

Sehnet sich ein Herze
Nach verliebtem Glücke,
Geht es wie die Mücke
Nach der Liebeskerze.
Ihm sind nun zum Scherze
Aller Hüter Scharen,
Noch so sehr bewahren
Mag man es, wie ihr,
Hüt' ich mich nicht selber,
Wehrt kein Hüten mir.

Nichts ist allzu teuer,
Wo die Liebe handelt,
Und die Schönste wandelt
Sie zum Ungeheuer.
Einen Sinn von Feuer,
Eine Brust von Wachs,
Füß' und Händ' aus Flachs
Schafft sie heimlich ihr:
Hüt' ich mich nicht selber,
Hilft kein Hüten mir.

Übersetzt von August Wilhelm von Schlegel (1767-1845)

Aus: Eine Blütenlese aus Spanischen Dichtern aller Zeiten
In deutschen Übertragungen
Herausgegeben von Julius Hart
Stuttgart Verlag von W. Spemann o. J. [1883] (S. 122-123)
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