Europäische Liebeslyrik

(in deutscher Übersetzung)

Edward Charles Halle (1846-1914) - Die Musik

 


Dafydd ap Gwilym (um 1320 - um 1350/70)

(In der Übersetzung von Ludwig Christian Stern 1846-1911)


(aus Gedicht 14: Ieuan ab Gruffyd und seine Tochter Dyddgu)

Von dir bekam ich Gold, du gnädger Spender,
Von dir Willkommen und den klaren Wein,
Den schönen Met, der Sängern nicht verweigert,
Das Honigbier mit seinem dunklen Kranz.
Die holde Tochter, die gewiss nicht buhlte,
In deinen Hallen aus dem weissen Stein!
Da schlief ich nicht, noch machte ich Gedichte -
Nicht Schlaf noch Schläfchen, Qual des Ungemachs!
Erhabner Gott! was wird mich denn vernichten?
Nichts andres will mir kommen in das Herz
Als ihre Liebe, die so hoch ich schätze;
Hätt' ich das eine alles, braucht' ich mehr?
Liebt sie mich nicht, dann lässt mich Krankheit leiden,
Mich flieht der Schlaf, mir bleibt das Alter fern. (...)
(S. 43)

Weiss ist die Stirne unter ihren Locken,
Schwarz ist das Haar und meine Feine keusch.
Das Haar, endlosem Walde gleich, ist schwärzer
Als eine Amsel, ein Gagatstein sind.
Des glatten Fleisches unberührte Weisse
Erhöht des Haares Schwärze - trefflich Lied!
Unähnlich nicht und wie der Tag so heiter,
So sagt ihr Dichter, ist die Wohlgestalt
Der anmuthsvollen Maid, in die verliebt war
Der hochgepries'ner Krieger ehemals,
Peredur, der im ernsten Schmerze harrte,
Der starke sanfte Ritter, Evrogs Sohn.
Als er erblickte, der so herrlich strahlte,
Der adlergleiche Herr, im Schnee einst,
Im blauen Schleier bei Isoldens Haine,
Wie dort der wilde Falke tödtete,
Von niemand im dem Morde aufgehalten,
Die Amsel, eine Jungfrau stolz des Mais.
Bedeutungsvolle Zeichen waren diese -
Hat Gott sie nicht in ihrem Bild ersetzt?
Im Schnee, der wenig hoch wie Staub liegt,
Ist ihre Stirn, wie die Familie sagt.
Dem Flügel einer flinken Amsel gleichet
Die Braue - einen Zauber mal' ich aus.
Des Vogels Blut, nachdem der Schnee gefallen,
Sind ihre Wangen, sonnenartig hell.
So ist, wie eine goldumspannte Orgel,
Dyddgu mit ihrem glänzend schwarzen Haar.
(S. 44-45)

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(Aus Gedicht 19: Einladung an Dyddgu ins Grüne)

Wenn zum Gemach der grünen Birke
Die Maid kommt, gibt's ein schöner Sein?
Dem Schatz versprach zu gutem Ende
Ich nichts als Nachtigall und Met.
Wenn unterm Laub wir draussen weilen,
Umfasst die warme Birke uns,
Wo sich die art'gen Rehe tummeln,
Wo Vöglein singen, wo es schön.
Die Nachtigall die graue trillert,
Die muntre Drossel fröhlich schwatzt.
Neun Bäume stehn, von Formen stattlich,
Vor dem Gebüsch beisammen dort,
Den Vögeln ein Versteck zum Spielen,
Ein lieber Hain - dies ist sein Bild:
Hier unten rundet sich's zum Kreise,
Ist oben wie ein Kirchturm, grün,
Darunter, wie man's nur sich wünschet,
Beim heilgen Myllin, goldner Klee.
Ein grüner Weg, - ein scheuer Kuckuck, -
Klarkühles Wasser ohne Dunst:
Da eine neue gute Laube
Da eitel Lust, der Himmel da!
Dicht sind daselbst der Amseln Nester,
Da glänzt der Wald, da wächst der Falk.
Da ist ein Land, so fremd verwoben,
Dem langen Neider wie ein Turm,
Für zweie, die die Leute kümmern,
Und auch für dreie wohl, jetzund.
Gehn wir dahin, du Wellengleiche?
Ja? gehn wir nicht, mein schönes Kind?
Wir gehn - wohlan, du strahlend Feine,
Mein Lieb mit Augenfeuerglanz!
(S. 48)

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(Aus Gedicht 10: Einladung an die Nonne Gwenhonwy in den Hain)

Ein sittsam Mägdlein, schwarz von Augen,
Die innig lieb mir, macht mir Pein,
Sollt ich sie einem andern lassen,
Beim sel'gen Gott wär ich ein Tor.
Willst wirklich du nicht, liebes Mädchen,
Der Birke hübsches Sommergrün?
Nicht schweigen, Stern von Überhelle,
Mit deinen Psalmen im Gemach?
Du bist so fromm und bist so heilig,
So hochverehrt in deinem Chor.
Bei Gott! o lass von Brot und Wasser
Und von der Kresse - die verschmäh!
Lass, bei Marie! dein artig Pater
Und Römer Mönche Frömmigkeit.
Sei nicht wie eine Frühlingsnonne,
Mehr ziemt das Grün als Klosterzucht.
Dein Beten, allerbeste Schöne,
Verträgt sich mit der Minne nicht.
Ein bess'rer Orden ist der Mantel,
Ein Trauring und ein grünes Kleid.
Komm her zum Sitze in der Birke,
Zu Wald- und Kuckucksreligion!
Man schilt uns nicht, wenn wir den Himmel
Verdienen uns im grünen Hain.
Ovidii Buch behalt im Sinne,
Entsage Betens Übermass.
Lass hier und dort im Wald die Seele
In Geissblattlauben uns befrein,
Und Gott (er sei nach Pflicht gepriesen!)
Der wird der Maid alsbald verzeihn.
Wär's schlechter für das edle Kind denn
Die Seele läutern in dem Hain,
Als so zu tun, wie wir es sonsten
In Roma und St. Jago tun?
(S. 51-53)

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(Aus Gedicht 12: Die Rechtfertigung der Verleumdeten in Manachlog Vaen)

O Maid, im Wandel keusch und bieder,
Im Hause zu Mynochlog Maen!
Sagt wirklich der gemeine Haufe,
Der böses Wort im Munde führt,
Im Walde wärst du mein gewesen,
Rotbrauig Kind, von üpp'gen Haar?
Leid soll mir, Feine, widerfahren,
Hast du nur einmal mir gehört!
Wenn jene über uns so sprechen,
Die wir doch Arges nicht getan,
[Von dem Gerede schlechter Menschen
Entlaste ich als Bote dich.
Gleich morgen tu ich's deinetwegen,
Weil sie so lügen Tag für Tag.]
Die Hand auf den Reliquien schwör ich
An dem Altar ein freies Wort:
Noch niemals hab ich dich besessen,
Noch stellt ich, Züchtige, dir nach.
Ach wüsst ich nur, du Tadellose,
Warum man uns verleumdet hat!
Man sah uns nicht auf einem Bette,
Ja, selbst in einem Hause nicht,
Noch, schöne Seele, unter Zweigen
Des frischen Walds zusammenruhn.
[Man fand uns unter Haseln stehen,
Es war kein Liegen, noch gesucht;
Noch dachten wir, du zarte Seele,
An Sünde mehr als Kinder tun.
Erfindung böser Menschen ist es
Und die Erfindung ist verrucht.]
Kein Stelldichein fand statt, noch winkte
Ich dir mit Auge oder Hand.
Ich pries nur deine blonden Haare,
Du güt'ger Gott! mich sah kein Mensch.
Ganz schuldlos unverdächtig sind wir,
Ich wie dein Oheim, Maid! dir fremd.
[Du sendetest mir keinen Boten,
O artig Kind von feinen Braun.
Durchaus kein Kosen, kein Verhältnis
Gab's zwischen uns, du schmucke Maid.]
Nicht einen Schritt zur Minne tat ich,
Noch legte ich den Arm je keck
Um dich, du keusch verständig Kleinod!
Dein zarter Leib ist, Liebste, rein.
[Nach deinem zarten Körper, Hinde,
Hab ich noch nie Gelüst gehabt.
Wie als durch Wunder könnt erlangen
Ich dich, von Sommerfädenglanz!
Wenn man nicht eins ist, sich verständigt,
Dass man verliebt sich nahe tritt?
Nicht war im Stelldichein der Liebe
Dein Mund an meinem Munde je,
Dein leiser Atem, hold begrüssend,
Noch dein Gesicht an meinem, Maid!]
Ich schwöre bei den zehn Geboten,
Dies alles kurz in einem Wort.
Beim Herrn der Herren! ich bin elend,
Wofern man mir nicht Glauben schenkt.
[Du warst nicht mein, du ehrbar Mädchen,
Nein, niemals, o du keusches Kind!]
Dich, Brauenschöne, zu besitzen
Kam mir noch niemals in den Sinn.
Das ziemte sich nicht, wie man wusste;
Ich konnte nicht dein Buhle sein.
(S. 56-58)

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(Aus Gedicht 199: Kätchen)

Ich lebe hier wie ein Entseelter,
Um Käte nur ist all mein Leid.
Ein Tränenflor steht, holde Käte,
Vorm Blick mir wie ein Regenguss.
Wie schweres Blei, so liegt die Liebe
Mir, Käte, im verschlossnen Turm.
Um deinetwegen klag ich, Käte,
O du des Landes Lichtgestirn.
Ich bin im grünen Hag ein Spielmann,
Lass in den Wald uns, Käte, gehn!
Du bist bei jedem Scherze sinnig,
Und, Käte, hältst getreulich Wort.
Nur Käte, gleich dem Ruf des Kuckucks,
Ruf ich im grünen Waldrevier.
Bei Gott! kein ander Wort als Käte
Soll kommen mir aus meinem Mund.
(S. 60)

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(Aus Gedicht 148: Die unglückliche Liebe zu Gwenhvyvar)

O sel'ger Gott, du Arzt des Lebens,
Lass nicht ein Weib verderben mich!
Ein Eremit, sein Grab bereitend,
So harre ich zur Ruh zu gehn.
Wenn nicht das zarte Antlitz wäre,
Würde mein Leben länger sein.
Wenn einer mich ums Leben brächte,
Wär eine mein auf bess're Art. (...)
(S. 62)

So finde ich mich heute Abend
Als schwämm ich lebend durch das Meer;
Ein mastlos Schiff, das losgelöst ist,
Wohin es treibt, kein Land in Sicht;
Ein Eber in dem Eichenstande,
Von zähen Rüden dicht umstellt,
Die dann ein Bursche hinter beiden
Zusammen aus den Koppeln lässt.
Nicht löst die Jugend mir, o Teure,
Den Blick von dort, wo ich ihn band.
(S. 62-63)

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(Aus Gedicht 23: Das Herz des Verliebten)

Du kleines Herz mit rundem Kopfe,
Natürlich regelrechter Puls!
Mehr hatte nie ein Teil zu leiden
Als du, der Dichtung Webgemach!
Es nährt die Pilgerin der Busen,
Der Sehnsucht Muskel, weiss von Haupt.
Du kochend Rund, so heiss und mächtig,
Gedankenvorrat, einfach klar,
Geruhig und doch ungeberdig,
Wie voll - du kleine Eigestalt!
(S. 66-67)

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(Gedicht 27: Der Seufzer um Morvudd)

Ein Seufzer, tief und ungeheuer,
Hält sich in meinem Rocke nicht;
[Ein Seufzer, die Gestalt durchfurchend;
Zerbrach wie in vier Teile mich.]
Die Brust umschliesst ihn, Schmerzes Rasen,
Mich spaltet fast das wilde Weh.
O Nest des Herzens, Brust und Denken
Macht leeres Seufzen nicht gesund.
Die Stimme hallt, verhaltnes Grämen
Von seltsamer Erinnerung;
Des Busens Aufruhr, eitle Täuschung,
Löscht meine Kerze zeitig aus.
[Ein Seufzer, dringend, laut ertönend,
Bricht aus der Wand vor ihm den Stein.]
Es strömt ein Schauer vor dem Liede, -
Viel Grübelei, ein Nebelfeld.
Das tat ein Fräulein, heilig Wort ist's,
Ein heftig Stöhnen folgte drauf.
Es meint wohl jeder, wenn mir weh ist,
Zu einem Pfeifer wär ich gut;
Ich fühle stärkern Atem in mir
Als in des Schmiedes Blasebalg.
[Aus mir bläst's schlimmer als einherfährt
Oktoberwind, so unheilvoll;]
Der Regensturm macht Wangen schrumpfen,
Unseliger Oktoberwind!
[Der Weizen und der Worfler wären
Nichts gegen den in seiner Wucht.]
Seit einem Jahre geht's mir seltsam,
Nur Morvudd mich besänft'gen kann.
(S. 69-70)

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(Aus Gedicht 49: Die Umarmung)

Die Sonne Morvudd, weiss wie Schneestaub,
Von Mienen strahlend, wangenfrisch,
Hielt mich umfasst, war's leicht, doch traulich,
Im Winkel einer Laube dort;
Es schützt der lautern Liebe Knoten
Die Keusche unterm Handgelenk.
Die Arme hielten liebend mich;
Ein Halsband der verschämten Liebe
Ward meiner Kühnheit da zuteil.
Das zarte Brust an Brust, bei Gott! war
Mir lieber als das lautre Gold.
Die Wohlgestalt, die schönen Arme
Beschwerten nicht des Barden Hals,
An des berühmten Liebsten Ohre -
Dem Druck entwinde ich mich nicht.
(S. 72)

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(Aus Gedicht 78: Der Birkenhain)

Der Birkenhain, beglückte Stätte,
Drin harrt sich's wohl des Tageslichts;
Ein leichter Pfad, grün schimmernd, traulich,
Und Laubbehang an dem Gezweig.
Es birgt die Maid mit ihrem Buhlen,
Preiswürdig ist der grüne Hain;
Darin behagt's der gold'gen Gräfin,
Da schwatzt die Drossel auf dem Baum.
Auf anmutsvoller Höh, im Grünen
Verweilen zwei dem Tropf zum Trotz;
Er fand des Baues einen Hüter
Für dieses Haines schönen Flor.
Die Nachtigall, im Laub melodisch,
Bezeugt es, dass der Wald bewohnt;
Sie trillert bardengleich in Zweigen,
Am Hügelhang, im Wipfelglanz.
Berühmt macht dieses Parkes Halde
Ein Saal von frischem, reinem Grün;
Lass uns im Haselwäldchen schaffen,
Das neu ergrünt ist, ein Gemach;
Ein Kämmerchen mit schönem Bette,
Den Obersaal im Birkenschmuck;
Den Kreis der grünen Birken pflegt man
Mit Eckchen, die zum Sitzen recht.
Es kommt die Zierliche in Liebe
Zum Laubenhaus, das Gott gemacht;
Mich freut das gipfelhelle Kirchlein
Mit frischer Haseln Maibehang.
Wie laben mich die schmucken Bäume!
Sie sind mein Haus heut ohne Russ.
Und kommt das Weib zu meinem Hause,
So komme ich zu ihrem Haus.
O Sprosser, graues Vöglein, wippend,
Du bist des Maien Bote mir!
Es grüne auf den Zwerggesträuchen,
Mein Liebchen wird mir pünktlich sein.
(S. 75-76)

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(Gedicht 140: Die verfallene Waldhütte)

O offne und zerbrochne Hütte,
Die zwischen Au und Brachland liegt!
Ach! wer dich hier erbaut gesehen
Als Wohnungsstätte ehemals,
Und sieht dich jetzt zerstört im Dache,
Morsch und verfallen im Gebälk!
Einst war ein Tag, o Pein des Schmerzes,
Bei deinem schmucken Baue auch.
Da war es unter dir viel froher
Als jetzt es ist, du kleines Dach;
Als unter deinen Tragebalken,
Den starken, ich, der Schönen nah,
Die Holde edle Jungfrau damals
Von schönem Wuchs sich strecken sah;
Wo Arm mit Arm sich eng verknüpfte,
So dass das Weib in jedem lag;
Der schneeigweisse Arm der Feinen
An ihres teuern Barden Ohr,
Indess mein Arm (wie süss die Dichtung)
Den zarten Leib der Holden hielt.
O selig jene Sommertage!
Doch heute ist nicht solcher Tag.
Die Stätte hegt nur meine Klage
Um jenes wilden Sturmes Lauf.
War es der unheilvolle Ostwind,
Der an die Schwache Mauer stiess?
War es der Wind, der zornig rauhe,
Aus Süden, der dich hat entdacht?
War es der letzte Wind, der gestern
Dein Dach umhergeworfen hat?
Übel zerbrach er deine Pfähle -
O Trug und Fährlichkeit der Welt!
Im trauten Winkel ach! da hatt ich
Ein Bett, das keine Saubucht war.
Noch gestern warest du voll Anmut,
Behaglich meinem holden Schatz;
Heut bist ein Platz du zur Versammlung,
Bei Petrus! balken-, hürdelos.
So manches Ding ist unverständlich;
Ist die verfallne Hütte Trug?
Mir war so wohl - doch Elfen haben
Gewaltet - Davvyd, mach ein Kreuz!
(S. 95-96)

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(Gedicht 118: Allerlei Lieder für die Geliebte)

O Weib, das mir das Herzweh machte,
Dich liebe und dich liebte ich!
Der Herrgott schuf dir deine Farben,
Wie Tages Auge deine Stirn;
[Gott hat dir rotes Gold verliehen,
Dein Haar, dem goldnen Regen gleich;]
Wie zwei Juwelen deine Augen,
Die Nase eines holden Kinds.
Dein Hals ist grad und schlank gewachsen,
Wie volle Bälle ist die Brust;
[Zwei Scharlachwangen unter Brauen,
Die ganz wie Londons Damen sind.]
Fünffache Freude ist dein Lächeln,
Vom Glauben bringt dein schöner Leib.
Wie Anna's Nichte ist dein Antlitz,
Der schöne Teint, die Wohlgestalt.
Wie hold du unter deinen Locken,
Wie schön du bist! - Komm in den Wald!
Dort auf der Höh sei unser Lager,
Vier Alter lang im Birkengrün;
Auf einem Pfühl vom Laub des Tales,
Der mit dem zarten Farrn verhängt;
[Die Decke schützt uns vor den Tropfen,
Das Schauer hält der Wald schon ab.]
Da lass mich ruhn des Hirsches Leben,
Wo einstmals David der Prophet,
Der einer Schönen sieben Psalmen,
Zum Schmerz für Salomo, einst sang.
So will auch ich zum Grusse singen
Die Psalmen von dem Liebeskuss;
Von sieben Küssen von den Mädchen,
Von sieben Birken auf ihr Grab,
Und sieben Vespern, sieben Messen
Und sieben Drosselplauderein,
Und sieben freierfundnen Weisen
Und sieben Kränzen im Gedicht;
Von Liedern an die zarte Morvudd
Einhundertsiebenundzwanzig Stück.
So schliesst die teuerwerte Minne,
Von ihr gebührte mir nicht mehr.
(S. 119-120)

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(Aus Gedicht 119: Morvudds Ruhm)

Ich tat ihr Dienst in jeder Weise,
Mit meiner Kunst zu Lob bereit,
Durch Leierklänge laut und leise, -
Gar viel gab ich, der trunken war.
Ich säte ihren Ruhm in Gwynedd
In Tönen des Frohlockens aus;
Es wächst heran, sich weit verbreitend,
Die schöne dichtgesäte Saat.
Man ging mir nach und allerorten
Ward eifrig: Wer war sie? gefragt.
(S. 121-122)

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(Aus Gedicht 195: Verborgenes Liebesglück)

Ich ging am Wald mich zu vergnügen,
Dem grünen, meiner Trauten Heim.
Das heitre Wetter liess uns weilen
Im Birkenhaine eine Zeit.
Da lachten wir aus Einem Munde
Und kauerten im Waldversteck.
Wir schlenderten am Meeresstrande
Und rasteten am Waldesrain.
Wir hüteten beglückt die Birke
Und pflanzten Bäumchen, schmuck von Laub.
Wir sahn die Acker einsam liegen,
Von Liebe sprachen ich und sie.
Wir tranken Met am Sitz der Minne
Und schritten kosend durch den Wald -
Nur Ein Gesicht und nur Ein Lächeln,
Ein Lachen nur von Mund zu Mund.
Wir lehnten klagend an einander,
Die Menschen meidend, in dem Hain.
O holdes bei einander weilen,
Im Liebesglück zusammenruhn
Und die verschwiegne Minne hegen
In Treue - weiter sagt man nichts.
(S. 124-125)

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(Gedicht 97: Tagelied)

Von Minne sprach ich zu der Holden,
Doch war's vergebens sieben Jahr;
In Reimen flehte ich das Weib an,
Bis gestern endlich ich sie traf.
Da ward mir Lohn für meine Sorgen
Um dieser Wellenweissen Trug.
Nachdem wir uns begrüsst einander,
Ward höchste Wonne mir zuteil.
Ich weilte bei der Brauenschwarzen
Im Kuss und im Geplauder noch
Und hielt im Arm, schuldlose Bürde,
Das Haupt so hell wie Mond und Schnee.
Nachdem mit diesem teuern Kleinod
Ich nun nach Herzenslust gekost,
Sprach ich bedächtig, ängstlich prüfend,
Vom Tag und ihrem Ehebund.
Darauf versetzt die glänzend Reine,
Mein holdes Goldchen, schön wie Schnee:
"Man hört vor Tag den Kuckuckspartner,
Den klaren Sang des würd'gen Hahns!" -
"Wie aber, kommt vor gutem Ende
Der widerwärt'ge Tropf zu Haus?" -
"Sprich, David, doch von etwas Bess'rem!
Schlecht angebracht ist deine Furcht." -
"Mein goldigs Lieb wie Sommerfäden,
Im Türspalt sehe ich den Tag." -
"Der Neumond ist es oder Sterne,
An jedem Pfosten strahlen die." -
"Nein, meine Feine, Glanz der Sonne,
So wahr ein Gott ist, schon ist's Tag." -
"Bist du so unstätt aufzubrechen,
Tu wie's beliebt - so magst du gehn!"
Da stand ich auf vor dem, was drohte,
Ergriff mein Hemd, im Busen Furcht,
Und lief dahin durch Wald und Farren
Vor Tag ins Dickicht eines Tals.
Wie vor und hinter mir der Tag nun
Sich lange dehnte, floh ich Tor.
(S. 138-139)

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(Gedicht 69: Der Wind als Bote an Morvudd)

O Himmelswind, im Laufe hurtig,
Mit lautem Lärm ziehst du dahin,
Du Wundermann von rauher Stimme,
Flügellos, fusslos, Held der Welt!
Erstaunlich wie du losgelassen
Aus Himmels Kammer, ohne Bein,
Und wie geschwinde du dahinläufst
Jetzt über jenen Hügel dort!

Sag deinen Weg mir, du Gepriesner,
Der du ein Nordwind aus dem Tal!
O lauf, mein Mann, von Ober-Aeron,
Hübsch heiter und mit hellem Ton.
Halt dich nicht auf und lass das Zaudern,
Fürchte den Kleinen Bogen nicht!
Ich habe eine böse Klage,
Eng ist mir Land und Unterstand.

Den Busch entblösst du, worfelst Blätter,
Und niemand fragt dich oder hemmt,
Nicht dienstbar Volk, noch Hand des Landvogts,
Nicht blaues Schwert, noch Regenflut;
Wirst nicht ersäuft, wirst nicht bedrohet,
Ungreifbar, bleibst du stecken nicht;
Dich brennt nicht Feuer, schwächt Verrat nicht,
Erwürgt nicht töricht Mutters Sohn.
Dir ist kein rasches Pferd von Nöten,
Noch Flusses Brücke oder Boot.
Dich hält kein Häscher, nicht Gespenster,
Streust du der Bäume Blätter aus.
Dich sieht kein Blick, dich hören tausend
Auf weitem Feld, im Regennest,
Du Luftdurchmesser, der in Eile
Neun Waldgelände überspringt.
Du, Walten Gottes auf der Erde,
Brichst Eichenwipfel mit Gebrüll,
Im Äther heiter, mächtig wandernd,
Kraftvolles Wesens, trockner Art.
Frühmorgens schleuderst du hoch oben.
Und fegst den Schober lärmend weg.
Du machst am Meer das schlechte Wetter,
Du Kecker an der Sandbanksee.
Ein flinker Räuber, voll von Tücken,
Verstreust du und verfolgst das Laub.
Du freier Stürmer, Hügelnehmer,
Mastkobold auf weissbrüst'ger See,
Die Weiten dieser Welt durchfliegst du,
O wettre auf der Höh zur Nacht!

Ach! dass ich leider mich verliebte
In Morvudd, meine gold'ge Maid,
In sie, die mich zum Sklaven machte -
Steig auf zu ihres Vaters Haus!
Und poche an die Tür, lass öffnen
Für meinen Boten, eh es tagt.
Such einen Weg zu ihr, wenn möglich,
Lass meinen Seufzer hören sie,
Und sprich mit wohlgewählten Zeichen,
Sag meiner edlen Trauten dies:
"So lange ich am Leben bleibe,
Werd ich dein treuer Trauter sein."
Weh mir, soll ich sie nicht erblicken,
Wenn's wahr ist, dass sie mir noch treu!
Nun auf! du mein erlesner Lufthauch,
Tritt vor das Bett der Schönen hin.
Geh hin zu Morvudd im Verborgnen,
Wohlan! Leb wohl, du wackrer Wind!
(S. 164-166)

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(Gedicht 116: Mai und Dezember)

Sei mir gegrüsst in grünen Häusern,
Im prächt'gen Chor des Walds, der Mai!
Der starke Ritter, Liebesleuten
Ein Hort, der Vogt des stilles Hains;
Der Freund der Minne und der Vögel,
Dem Kuckuck, den Verliebten lieb;
[Geplauder gönnend ohne Ende,
Für das Gekose wertgeschätzt.]
Ein Grosses ist es, bei Maria!
Kommt ohne Fehl der Monat Mai,
[Eifrig verlangend nach der Ehre,
Sich zu erobern jedes Tal;]
Der dichte Schmuck, der Strassen Schatten,
Alles in grüngewebtem Kleid.
Bezieht er nach dem eis'gen Kampfe
Der Ebne Burg mit busch'gem Thron,
Dann grünt (es schallt von Maienandacht)
Der Pfad, wo vormals der April.
Da kommen auf die Eichenwipfel
Der kleinen Vöglein Melodien,
Der Kuckuck an den Rand der Felder, -
O Glück, wie ist der Tag so lang!
Die Luft erquicklich gegen Abend,
Der Wald mit Sommerfädenglanz;
[Und viele Vöglein in den Wäldern
Und auf den Zweigen frisches Grün.]
Dann denk ich Morvudds, meiner Gold'gen,
Und viel bewegter Leidenschaft.

Nicht so der böse schwarze Monat,
Der alle Liebe uns verdenkt,
Der kurze Tage bringt und Regen
Und Wind, der das Gehölz entblösst;
Und mit dem Wind den weissen Nebel,
Der uns des Tales Grund entstellt,
Und drückend schweren rauhen Luftzug,
Der mit dem Dunst den Mond verhüllt;
Den Fluterreger und die Kälte,
Den grauen Schwall im Bett des Stroms
Und das Getose in den Flüssen,
Die Wasser schlürfen Tag und Nacht;
Die Fröste und die grimmen Kämpfe,
Das Hängekleid, den Hagelschlag.
Es soll ergehn, um's frei zu sagen,
Dem Ungeschlachten doppelt schlecht!
(S. 176-178)

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(Gedicht 87: Die Sommerlaube)

Ich baute droben auf der Höhe
Ein trock'nes Wohnhaus für ein Paar,
Dem Markte fern und nicht an Wegen,
Von grünen Zweigen eingehegt.
Ich weiss, nicht wie ein öd' Gemäuer,
Zerbrechlich, baute ich das Haus,
Vielmehr wie eine Dauerlaube
Aus feinem Holze, für mein Lieb.
Sorglich verknüpfte ich die Zweige
Des scharfen Rohrs und bog sie ein.
Da ist ein Altan, hübsch und länglich,
Aus Dorn und Hasel ein Gemach,
Ein Hof zum Spielen für die Holde,
Vortrefflich, wohlgehegt und dicht;
Mit Blätterkappe, grünem Gipfel,
Ein Schirm für sie und ihren Schatz;
Ein vornehm fränkisch Dachgesparre,
Ein Hüttchen mir aus zartem Laub.
Es wölbt das Dach sich zur Kapelle,
Ein Prachtgehege, grün bedeckt;
Ein traut Gemach aus Fenchel-Röhricht,
Ein traulich trocknes Heim für zwei;
Ein prächt'ger Stuhl im frischen Haine,
Ein Grafensitz, zu pflegen lieb.
Da konnt ich nachts behaglich schlafen,
Im Federbett des frischen Baus,
Und hörte tags die Unterhaltung
In Tönen lautrer Weisen an,
Den süssen Sang aus Vögleins Munde -
Das Liebchen liebte solche Kunst.
Das Hähnchen, das im Nest sich duckte,
Das schwatzt' und scherzte klug im Schwarm.
Ein Vöglein, traut und schmuck, im Waldchor,
Von Tolle farbig, flügelbunt,
Dem wird ein höfisch Amt gegeben:
Der Kämmrer für die Feine ist's.
Ich sah voraus, ich würde wünschen
Nur mich und sie und ihn daselbst,
Dazu den Barden, flink, begnadet,
Zu hüten droben mir mein Haus.
Wo immer ich im Freien baute,
Und solches Glück ist nicht gering,
An sich'rer Stätte steht mein Lager,
Ein Sommer macht mein Haus nicht kahl.
Ob man ein Kriegsgetümmel fürchtet,
Bös englisch Volk, das kommen mag,
Fremd ist und unerforscht die Gegend
Langbein'gen Mehl- und Käsefrau'n;
Wie eine Feste in den Wäldern
Und Friede in dem Hirschgeheg.
Da mag wohl junges Kriegsvolk trotzen,
Zwei Hügel, Wasser beiderseits.
O Sommerlaube! Will am Abhang
Uns suchen selbst, der uns verhasst,
Der Eiddig auf der Lauer weiss nicht,
Der mürr'sche Schleicher, wo im Wald,
Im Birkenhaine, auf der Aue,
Er nach der Feinen spähen muss.
Kein Trostwort, keine Kommunion soll
Zu Teil ihm werden um sein Weib!
(S. 180-182)

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(Gedicht 132: Der Ilexbusch)

Der Ilexbusch, wie ein Familienobdach,
Des Forstes Halsband, mit Korallenfrucht;
Den Schnäbeln gleichen die gezackten Blätter,
Der Holden ist's, dem teuern Schatz, ein Turm;
Ein rechter "Chor", von niemand auszurotten,
Ein trocken dicht Gehölz, ein Haus für zwei.
Ich pflege einsam an der Höh zu schlendern
Im Wald, der anmutsvoll, von feinem Haar.
Mir war vergönnt den schönen Bau zu hüten,
Erging ich mich durchs Tal, durch Wald und Laub.

Wem ist im Winter wohl zu teil geworden
Der Monat Mai mit seinem grünen Kleid?
Des Ilexbusches an des Hügels Windung
Gedenkt man, heute dachte ich an ihn.
Zur Minnewohnung ist er mir geworden
Und mit dem Mai trug er das gleiche Kleid,
Am frischen Walde, wo's wie Orgeln tönet,
Auf edelgrünem Pfeiler aufgebaut.
Den Kunstsaal hat ein Maler nicht erfunden,
Das Wetterdach hat Gottes Hand gemacht.
[Gott der erhabne schuf ihn zweimal schöner
Als Robert Hael seinen hübschen Park;]
Die Zweige höher als der Wege Häupter,
Dicht kurzes Haar hat er im grünen Rock.
[Herr Hywel Vychan, der von edlem Wandel
Und ernster Dichtung, ein erkorner Mann,
Der hat gepriesen, nicht in niedrer Weise,
Des Waldes Engel an der schönen Statt.]
Das Heim der Vögel aus dem Paradiese,
Ein runder Tempel, glänzend grün von Laub;
Nicht eine Hütte, dran der Regen zehret,
Zwei Nächte bleibt es trocken unter ihm.
Nicht einen Büschel frisst davon die Ziege
Bis an den Severn, und kein alter Bock;
Das Laub vertrocknet nicht, als nur durch Zufall,
Die Ilex ist von Zähigkeit des Stahls;
Ein Eisenpfühl dem Kopf in langen Nächten,
Wenn Frost in jedem Tal und Wiesenland;
Ein wahres Kirchlein ist's von frischem Laube,
Das überm Hügel sich zusammenfügt.
Der schöne Baum verliert nicht seine Zierden,
Wie kalt und scharf der Frühlingswind auch tobt.
(S. 186-187)

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(Gedicht 219: Die Drossel)

Das Hähnchen von verliebtem Sange,
Die Drossel, deutlich hellen Tons -
Unter der Birke hört ich gestern
Die Stimme, klar und schön von Klang.
Ihres Geflötes zart Geflechte -
Was wäre anmutsvoll wie das?
Beim Hahnenkraht, im Federkleide,
Liest sie uns drei Lektionen vor;
Schon hört man weithin durchs Gelände
Aus dem Gebüsch den Jubelsang.
Prophet der Halde, Sehnsuchtssänger,
Und mächt'ger Meister im Gehölz!
Am Rand des Talgrunds singt er trefflichst
Aus seiner süssen Leidenschaft,
Gesänge von der Kraft der Dichtung,
Wie Orgeltöne, jede Kunst,
Gar hübsche Noten von dem Mägdlein
Und von dem schönsten Minnestreit.
Er ist ein Prediger und Lehrer,
Lieblich behend, von reinem Schwung,
Edler ovid'scher Kunst ein Meister,
Ein lieber werter Maipoet,
Des hübschen Angers frohes Echo
Von Minnereim und Poesie.
(S. 197)

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(Aus Gedicht 84: Nachtigall und Krähe)

Den ernsten Grundton singt sie zierlich,
Liebeifrig Mezzo und Sopran;
Der Liebe ist im Chor des Laubes
Das süsse Alphabet geweiht,
Das sel'ge Lied der heitren Jungfrau,
Zweigkletternd, hold im Minnedienst.
Ovid gedenket mit Entzücken
Der Dichtrin, die im Walde webt.
Bei Tag und Nacht ist sie voll Frohsinn,
Die Stimme flüssig, herrlich, schön.
(S. 199)

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(Aus Gedicht 114: Hain und Nachtigall)

Ich hatte keine Unterhaltung
Noch Trost in meiner Sehnsucht Schmerz
Als auf der lieben weissen Birke
Der grauen Nachtigall Musik.
Betrachte sie, wie kühn und munter
Das Lied anscherend, sie sich zeigt;
Wie sie verliebt im Laube zwitschert
Anmut'gen Psalm im Zweiggerüst,
Im Banne hält mit holdem Plaudern
Und in dem stillen Haine kost;
Die Opferglocke der Verliebten,
So hell, süss, lieblich ist ihr Ton.
Beredt sind ihre Meisterweisen,
Wenn sie auf grünem Zweige sitzt.
Dunkel erscheint sie, lieblich, liebend,
Auf Weissdornbüschen in der Früh;
Cuhelyns Schwester, das Poetlein,
Sechsmal so rasch ist ihr Geflöt,
Der Meisterin der Orgeln Maestrans,
Als hundert, wenn sie spielt den Alt.
Seit sie aus Gwynedd fortgezogen,
Ging's schlecht und schlechter mir daselbst.
(S. 200-201)

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(Gedicht 110: Der Birkhahn als Liebesbote)

Du treibst dein Liebesspiel mit Hennen,
O tapfrer Hahn im schwarzen Rock
Von Farbe wie das Kleid der Elster,
Du Jodler mit Korallenbrau'n!
Der Hennen Gatte auf der Waldhöh,
In Treu verbunden, ein Äthiop;
Im blauen Rock mit weisser Achsel,
Ein Bürger, der die Menschen freut;
Ein Renner, Schlachten abzuhalten,
Ein flinker Wind, in Abtes Tracht;
Schwarzmassig auf dem Eichenzweige,
Ein Bischof mit dem Skalpulier;
Ein Geistlicher im grünen Laube,
Ein Hügelprediger und Mönch.
Dein Anzug ist aus zartem Tiefschwarz,
Die dicken Ärmel sind aus Lein;
Du hast ein Wamms aus weissen Federn,
Zwei Schösse an dem schwarzen Kleid.
Du bist in Ordenstracht gekleidet,
Des Minneordens ein Gesell.
Als Kost begehrst du, Meisterringer,
Die Birke und das Wasser nur;
Die Kost von frischen Birkenzweigen,
Die auch der Hennen Nahrung ist.
Zweimal vollbringst dein Werk du täglich
Für diese Hennen des Gebirgs,
Am Walde deine Kämpfe haltend
Mit einer stolzen Männerschar.

Du weisst Bescheid dort auf der Aue
In jedem Spiel des Minnediensts.
Drum, Schlachtenwager, sei mein Bote
Zur wellenweissen Maid jetzund.
Brich auf dahin, du schwarzer Vogel,
Nach Osten, wenn der Morgen tagt,
Bis dass du kommst in Niederungen,
Ins anmutsvolle Tal des Walds,
An jenen Strom, der sich verbreitert
Und der den Wiesengrund zerteilt,
Und an den dicht verflochtnen Laubwald
Mit Vögeln gleiches Alters drin.
Lass dich hinab und geh, mein Bote,
Am Rand des Wassers in den Hain.
Schau aus dem Wald, erwarte, Edler,
Die Morgensonne, schmucker Held.
Tritt näher, bring von mir zehn Grüsse
Ihr, die der Nyv vergleichbar ist;
Beim Zeichen, gestern ihr gegeben,
Erbitte ihr Geheiss für mich.
Schon war's am Ort ein heimlich Lieben
Und etwas auch von Hoffnung war's.
Sag ihr, die taghell strahlt, der Feinen,
Sie komme zu dem Stelldichein.
Kommt sie herauf, ihr guten Abend!
Und niemand soll es wissen je.
(S. 207-208)

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(Aus Gedicht 29: Die vier Schönheiten)

Drei Frauen wie der Glanz des Sommers,
Die hatten ganz die Wohlgestalt,
Die, wie das gute Schicksal wollte,
Der Gott des Himmels Eva gab.
Die erste von den drei'n, hell strahlend,
Besass ein rascher schmucker Held:
Polyxena, die Tochter Priams,
Von hoher Kraft im Scharlachkleid.
Die andere war Deidamia,
Die liebliche, von Sonnenglanz.
Die dritte Feine, einst berühmte,
War Helena mit ihrem Mal,
Die zwischen Griechenland und Troja
Zum Kriegeszug den Anlass gab.
Die vierte ist die Minnetraute,
Die strahlendschöne helle Maid,
Die sittsam schön zum Tempel schreitet
Ohne gesuchte Art im Blick.
Die Morgenschöne ward vom Volke
Auf heller weiter Flur bestaunt.
Da kam's mir in den Sinn zu fragen:
Wer ist denn dieses schöne Kind?
(S. 234-235)

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Aus: Davydd ab Gwilym Ein walisischer Minnesänger
des XIV. Jahrhunderts
nach seinen Gedichten geschildert
von Ludwig Christian Stern [1846-1911]
Halle a. S. Max Niemeyer 1908
 

 


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