Europäische Liebeslyrik

(in deutscher Übersetzung)

Edward Charles Halle (1846-1914) - Die Musik

 

 

Carl Fredrik Dahlgreen (1791-1844)

(In der Übersetzung von Edmund Lobedanz)



Der Zephyr und das Mädchen

Zephyr
Du, die schaukelnd sich schwinget im Hain,
Linde wie Sammet, wie Rosenduft,
Darf ich Dir folgen, Begleiter Dir sein
Auf in die Luft?
Schlank ist Dein Wuchs, voll Reiz und voll Pracht,
Frisch wie am Felsen die Birke, so klar,
Lockig und reich, wie die sternhelle Nacht,
Woget Dein Haar!

Das Mädchen
Schmeichelnder Spaß!
Was soll mir das?
Rühret mich nie . . .
Pfui!

Zephyr
Wangen wie Blumen hast Du mein Kind,
Blühen so reizend empor nach der Stirn.
Wer sie erblickt, ach, der schauet sich blind,
Muß sich verirr'n!

Sag, darf ich sehn in Dein Auge ein Stündlein,
Schaukeln in Deinem Haar mich so lind?
Sitzen auf Deinem Rosenmündlein?
Sag mir's mein Kind!

Mädchen
Zephyr, ach was,
Laß Er den Spaß!
Küß' Er mich denn, ah! . . .
Na?

Zephyr
Ach, wie der Honig, so süß war der Kuß!
Fast wie der Himmel erscheint mir die Erd'!
O sei gut, nicht verstoß' mich Dein Fuß!
Bin ich's doch werth!
Mädchen, das Schaukeln sollst lassen Du nun,
Hör' was ich bitte mit Demuth im Sinn,
Laß auf dem wogenden Busen mich ruh'n,
Sieh, ich setz' mich jetzt hin!

Mädchen
Nun ist's genug!
Setz' Er sich doch!
Sei Er nur still!
Zephyr, ei hör',
Hat Er noch mehr?
Sag, was Er will!
Ei, wie er zieht,
Zappelnd sich müht,
Fast wie ein Hai!
Ei! . . .
(S. 114-115)
_____



An mein Liebchen

Wärst Du eine Aehr',
Und ein Vogel ich,
Flög' ich zu Dir her!
Ich nähm' Dich in den Mund,
Und flög' zur Abendstund'
Fort mit Dir zum Wald!

Wärest Du ein Blatt
Würd' ich wie der Wind
Küssen an Dir mich satt!
Deines Namens Wort
Säng' ich immer fort,
Wie ein kleines Kind!

Wärst Du eine Ros',
Nie aus meinem Schoos
Ließ ich dann Dich los!
Ewig mit Dir kos'
Ich voll sel'ger Lust,
Lägst an meiner Brust!

Wärst Du eine Well'
Und der Strand wär' ich,
Schaut' ich stets auf Dich!
Gäbst mir Tag und Nacht,
Küsse, süß und sacht,
Wärst Du eine Well'!

Ach, Du fliehst mich scheu,
Wie die Hindin schnell!
Fließet Thränen hell!
Alle Lieb und Treu
Heilet nicht mein Weh,
Wenn ich Dich nicht seh!
(S. 116)
_____


übersetzt von Edmund Lobedanz (1820-1882)

Aus: Album Schwedisch-Finnischer Dichtung
Deutsch und mit biographisch-literathistorischen Notizen
von Edmund Lobedanz
Mit Tegniers Portrait, gestochen von Weger
Leipzig Albert Fritsch 1868



 

 


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