Europäische Liebeslyrik

(in deutscher Übersetzung)

Edward Charles Halle (1846-1914) - Die Musik

 

 

Isaac da Costa (1798-1860)

(In der Übersetzung von Friedrich Wilhelm von Mauvillon)


Liebe

Wird in der Jugend Glut das leicht getroffne Herz
Gestachelt vom Genuss, zerfleischt vom scharfen Schmerz,
Wenn unser ganzes Sein im Leidenschaftenwühlen
Uns lässt die Gegenwart von jener Gottheit fühlen,
Die Seligkeit verspricht; was beut wol zum Gesang
Dann Schön'res die Natur, was als der Liebe Drang?
Tön' ihr, mein Saitenspiel, und ihr, o holde Musen,
Beseelt zum Jugendlied den liebevollen Busen!

Wer bist du, Himmelsspross, du, dessen Götterkraft
Der Welt das Leben giebt? Was auch für Leidenschaft
Die Brust durchglüht, du bist die edelste von allen,
Die mächtigste zugleich; aus jedem Munde schallen
Dir Hymnen Tag für Tag voll Inbrunst am Altar,
Und jeder bringet dir sein Herz zum Opfer dar.

Dein Odem brennt wie Glut der Sonne in den Tagen,
Die, glänzt der Sirius, hier seinen Namen tragen,
Und wilder tobt dein Sturm, wenn er im Herzen braus't,
Als der Orkan, der auf dem Oceane saust.

Wer bist du, Himmelsspross? Du strahlst im Myrthenkranze
Hoch über Könige, trotz allem Kronenglanze.
Der schlanke Pappelbaum, die stolze Eiche bückt
Vor deinen Myrthen sich. Der Lorbeer selber schmückt
Des Dichters Scheitel, bloss mit ihnen sich zu paaren,
Nach deinen Tempeln wogt das Volk, gedrängt in Schaaren;
Sein blasses Antlitz zeugt von herber Liebespein,
Die an den Herzen nagt, verzehrend Mark und Bein.
Des Kriegers Kampfeslust, den Thränen schier ersticken,
Blitzt nicht mehr aus den sonst so feurig glüh'nden Blicken;
Sein wilder Sinn verschwand, ein sog er in der Luft,
Die sanft ihn hier umspielt, der Liebe zarten Duft.
Lasst eure Saiten nicht, im Päan, Dichter, rauschen;
Nein, mit dem Liebeslied den Kriegsgesang vertauschen.
Der Liebe Reiz und Macht empfindet Jedermann,
Und alles kniet, und fleht um ihre Gunst sie an.

Wer bist du, Himmelsspross, der Welten kann beglücken?
Fleug, Herrliche! herab, uns Fleh'nde zu entzücken.
Ein Frühlingslüftchen weht, und Wohlgeruch durchfliesst
Das säuselnde Gebüsch; am grünen Boden schiesst
Ein Heer von Blumen auf; die kleinen Wellen spielen
Leicht über Kiesel hin, und alles scheint zu fühlen
Erfrischte Lebenslust. Die süsse Melodie
Des muntern Vögelchors, sagt: was verkündet sie?
Heil, hehre Göttin, dir! Du kommst um Glück zu spenden.
Mag deiner Schönheit Glanz uns auch die Augen blenden,
Begrüssen, Himmlische, wir doch dich hoch erfreut,
Dich, die uns Leben gab, die Trost den Menschen beut!
Dir macht es keine Lust, Gift unter Spiel und Scherzen
Zu träufeln, mitleidslos, in wehrlos off'ne Herzen.
Nein, Göttin, deine Lust ist, da, wo du dich zeigst,
Dass Leben du dem Tod' und Glück dem Leben reichst.
Heil, Heil ihm tausendmal! dem deine Gaben strahlen,
Zu reich, sie mit dem Gold der Erde zu bezahlen.
Heil, Heil ihm tausendmal! den, wenn der Tod ihn ruft,
Das Glück, das du ihm gabst, begleitet in die Gruft.

Mag dir das tück'sche Meer dein Liebesglück missgönnen,
Nie wird es deine Glut, Leander, löschen können.
Trotz bietest du dem Sturm, der See, und siegst! Die Noth
Erhöhet den Genuss, süss ist dir selbst der Tod,
Wenn deiner Hero Herz dies Opfer kann empfangen.

O möchte doch mein Arm sie einmal nur umfangen,
Nach der mein Herz schon seufzt seit Jahren mit Begier!
Ihr Bild umschwebt mich zwar, doch sie entfliehet mir.
Wie gerne würd' ich nicht durch hohe Meereswellen
Dir fliegen an die Brust, dem Tode bloss mich stellen,
Gewährst du mir dafür nur eines Blickes Gunst!

Gross ist des Kriegers Ruhm und gross der Ruhm der Kunst;
Erhebend schallt ihr Ruf in freigebor'ne Herzen.
Doch, was gilt dieser Ruf beim Heil, selbst bei den Schmerzen
Der Liebe? Was der Kranz, mit dem der Dichter prangt?
Hat je mein junges Herz nach diesem Schmuck verlangt,
War's nur, um Kranz und Herz der Schönheit darzureichen.

Wie, Engel mild und hold, du willst uns schon entweichen,
Und bist es doch allein, der Menschen selig macht?
O weile, bis die Welt dir ihren Dank gebracht!
Doch nein, du weilest nicht, schwingst aus dem Staubgewimmel
Hell strahlend dich empor zum Fluge nach dem Himmel,
Und fliehst. Ach, einmal nur wirf huldvoll deinen Blick
Noch auf mein schmachtend Herz, das nach dir seufzt, zurück!

Nie werd' ich ird'sche Macht und Schätze je begehren;
Die Sorgen, schwer und viel, doch nimmer Glück gewähren.
Mein Heil such' ich im Band, das Liebe knüpft und flicht.
Gott! höre mein Gebet, verwirf mein Flehen nicht:
Mein Leben lass mich weih'n dem Recht der Unterdrückten;
Und wenn mich auch dafür die schwersten Leiden drückten,
Blüht mir doch Heil und Glück und Himmels-Seligkeit,
Wenn nur ein Blümchen mir die Hand der Liebe beut.

übersetzt von Friedrich Wilhelm von Mauvillon (1774-1851)

Aus: Auswahl niederländischer Gedichte
Ins Deutsche übertragen und mit kurzen historischen
und biographischen Erläuterungen begleitet
von F. W. v. Mauvillon (Band 3)
Essen bei G. D. Bädeker 1836 (S. 232-237)
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