Europäische Liebeslyrik

(in deutscher Übersetzung)

Edward Charles Halle (1846-1914) - Die Musik

 

 

Dante Alighieri (1256-1321)

(In der Übersetzung von Karl Ludwig Kannegießer und Karl Witte)



Gedichte aus der Vita Nuova


Erstes Sonett

All' edle Herzen, die von Lieb' entglommen,
Vor deren Blick erscheinet dies Gedicht,
Sich zu erbitten Antwort und Bericht,
Heiß' ich in Amor, ihrem Herrn, willkommen.

Des Bogens Drittel hatte schon erklommen
Die Zeit, in der erglänzt der Sterne Licht,
Plötzlich von Amor sah ich ein Gesicht,
Woran zu denken noch mich macht beklommen.

Froh schien er mir, mein Herz in seiner Hand,
Und die Gebieterin von ihm getragen,
Schlafend im Arm, gehüllt in ein Gewand.

Er weckte Sie; das Herz dann, das entbrannt,
Gab er zur Speise der Demüthigzagen;
Und alsbald sah ich, wie er weinend schwand.
(S. 3)
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Guido Cavalcanti an Dante Alighieri
Antwort

Dein Auge hat das Hehreste vernommen,
Das Best' und Lieblichste, geb' ich Bericht,
Wenn dir erschien der Herrscher im Gesicht,
Der aller Ehren Herrschaft überkommen.

Dort, wo kein Leid, hat Wohnung er genommen,
Und hält in einer frommen Brust Gericht,
Die er bei Schlaf und Schlummer süß umflicht,
Und ihr das Herz raubt, eh' sie's wahrgenommen.

Er raubte dir das Herz, als er erkannt,
Daß deinen Tod die Herrin anbefohlen,
Und gab Ihr dieses Herz, das Furcht umwand.

Als du bemerktest, daß er trauernd schwand,
Da floh der Schlummer auf beschwingten Sohlen,
Weil itzt sein Gegentheil ihn überwand.
(S. 4)
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Meister Cino von Pistoja an Dante Alighieri
Antwort

Naturgemäß gibt gern wer Lieb' entglommen
Von seinem Herzen seiner Frau Bericht;
Hiervon durch gegenwärtiges Gesicht
Ist Deutung dir durch Amor zugekommen:

Sofern dein flammend Herz zu sich genommen
Die Herrin mit demüthigem Gesicht,
Sie, die verschleiert lang' im Schlaf dem Licht
Ihr Auge schloß, von keiner Noth beklommen.

Froh schien dir Amor, weil er vor dir stand,
Dir gebend, was dem Herzen schuf Behagen,
Indem in Eins er zween Herzen band;

Und als die Liebesschmerzen er erkannt,
Die der Gebieterin er gab zu tragen,
Da weint' er, sie bedauernd, als er schwand.
(S. 5)
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Dante von Majano an Dante Alighieri
Antwort

Worüber du in Frage mich genommen,
Geb' ich bemerkend kürzlich dir Bericht,
Mein Freund, weil Dunkel dich umgibt statt Licht,
Und lasse gern zu dir die Wahrheit kommen.

So sei gekündet denn zu deinem Frommen,
Wenn deinem Geist nicht Muth und Kraft gebricht,
Du mögest waschen Hals dir und Gesicht,
Den Dunst zu scheuchen, der dich übernommen,

Und der dich reden heißt dergleichen Tand;
Und bist mit böser Krankheit du geschlagen,
So wiss', es leidet, glaub' ich, dein Verstand.

So hab' ich meine Meinung dir bekannt,
Und nimmer hab' ich Andres drauf zu sagen,
Bis ich dem Arzt dein Wasser zugesandt.
(S. 6)
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Zweites Sonett

Die ihr auf Amors Pilgerpfaden seid,
O schaut mit Achtsamkeit,
Ob's etwas Härtres gibt, als ich muß leiden?
Ich bitte nur, daß ihr Gehör mir leiht;
Und dann gebt mir Bescheid,
Ob ich nicht Haus und Schlüssel aller Leiden.

Mir gab trotz eigener Werthlosigkeit
Aus reiner Mildigkeit
Amor ein Leben voll von süßen Freuden.
Oft hört' ich hinter mir zu jener Zeit:
"Gott, welche Würdigkeit
Mocht' ihm das Herz mit solcher Anmuth kleiden?"

O wie der frohe Muth mir nun entwich,
Sonst aus dem Schatz der Liebe mich beseelend!
Drum bin ich arm und elend,
Und selbst zu sprechen scheut die Lippe sich
Drum zeig' ich, jene zum Muster wählend,
Die ihre Noth aus Scham verbergen, mich
Zwar heiter äußerlich,
Jedoch im Herzen weinend und mich quälend.
(S. 7)
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Drittes Sonett

Weint, Liebende, denn Amor weint, und höret,
Warum sein Antlitz Thränen reich bethaun.
Amor vernimmt den Weheruf von Fraun,
Ihr schwimmend Aug', die bittrer Gram verzehret.

Hat doch verruchter Tod anitzt verheeret
Ein edles Herz mit seinem Werk voll Graun,
Vernichtend, was lobwürdig nur zu schaun,
An einer Frau, die nie genug man ehret.

Vernehmt, was Amor that zu ihrem Preise:
Ich sah ihn laut und unverholen klagen
Beim todten Bilde, das so hold und schön.

Dann hob er oft den Blick zu Himmels Höhn,
Wohin Ihr Geist schon war emporgetragen,
Die hier geblüht in lieblichheitrer Weise.
(S. 8)
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Viertes Sonett

Verruchter Tod, dem Mitleid nie darf nahn,
Des Schmerzes alter Ahn,
Du Urtheilsspruch, schwer und nicht zu entfliehen,
Du hast dem wehen Herzen Stoff geliehen;
Drum will ich mich bemühen
Zu schmähen dich auf trüber Lebensbahn.

Und daß du nie magst ein'ge Huld empfahn,
Sei von mir kund gethan,
Wie trug und Lug und Frevel dich durchglühen;
Nicht weil die Welt verkennt dein arg Bemühen,
Nein, denen, die noch ziehen
Auf Amors Pfad, zur Warnung vor dem Wahn.

Du hast die Anmuth dieser Welt entrissen
Und was allein den Frauen Preis verleiht:
In holder Jugendzeit
Die Tugend und den Liebreiz soll'n wir missen.

Wer Jene sei, wollt es nicht anders wissen,
Als durch den Ausdruck ihrer Wesenheit.
Wer fern der Seligkeit,
Wird ewig Ihrer auch entbehren müssen.
(S. 9)
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Fünftes Sonett

Nachdenklich reitend vor nicht langer Zeit,
Weil ich die Fahrt nur ungern unternommen,
Gewahrt' ich Amor mir entgegenkommen,
Den Leib umhüllt mit leichtem Pilgerkleid.

Sein Aeußeres bezeugte Dürftigkeit,
Als ob man seine Herrschaft ihm genommen,
Und seufzend schritt er weiter und beklommen,
Gebückt, als wär' ihm jeder Aufblick leid.

Als er mich sah, rief er mich namentlich,
Und sprach: "Aus weiter Ferne komm' ich her,
Wo sich dein Herz befand auf mein Verfügen.

Nimm's, daß es dir gewähre neu Vergnügen!" -
Darauf ward ich von ihm erfüllt so sehr,
Daß er, ich weiß nicht wie, von hinnen wich.
(S. 10)
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Erste Ballate

I.
Ballate, geh zuerst zu Amor hin,
Mit ihm dann magst du zu Madonna eilen,
Daß die Entschuldigung in deinen Zeilen
Mein Herr vortrage der Gebieterin.


II.
Du gehst so fein und sittig, o Ballate,
Und dürftest nicht verlieren
Den Muth, beträtest du den Weg allein;
Doch willst du folgen meinem guten Rathe,
Laß dich von Amor führen,
Schlimm möchtest du ohn' ihn berathen sein.
Wenn Jene, welche dir das Ohr soll leihn,
Sowie ich fürchte, gegen mich entglommen,
Dich nicht von ihm begleitet sähe kommen,
So brächt' es Schande leicht dir zum Gewinn.


III.
Mit süßem Tone, wenn du Sie erblicket,
Laß so dein Wort erschallen,
Nachdem um Mitleid du gefleht bei Ihr:
"Es wünscht, Madonna, Der mich zu euch schicket,
Daß, sollt' es Euch gefallen,
Entschuld'gung, hat er sie, Ihr hört von mir.
Zur Stell' ist Amor, der durch Eure Zier
Ihm nach Gefallen wandelt Aug' und Brauen.
Errathet denn, warum nach Andrer schauen
Ihn Amor hieß, wenn treu doch blieb sein Sinn."


IV.
"Madonna" - sage dann - "sein Herz war immer
So fest Euch zugeneiget,
Daß jeglicher Gedank' Euch dienstbar war;
Flugs war er Euer und war treulos nimmer."
Wenn Sie dann Mißtraun zeiget,
So laß Sie Amorn fragen, ob es wahr,
Dann aber stell' als Flehender dich dar:
Wenn's Ihr beschwerlich sei, mir zu vergeben,
So heiße Sie mir nur, nicht mehr zu leben,
Und Sie wird sehn, ob ich gehorsam bin.


V.
Sag' ihm, dem Schlüssel zu des Mitleids Pforte,
Eh' Sie dich von sich weise
(Denn sagen wird er, daß ich redlich sei):
"Verweile mit der Holden hier am Orte
In meiner süßen Weise,
Und sprich von deinem Knechte frank und frei;
Und wenn du Gnad' erflehst von Ihr aufs neu,
So laß Sie hold ihm Ihre Gunst ansagen."
Mein feines Lied, nun, wann dir's wird behagen,
Geh, daß du Ruhm gewinnst, zu Jener hin.
(S. 11-12)
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Sechstes Sonett

Meine Gedanken sprechen insgesammt
Von Amor, doch ist ungleich, was sie meinen.
Ihm zu gehorchen, mahnen mich die einen,
Von andern wird als Thorheit dies verdammt.

Indeß mit Hoffnung dieser mich entflammt,
Macht jener wiederholentlich mich weinen,
So daß im Mitleidflehn sie nur sich einen,
Von Furcht durchbebt, die aus dem Herzen stammt.

So weiß ich denn nicht, welcher Stoff mir nütze,
Ich möcht', und weiß doch nicht wovon zu sprechen:
Solch Irrsal in der Lieb' ist mir beschieden.

Und will mit Allen ich nun schließen Frieden,
Muß meine Feindin ich um Hülf' ansprechen,
Die Herrin Mitleid, daß sie mich beschütze.
(S. 13)
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Siebentes Sonett

Wenn Ihr mit andern Frauen mich verlacht,
Bedenkt Ihr nicht, o Frau, wie es gekommen,
Daß ich so neues Wesen angenommen,
Hab' ich auf Eure Huld und Anmuth Acht.

Das Mitleid gäb' Euch gegen mich nicht Macht
Zu solcher Grausamkeit, wenn Ihr's vernommen;
Denn, sieht mich Amor Euch so nah, entglommen
Ist dann sein Muth, und sein Vertraun erwacht.

Er schlägt auf meine Geister, die verzagten,
Und tödtet die, und treibt von dannen jene,
Und bleibt, Euch anzuschaun, allein zurück.

Verwandelt fliehet dann mich Euer Blick,
Jedoch nicht so, daß ich nicht das Gestöhne
Vernähme jener jammernden Verjagten.
(S. 14)
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Achtes Sonett

Was in den Sinn mir komm', es ist dahin,
Wann Euer Aug', o holder Stern, mir blinket,
Und Amorn fühl' ich, wenn ich nah Euch bin,
Der: Fleuch! scheust du den Tod, zuruft und winket.

Das Herz erstarret, wo es träumt Gewinn,
Des Herzens Farb' ist's, die das Antlitz schminket,
Indeß in meiner Furcht wahntrunknem Sinn:
Stirb, stirb! der Stein zu rufen selbst mich dünket.

Verrath begehet, wer alsdann mich hört,
Scheut er's die matte Seele zu erquicken;
Zeigt' er auch nur, mitfühl' er meine Noth,

Durch das Erbarmen, das nur Spott zerstört,
Und das wehklaget in den todten Blicken
Der Augen, die sich sehnen nach dem Tod.
(S. 15)
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Neuntes Sonett

Oftmals wird Sinn und Geist mir eingenommen
Von jenen Wehn, die Amor mir ersieht;
Dann sprech' ich wol, weil Mitleid mich beklommen:
Weh mir, daß so Betrübendes geschieht!

Denn Amor hat so schnell mich übernommen,
Daß Athem mir und Leben fast entflieht.
Ein Lebensgeist nur wird mir nicht genommen,
Der, weil von Euch er Kunde gibt, nicht schied.

Dann zwing' ich mich und möchte gern erstehen;
Und aller Kraft entblößt, fast ohne Leben,
Komm' ich, Genesung zu erschaun an Euch.

Doch heb' ich nun den Blick Euch anzusehen,
Beginnt mein Herz zu zittern und zu beben,
Und aus den Pulsen flieht die Seele gleich.
(S. 16)
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Erste Canzone

I.
O Fraun, die ihr von Amor Kunde habet,
Laßt reden mich von meiner Herrscherin,
Nicht weil ich Sie zu rühmen fähig bin,
Nein, reden nur, die Seele zu beschwichten.

Traun, denk' ich dran, wie Sie so hoch begabet,
So zuckt so süß mir Amor durch den Sinn;
Und wäre nicht zugleich mein Muth dahin,
Würd' Aller Herzen ich zur Liebe richten.
Doch auf so Hohes will ich gern verzichten;

Ich möchte mich aus Furcht unrühmlich zeigen.
Doch Ihren Liebreiz will ich nicht verschweigen
Und reden, Ihrer würdig zwar mit nichten.
Liebreiche Fraun und Fräulein, hört die Kunde!
Den Andern bleibe sie verhehlt mit Grunde.


II.
Im göttlichen Verstande ruft ein Engel
Und spricht: "O Herr, dort auf der Erde sieht
Ein Wunder man an Mienen, das erblüht
In einem Geist, deß Strahlen hieher fließen."

Der Himmel fleht, sonst ledig aller Mängel,
Von seinem Herren Sie für sein Gebiet;
Und alle Heil'gen flehn, mit ihm bemüht.
Nur Mitleid will an uns sich hülfreich schließen.
Gott redet, Ihrer eingedenk, der Süßen:

"Ihr, meine Theuren, duldet noch im Stillen,
Denn eure Hoffnung bleibt nach meinem Willen
Dort, wo Sie Einer fürchtet einzubüßen,
Der dem verlornen Volk wird offenbaren:
Ich sah die Hoffnung der verklärten Scharen."


III.
Der Himmel fühlt um Sie der Sehnsucht Schmerzen;
Und nun künd' Ihre Tugend ich mit Fleiß:
Strebt, sag' ich, eine Frau nach edlem Preis,
Geh sie mit Ihr; denn im Vorüberschweben

Wirft Amor starren Frost in niedre Herzen,
Daß all ihr Denken stirbt und wird zu Eis.
Wer Aug' in Aug' Ihr schaute sehnsuchtheiß,
Würd' edel werden, doch nicht mögen leben.
Und wen Sie würdig hält, den Blick zu heben

Zu Ihr, an dem beweist Sie sich zum Heile,
Aus Ihrem Gruß wird Segen ihm zu Theile;
Dann wird er gern vergessen und vergeben.
Noch wollte größre Gunst Ihr Gott zuwenden:
Mit dem Sie sprach, der kann nicht sündig enden.


IV.
Von Ihr sagt Amor: "Ein Geschöpf der Erden,
Wie kommt's, daß es so reine Schönheit ziert?"
Er schwört, wenn er im Anschaun sich verliert,
Daß Gott zu schaffen Neues war gewillet.

Der Perle Schmelz sehn zur Gestalt wir werden
In rechtem Maße, wie es Fraun gebührt.
Sie zeigt, was Edles nur Natur gebiert,
In Ihr erscheint die Schönheit unverhüllet.
Aus Ihrem Auge, wenn's von Glanz erschwillet,

Entspringt ein Heer von Amors Flammengeistern,
Die des Beschauers Augen sich bemeistern,
Zum Herzen dringend, das dann Glut erfüllet.
Ihr sehet Amors Bild Ihr Antlitz schmücken,
Niemand vermag es fest Sie anzublicken.


V.
Mein Lied, ich weiß, du wirst mit Kunde gehen
Zu vielen Fraun, wann du entsandt von mir.
Jetzt mahn' ich dich, - denn ich erzog dich hier
Zu Amors zartem jungfräulichen Kinde, -

Daß, wo du hingelangst, du mögest flehen:
"Zeigt mir den Weg! Ich bin gesandt zu Ihr,
Von deren Lob entlehnt ist meine Zier."
Und willst du meiden jedes Irrgewinde,
Wolan, daß man beim Pöbel dich nicht finde!

Laß offen, so du kannst, nur dann dich schauen,
Wenn du zu edlen Männern kommst und Frauen;
Sie führen dich den nächsten Weg geschwinde.
Du wirst bei Jener Amorn dann entdecken,
Und, wie du mußt, mir Huld bei Ihr erwecken.
(S. 17-19)
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Zehntes Sonett

Amor und edles Herz sind streng verbunden,
Sowie der Weis' in seinem Lied es lehrt,
Und dies wird ohne jenen nicht gefunden,
Wie die Vernunft Vernünft'ges nicht entbehrt.

Natur schuf Amorn in der Liebe Stunden
Zum Herrn, und das Herz ward ihm beschert
Zur Wohnung, wo er ruht von Schlaf umwunden,
Der manchmal kurz, bisweilen lange währt.

Schönheit erscheint als edle Frau sodann,
Und reizt das Auge, daß im Herzensraume
Sehnsucht entsteht nach dem, was hold zu schauen.

Und dieses hält so lang' in jenem an,
Bis Amorn es erweckt aus seinem Traume.
Und Gleiches wirkt der wackre Mann bei Frauen.
(S. 20)
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Elftes Sonett

Amor bewohnt Madonna's Augenlicht,
Da Alles, was Sie anschaut, sich verkläret,
Und, wo Sie geht, sich jeder zu Ihr kehret,
Und jedes Herz erbebt, zu dem Sie spricht,

Daß All' erblassen neigend das Gesicht,
Und seufzen ob dem Fehl, der sie beschweret;
Es flieht vor Ihr, was zorn- und stolzbethöret.
Helft mir, Sie preisen, Fraun, ich kann es nicht.

All' Huld und alle Demuthsfüll' erquillt
Im Herzen dessen, dem Sie Rede schenket;
Drum, wer Sie sahe, dem hat Heil begonnen.

Doch, lächelt Sie ein wenig, diese Wonnen
Wer ist, der sie ansagt, der sie nur denket?
Solch Wunder ist es, neu und hulderfüllt.
(S. 21)
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Zwölftes Sonett

Ihr mit dem Demuthsblick, die ihr vor Wehen
Des Herzens niedersenkt der Augen Licht,
Woher? Dem Mitleid scheint unähnlich nicht
Mir eure Farbe! Was ist euch geschehen?

Habt unsre holde Herrin ihr gesehen
Mit Liebesthränen baden ihr Gesicht?
Sprecht, Frauen, was zu mir mein Herz schon spricht,
Da ich euch sehe sonder Tadel gehen.

Und wenn ihr kommt von solchem Wehgeschicke,
O so verweilt bei mir ein wenig hier,
Und, was es sei, o haltet's nicht zurücke!

Mit Thränen, seh ich, tränkt die Augen ihr,
Und seh, ihr kehret mit entstelltem Blicke:
Es bebt das Herz bei solchem Anblick mir.
(S. 22)
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Dreizehntes Sonett

"Bist du es, der so häufig hat erzählet,
Und uns allein, von Ihr, der Holden, Schönen?
Die Stimme zwar erinnert uns an jenen,
Doch die Gestalt, die ehemal'ge, fehlet.

Was weinest du, vom Grame so gequälet,
Daß du auch Andre stimmst zu Trauertönen?
Sahst du Sie weinen, daß dein kläglich Stöhnen
Dein Geist, zu kraftlos, nun nicht länger hehlet?

Laß weinen uns und traurig gehn und kommen!
Der sündigt, der uns will mit Trost begrüßen,
Die Ihr Gespräch, Ihr Weinen wir vernommen.

Da Ihre Mienen solch ein Leid verschließen,
Daß, wer Sie zu betrachten unternommen,
Hinsinken würde todt zu Ihren Füßen."
(S. 23)
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Zweite Canzone

I.
Ein Mädchen, jugendlich und mild von Herzen,
Mit hohem Reiz der Sterblichen gezieret,
War dort, wo ich den Tod oft rief mit Sehnen.
Als sie erblickt mein Antlitz voll von Schmerzen,

Und meiner Reden irren Wahn verspüret,
Brach sie beängstigt aus in heft'ge Thränen.
Die andern Fraun, bei ihren Klagetönen
Aufmerksam werdend, was mit mir geschehen,
Befahlen ihr zu gehen;

Und um mich zu erwecken, nahten sie.
"Ermuntre dich!" sprach die;
Und jene: "Was bedeutet dieses Stöhnen?"
Da fühlt' ich das Gebilde der Ideen,
Wie ich Madonna's Namen rief, verwehen.


II.
Jedoch so schmerzvoll war mein Ruf ergangen,
Von Thränen so gebrochen und beklommen,
Daß ich allein im Geist den Namen hörte,
Indeß von Scham die Augen ganz befangen,

Die mir das Antlitz mächtig übernommen,
Auf Amors Wink ich mich zu ihnen kehrte.
Doch jene, weil ich ganz der Farb' entbehrte,
Vermeinten schon, ich läg' in Todesbeben.
"Auf, stärken wir sein Leben!"

So trieben oftmals sie einander an,
Und fragten mich sodann:
Was sahest du, das dir die Kraft verzehrte?
Kaum konnt' ich drauf die Stimm' aufs neu erheben,
Da sprach ich: "Fraun, ich will euch Kunde geben."


III.
Als ich bedachte, wie mein Leben wanke,
Und sahe, wie so schnell es flieht von hinnen,
Weint' Amor, wo er wohnt, im Herzensgrunde.
Da ward verwirret mir Seel' und Gedanke,

Daß ich mit leisem Seufzer sprach tiefinnen:
"Auch meiner Herrin droht die Todesstunde."
Da wirbelte mir Alles in der Runde,
Die matten Augen waren zugefallen,
Den Lebensgeistern allen,

Die sich zerstreuten, entwich der Muth;
Dann in der innern Glut,
Fern aller Wahrheit, aller sichern Kunde,
Vernahm ich Fraun und ihres Wehrufs Schallen:
"Todt bist du, oder bist dem Tod verfallen."


IV.
Dann mußt' ich grauenvolle Ding' erfahren
In meines Geistes träumerischen Plagen;
Ich schien, ich weiß nicht wohin zu gelangen,
Sah Frauen gehn mit aufgelösten Haaren,

Theils weinen, theils erheben laute Klagen,
Die Schmerzensflammen auf den Träumer schwangen.
Allmälig ward von Nacht die Sonn' umfangen,
Die Stern' erscheinen; Zähr' enttroff auf Zähre
Ihr und dem Himmelsheere;

Es stürzte das Geflügel aus der Luft,
Und bebte Berg und Kluft;
Da kam ein bleicher heisrer Mann gegangen,
Und sprach: "Was machst du? Weißt du nicht die Mähre?
Todt ist Madonna dein, die holde, hehre."


V.
Ich hob die Augen, die in Thränen schwammen,
Und sah gleich einem Regen süßer Manna
Die Engel schweben zu des Himmels Auen,
Ein Wölkchen zog vor ihnen, und allsammen

Erhoben folgend sie den Ruf: Hosanna!
Und sagten mehr sie, würd' ich's gern vertrauen.
Doch Amor sprach: "Du sollst Sie jetzo schauen
Dahingestreckt, Sie, dein und mein Entzücken!"
Und führt' in Traumes Tücken

Mich zur erblasseten Gebieterin.
Noch blickt' ich auf Sie hin,
Da deckten Sie mit einem Schleier Frauen;
Ich sah Ihr Antlitz wahre Demuth schmücken,
Es schien: Ich bin in Frieden! auszudrücken.


VI.
Demüthig ward ich nun in meinem Wehe,
Da solche Demuth Ihr war zugetheilet;
Sodaß ich sprach: "Du bist mir, Tod, willkommen!
Der ich an Dir fortan nur Liebes sehe,

Weil du bei Ihr, der holden Frau, geweilet.
Von dir kann Mitleid nur, nicht Härte kommen.
Schon gleich ich dir, o würd' ich aufgenommen
In deine Schar, zu der mein Wunsch mich ziehet!
O komm! Mein Herz erglühet."

Als jeder Trauerbrauch nun war vollbracht,
Ging ich von dannen sacht
Und sprach, den Blick gewandt zum Reich der Frommen:
"Glückselig, schöne Seele, wer dich siehet!" -
Da rieft ihr, Dank euch, und der Traum entfliehet.
(S. 24-27)
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Vierzehntes Sonett

Ich fühlte, wie in meiner Brust erstand
Ein Geist der Lieb' und aus dem Schlaf erwachte,
Sah Amorn dann fernher zu mir gewandt,
So fröhlich, daß nicht ihn zu sehn ich dachte.

Er sprach: "Jetzt mich zu ehren sei zur Hand!"
Und jedes Wort aus seinem Munde lachte.
Indem ich so mit meinem Herren stand
Den Weg betrachtend, der ihn zu uns brachte,

Ließ sich Frau Vanna und Frau Bice schauen.
Ich sahe wandeln sie heran zu mir,
Voran die ein', und drauf die andre Schöne,

Und wenn ich dem Gedächtniß darf vertrauen,
Sprach Amor: "Dies ist Primavera hier,
Und Amor, als mir ähnlich, heißet Jene."
(S. 28)
_____



Fünfzehntes Sonett

Mit solcher Huld und Anmuth ist geschmücket
Madonna, daß, wem Sie sich grüßend neigt,
Deß Zunge plötzlich stockt und zitternd schweigt,
Und kaum empor zu Ihr sein Auge blicket.

Vernimmt Sie Lobeswort' Ihr nachgeschicket,
So flieht Sie, der an Demuth keine gleicht.
Wol scheint's, daß Sie vom Himmel niedersteigt
Ein Wunder, das die Seligen entzücket.

So zauberisch ist Ihrer Augen Licht,
Daß in das Herz draus eine Süße quillet,
Die nicht begreifet, wer sie nicht erlebet.

Herab von Ihrem Antlitz, scheint es, schwebet
Ein milder Geist, von Amors Huld erfüllet,
Der: Seufze! zu der Seel' im Weggehn spricht.
(S. 29)
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Sechzehntes Sonett

Vollkommne höchste Wonne siehet walten,
Der in der Frauen Schar die meine sieht;
Und die da mit Ihr wandeln, sind gehalten
Zu preisen Gottes Gnade dankerglüht,

Es hat Ihr Reiz so seltene Gewalten,
Daß aus der Frauen Brust der Neid entflieht,
Daß jede deren, die zu Ihr sich halten,
Der Treue, Lieb' und Anmuth Schmuck umblüht.

Ihr Anblick läßt demüthig Alles werden,
Nicht auf Sie selbst blos Ruhm und Ehre lenkend,
Nein, nur durch Sie scheint jedes Ding geweiht.

Und so voll holdem Reiz sind die Geberden,
Daß Jeglicher, der holden Frau gedenkend,
Erseufzen muß durch Amors Süßigkeit.
(S. 30)
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Dritte Canzone

So lange hab' ich nun in Amors Reiche
Bereits gelebt, bin so gewöhnt an ihn,
Daß so, wie mir er strenge sonst erschien,
Er jetzo wahrhaft ist der mitleidreiche.

Denn, werden so gewaltig seine Streiche,
Daß, wie es scheint, die Lebensgeister fliehn,
Dann fühl' ich meinen schwachen Geist durchziehn
Solch eine Süßigkeit, daß ich erbleiche.
Und Amors Streiche - fallen auf mich ein,

Daß alle meine Seufzer redend gehen
Von dannen und anflehen
Madonna, mir mehr Heil noch zu verleihn.
Und dies geschieht, wenn sie mich sieht, wo immer;
Sie ist so demuthsvoll, man glaubt es nimmer.
(S. 31)
_____



Vierte Canzone

I.
Die Augen, die getrauert mit dem Herzen,
Empfanden so des Weinens herbe Mühn,
Daß sie sich endlich geben überwunden.
Jetzt, wenn ich will besänftigen die Schmerzen,

Die mich allmälig leis zum Tode ziehn,
Kann ich sie nur durch Klagelaut bekunden;
Und eingedenk, daß ich in jenen Stunden,
Wo meine Herrin anmuthreich geblüht,
Euch gern von Ihr erzählet, edle Frauen,

Will Keinem ich vertrauen
Mein Herz, als edlem weiblichen Gemüth,
Und sagen, und die Augen neu bethaun,
Daß plötzlich Sie ward himmelauf getragen,
Und Amor nur mir blieb in Schmerz und Klagen.


II.
Ja, Beatrice ging zu Himmels Zinnen
Ins Land der Engel, in des Friedens Reich,
Und weilet dort, ihr Frauen, euch entrücket.
Nicht starrer Frost entraffte Sie von hinnen,

Auch Sonnenglut nicht, andern Frauen gleich.
Die Milde that's, die uns an Ihr entzücket,
Und die mit Ihrer Demuth sich geschmücket,
Sodaß Ihr Glanz durchdrang das Sterngefild,
Vom ew'gen Gott mit Staunen wahrgenommen.

Als Gott darauf entglommen
Zu sich zu rufen solch ein Tugendbild,
Ließ er empor Sie von hienieden kommen,
Erwägend, daß dem schnöden Erdenleben
Mit Unrecht solch ein Kleinod hingegeben.


III.
Es ließ den schönen Leib, der Sie umflossen,
Die holde Seel' in lichter Anmuth Schein,
Die hoch nun thront auf würdigem Gebiete.
Wer, Ihrer denkend, Thränen nicht vergossen,

Ist arggesinnt und hat ein Herz von Stein,
Das nie bewohnen kann ein Geist der Güte;
Wie auch kein niedres Herz so hoch erglühte,
Ihr Bildniß sich zu denken, auch nur schwach,
Sodaß auch Solchem keine Thrän' entquillet.

Doch Gram und Schwermuth füllet
Und Thränenangstigung und Seufzerach
Die Seel', und trostlos bleibt sie schmerzumhüllet,
Die in Gedanken manches Mal erwogen,
Wie Sie gewesen, wie uns nun entzogen.


IV.
Die Seufzer machen mir die Brust so enge,
Wann der Gedank' in meinem trüben Muth
Mir Jene zeigt, die mir das Herz zertheilet;
Und oft, wenn Grabgedanken ich nachhänge,

Durchflammt mich solcher Sehnsucht süße Glut,
Daß meinen Wangen alle Farb' enteilet.
Wenn dann die Phantasie mich fesselnd weilet,
Fällt mich solch Weh von allen Seiten an,
Daß ich in meinem innern Schmerz verzage,

Und daß in solcher Lage
Ich mich verberg' aus Scham vor Jedermann.
Dann sprech' ich, wenn ich einsam wein' und klage:
"O Beatrice, hat dich Tod umfangen?"
Und auf den Ruf gleich lindert Sie mein Bangen.


V.
Des Weinens Schmerz, der Seufzer angstvoll Beben
Sprengt, wenn ich einsam bin, mir fast die Brust,
Daß Jeden, der es sähe, Mitleid quälte.
Und wie seitdem beschaffen war mein Leben,

Daß sich Madonna schwang zu höhrer Lust,
Nicht eine Zunge gibt's, die das erzählte.
Drum, Fraun, wenn's auch an Willen mir nicht fehlte,
Könnt' ich doch nicht bezeichnen, wie ich bin;
So hat des Lebens Drangsal mich gebeuget,

Und mich zur Gruft geneiget,
Daß Jeder, dünkt mich, sagt: "Du bist dahin!"
Weil schon im Antlitz sich der Tod mir zeiget.
Doch wenn Madonna sieht, wie mir geschahe,
So ist Sie, hoff' ich, noch mit Trost mir nahe.


VI.
Mein Klagelied, geh weinend nun und suche
Die Fraun und Mädchen wieder, die da schienen
Sonst mit vergnügten Mienen
Zu hören deiner Schwestern Fröhlichkeit;
Und, die du Tochter bist der Traurigkeit,
Trostlose, geh, und bleibe dort bei ihnen.
(S. 32-34)
_____



Siebzehntes Sonett

Kommt, höret, wie sich meine Seufzer jagen
(Mitleid gebeut es euch, ihr liebevollen
Gemüther), wenn sie auch nicht Trost mir zollen,
So tödtete mich ohne sie mein Zagen;

Denn meine Augen würden mir versagen
Den Dienst viel öfter, als ich würde wollen,
Ermattet von der Thränen stetem Rollen,
Um weinend zu erleichtern meine Plagen.

Vernehmet, wie sie rufen manchesmal
Die holde Frau, die sie gesehn entschweben
Zu einem Reich, das Ihrer Tugend werth,

Und wie sie nun verschmähen dieses Leben
Im Namen meiner Seele, die voll Qual
All ihres Heiles trauernd nun entbehrt.
(S. 35)
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Fünfte Canzone

I.
O wehe mir! So oft mein Herz gedenket,
Daß Ihrer Augen Schein
Mir nie mehr glänzt, um die ich so mich quäle,
Wird mir im Herzen so von Schmerz umschränket

Die schmerzenvolle Seele.
Dann ruf' ich aus: "Fliehst du nicht, Seele mein?
Denn jene Qualen, die dich noch bedräun
In einer Welt, die dich schon dünket Last,
Erfüllen mich mit Furcht vor ihrem Wehe."

Um dessentwillen flehe
Ich nach dem Tod, als nach willkommner Rast,
Und spreche: "Komm zu mir!" mit solchem Sehnen,
Daß ich beneide jedes Todesstöhnen.


II.
Zum Tod' hin alle meine Seufzer streben,
Daß er, mein bittres Leid
Zu enden, länger nicht mehr möge säumen.
Zu ihm ging all mein Trachten und Bestreben,

Seit von der Erde Räumen
Madonna schied durch seine Grausamkeit,
Da nun der Zauber Ihrer Lieblichkeit
Seitdem ihn unser Blick nicht mehr genießt,
Als hohe geist'ge Schönheit sich beweiset,

Daß durch den Himmel kreiset
Das Licht des Amor, das die Engel grüßt,
Und deren Geist, so scharf und so erhaben,
Bewundernd anstaunt Ihrer Anmuth Gaben.
(S. 36)
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Achtzehntes Sonett

Im Angedenken war mir aufgegangen
Madonna, deren Hulderhabenheit,
Also gebot's der Herr der Herrlichkeit,
Marias Demuthshimmel hat empfangen.


Im Angedenken war mir aufgegangen
Die holde Frau, der Amor Thränen weiht
Im Augenblick', als seine Mächtigkeit
Euch trieb zu schauen, was ich angefangen.

Amor, bemerkend, daß ich Sie empfangen,
Erwacht' im Herzen, wo nichts wohnt als Leid,
Und sagte zu den Seufzern: "Fliehet weit!"
Und sie erfüllten klagend sein Verlangen.

Sie weinten, als sie sich hinwegbegaben,
Mit einem Ton, bei dem schon oft die Thräne
Des Schmerzes meinem bangen Aug' entbebet.

Die aber, die mit kläglichstem Gestöhne
Davonflohn, riefen: "Geist, hoch und erhaben,
Heut' ist's ein Jahr, da du emporgeschwebet."
(S. 37)
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Neunzehntes Sonett

Es sah mein Auge, welch mitfühlend Leid
In eurem ganzen Wesen sich ausdrückte,
Als euer Aug' auf meine Mienen blickte,
Wozu der Schmerz mich zwingt seit langer Zeit.

Dann ahnt' ich, daß ihr der Beschaffenheit
Des Lebens denket, das so schwer mich drückte,
Also daß bange Furcht mein Herz durchzückte,
Mein Blick verrathe meine Mattigkeit.

Und ich entzog mich euch, bewußt im Geist,
Daß aus dem Herzen schon aufstieg der Thau,
Das, euch erblickend, ruhig nicht geblieben.

Ich sprach darauf von Traurigkeit getrieben:
"Traun, jener Amor ist bei jener Frau,
Der mich mit solchen Thränen gehen heißt."
(S. 38)
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Zwanzigstes Sonett

Der Liebe Farbe wie des Mitleids Wehe
Hat nie ein Frauenangesicht umhüllt
So wunderbar, daß man so oft ein mild
Antlitz und schmerzenvolle Mienen sähe,

Sowie das eure, wenn ich vor euch stehe,
Und ihr gewahret mein betrübtes Bild,
Sodaß durch euch mich der Gedank' erfüllt
Mit großer Furcht, daß nicht mein Herz vergehe.

Ich kann nicht weg die müden Augen kehren,
Daß sie euch nicht anschauten vielemal,
Weil sie zu weinen sich zu innig sehnen,

Und ihr vermehrt so dieser Sehnsucht Qual,
Daß im Verlangen sie sich ganz verzehren,
Doch euer Anblick hemmet ihre Thränen.
(S. 39)
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Einundzwanzigstes Sonett

"Das bittre Weinen, das ihr offenbartet
So manchen langen Tag, ihr Augen mein,
Es flößte oft des Mitleids Thränen ein
Auch fremden Menschen, wie ihr es gewahrtet.

Jetzt scheinet mir's, daß ihr nicht Treu bewahrtet,
Könnt' ich so ruchlos und so schändlich sein,
Und nicht an Die euch mahnen mit Bedräun,
Für Die ihr eure Thränen sonst nicht spartet.

Die Eitelkeit, von der ihr seid besessen,
Flößt mir Besorgniß ein und Furcht und Beben
Vor einer Jungfrau Blick, die euch beschaut.

Ihr solltet nie, so lang' ihr seid im Leben,
Madonna, die gestorben ist, vergessen."
So spricht mein Herz in mir; dann seufzt es laut.
(S. 40)
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Zweiundzwanzigstes Sonett

Ein lieblicher Gedanke tritt oft ein
Bei mir, um mich von euch zu unterhalten,
Und süß Gespräch von Amor zu entfalten,
Daß gern mit ihm das Herz stimmt überein.

Die Seele spricht: "O Herz, wer mag es sein,
Der unsern Schmerz durch Trost will umgestalten,
Und stehn ihm zu so mächtige Gewalten,
Daß kein Gedank' uns naht als er allein?"

Es gibt ihr Antwort: ""Seele, gramdurchdrungen,
Vernimm, dies ist ein neuer Geist der Liebe,
Der seine Neigungen mir nicht verhehlt.

Sein Leben ist und seine starken Triebe
Den Augen jener milden Frau entsprungen,
Die über unsre Leiden selbst sich quält.""
(S. 41)
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Dreiundzwanzigstes Sonett

Weh mir! Solch eine Schar von Seufzern schicket
Das Herz hervor aus der Gedanken Heer,
Daß meine Augen matt sind und nicht mehr
Den anschaun können, welcher sie anblicket,

Und nur ein Doppelwunsch sich drinn ausdrücket,
Zu weinen und zu äußern die Beschwer;
Und gar nicht selten weinen sie so sehr,
Daß Amor mit dem Marterkranz sie schmücket.

Und die Gedanken dann und Seufzer üben
So quälende Gewalt in meinem Herzen,
Daß Amor dort erstarrt von Qualgefühl;

Denn in sich tragen jene, voller Schmerzen,
Madonna's süßen Namenszug geschrieben,
Und Jammerwort' um Ihr Verscheiden viel.
(S. 42)
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Vierundzwanzigstes Sonett

O Pilger, die ihr geht in euch versenket,
Um das wol, was dem Blick nicht mehr erscheint,
Kommt ihr aus solcher Ferne, wie man meint,
Wenn eurem Aeußern man Betrachtung schenket?

Denn ohne Thränen eure Schritte lenket
Ihr mitten durch die Stadt, die klagt und weint,
Wie Leute, denen fremd geblieben scheint,
Welch eine schwere Schickung uns gekränket.

Wenn ihr verweilt und mich vernehmen wollt,
So gibt mein seufzend Herz mir Sicherheit,
Daß ihr mit Thränen wieder geht von hinnen.

Um ihre Beatrice trägt sie Leid,
Und wer dem nach Vermögen Worte zollt,
Macht Thränen einem Jeglichen entrinnen.
(S. 43)
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Fünfundzwanzigstes Sonett

Jenseit der Sphäre, die am weitsten kreist,
Dringt mancher Seufzer, der der Brust entwehet,
Indem die neue Einsicht, ausgesäet
Von thränenvoller Lieb', ihn aufwärts reißt.

Kommt er dort an, wohin die Sehnsucht weist,
So schaut die Herrin er, die Ehr' empfähet,
Und die so große Helligkeit umfähet,
Daß durch den Glanz sie schaut der fremde Geist.

Solch Anschaun ist's, daß, gibt er mir Bericht,
Ich's nicht versteh', so spricht er unvernehmlich
Zum wehen Herzen, das ihn reden hieß.

Von Ihr, der wonniglichen, spricht er nämlich,
Denn, weil er häufig: "Beatrice!" spricht,
Ist dies mir, theure Fraun, nicht ungewiß.
(S. 44)
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übersetzt von Karl Ludwig Kannegießer (1781-1861)
und Karl Witte (1800-1883)

Aus: Dante Alighier's lyrische Gedichte
Übersetzt und erläutert von
Karl Ludwig Kannegießer und Karl Witte
Zweite, vermehrte und verbesserte Auflage
Erster Theil: Text
Leipzig F. A. Brockhaus 1842


 

 


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