Europäische Liebeslyrik

(in deutscher Übersetzung)

Edward Charles Halle (1846-1914) - Die Musik

 

 

Dante Alighieri (1256-1321)

(In der Übersetzung von Karl Ludwig Kannegießer und Karl Witte)



Sonette

Erstes Sonett (1)

Madonnas schönes Augenpaar verklären
Von Amor so durchdrungene Gewalten,
Daß Alle, die sie treffen, innehalten,
Und Andres nicht, als Sie, zu schaun begehren.

Wenn Sitt' und Schönheit Sie als Göttin ehren,
Thun sie's mit Recht, so werth ist Sie zu halten.
Sie gleicht nur Himmels-, keinen Erdgestalten,
Und ewig, ewig soll Ihr Ruhm sich mehren.

Wol wird, wer Sie nach Kräften lieb hat, selig,
Im Anschaun Ihrer Preise, die so viel sind;
Und sagst du mir: "Wie weißt du's?" - Weil ich's fühle. -

Erkundigst du dich nun und sprichst: Wie viel sind?
So weiß ich's, denn nicht nur hundert zähl' ich,
Unendlich mehr als noch einmal so viele.
(S. 139)
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Zweites Sonett (2)

"Ihr Frauen, deren Auge Mitleid spricht,
Wer ist die Frau, dort liegend überwunden?
Die, deren Bildniß wird in mir gefunden? -
Ach, wenn Sie's ist, verhehlt es länger nicht!

Ja wol, verändert ist Ihr Angesicht,
Und die Gestalt auch scheint mir hingeschwunden;
Ich kann daran, bedünkt's, die nicht erkunden,
Die andre Frauen schmückt mit sel'gem Licht."

""Daß Ihre Züge dir unkenntlich waren,
Weil Sie besiegt, hat leichtlich sich begeben,
Ein Gleiches haben wir ja selbst erfahren.

Doch willst du Acht nur auf den Adel geben
Der Augen, wird Sie dir sich offenbaren.
O weine nicht, da schon dahin dein Leben.""
(S. 140)
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Drittes Sonett (3)

Von wannen kommt ihr mit so ernsten Sinnen?
Sagt mir's, beliebt es euch, aus Freundlichkeit,
Dieweil ich sorge, daß mit solchem Leid
Euch meine Herrin sendete von hinnen.

Verargt mir, edle Fraun, nicht mein Beginnen,
Hemmt euren Schritt nur eine kurze Zeit,
Und laßt den Armen einigen Bescheid
Auf die Erkundigung nach Ihr gewinnen;

Obschon es zu vernehmen mir nicht leicht. -
So hat von mir sich Amor ganz gekehret,
Daß all sein Trachten bittres Weh mir reicht.

Bemerket wol, wie ich mich abgezehret,
Daß jede Lebenskraft mir schon entweicht,
Wenn ihr, o Fraun, mir nicht Trost gewähret.
(S. 141)
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Viertes Sonett (4)

Kam eines Tags Melancholie zu mir,
Und sprach: "Ich will ein wenig Rast hier halten."
Und wenn mich nicht mein Auge täuschte, wallten
Als Fahrgenossen Schmerz und Zorn bei ihr.

Und ich begann darauf: ""Fort, fort mit dir!"" -
Da hört' ich sie wie einen Griechen walten,
Und ganz gemächlich ihre Red' entfalten;
Doch da ich aufsah, war auch Amor hier,

Von einem schwarzen Kleide neu umfangen,
Und einen Hut hatt' er aufs Haupt gesetzt,
Aufricht'ge Thränen näßten seine Wangen,

Und ich: ""Was hat dich, armer Schelm, verletzt?""
Und er antwortete: "Mich muß wol bangen,
Denn, Bruder, unsre Herrin, stirbt anjetzt."
(S. 142)
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Fünftes Sonett (5)

Du Guido, Lappo auch und ich, wie sehr
Wünscht' ich, daß Zauber uns zugleich besinge,
Zu Schiff uns brächt', und daß die Barke ginge
Nach eur' - und meinem Willen hin und her,

Daß kein Geschick, kein böses Ungefähr
Je dürfte lähmen unsers Schiffleins Schwinge,
Auch, daß wir lebten immer guter Dinge,
Und uns vereint gefielen mehr und mehr;

Süß Vanna dann, süß Bice und zu beiden
Die uns Zahl Dreißig anzeigt, zugefügt,
Der gute Zauberer zu uns versetzte,

Und nichts als Liebeständeln uns ergötzte,
Und daß die Frauen allesammt vergnügt,
Wie wir dann, glaub' ich, wären voller Freuden!
(S. 143)
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Sechstes Sonett (6)

Schon Viele wollten, was die Liebe sei, verkünden;
Doch, wie sie auch in Worten sich ergangen,
Nichts von der Wahrheit mochten sie erlangen,
Noch die Bezeichnung ihres Werths erfinden.

Der Eine sprach, die Liebe sei ein Zünden
Des Geistes, vom Gedanken aufgefangen;
Der sprach, sie sei willkürliches Verlangen,
Aus Lust entsprungen in des Herzens Gründen.

Ich aber sage, wesenlos ist Liebe,
Der Stoff und Formen nimmermehr genügen;
Nein, ein Verlangen der erregten Triebe,

Naturerregte Lust an schönen Zügen,
Die dauernd andre aus der Brust vertriebe,
Verlöre sie sich nicht mit dem Vergnügen.
(S. 144)
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Siebentes Sonett (7)

Von Frauen sah ich eine holde Schar
Am Allerheilgentag, der jüngst verflossen,
Und Eine stellt' als Herrlichste sich dar,
Rechts Amor mit sich führend als Genossen.

Dem Aug' entquoll ein Licht, glanzhell und klar,
Gleich einem Geiste, welchen Glut umgossen;
Kühn nahm ich nun Ihr Antlitz näher wahr,
Und sah vor mir ein Engelsbild entsprossen.

Sie grüßte den, der dessen würdig schien,
Mit Ihren Augen, hold ihm zugeneiget,
Da wurde jedem Herzen Kraft verliehn.

Ich glaube, daß im Himmel Sie gezeuget,
Und hier auf Erden uns zum Heil erschien.
Glückselig drum, dem Sie sich nahe zeiget!
(S. 145)
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Achtes Sonett (8)

Auf jener Straße, die die Schönheit ziehet,
Wenn sie die Liebe zu erwecken geht,
Da ist's, wo stolz ihr eine Jungfrau seht,
Gleich der, die mich - mir, zu entziehn sich mühet.

Und wie sie jener Burg sich nahe siehet,
Die aufgeht, wenn das Herz es zugesteht,
Vernimmt sie einen Ruf, der also fleht:
"Weicht, schöne Jungfrau, naht Euch nicht, entfliehet."

Denn da sie selbst begehrt der Herrschaft Zeichen,
Die holde Herrin, die dort oben thront,
Hat Amor, was sie heischt', ihr müssen reichen.

Als Jene so sich mahnen hört, zu weichen
Von jenem Ort, wo Amor herrschend wohnt,
Da sieht man schamroth sie von hinnen schleichen.
(S. 146)
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Neuntes Sonett (9)

Ihr, meine Worte, die die Welt durchflogen,
Und die entstanden, als ich so gesungen,
Von ihr, die mich mit irrem Wahn umschlungen:
"Die ihr im Geiste lenkt den dritten Bogen,"

Jetzt eilt zu Ihr, auf die sich dies bezogen,
Und weint, bis eure Klage sie durchdrungen,
Sprecht: "Hier sind wir und weihn Euch Huldigungen,
Und mehr als wir sind Euch nicht zugewogen."

Doch fern von Ihr, der Amor fremd ist, eilet
Und schleicht umher, in Schwarz gehüllt die Glieder,
Daß ihr ein Loos mit euren Schwestern theilet.

Und trefft ihr wo ein edles Bild, so weilet,
Werft demuthvoll euch ihm zu Füßen nieder,
Sprecht: "Euch zu grüßen, ward ich zugetheilet."
(S. 147)
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Zehntes Sonett (10)

Ihr süßen Reime, die ihr redend gehet,
Von jener Holden, die die andern ehret;
Auf! Einer naht - wenn noch nicht eingekehret -
Von dem ihr sagt: "Hier ist ein Bruder, sehet!"

O seid von mir denn brünstig angeflehet,
Bei ihm, deß Feu'r das Herz der Fraun verzehret,
Nur kein Vertrauen seinem Wort gewähret,
In dem fürwahr kein Hauch von Wahrheit wehet!

Doch würdet ihr von seinem Lied gewonnen
Behend zu eurer Herrscherin zu eilen,
So zaudert nicht - nein, flieht zu Ihr und saget:

"Wir kommen, hohe Herrin, ohne Weilen,
Den zu empfehlen, der, in Schmerz zerronnen,
'Wo ist die Freude meiner Augen' - klaget."
(S. 148)
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Elftes Sonett (11)

Von jenem Licht, das seines Laufes Bogen,
Nach empyreischem Gesetz erküret,
Und zwischen Mars stets und Saturn regieret,
Gemäß der Wissenschaft des Astrologen,

Hat Jene, deren Freuden mich durchwogen,
Sich mit obherrlicher Gewalt gezieret;
Und, was sich nie vom vierten Kreis verlieret,
Schenkt meines Wunsches Vollkraft Ihr gewogen.

Sodann wird vom Merkur, dem schönen Sterne,
Nicht minder Ihrer Zunge Kraft gezahlet;
Der erste Himmel auch ist Ihr nicht ferne.

Sie, die den dritten Kreis mit Schimmer malet,
Reinigt das Herz Ihr in Beredtheit gerne. -
So wird von allen Sieben Sie bestralet.
(S. 149)
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Zwölftes Sonett (12)

Hervor aus meiner Herrin Augen bricht
So holder Schein, daß da, wo er entglommen,
Man Ding' erblicket, wie man nie vernommen,
So neue, hehre, daß kein Mund sie spricht.

Und es erbebt mein Herz von diesem Licht,
Sodaß ich spreche, ganz von Angst beklommen:
"Ich will hieher niemalen wieder kommen!" -
Und doch ist alle Mühe schnell zunicht.

Und wo besiegt ich werd', hinwend' ich mich,
Aufs neu die Augen kräftigend, die bangen,
Die sonst schon fühlten diese große Macht!

Aufschau'nd ermatt' ich, und sie schließen sich,
Auslischt selbst das sie leitende Verlangen:
Darum sei Amor auf mein Wohl bedacht!
(S. 150)
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Dreizehntes Sonett (13)

Wer blickte jemals ohne heimlich Zagen
Wol in die Augen dieser holden Kleinen,
Die so mir zugesetzt, daß ich muß meinen,
Nichts bleibt mir, als der Tod, so schwer zu tragen.

O seht, wie hart mich das Geschick geschlagen,
Daß es vor Allen ausersah mich Einen;
An meinem Beispiel sollte klar erscheinen,
Gefährlich sei's, den Blick auf Sie zu wagen.

Und mir beschieden ward es, so zu enden,
Da es bestimmt, es solle Einer fallen
Und Rettung bringen so den andern Allen.

Drum ließ ich Armer mir's so schnell gefallen,
Mir selbst des Lebens Gegentheil zu spenden,
Wie Sterne ihren Glanz den Perlen senden.
(S. 151)
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Vierzehntes Sonett (14)

So sehr verlang' ich nach dem schönen Licht
Der Augen, die mich trügerisch entseelen,
Daß, unbekümmert um erneutes Quälen,
Sich Bahn zu ihm die heiße Sehnsucht bricht.

Was ich erkannt, was Ahnung mir verspricht,
Des Körpers Auge blendet's und der Seelen
Sodaß mich, dem Verstand und Kräfte fehlen,
Allein die Liebe lenket und umflicht.

Sie führte mich, der voll Vertrauen glaubte,
Durch süße Trügerei zu süßem Tod,
Der allzuspät erst sich den Blicken bot.

Wol schmerzt mich bitter die verhöhnte Noth,
Mehr aber noch, daß das Geschick erlaubte,
Daß meiner Liebesglut den Lohn Sie raubte.
(S. 152)
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Fünfzehntes Sonett (15)

So knorr'ges Holz gibts nicht in Waldgehegen,
Auch in Gebirgen nicht so harten Stein,
In dem die Grausame, die Mörd'rin mein,
Mit ihrem Blick nicht könnte Lieb' erregen.

Dem, der Sie anschaut, tritt Sie ihm entgegen,
Durchdringt, flieht nicht sein Herz, des Blickes Schein
Dann muß es sterben, denn Sie fühlet kein
Erbarmen, mag's die Pflichten auch zerlegen.

Warum, ach, wurde so gewaltge Macht
Den Augen solcher harten Frau gegeben,
Die keinen Ihrer Treuen läßt am Leben,

Und gegen Mitleid zeigt solch Widerstreben,
Daß für Sie Sterbender sie nicht hat Acht
Und ihnen hehlt gar Ihrer Schönheit Macht?
(S. 153)
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Sechzehntes Sonett (16)

Fluch jenem Tag, wo ich zuerst die Blitze
Von euch, verrätherische Augen sah;
Dem Zeitpunkt auch, wo klimmend ihr zum Sitze
Des Herzens stahlt die Seele mir von da;

Fluch auch der Feile voll verliebter Hitze,
Die Farb' und Wort mit Politur versah,
Die ich erfunden und gereimt mit Witze,
Denn ihrethalb verehrt die Welt euch ja!

Fluch meinem festen Sinn auch, daß er sich
Deß, was ihn tödtet, nicht will ledig machen!
Dich, arge, reizende Gestalt, mein' ich,

Um die oft Amor schwöret freventlich,
Sodaß sie alle ihn und mich verlachen.
Des Rads des Glücks wollt' ich bemächt'gen mich.
(S. 154)
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Siebzehntes Sonett (17)

Ich Armer, ich versprach mir Mildigkeit,
Vernähme meine Herrin nur die Kunde
Von meines Herzens qualenvoller Wunde,
Und find' Unwillen nun und Grausamkeit,

Und Zorn sogar anstatt Demüthigkeit,
Daß nahe mir schon däucht die Todesstunde,
Und daß mich richtet grade Das zu Grunde,
Was mir verleihen sollte Sicherheit.

Drum spricht's in mir mit vorwurfsvollem Laute,
Wie ich noch leb', in Zweifel ganz verstrickt,
Daß Sie und Mitleid werden je Vertraute;

Sodaß zu sterben nur für mich sich schickt,
Und mir zum Unheil ich Bologna schaute,
Und jene schöne Frau, die ich erblickt.
(S. 155)
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Achtzehntes Sonett (18)

In Eure Hände, o Gebieterin,
Befehl' ich meinen Geist, der im Entschweben
So klagt, daß, der den Abschied ihm gegeben,
Amor ihn schauet mit erweichtem Sinn.

Ihr gabet ihn an dessen Herrschaft hin,
Sodaß ihm nichts mehr übrig ist vom Leben,
Als Kraft zu rufen: "Herr, sieh mich ergeben,
Daß, was mit mir du willst, ich Willens bin."

Ich weiß, daß Euch ein jedes Unrecht kränket;
Der Tod nun, den ich nicht verdient, verhehrt
Das Herz mir mit erhöhtem Grad des Leibs.

O holde Frau, so lang' mein Leben währt,
Uebt, daß mir werde Fried' und Trost geschenket,
Doch gegen meine Augen keinen Geiz.
(S. 156)
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Neunzehntes Sonett (19)

Siehst du mein Auge sich zu weinen sehnen,
Weil neues Mitleid meine Brust erweicht,
So fleh' bei der ich, die nie von dir weicht,
Entreiße mich, o Herr, der Lust der Thränen.

Mit deinem rechten Arm bestrafe Jenen,
Der alles Recht zertritt und dann entfleucht
Zum großen Zwingherrn, der vom Gift ihm reicht,
Das Welten tödten soll nach seinem Wähnen;

Zu ihm, der in die Herzen dir Getreuer
So große Furcht gelegt, daß Jeder schweigt.
Du aber, Licht des Himmels, Liebesfeuer,

Die Tugend, die erstarrt und Blöße zeigt,
Erhebe Du, gehüllt in Deinen Schleier;
Denn nimmer ohne sie wird Fried' erreicht.
(S. 157)
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Einundzwanzigstes Sonett (21)

Sie, die so sinnig machet mein Betragen,
Hegt Amors Macht in Ihrem Angesicht,
Und läßt den holdem Geist mir schlummern nicht
Im Herzen, wo ich heimlich ihn getragen.

Sie hat mir eingeflößt solch ein Verzagen,
Daß ich, seit ich in Ihrer Augen Licht
Erschaut des süßen Herrn Kraft und Gewicht,
Ihr nah, den Blick nicht wage aufzuschlagen.

Schau' ich Ihr Auge dann von ungefähr,
So seh' ich Glück und Heil in jener Gegend,
Die mein Verstand nicht fähig ist zu fassen:

Dann löst sich jede Kraft mir, jede Wehr,
Sodaß die Seele, jene Seufzer regend,
Bereit und willig ist, Sie zu verlassen.
(S. 159)
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Zweiundzwanzigstes Sonett (22)

Die Wonne, die dies Antlitz mir gewährte,
Erschuf den Pfeil, den mir die Augen sandten
Ins innre Herz, als sie zu mir sich wandten,
Der Ihre Schönheit sah und sie verehrte.

Da fühlt' ich meinen Geist, der weg sich kehrte
Von diesen Gliedern, die von Furcht entbrannten,
Und meine Seufzer, die hervor sich wandten,
Erzählten klagend, was das Herz verheerte.

Drauf weinte jeder Sinn in mir voll Schauer
In schmerzerfülltem Geist, der immerdar
Der Holden Preis vor meinem Blick entfaltet;

Und ein Gedanke, welcher in mir waltet,
Sprach: "Mitleid nicht erweckt dir unsre Schar!"
Darum verzweifl' ich nun in dumpfer Trauer.
(S. 160)
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Dreiundzwanzigstes Sonett (23)

Nicht möglich, sag' ich, ist's, und das ist wahr,
Zu schützen sich vor Ihrer Augen Pfeile,
Wiewol der Macht ich nicht Schuld zuertheile, -
Dem Herzen nur, das alles Mitleids baar,

Mir stets ihr Antlitz birgt, das rein und klar,
Weshalb ich meines Herzens Wunde heile,
Und nicht dient Weinen zum Entschuldungsheile;
Sie bleibt trotz bittrer Klage, wie Sie war.

Die ewigschöne, nimmergnadenvolle,
Der Liebe fremd, dem Mitleid abgewandt!
Mehr als zu sagen ziemt, bin übermannt

Ich von Verdruß, weil Sie mir Qual gesandt,
Wiewol ich dennoch keineswegs Ihr grolle,
Nein, Lieb' und Treu mehr als mir selber zolle.
(S. 161)
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Vierundzwanzigstes Sonett (24)

Bemerktet Ihr nicht Einen, der verschmachtet,
Und trostlos wandelt, nur an Thränen reich?
Habt Ihr ihn nicht bemerkt, so bitt' ich Euch
Um Eure Ehre, daß Ihr ihn beachtet.

Wie Jemand, den schon Todesgraun umnachtet,
Scheint er vernichtet, seine Wange bleich;
So sind von Schmerzen ihm die Augen weich,
Daß er umsonst sie zu erheben trachtet.

Sieht Jemand ihn mitleid'gen Blickes an,
So will das Herz ihm gar in Thränen brechen,
Die Seele jammert so, daß man's vernimmt.

Dann hört man Euren Namen ihn aussprechen,
Und flöh' er nicht, so sagte Jedermann:
"Nun wissen wir, wer ihm das Leben nimmt."
(S. 162)
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Fünfundzwanzigstes Sonett (25)

Habt ihr,  o Frauen, neulich wol gesehen
Die Huldgestalt, vor der mein Leben flieht?
Wenn Ihr Gesicht ein Lächeln überzieht,
Pflegt meine Denkkraft gänzlich zu vergehen.

Von Ihr verwundet fühl' ich solche Wehen,
Daß kaum, bedünkt mich's, noch der Tod verzieht.
Wer immer drum von euch, ihr Fraun, Sie sieht,
Sollt' unterwegs begegnend es geschehen,

So stehet still, wenn ihr mir Huld gewähret,
Und gebet Ihr die demuthvolle Kunde,
Daß ich von Ihr empfing die Todeswunde;

Und wolle Sie, daß mir das Herz gesunde
Durch Ihre Huld, obwol es sehr beschweret,
Werd' es auch ferne mir durch euch erkläret.
(S. 163)
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Sechsundzwanzigstes Sonett (26)

Sobald die Nacht mit bräunlichem Gefieder
Die Erd' umarmt, und bleich der Tag entfleucht,
In Luft und Meer, Gebüsch und Laube kreucht
Dann das Geschöpf, in Schirm zu ruhn die Glieder;

Dann drückt der Schlaf auch den Gedanken nieder,
Indem er alle Sinnen überschleicht,
Bis ihn Auroras blonde Locke scheucht
Und Alles weckt zur Tagesarbeit wieder.

Ich Armer darf mich nicht an Jene reihen,
Weil vor den Seufzern alle Ruhe schwindet,
Und Aug' und Herz nie müd' und schläfrig wird,

Und gleich dem Vogel, der umgarnt sich findet,
Je mehr bemüht ich bin mich zu befreien,
Das Netz mich dichter einschließt und verwirrt.
(S. 164)
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Achtundzwanzigstes Sonett (28)

Hollsel'ge Jungfrau, da Du wol gesehen,
Wie ich Dein eigen, Dir mich unterziehe,
Für Dich nun brennend schmachte und verglühe,
So laß mich unbelohnet nicht vergehen.

Wol wirst du, edler Herr, dir's nicht versehen,
Wie hart Sie ist, wie bitter meine Mühe,
Drum wird, daß Hülfe meiner Treu' erblühe,
Dein edles Herz erbarmend nicht verschmähen.

Dann bin ich frei der Noth, die jetzt mich quälet,
Krönst mit ersehntem glücklichen Gelingen
Du meine Hoffnung, meiner Liebe Flehen.

Nun, Herrin, ehe denn der Tod mich wählet,
Beim Himmel hilf, mich, willst Du Hülfe bringen,
Fußfällig bald vor Deinen Knien zu sehen.
(S. 166)
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Neunundzwanzigstes Sonett (29)

Wenn meine Augen Pfeil und Bogen wären,
Wenn ich ein so vermögend Gift enthielte,
Daß ich mit meinem Anblick tödtlich zielte,
Wie sie von Basilisken uns belehren;

Dann freilich wär's zu viel Ihr, die so schweren
Martern mich gibt, der ich mein Herz verspielte.
Doch so, - wenn kaum mein Blick Ihr Anschaun fühlte,
Eilt Sie auch schon, Sich von mir abzukehren;

Obwol nur Zärtlichkeit und Lieb' entschwinget
Sich meinen Augen, die an Ihr sich weiden
Von jener Lust, die dann mein Herz durchdringet.

So helfe Gott, daß Ihr für jenes Leiden,
So ihre Liebe meinem Herzen bringet,
Ein Seufzer nur mög' aus dem Busen scheiden.
(S. 167)
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Dreißigstes Sonett (30)
An Bernardi di Bologna

Weh mir, ich seh, wie eine Frau begehrt
Mein Leben zu umlagern mit so herben
Zorngluten, daß zu scheuchen, zu verderben
Sie alles sucht, was Leben ihm gewährt.

Drum kann das Herz, das Qual so sehr verzehrt,
Nicht Beistand noch Gesellschaft sich erwerben,
Und wegen eines einz'gen Wunsches sterben
Muß es nothwendig, den dort Amor nährt.

Der Tod, seit die Belag'rung mich umfangen
Umschließt mein Leben, rings ans Herz geschmiegt,
Das matt schon ward, als Amor es erkriegt

Für jene Frau, die zürnend fortgegangen,
Als ob's Ihr Schande machte, wenn Sie siegt,
Drob er's berennen muß, bis es erliegt.
(S. 168)
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Fünfunddreißigstes Sonett (35)

Laß, Amor, uns ein wenig doch verkehren,
Und tilg den Zorn, der mir im Herzen schwillt;
Zu gegenseit'ger Lust sei dann gewillt,
Von unsrer Frau, Herr, Rede zu gewähren.

Gewiß, geringer wird der Weg beschweren,
Erwählen wir, was uns so lieblich stillt;
Schon bin ich Heimkehr hoffend lusterfüllt
Beim Wechselwort von Ihren hohen Ehren.

Auf, Amor, dir geziemt es anzufangen,
Und rüste dich; denn Sie ist's, deren Winken
Geneigt du folgst, Gesellschaft mir zu zollen.

Mitleid nun oder deine Sitten wollen,
Daß mir der Geist, mir die Gedanken sinken;
So groß ist dich zu hören mein Verlangen.
(S. 176)
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Sechsunddreißigstes Sonett (36)

Zwei Frauen sind in meines Geistes Höhe
Von Liebe zu verhandeln eingekehrt;
Klugheit und Ehrbarkeit und hoher Werth
Und edle Zucht in der Einen Nähe.

Schönheit und süße Anmuth aber sehe
Ich an der andern Frau von Huld verklärt;
Indeß ich, weil's mein hoher Herr gewährt,
Zu Füßen dieser Herrscherrinnen stehe.

Von Schönheit wird und Tugend aufgestellt
Die Frage, wie ein Herz vollkommen liebet,
Wenn zwischen zweien Fraun die Mitt' es hält

Drauf edler Rede Quell die Antwort gibet,
Daß man die Schönheit liebt, weil sie gefällt,
Die Tugend aber, weil sie Hohes übet.
(S. 177)
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Einundvierzigstes Sonett (41)

So grausam scheint mir nichts, und nichts so hart,
Als Sie, in deren Dienst ich mich verzehre;
Denn, während Amors Glut ich in mir nähre,
Ist Ihr Verlangen ganz in Eis erstarrt.

Doch wenn auch nimmer Lohn mir wird noch ward,
Nur Ihre Schönheit ich zu schaun begehre;
Verlange so, wie meine Qual ich mehre,
Daß andre Lust nie meiner Augen harrt.

Die sich, den Sonnengott zu schaun, bewegt,
Unwandelbare Glut verwandelt hegt,
Nie war ihr Loos so bitter, wie das meine. -

Wird diese Stolze nie von mir gebändigt,
So komm, o Amor, eh' mein Leben endigt,
Und misch' in meine Seufzerklagen deine.
(S. 182)
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Dreiundvierzigstes Sonett (43)

Entbehrte ich den holden Anblick nicht
Der Herrin, die ich anzuschaun begehre,
Um die in Seufzern ich mich hier verzehre,
So fern von Ihrem schönen Angesicht;

Dann schiene, was mit drückendem Gewicht
Mich martert und mir auspreßt manche Zähre,
Sodaß ich kaum des Todes mich erwehre,
Gleich Einem, dem die Hoffnung ganz gebricht,

Mir leiht und ohne Grund zur Traurigkeit; -
Doch, weil ich jetzt muß Ihren Anblick missen,
Vergeh' ich fast in bangen Kümmernissen,

Und so ist alle Hoffnung mir entrissen,
Daß, woran jeder Andre sich erfreut,
Mir umgekehrt nur Schmerzen bringt und Leid.
(S. 184)
_____



Sechsundvierzigstes Sonett (46)

Der Anblick jener Herrin brachte mir so schwere
Verwundung, daß noch alle Pulse beben. -
Gott! wolle Lind'rung mir aus Gnade geben,
Daß etwas sich der Geist zum Muthe kehre!

Der thränenmüden Augen Licht verzehre
Ich in der herben Qual, die mir gegeben.
So nah zum Tode hin führt sie mein Leben,
Daß zu entfliehn vergebens ich begehre.

Seht, Herrin, ob ich Schmerzen leide, seht!
Und hört, wie meine Stimme fast vergangen,
Weil ich umsonst um Eure Gunst gefleht!

Doch, ist es, holde Herrin, Eu'r Verlangen,
Daß, in den Qualen all, mein Herz vergeht,
So will ich gern durch Euch den Tod empfangen.
(S. 187)
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Achtundvierzigstes Sonett (48)

Vom Antlitz, dem das Sonnenlicht erbleicht,
Der Segensspenderin für Segenswerthe,
Die unsrem Leben Reiz und Glück gewährte
Mehr, als sonst je die niedre Welt erreicht,

Von Ihrem Blick, der Sonn' und Sternen gleicht,
Vor dessen Glanz kein Aug' sich noch erwehrte,
Der meine Seufzer keimen ließ und nährte,
Von Ihrem Wort, das Huld und Demuth zeigt,

Von diesen Formen himmlischer Gestaltung
Und Lieblichkeit, wie nie zuvor erschien,
Die selbst der Lust der Liebe Feuer lehrt,

Von all der Gunst des Himmels und der Waltung
Der Sterne, die nie gleiche Gaben liehn, -
Entsprang die Glut, die mich verzehrend nährt.
(S. 189)
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Neunundvierzigstes Sonett (49)

Wie oft ich wein' und lach' in einem Tage,
Ich jauchz' und traurig bin, läßt sich nicht zählen.
Verläßt Sie mich, so fühl' ich mich entseelen,
Kaum weiß ich, wie ich meinen Gram dann trage.

Kehrt Sie zurück, so schweigt jedwede Klage,
Ich sing' und juble, kann mein Glück nicht hehlen;
Doch bald ist Sie beeilt, Sich fortzustehlen,
Worauf ich laut in Thränen wieder klage.

So ist der Zwiespalt über mich gekommen,
Daß längst der Schlaf von meinen Nächten wich
Und meinen Tagen ist die Ruh genommen.

Amor! erbarme meiner Qualen dich!
Gib Tod, gib Leben! - Beides ist willkommen;
Doch dieses Schwanken, es vernichtet mich.
(S. 190)
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Dreiundfünfzigstes Sonett (53)

Je mehr euch Amor trifft mit seinen Pfeilen,
Um desto williger sollt ihr ihm sein;
Heilsam'ren Rath kann Niemand euch verleihn!
Erfahren wird's, wer nachlebt diesen Zeilen. -

Dereinst wird Amor eure Wunden heilen
Und euch vergessen machen jede Pein. -
Verglichen mit der Liebe Glück, wie ist so klein
Der Liebe Schmerz! Drum mag eu'r Herz sich eilen,

Amor den Weg zu bahnen, seiner Macht
Sich zu ergeben; ist von seinen Streichen
Es so getroffen, wie eu'r Lied mir sagt.

Und nie mehr sollt von seinem Pfad ihr weichen;
Denn Freude wird euch nur durch ihn gebracht,
Nur er kann vollen Lohn den Dienern reichen.
(S. 194)
_____



Vierundfünfzigstes Sonett (54)

Ergib erduldig dich der Liebe Gluten,
Ertrage willig jetzt noch deine Qualen;
Einst wird dir, hoff' ich, solche Freude strahlen,
Daß du dich rechnest zu den Frohgemuthen.

Oft sah ich schon das Meer in wilden Fluten,
Sah Tod sich auf der Schiffer Antlitz malen,
Die, weil sie ihr Bemühen Gott befahlen,
Im Hafen angelangt, zufrieden ruhten.

Kein Mistraun duldet Amor, auch kein leises;
Zu Anfang prüft er oft mit Schmerz und Grame,
Erforschend, wie der Liebende gesonnen;

Doch findet dann er würdig ihn des Preises,
Wirbt er für ihn bei der geliebten Dame,
Sodaß das Dienen schließt in süßen Wonnen.
(S. 195)
_____


übersetzt von Karl Ludwig Kannegießer (1781-1861)
und Karl Witte (1800-1883)

Aus: Dante Alighier's lyrische Gedichte
Übersetzt und erläutert von
Karl Ludwig Kannegießer und Karl Witte
Zweite, vermehrte und verbesserte Auflage
Erster Theil: Text
Leipzig F. A. Brockhaus 1842


 

 


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