Europäische Liebeslyrik

(in deutscher Übersetzung)

Edward Charles Halle (1846-1914) - Die Musik

 

 

Hendrik Conscience (1812-1883)

(In der Übersetzung von Luise von Ploennies)



Die betende Braut
Aus der Novelle "Gottes Gnade"

Der Morgen, glanzumwoben, ist schön, die Nacht ist hold,
Wenn sie am Himmel droben ihr Perlenkleid entrollt,
Schön ist der aus dem Schoose der Wolken silbern steigt,
Schön die erblühte Rose, schön die sich sterbend neigt,
Das Schönste doch, was trunken des Dichters Auge schaut,
Ist im Gebet versunken die junge zarte Braut.
Der Hals taucht aus der Welle der Brust so weiß wie Schnee,
So hebt der Schwan, der helle, sich aus dem klaren See,
Die Finger, die verschlungen auf ihrer Brust so rein,
Sie schimmern wie durchdrungen vom süßen Morgenschein.
Es liegt der Himmel offen vor ihrem feuchten Aug,
In Glaube und in Hoffen löst sich der Lippe Hauch.
Es spielt um ihre Wangen das seidne Haar so lind,
Wie Herbstesfäden hangen bewegt im Morgenwind,
Die Schulter blickt die weiße aus dem Geflecht von Gold,
Das kosend dann und leise zur Brust herniederrollt.
Die zarten Formen sehen durch des Gewandes Duft,
Es scheint sie zu umwehen mit Balsamhauch die Luft,
Ein Traum, der wahr geworden, ein Engel, vom Geschick,
Gesandt von schönern Borden auf einen Augenblick,
Denn Haupt und Hände heben sich schon in selgem Glück,
Bald wird sie uns entschweben, o haltet sie zurück!

Übersetzt von Luise von Ploennies (1803-1872)

Aus: Reise-Erinnerungen aus Belgien
Von Luise von Ploennies
Berlin Verlag von Dunker und Humblot 1845 (S. 312-313)

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