Europäische Liebeslyrik

(in deutscher Übersetzung)

Edward Charles Halle (1846-1914) - Die Musik

 

 

Dante Alighieri (1256-1321)

(In der Übersetzung von Karl Ludwig Kannegießer und Karl Witte)


Canzonen und Ballaten


Dritte Canzone (3)

I.
Amor, der mir auf sehnsuchtsvolle Weise
Von der Gebieterin im Geiste spricht,
Bewirkt durch das, was in die Red' er flicht,
Oft, daß mir der Verstand drob möchte schwinden.
Und meine Seele bei dem süßen Preise
Aufhorchend und es auch vernehmend, bricht
In Klagen aus: "O weh mir, daß ich nicht,
Was ich gehört, im Stande bin zu künden!"
Zuerst traun, muß ich dessen mich entbinden, -
Gedenk' ich, was ich höre, vorzutragen -
Was ich nicht eingesehn mit meinem Geist;
Und dann auch das zumeist,
Was ich zwar einfach, doch nicht weiß zu sagen.
Drum, wenn mein Lied sich zeiget mangelhaft,
Sobald an ihren Preis es sich will wagen,
So tadle man des Geistes schwache Kraft
Und unser Wort, dem alle Macht benommen
Zu künden, was von Amor ich vernommen.


II.
Die Sonne, die die ganze Welt umrollet,
Schaut nie so Holdes als zu jener Zeit,
Wo Ihrem Aufenthalt sie Strahlen leiht,
Zu deren Preis den Sinn mir Amor lenket.
Ihr wird von allen Himmeln Huld gezollet,
Und Jeder, der sein Herz der Liebe weiht,
Fühlt im Gedanken ihre Lieblichkeit,
Wenn Amor ihn mit seinem Frieden tränket.
Ihr Wesen liebet Gott, der Ihr es schenket,
Sodaß auf Sie stets seine Kräfte thauen,
Und daß Sie mehr, als uns geziemt, geneußt.
Ihr reiner lautrer Geist,
Der dieses Heil empfängt vor allen Frauen,
Spricht klar sich aus durch Körper und Gesicht;
Denn solche Reize sind bei Ihr zu schauen,
Daß Augen, die bestrahlt von Ihrem Licht,
Es kundthun dem von Sehnsucht schweren Herzen,
Das dann als Seufzer aushaucht seine Schmerzen.


III.
Auf Sie ist Gottes Huld herabgewallet,
Wie auf den Engel, der sein Antlitz sieht;
Und welche schöne Frau der Glaube flieht,
Mag es durch Schaun und Umgang inne werden.
Vom Himmel her kommt, wo Ihr Wort erschallet,
Ein Geist, der uns zu dem Vertrauen zieht,
Daß jene Kraft, gesenkt in Ihr Gemüth,
All Andres übertrifft, was sonst auf Erden.
Sie zeiget uns die lieblichsten Geberden,
Die um die Wette Lieb' erwecken gehen,
So laut, daß sie sich gibt im Herzen kund.
So sage denn mein Mund:
"Edel an Fraun ist, was an Ihr zu sehen,
Und Jede nur so schön, als Ihr sie gleicht."
Ihr Anblick dienet, darf man wol gestehen,
Das wahr zu finden, was uns Wunder däucht.
Beistand ward unserm Glauben so gegeben,
Und darum rief der Ew'ge Sie ins Leben.


IV.
In Ihrem Antlitz zeigen klar und offen
Sich Wonnen, die das Paradies nur hegt,
Die uns Ihr Lächeln und Ihr Blick erregt,
Wohin sie Amor bringt vor andern Orten.
Es weichet der Verstand, davon betroffen,
Soviel der Blick die Sonne nicht erträgt.
Drum weil Ihr Reiz mein Auge niederschlägt,
Kann ich Sie schildern nur mit schwachen Worten:
Es regnet Glut herab die Schönheit dorten
Von einem Geist der Lieb' und Huld beseelet,
Der jede tugendhafte Regung schafft.
Dann stürzt mit Donners Kraft
Die angeborne Schuld, die Alle quälet.
Wenn eine Frau drum höret, daß man schilt
Auf ihren Reiz, weil Demuthsmild' ihr fehlet,
So schaue sie auf dieses Demuthsbild;
Denn dies demüthigt jeden Thorheitsvollen.
Er schuf Sie, der da hieß die Sterne rollen.


V.
Mein Lied, es widerspricht an einer Stelle,
So scheint es, eine deiner Schwestern dir:
Denn jene Frau, ein Bild der Demuth hier,
Wird misgelaunt und strenge dort genennet.
Du weißt, daß stets der Himmel klar und helle,
Und daß er selbst nie trübet seine Zier.
Doch unsern Augen trauend sagen wir
Oft, daß das Sternenzelt nur dunkel brennet.
Wenn jenes Lied drum Stolz in Ihr erkennet,
So spricht es nicht nach Wahrheit und nach Treue,
Nach dem nur, was ich itzt erkenn' als Schein.
Furcht nahm mich damals ein,
Und thut es heute noch, daß ich mich scheue,
Denk' ich, wie Sie durchschauert meinen Sinn.
Drum bitt', ist's nöthig, daß Sie dir verzeihe,
Und sprich, sobald du trittst vor Jene hin:
Wird eure Huld, o Frau, mir nicht gebrechen,
Will ich von euch auf jeder Seite sprechen.
(S. 53-56)
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Fünfte Canzone (5)

I.
Ich fühle so der Liebe große Stärke,
Daß ich nicht kann ertragen
Die Schmerzen lange; darum traur' ich sehr,
Dieweil ich ihre Kraft zunehmen merke,
Und meine mir versagen,
Werd' ich allstündlich schwächer als vorher.
Nicht zwar thut Amor über mein Begehr;
Denn wollt' er nur nach meinem Wille walten,
So trügen's nicht die endlichen Gewalten,
Die von Natur ich trag' in Herz und Sinnen,
Und dieses quält und drücket mich so schwer,
Daß Können nicht dem Wollen Wort kann halten.
Doch kann ein edler Wille Lohn erhalten,
So fodr' ich ihn, mehr Kräfte zu gewinnen,
Von jenen Augen, die mit süßem Glühen,
Da, wo ich Lieb' empfinde, Tröstung sprühen.


II.
Es strahlen Ihre Augen in die meinen,
Die ganz von Lieb' entbrennen,
Und sprühen, wo ich Leid empfinde, Lust,
Und gehn, indem sie Wandrern ähnlich scheinen,
Die ihren Weg schon kennen,
Und wissen, wo die Liebe bleiben mußt',
Einführend sie durch's Aug' in meine Brust,
Weshalb sie, zugeneigt mir, Mitleid schenken;
Und Jene, der ich angehöre, kränken,
Versteckt vor mir. Dann flammt so meine Liebe,
Ihr dienend bin ich Werths mir nur bewußt,
Auch muß ich mein nur lieberzeugtes Denken
Zu Ihrem Dienst gleichwie zur Fahne lenken,
Den ich mit solchem Fleiß und Eifer übe,
Daß, wär' es Noth, ich Sie selbst fliehen möchte,
Obwol mir das den Tod gewißlich brächte.


III.
Wol wahre Lieb' ist's, die mich eingenommen,
Und eng bin ich gefangen,
Wenn, wie ich sag', ich trüge solchen Bann.
Denn mächtiger ist niemals Lieb' entglommen,
Als wenn den Tod verlangen
Um Ihretwillen der Entflammte kann.
Das ist die Willenskraft, die ich gewann,
Sobald die große Brunst, die mich durchquillet,
Kraft des Gefallens sich in mir enthüllet,
Wodurch Allhuld in holdem Antlitz blühet.
Ich bin Ihr Sklav, und bin, denk' ich daran,
Was Jene sei, zufriedenheiterfüllet.
Wol läßt sich dienen, wenn auch ungewillet,
Und wenn die Jugend mir den Lohn entziehet,
Harr' ich der Zeiten, wo ich würd'ger werde,
Wenn ich nicht früher lassen muß die Erde.


IV.
Denk' ich besondren Wunsches, der, entsprossen
Aus jenem allgemeinen,
Gewaltig mich zu edlem Thun entrafft,
Scheint mehr als bill'ger Lohn mir zugeflossen;
Dann möcht' ich selbst verneinen,
Daß mich bedrückt' das Joch der Dienerschaft.
So vor dem Angesicht der Freude schafft
Der Dienst mir Lohn, weil Sie so gut und linde;
Doch wenn ich streng mich in die Wahrheit binde,
Heißt solch Verlangen Dienst mir sonder Weigern.
Drum wenn ich Wachsthum leihe meiner Kraft,
Denk' ich nicht dran, wie ich mich selbst befinde,
An Sie nur, deren Obmacht ich empfinde,
Und thue dies, um Ihren Werth zu steigern,
Und all' mein Wunsch ist Ihr anzugehören,
Da mich die Liebe würdigt solcher Ehren.


V.
Nur Liebe konnte solche Kraft mir regen,
Daß ich mich würdig mühte
Um Sie, die nimmer wird von Lieb' entzückt,
Gleich der Gebieterin, der nichts gelegen
Am liebenden Gemüthe,
Das, wenn's ein Weilchen Sie nicht sieht, erschrickt.
Ich habe Sie so oft noch nicht erblickt,
Daß nicht ein neuer Reiz Sie stets verkläret;
Weshalb sich meiner Liebe Kraft vermehret,
So oft mein Herz empfindet neue Freude;
Weshalb ein Zustand fortwährt unverrückt,
Weshalb mit gleicher Kost mich Amor nähret,
(Weil gleiche Pein und Lust sie mir gewähret)
So lang die Trennung währt, durch die ich leide.
Ich traure, wenn Ihr Anschaun mir genommen,
Bis dahin, wo es mir zurückgekommen.


VI.
Mein holdes Lied, weil, wenn du nach mir artest,
Du also nicht von Grolle
Wirst voll sein, wie es zukommt deinem Werth,
Möcht' ich dich bitten, daß du dich verwahrtest,
Du süße, liebevolle,
Vor falscher Weis' und Bahn, die dich entehrt.
Wenn dich ein Ritter hält und dein begehrt,
Bevor du seinem Wunsche dich ergeben,
Mußt du für dich ihn zu gewinnen streben;
Und kannst du's nicht, wohl, so verlasse jenen.
Der Gut' ist nur des Guten Schlafgefährt';
Doch Mancher schließt sich, wie wir's oft erleben,
Der Schar an, der nur rein'gen muß sein Leben
Vom bösen Ruf, den andre Zungen tönen.
Gesell' in Geist und Kunst dich nicht den Bösen,
Denn wehe, wer sich die Partei erlesen!


VII.
Zuerst in unsrer Heimat nun verfüge
Zu den drei minder Schuld'gen dich, mein Lied!
Zween grüße, doch den dritten sei bemüht
Zu trennen erst von frevelvoller Bande.
Sprich: "Gute führen nicht mit Guten Kriege;"
Bevor mit Bösen ihm der Sieg entblüht,
Sprich: "Thorheitsvoll ist, wer sich nicht entzieht
Der Thorheit, weil ihm bangt vor Scham und Schande.
Scham fürchtet nur, wem banget vor dem Bösen,
Denn dieses fliehn heißt Besseres erlesen."
(S. 63-66)
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Sechste Canzone (6)

I.
Ich trag' um mich so heftig Leid im Herzen,
Daß ich muß Trauer zollen
Sowol des Mitleids willen als der Qual.
Weh, daß die Luft als Seufzer sich mit Schmerzen,
So wenig ich mag wollen,
Im Herzen sammelt mir zum letztenmal,
In welches schlug der schönen Augen Strahl,
Als Amors Hand mir aufschloß ihren Schimmer,
Zum Tode führend mich, der mich bezwinget.
O wie so mild ihr Flimmer
Und sanft und lieblich auf mich niederquoll,
Als mir zuerst erscholl
Zum Tode, der mich feindlich itzt durchdringet,
Ihr Ruf: "Fried' ist's, was unser Schimmer bringet."


II.
"Wir leihn dem Herzen Frieden, leihn euch Wonnen" -
So zu den meinen sprachen
Ehdem die Augen der Gebieterin;
Doch als mehr Einsicht sie von Ihr gewonnen,
Wie meine Kräfte brachen,
Weil mir zu streng und hart erschien Ihr Sinn,
Da flohen sie mit Amors Fahnen hin,
Sodaß die Blicke, die mit Sieg durchdrangen,
Seitdem mein Auge nimmer wiederfindet.
Drum blieb von Schmerz befangen
Die Seele mir, die Trost in ihrer Noth
Von ihnen hofft', und todt
Das Herz nun sieht, mit dem sie war verbündet,
Und scheiden muß von jenen liebentzündet.


III.
Und liebentzündet eilt sie fort und klagend,
Die so unsäglich leidet,
Aus diesem Leben, weil ihr Amor dräut,
Sie geht von dannen, so vor Schmerz verzagend,
Daß, ehbevor sie scheidet,
Ihr Schöpfer hört mitfühlend auf ihr Leid.
Dann zieht sie sich in die Verborgenheit
Des Herzens mit dem Leben, das verglimmet
Im Augenblicke, wo sie muß erblassen.
Dort gegen Amor stimmet
Sie Klag' an, der sie treibt aus dieser Welt,
Und oft umschlungen hält
Die Geister sie, die weinend kaum sich fassen,
Weil sie nun müssen ihren Umgang lassen.


IV.
Das Bildniß dieser holden Herrin glühet
Noch in des Geistes Grunde,
Den leitend Amor ihm zum Sitz erkor;
Doch kümmert Sie das Leid nicht, daß Sie siehet,
Da schöner Sie zur Stunde
Und holder noch Ihr Lächeln als zuvor;
Dann hebt Ihr tödtend Auge Sie empor
Und ruft ihr zu, die scheidend näßt die Wangen:
"Geh, Unglückselige von hinnen, gehe!"
So ruft Sie, mein Verlangen,
Die siegend, wie Sie pflegt, bekämpft mein Herz,
Ob minder gleich mein Schmerz,
Weil ich verschmachtend schon kraftloser fühle,
Und mehr mich nahe meiner Qualen Ziele.


V.
An jenem Tag, wo Sie ans Licht gekommen, -
Nach dem, was steht geschrieben
Im Buche schwindender Erinnerung,
Ward da die junge Brust mir eingenommen
Von neuen mächt'gen Trieben,
Daß ich erfüllt blieb von Beängstigung,
Weil meines Innern Kräft' ein Zaum umschlung
So plötzlich, daß ich hinsank und von rauhen
Entsetzenstönen mir die Sinne schwunden;
Und ist dem Buch zu trauen,
Der Lebensgeist erzitterte so sehr,
Daß fast kein Zweifel mehr,
Wie nun sein Tod Eingang zur Welt gefunden;
Drob hat, der dies erregte, Reu' empfunden.


VI.
Als ich die große Schönheit drauf erblickte,
Die mich so sehr läßt trauern,
Ihr edlen Fraun, an die ich mich gewandt,
Da ward die Kraft, die höchster Adel schmückte,
An meinen Wonneschauern
Wohl inne, welch ein Unheil ihr erstand,
Und welch Verlangen war in mir entbrannt,
Weil sie dem steten Hinschaun sich beflissen,
Daß drauf sie zu den Andern sprach mit Zähren:
"Hier werd' ich schauen müssen,
Statt jener früheren die Huldgestalt,
Drob schon mich Furcht durchwallt;
Wir Alle können nicht den Thron Ihr wehren,
Sobald's gefällt dem Auge jener Hehren."


VII.
An euch ergeht mein Wort, ihr jungen Frauen,
Ihr, deren Auge süßer Reiz bethaut,
Und deren Sinn schon Amor fesselnd neigte!
Mit Huld und Nachsicht schaut
Auf dieses Lied, wohin es sich begebe,
Und hier vor euch vergebe
Ich Ihr, der Schönen, die mich tödtend beugte,
Die, dessen schuldig, nimmer Mitleid zeigte.
(S. 67-70)
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Siebente Canzone (7)

I.
So rau von Wort zu sein bin ich gewillet,
Wie jene schöne Steingestalt von That,
Sie, die um einen Grad
Mehr rauh wird und mehr hart zu allen Stunden,
Und ihrem Leib in einen Jaspis hüllet.
Drum, oder weil sie dem entflieht, der naht,
Hat noch kein Pfeil den Pfad
Zu unbeschütztem Theil bei ihr gefunden.
Sie trifft, und vor den todtbegabten Wunden
Sucht man umsonst durch Flucht und Harnisch Heil.
Beflügelt schwirrt ihr Pfeil,
Erreicht Jedweden, splittert alle Waffen:
Drum weiß und kann ich mir nicht Hülfe schaffen.


II.
Kein Schild ist, den sie mir nicht kann zertrümmern,
Kein Ort, wo ihr Blick mich nicht fände mehr.
Doch thront im Geist mir hehr
Sie wie die Blum' ob Blättern obenan.
So viel scheint um mein Leid sie sich zu kümmern,
Wie um die Flut ein Schiff im glatten Meer.
Ich bin bedrückt so schwer,
Daß ich es nicht in Reimen künden kann.
Ach, Feile, harte, grausame, sag' an,
Die du geheim entkräftest mir das Leben,
Fühlst du kein Widerstreben,
Mein Herz nach innen schrittweis zu zerquälen,
Wie ich von deiner Macht wem zu erzählen?


III.
Und mehr erbebt mein Herz voll Furcht, daß, während
Ich eingedenk bin der Gebieterin,
Ein Andrer auf mich hin
Die Blicke richt', im Aug' mein Innres sehend,
Als selbst der Tod mich schreckt, obwol verzehrend
Schon mit der Liebe Zahn mir jeden Sinn.
So voll Gedanken bin
Ich sonder Kraft zum Handeln, und vergehend.
Er schlug zu Boden mich, über mir stehend,
Mit jenem Schwert, das Dido's Herz durchschnitt;
Amor, den ich mit Bitt'
Um Gnade fleh', und mit demüth'gen Klagen,
Und er scheint Gnade standhaft abzuschlagen.


IV.
Kampf meinem schwachen Leben anzusagen,
Erhebt mein Feind von Zeit zu Zeit die Hand,
Der rücklings mich gespannt
Am Boden hält, daß alle Kräfte weichen.
Dann steigen mir im Geist auf laute Klagen;
Zerstreuet durch die Adern kommt gerannt,
Durch Ruf zurückgewandt,
Das Blut zum Herzen, daß ich muß erbleichen.
Er trifft zur linken Seite so mit Streichen
Mich, daß der Schmerz im Herzen rückwärts springt.
Da sprach ich: "Wenn er schwingt
Den Arm aufs neu, hat mich der Tod bezwungen,
Noch eh' der Schlag ist niederwärts gedrungen."


V.
O daß ich säh' ihn so das Herz zerspalten
Der Harten auch, sowie mit mir er thut:
Dann schrecke meinen Muth
Der Tod nicht, den Ihr Reiz mich lässet sehen;
Doch gleich, bei Tag und Nacht ist ihr Verhalten,
Der Diebin, Räub'rin, die da lechzt nach Blut.
Wie ich in heißer Flut
Warum, ach, muß Sie nicht um mich vergehen?
"Ich komme," rief' ich flugs, "Dir beizustehen."
Voll Freude käm' ich dann und mit Begier
Im blonden Haar, das Ihr
Amor mit Gold durchlockt zu meinen Leiden,
Wühlt ich mit meiner Hand, mich dran zu weiden.


VI.
Wenn ich erfaßt Sie bei den blonden Schnüren,
(Gleich Geißel mich und Ruthe quälen sie)
Hielt' ich von neun Uhr früh
Bis Vesper Sie, bis Abends bei den Haaren;
Und statt mich mild und höflich aufzuführen,
Wär' ich vielmehr ein scherzend Bärenvieh.
Und für die Streiche, die
Mir Amor gäb', wollt' ich nicht Rache sparen.
Ihr schönes Aug', aus welchem Funken fahren,
Die das zerrißne Herz entflammen mir,
Beschaut' ich starr und stier.
Daß Sie vor mir geflohn, ließ' ich Sie büßen,
Durch Amor Frieden dann mit Ihr zu schließen.


VII.
Lied, geh' nun grade hin zu jener Frau,
Die mir das Herz getroffen, und mir nimmt
Wonach mein Gaumen glimmt,
Und dann mit einem Pfeil Ihr Herz versehre!
Denn, wer sich rächt, gewinnet edle Ehre.
(S. 71-74)
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Achte Canzone (8)

I.
Du siehst es, Amor, nun, daß diese Herrin
Verhöhnet deine Macht zu jeder Zeit,
Sie, die sich zeiget als der Andern Herrin.
Seit Sie sich sieht auch meines Herzens Herrin
Kraft deines Strahls, der mir im Antlitz glänzt;
Erwies Sie sich als jeder Härte Herrin,
Daß Sie das Herz nicht zeigt der milden Herrin,
Nein, jenes Thiers, das ganz an Liebe kalt.
Ob warm die Jahreszeit und ob sie kalt,
Erscheint Sie mir gleich einer schönen Herrin,
Die nicht lebendig, nein, geformt aus Steine,
Durch Den, der Meister ist, zu hau'n in Steine.


II.
Doch ich bin standhaft dir, gleich härtstem Steine,
Ergeben ob der Schönheit meiner Herrin;
Versteckt trag' ich die Wunde von dem Steine,
Mit dem du mich verletzt gleich einem Steine,
Der dir zuwider war seit langer Zeit,
Sodaß mein Herz er traf, wo ich von Steine.
Noch niemals hörte man von einem Steine,
Der durch der Sonne Kraft, womit sie glänzt,
So hohe Kraft entlehnt, so licht erglänzt,
Daß er mir helfen mag von diesem Steine,
Der seinen Frost mittheilend, selber kalt,
Mich hinführt, wo ich ende todeskalt.


III.
O Herr, du weißt es, wenn es schneidend kalt,
So friert das Wasser zum krystallnen Steine,
Dort unterm Pole, der so starr und kalt,
Und wo die Luft, im Element stets kalt,
Sich so verkehrt, daß Feuchtigkeit die Herrin
In jener Gegend ist, wo es so kalt.
So friert mein Blut vor jenem Blick so kalt,
Vor jenem Antlitz schon seit langer Zeit,
Und der Gedanke, der die meiste Zeit
Mir füllt, wird selbst zum Körper fest und kalt,
Und kömmt hervor, dort wo das Auge glänzt,
Wo mir Ihr grausam Licht zuerst erglänzt.


IV.
In Ihr versammelt sich, was schön erglänzt,
Und jede Grausamkeit, die hart und kalt,
Strömt in Ihr Herz, wo nie dein Licht erglänzt;
Weshalb so hold sie meinem Aug' erglänzt,
Wenn ich Sie sehe, die ich seh' im Steine,
Und überall, wo nur mein Blick erglänzt.
Ihr Auge ist's, das also mir erglänzt,
Daß ich der Andern spotte, bei der Herrin.
O wär' Sie mir doch minder harte Herrin,
Der ich bei Nacht und wenn der Tag erglänzt,
Zu Ihrem Dienst errufe Ort und Zeit
Und hierzu nur bestimmt des Lebens Zeit!


V.
Darum, o Kraft, die älter als die Zeit,
Und als Bewegung und das Licht, das glänzt -
Erbarm dich mein in dieser trüben Zeit,
Dring' in Ihr Herz, es drängt die höchste Zeit,
Verbann' von dort, was grausam ist und kalt,
Was mich betrügt um meines Lebens Zeit.
Denn wenn dein Sturm mich faßt in dieser Zeit,
In dieser Lage, sieht das Bild von Steine,
Gar bald mich liegen unter kaltem Steine,
Um nie mehr zu erstehn als nach der Zeit.
Dann werd' ich sehn, ob jemals eine Herrin
Gelebt, so schön wie diese harte Herrin.


VI.
Mein Lied, ich trag' im Geiste eine Herrin,
Mir, ob sie gleich für mich von hartem Steine,
Mir Kühnheit gab, und Jeder scheint mir kalt,
Daß ich's gewagt, für Sie, die mir so kalt,
Ein Lied, das neu durch seine Form erglänzt,
Zu bilden, wie's erdacht zu keiner Zeit.
(S. 75-77)
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Neunte Canzone (9)

I.
Zu jenem Punkt im Kreis bin ich gekommen,
Allwo der Luftkreis, wenn die Sonne schwindet,
Der Zwillinge Gestirn am Himmel zeigt.
Der Stern der Liebe, fern, wird uns benommen
Von jenem hellen Licht, das ihn umwindet
So seitwärts, daß davon sein Strahl erbleicht,
Und der Planet, der sich dem Froste neigt,
Stellt ganz sich dar an jenem großen Bogen,
In dem die Sieben wenig Schatten geben;
Und doch will von mir schweben
Kein einz'ger Liebeswunsch, der mir umzogen
Den kranken Sinn, der fester als ein Stein
An jenem holden Bilde hält von Stein.


II.
Aus Aetiopiens dürrem Sand erhebet
Der Wind sich, der die Luft mit Dunkel füllet,
Die Sonn' umzieht, die glühend ihn begrüßt;
Dann flieht er übers Meer und mit ihm schwebet
Ein dichter Nebel, den, wenn nichts ihn stillet,
Des Nordens Frost verdichtet und verschließt;
Drauf löst er sich; in weißen Flocken schießt
Er dann herab als Schnee und läst'ger Regen.
Dann trüben alle Lüfte sich und weinen,
Und Amor, der mit seinen
Jagdnetzen zieht vom Himmel Sturmes wegen,
Setzt stets mir nach; so auch die schöne Herrin,
Die grause, die verliehn mir ward zur Herrin.


III.
Geflohn ist jeder Vogel, der dem Wehen
Der Wärme folgte, von Europas Staaten,
Das stets die sieben kalten Sterne sieht;
Und aller Lied hab' ich verstummen sehen,
Um nicht zu tönen bis zu frischen Saaten,
Es wäre denn mit schmerzerfülltem Lied.
Und jedes Thier, das von Natur erglüht
In Freud' und Lust, ist frei vom Liebestriebe,
Nun da der kalte Winterhauch es bindet.
In meiner Brust nur zündet
Die Glut sich höher an; denn Lust der Liebe
Entzieht und gibt mir nicht des Jahres Alter;
Ein Mägdlein gibt sie mir von jungem Alter.


IV.
Entflohen ist die Zeit des grünen Laubes,
Das die Gewalt des Widders uns erzeugte,
Die Welt zu schmücken; todt ist Feld und Hain;
Schon birgt sich jeder Zweig, gewiß des Raubes,
Wenn Pinie, Lorbeer, Tanne sich nicht zeigte
Und andre, die des steten Laubs sich freun.
So rauh und herbe will die Zeit nun sein,
Daß sie die Blümlein tödtet auf den Matten,
Die kalten Herbstthau nicht zu tragen wissen.
Vom Dorn, der mich zerrissen
Allein will Amor Freiheit nie verstatten;
Daß ich bestimmt bin, ihn zu tragen immer,
So lang' ich leb' und sollt' ich leben immer.


V.
Dampfende Wasser, deren Adern fließen
Durch Dunst und Qualm, wie sie die Erde nähret,
Und aus dem Abgrund sich empor sie bringt,
Verwandeln jenen Weg, den ich zu grüßen
Im Lenze pfleg', in einen Bach, der währet
So lang des Winters Angriff uns umringt.
Die Erd' ist fest, als ob sie Schmelz umschlingt,
Das Wasser wandelt todt sich zum Krystalle
Ob jenes Frostes, der's von außen dränget.
Doch mir, vom Krieg bedränget,
Ist's nicht vergönnt, daß je ich heimwärts walle;
Noch auch begehr' ich's: ist schon Marter süß,
Wie muß der Tod sein über Alles süß!


VI.
Mein Lied, was wird doch dann erst aus mir werden,
Im neuen holden Jahre, wenn die Liebe
Von allen Himmeln auf die Erde träuft,
Sind jetzt im Frost gehäuft
In meiner Brust, wie nirgends, ihre Triebe? -
Verwandelt bin ich dann zum Bild von Stein,
Wenn Jene statt des Herzens ziert ein Stein.
(S. 78-80)
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Zehnte Canzone (10)

I.
Amor, da ich mich laut beklagen muß,
Damit die Welt mich höre,
Und zeigen, wie ich ganz vom Heil verschlagen,
So gib beim Willen Kraft zum Thränenguß,
Aufdaß der Schmerzen Schwere
Frei, wie ich fühl', ertön in Red' und Klagen.
Du heißest sterben mich, und ich will's tragen;
Doch wer entschuldigt mich, weiß ich Bericht
Hievon zu geben nicht?
Wer glaubt mir, daß ich jemals so befangen?
Doch, gönnst du mir zu künden meine Plagen,
So laß, o Herr, bevor mein Auge bricht,
Nicht zu der Schuld'gen kommen dies Gedicht;
Denn, würde kund Ihr dies mein innres Bangen,
Entschönte Mitleid Ihre schönen Wangen.


II.
Ich kann Sie mehr nicht hindern, daß Sie steh'
Vor meinem geist'gen Blicke,
Als den Gedanken, der dorthin Sie raffet.
Mein thöricht Herz sinnt nach, sich selbst zum Weh,
Wie schön Sie, wie voll Tücke,
Bis seine Qual in Farb' und Form es schaffet;
Schaut dann Sie an, und wann es sich ergaffet
Unmäß'ge Brunst aus jener Augen Glut,
Kehrt's gegen sich die Wuth,
Weil es den Brand erzeugt, der es verzehret.
Wo wäre die Vernunft, die nicht erschlaffet,
Wenn durch die Adern so mir stürmt das Blut?
Der allzu hoch gestiegnen Qualen Flut
Entströmt dem Munde so, daß man sie höret,
Und, was dem Auge zukommt, ihm gewähret.


III.
Die feindliche Gestalt, die drinnen bleibt,
Sieghaft und wild zum Grauen,
Und ob der Willenskraft den Szepter führet,
Sie ist's, die selbstvergnügt mich dorthin treibt,
Wo wahrhaft Sie zu schauen,
Wie Aehnliches gern Aehnliches erküret.
Wol weiß ich, daß am Strahl sich Schnee verlieret;
Doch, kraftlos schon, nehm' ich zum Vorbild den,
Der, wenn ihn rings umstehn
Die Henker, seinem Tod entgegenschreitet.
Wann ich genahet, wird mein Ohr berühret
Vom Ruf: "Willst du ihn wirklich sterben sehn?"
Sodann schau' ich umher und spähe, wen
Zum Schutz ich anfleh'; so werd' ich geleitet
Vom Blick, der mir mit Unrecht Tod bereitet.


IV.
Amor, was mir geschieht, also versehrt,
Weißt du, nicht ich zu künden,
Der du mich siehst, wenn Ohnmacht mich beschlichen.
Und wenn die Seele dann zum Herzen kehrt,
War völliges Erblinden
Ihr Antheil, während sie von mir gewichen.
Wenn ich erstehe, schauend nach den Stichen,
Die mich entseelten, als ich niedersank,
Bleib' ich entherzt und krank,
Weil Bangigkeit mir jedes Glied durchschauert.
Auch zeigt die Wang', erblichen,
Welch Donnertosen hinter mir erklang,
Daß, wenn gleich süßem Lächeln es entsprang,
Die lebenlose Farbe lang' noch dauert,
Weil voll Muthlosigkeit die Seele trauert.


V.
So thust im Alpenschoß du, Amor, mir,
In jenes Flusses Thale,
Längs dem stets unter deiner Macht ich stehe.
Rett' oder tödte, wie du willst, mich hier
Mit jenem grausen Strahle,
Deß Blitzgeschoß Bahn bricht dem Todeswehe.
Daß ich nicht Frauen hier, noch Edle sehe,
Ich Armer, deren Brust mein Leid bewegt!
Wenn Sie nicht Mitleid hegt,
Wie hoff' ich dann, daß mich ein Andrer schütze?
Und Sie, hinweggebannt aus deiner Nähe,
Besorgt nicht, Herr, daß Sie dein Pfeil erschlägt,
Weil Sie des Stolzes harte Brustwehr trägt,
Daß jeder Pfeil dort abstumpft seine Spitze;
Denn ein bewaffnet Herz versehrt kein Schütze.


VI.
O mein Gebirgsgesang, du gehst! Wohlan,
Geh nach Florenz auch in mein Vaterland,
Das mich von sich verbannt,
Ohn' irgend Lieb' und Mitleid zu gewähren;
Sprich, wenn du hinkommst: "Mein Gebieter kann
Itzt nicht mehr waffnen gegen euch die Hand;
Dort, wo ich herkomm', fesselt ihn ein Band,
Daß, wenn auch mild nun eure Herzen wären,
Er nicht mehr Freiheit hat zurückzukehren."
(S. 81-84)
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Elfte Canzone (11)

I.
Der ruhelose Geist, der rückwärts blicket
Auf die verlorne Zeit, die mir verstrichen,
Bestürmt von hier mein Herz mit falschem Schein;
Indeß der Wunsch der Liebe mich entrücket
Nach jenem schönen Land, dem ich entwichen,
Und mich von dort bekämpft mit Liebespein.
Und solche Kraft will mir mein Herz nicht leihn,
Daß ich vermöchte lang zu widerstehn,
Wenn, holde Frau, Ihr meine Kraft nicht stählet
Doch wenn Ihr es erwählet
Zu meiner Rettung je ans Werk zu gehn,
Gefall' es Euch mir Euren Gruß zu senden
Und Trost und Beistand meiner Kraft zu spenden.


II.
Gefall' es Euch, das Herz nicht zu verlassen,
Zu dieser Frist, das also für Euch glühet,
Und das sich Heil allein von Euch verspricht.
Ein milder Herr pflegt kürzer nicht zu fassen
Des Knechtes Zaum, dem er zu Hülfe ziehet,
Weil nicht für ihn - für eigne Ehr' er ficht!
Und wilder brennt der Schmerz und nagt und sticht,
Wenn ich erwäge, daß die Hand der Liebe
Euch, Herrin, zeichnete im Busen drinnen.
Wohlan, so müßt Ihr sinnen
Aufs eifrigste, daß nichts dies Herz betrübe;
Denn der, aus dem das Gute muß entquillen,
Liegt innger uns um seines Bildes willen.


III.
Und wolltet Ihr, o süße Hoffnung, sagen,
Daß ich erwarten soll, was ich erbitte,
So wißt, daß ich nicht länger harren kann.
Ans Ende meiner Macht bin ich verschlagen,
Das wißt Ihr wohl, da Ihr mit kühnem Schritte
Mich meiner letzten Hoffnung sehet nahn.
Denn jede Bürde trägt ja eh'r der Mann,
Bis daß die Last ihn ganz zu Boden neigt,
Eh' zweifelnd er versucht den besten Freund;
Nicht weiß er, wie er's meint,
Und wenn er rauh sich nun der Bitte zeigt,
So gibt es nichts, das ihm so bitter scheine,
Von dem er herbern Tod zu leiden meine.


IV.
Ihr aber seid's, der sich mein Herz ergeben,
Die das Geschenk des Heils allein ihm spendet,
Auf der mein einzig Hoffen nun beruht.
Nur Euch zu dienen, lieb' ich dieses Leben,
Begehre nur, was Euern Ruhm vollendet,
Und lästig scheint mir jedes andre Gut.
Drum reicht nur Ihr - was Keiner kann, noch thut -
Mir auch; denn Ja und Nein gab euern Händen
Die Liebe hin, weshalb ich hoch mich wähne,
Und dies Vertrauen entlehne
Ich Euren Mienen, die mir Mitleid senden;
Denn wer Euch sieht, dem muß es klar erscheinen,
Daß Huld und Milde sich in Euch vereinen.


V.
Drum sendet Euern Gruß mir unverdrossen,
Das Herz zu laben, welches nach ihm brannte,
Erhabne Frau, wie ich von Euch begehrt.
Doch wißt, daß es dem Nahenden verschlossen,
Von jenem Pfeil sich zeigt, den Amor sandte,
Am Tage, da er also mich versehrt.
Drum ist der Eintritt Jedem auch verwehrt,
Als Amors Boten, der's zu öffnen weiß
Nach dem Verlangen dessen, der es schließt;
Und in dem Kampf ersprießt
Aus seiner Ankunft Schaden mir, statt Preis,
Wenn er mit jenem Boten nicht erschiene
Des hohen Herren, dem allein ich diene.


VI.
Mein Lied, schnell sei und eilig deine Reise;
Du weißt, das dem, für den du sie begonnen,
Nur kurze Lebensfrist noch zugesponnen.
(S. 85-87)
_____



Zwölfte Canzone (12)

I.
Der deine Macht du lenkst vom Himmelszelte,
Amor, wie Sol die Glut,
Die kräft'ger ist und größre Wirkung thut,
Wo seine Strahlen höhern Adel finden;
Und wie vor ihm entfliehet Nacht und Kälte,
So du, mein höchstes Gut,
Treibst du die Feigheit aus der Menschen Blut;
Des Zornes Macht muß gegen dich verschwinden,
Aus welchem alle Güter sich entbinden,
Um die die ganze Welt mit Eifer wirbt;
Und ohne dich erstirbt,
Was wir zum edlen Thun an Kräften haben,
Gleichwie ein Bild, das sich an finster Stelle
Nicht zeigen kann, noch laben
Durch seine Kunst und seiner Farben Helle.


II.
Wie ins Gestirn der Sonne Strahl, so dringet
Ins Herz mir stets dein Licht,
Nachdem von deines Herrscherthums Gewicht
Mein Geist zum ersten Male ward befangen,
Woher ein leitender Gedank' entspringet,
Der mir so hold zuspricht,
Daß ich zum Schönen wende mein Gesicht
So lieber, um je holder ist sein Prangen.
So ist nun eine Jungfrau eingegangen
Ins Herz mir durch dies Schaun mit Herrschermacht,
Hat Glut mir angefacht,
Wie kaltes Wasser spiegelnd Feuer sprühet,
Weil, seit Sie mich bezwungen, deine Flammen
Worin Sie mir erglühet,
Aus ihrem Aug' mir glänzen allzusammen.


III.
Wie schön Sie ist, und all Ihr Thun und Wesen
Nicht Huld noch Adel mißt,
So schmückt die Bildkraft, die zu keiner Frist
Ausruht, in meinem Geist Sie, Ihrem Sitze;
Nicht weil er selbst von Gaben auserlesen
Für solche Hoheit ist,
Nein, nur durch dich sich eines Muths vermißt,
Wie uns Natur nicht einräumt zum Besitze.
Ihr Reiz dient deinem hohen Werth zur Stütze,
Soweit nach Wirkung urtheilt der Verstand
Bei würd'gem Gegenstand,
Gleichwie die Sonne von dem Feuer zeuget,
Das ihr nicht Kräfte raubet, noch auch giebet,
Doch macht, wo sie sich zeiget,
Daß es mehr Heil noch scheinbar wirkt und übet.


IV.
Darum, o Herrscher du so hoher Hulden,
Daß jede Adligkeit,
Hienieden, und all sonst'ge Gütigkeit,
Von deiner Größe nur scheint zu beginnen,
Behüt' mein Leben, mag es gleich viel dulden,
Und sei voll Mildigkeit;
Denn es durchrinnt bei Ihrer Lieblichkeit
Zu grimmig deine Glut all meine Sinnen.
Laß, Amor, Sie nach deiner Huld durchrinnen
Mein groß Gelüst zu schauen Ihre Zier.
Nicht sei's verstattet Ihr,
Daß Sie durch ihre Jugend so zerstöret.
Sie weiß nicht, welche Schönheit Ihr beschieden,
Noch wie mich Liebe zehret,
Und wie in Ihren Augen wohnt mein Frieden.


V.
Stehst du mir bei, wird dir's viel Ehre tragen,
Und mir reichen Gewinn,
Denn wohl erkenn' ich's, daß ich kam dahin,
Wo ich mein Leben nicht mehr kann bewahren;
Denn meine Kraft hat solch ein Feind zerschlagen,
Daß ich des Glaubens bin,
Dafern sich ihrer nicht erbarmt dein Sinn,
Daß sie Zerstörung müsse bald erfahren.
Noch möge deine Macht sich offenbaren
An Ihr, die würdig ist damit geziert,
Da wol es sich gebührt
Ihr zu verleihen reichlich alle Güter,
Als einer, die geboren ward zur Erde,
Aufdaß Sie der Gemüther
Von Allen, die Sie sehen, Herrin werde.
(S. 88-90)
_____



Vierzehnte Canzone (14)

I.
Drei Fraun umringen mir das Herz und haben
Auswärts gelagert sich,
Doch Amor innerlich,
Der meines Lebens Herrscher ist und König.
Sie sind so lieblich und von solchen Gaben,
Daß, der so mächtig mich
Bewohnt - mein Herz, sag' ich -
Gespräches pflegt mit ihnen nur ein wenig.
Jedwede scheint betrübt und unterthänig,
Gleich müden Wandrern, die man hat verjaget,
Nach denen Niemand fraget,
Und denen nicht frommt edler Tugendsinn.
Einst war die Zeit, worin
Laut ihres Wortes man sie hochgeehret.
Jetzt sieht man scheu und zornig auf sie hin.
So sind denn eingekehret
Wie bei dem Freund, die drei Einsiedlerinnen,
Wohl wissend, er, den ich genannt, sei drinnen.


II.
Beredt erzählt die Eine ihre Qualen,
Auf eine Hand gesenkt,
Geknickte Ros', es lenkt
Zum nackten Arm sich, ihrer Schmerzenssäule,
Hinab der Strom der augentquollnen Strahlen;
Die andre Hand umschränkt
Den Blick, den Salzfluth tränkt;
Schuh-, gurtlos ist sie, frei doch; mittlerweile
Schaut Amor durch des Mantels Riß die Theile,
Von denen man am besten thut zu schweigen.
Mit schonendem Bezeigen
Und argem fragt nach ihr er und dem Leid.
"Du, welcher Nahrung beut
Nur Wen'gen," spricht und seufzet sie daneben,
"Uns schickt zu dir her unsre Wesenheit.
Ich, ganz dem Gram ergeben,
Bin deine Bas', und Rechtlichkeit geheißen,
Und arm, schau her, daß Gurt und Kleid zerreißen."


III.
So gab sie Auskunft ihm auf sein Begehren;
Und Schmerz und Scham empfand
Er, den ich Herr genannt,
Und fragte nach den zwein, die bei ihr waren.
Sie aber, die bereit zu steten Zähren,
Sobald sie ihn verstand,
Noch mehr schmerzübermannt,
Sprach: "Willst du meinen Augen dies nicht sparen?"
Dann fuhr sie fort: "Wie du bereits erfahren,
Entspringt der Nil als kleiner Fluß der Quelle,
Dort, wo die Sonnenhelle
Die Erde macht des Weidenlaubes baar.
An jener Flut gebar
Ich jene, die zur Seite mir sich zeiget
Und die sich trocknet mit dem blonden Haar.
Sie, hold von mir gezeuget,
Als sie sich in dem klaren Quell erspähet,
Erzeugte diese, die mir ferner stehet.


IV.
Es schwieg in Seufzern Amor eine Weile;
Das Aug' in Thränenflor,
Das lose war zuvor,
Grüßt' er die Frauen, die das Leid verbündet.
Zum einen greifend und zum andern Pfeile,
""Seht"", sprach er, ""blickt empor!
Die Waffen, die ich kor,
Durch Nichtgebrauch erscheinen sie erblindet.
Maßhaltung, Mild', und was entflammt sich findet
Aus unserm Blute, gehn im Bettlerkleide;
Dient dieses nun zum Leide,
So mach' es deren Auge weinend kund,
Die's trifft, und deren Mund,
Die untergeben solchen Himmels Strahlen;
Nicht wir, entstammt dem ewgen Himmelsrund.
Sind wir anitzt in Qualen,
Wir werden sein und Solche nicht entbehren,
Die diesen Pfeil mit Schimmer einst verklären.""


V.
Ich, hörend in so hoher Reden Klange
Das Leid und das Vertraun
Der hehren flücht'gen Fraun,
Bin froh des Banns, der über mich gekommen.
Und wenn nach Schicksals Urtheil oder Zwange
Der Weltlauf schwärzt mit Graun
Blumen, die weiß zu schaun,
Doch ist zu preisen, wer erliegt mit Frommen.
Und, wäre meinen Augen nicht genommen
Das ferne, schöne Zeichen, mir so theuer,
Das mich gesetzt in Feuer,
So schiene leicht mir, was anitzo Last;
Doch hat dies Feuer fast
Verzehret mir das Fleisch mitsamt den Knochen,
Daß meine Brust beinah der Tod erfaßt.
Denn, was ich auch verbrochen,
Es hätten mich viel Monden schon entsündet,
Wenn durch die Reue Schuld Vernichtung findet.


VI.
Mein Lied, daß Niemand dein Gewand betaste,
Zu schaun, was jede holde Frau versteckt!
Gnug sei, was unbedeckt;
Daß sich die süße Frucht zu Keinem wende,
Der ausstreckt seine Hände!
Doch träfe sich's, daß sich mit Tugendweihe
Dir Jemand naht' und bittend zu dir stände,
Dann schmücke dich auf's Neue,
Und zeige dich, und für die schöne Blüte
Entzünde Brunst in liebendem Gemüthe.
(S. 96-99)
_____



Fünfzehnte Canzone (15)

I.
Vor Gram fühl' ich mein Herz in Muth entbrennen,
Gleich Dem zu reden, der für Wahrheit glüht.
Drum soll euch, daß mein Lied,
O Fraun, sich Jedermann zu zeihn erkühne,
Nicht in Verwundrung setzen;
Die eigne Schwäche sollt ihr drin erkennen.
Denn Amors Urgesetz, daß euch geliehne
Anmuth an Leib und Miene
Nur Tugendhaften zur Belohnung blüht,
Seh' ich euch stets verletzten;
Euch mein' ich, die ihr liegt in Amors Netzen.
Weil Schönheit euer, weil
Die Tugend unser Theil,
Und Amors Amt, der beiden Bund zu siegeln,
Sollt ihr eu'r Herz verriegeln,
Die Schönheit itzt verhülln, die ihr erhalten;
Denn Tugend, ihrer werth, ist nicht zu finden.
Soll ich es noch verkünden?
Im Zorn ob solcher Sünden
Wäre für weise wol die Frau zu halten,
Die wagte selber sich umzugestalten.


II.
Der Mann, der gegen Tugend sich empöret,
Ist nicht ein Mann, ein männergleiches Thier.
O Gott, welch niedre Gier,
Sich so vom Herrn zum Knechte zu verkehren,
Zum Tode so vom Leben!
Die Tugend bleibt dem Schöpfer treu, sie höret
Auf sein Gebot, bedacht nur ihn zu ehrn.
Will, sie noch zu verklären,
Dann Amor seines Dienstes Zeichen ihr
Am Throne Gottes geben,
Dann sieht man freudig sie herniederschweben;
Froh wendet sie sich hin
Zu der Gebieterin,
Froh wirkt sie ihres Dienstes hohe Pflichten;
Vermehren, zieren, sichten
Sieht man sie Alles auf der kurzen Reise,
Dem Tod ist jede Macht an ihr genommen.
Du Reine, Heil der Frommen,
Vom Himmel hergekommen,
Machst Du allein den König; zum Beweise
Sei, daß nur Dein Besitz von ew'gem Preise.


III.
O Magd, wer Dich vermeidet, wird zum Knechte
Nicht eines Herrn, nein Knechtes niedrer Art.
Ach, es bestraft sich hart,
Wollt ihr den ein' und andern Schaden achten,
Der Tugend Pfad zu lassen!
Tyrann ist dieser Herr-Knecht, Feind dem Rechte;
Die Augen, welche Licht dem Geiste brachten,
Heißt sein Gebot umnachten.
Dann müßt von ihm, der Thorheit nur gewahrt,
Ihr blind euch führen lassen.
Daß ihr jedoch vermögt mein Wort zu fassen,
Neig' ich mit Sprach' und Sinn
Zu eurer Kraft mich hin,
Und die gewohnte Redekunst verschmäh' ich.
Weil aber Wen'ge fähig
Verhüllten Wortes Meinung zu verstehen,
Will ich euch deutlich über eu'r Betragen
Dies euretwillen sagen:
Mir kann es nichts verschlagen:
Gemeines jeder Art sollt ihr verschmähen,
Denn wen es reizt, der wird drin untergehen.


IV.
Wer dieser Knechtschaft fröhnt, der gleicht dem Müden,
Der rasch dem Herren nachfolgt, ohne Rath,
Auf schmerzensvollem Pfad.
So sieht die Geiz'gen man nach Gelde rennen,
Dem Alles unterthänig.
Der Geizhals läuft, doch schneller flieht der Frieden;
(O blindes Herz, kannst du denn nicht erkennen
Dein thörichtes Entbrennen?)
Denn die begehrte Zahl wächst, wie er naht;
Erlangt, däucht sie zu wenig,
Und steigt, bis ihn der Tod ruft, Aller König.
Du blindes, geiz'ges Thier,
Was half dein Mammon dir?
Sag' an! Ob deinem Nichts muß selbst dir schwindeln:
Drum fluch' ich deinen Windeln,
Die mit so schönen Träumen uns genarret;
Drum fluch' ich, daß, an dich verlorne, Bissen
Nicht Hunden vorgeschmissen!
Früh bis zu Finsternissen
Hast du zusammen ruhelos gescharret,
Was dir der nahe Tod zu rauben harret.


V.
Gold aufgehäuft hat ohne Maß der Reiche,
Und ohne Maß auch hält er es zurück.
Drum leiht ihm das Geschick
So manchen Knecht, und will Wer widerstreben,
Fühlt er sich schwer bedrängen.
Fortuna, Tod, was zögern eure Streiche?
Was eilt ihr nicht, so todten Schatz zu heben?
Wem aber dann ihn geben?
Ich weiß nicht: denn uns Alle hält das Glück
In seines Reifes Engen;
Drum sollte die Vernunft die Fessel sprengen,
Nicht sagen, ich bin Knecht.
Wie wehrt sich doch so schlecht
Der, gegen den die Diener aufgestanden!
Hier mehren sich die Schanden,
Wollt ihr genauer sehn, wohin ich deute.
O falsche Thiere, die kein Mitleid kennen,
Durch Sumpf und Hügel rennen,
Nackt, von der Sonne brennen
Seht ihr die besten, lasterfreisten Leute,
Und haltet fest an eurer schmutz'gen Beute.


VI.
Die Tugend kommt dem Geizigen entgegen,
(Die selbst den Feinden immer Frieden beut)
Und sucht durch Freundlichkeit
Zu locken ihn, doch bleibt ihr Streben nichtig,
Denn er entflieht der Speise.
Nach lang vergebnem Rufen und Bewegen
Wirft sie den Fraß ihm hin, bekehrungssüchtig;
Er aber bleibt ihr flüchtig.
Und kommt er endlich doch, wenn jene weit,
So ist's verdroßnerweise;
Beeifert scheint er, daß zu keinem Preise
Ihm seine Wohlthat sei. -
Vernehmt mein Wort, ich sag' es frei,
Durch luftiges Versprechen, durch Verschieben,
Durch Mienen, die betrüben,
Macht Mancher zu so theurem Kauf sein Schenken,
Als der nur weiß, der solchen Druck empfunden.
Glaube, mit so schweren Wunden
Ist solch Geschenk verbunden,
Daß Weigerungen im Vergleich nicht kränken -
So schmerzt es Beide, will ein Geiz'ger schenken.


VII.
Gelüftet hab' ich euch, o Fraun, die Hülle
Der Niedrigkeit des Volks, das euch begafft.
Dies leih' euch Zorneskraft!
Mehr aber ist, das noch zu sagen bliebe,
Wenn's nicht zu schmutzig wäre.
In Jedem ist jedweden Lasters Fülle.
Drum schwinden von der Welt die edlen Triebe;
Denn das Gewächs der Liebe
Saugt aus der guten Wurzel guten Saft,
Ihm gleich an Würd' und Ehre.
So höret denn, wie ich zum Schluß erkläre,
Daß Keine glauben soll,
Weil sie sich anmuthsvoll
Erscheint, so werde sie geliebt von Jenen.
Denn wäre, wie sie wähnen,
Die blinde Wollust Liebe zu benennen,
Dann müßte Schönheit für ein Uebel gelten.
Die Frauen muß ich schelten,
Die, weil sie Lust erwählten,
Von rechter Tugend ihre Schönheit trennen,
Und der Vernunft entgegne Liebe kennen.
(S. 100-105)
_____



Siebzehnte Canzone (17)

I.
O falsches Lächeln, warum täuschest du
Mein Augenpaar, und was hab' ich gesündigt,
Daß du betrogen mich in solcher Art;
Den Griechen wäre schon mein Wort verkündigt. -
Die Damen wissen's all, und Ihr dazu,
Betrug und Ehre waren nie gepaart. -
Ach, dessen Herz, der harrt,
Ihr wißt, wie fern ihm bleiben Freud' und Frieden.
Ich lebe hoffend, Niemand achtet mein;
O Gott, wie bittre Pein,
Welch ein vernichtend Loos ist Dem beschieden,
Der wartend seines Lebens Zeit verdarb
Und nie die kleinste Blüte sich erwarb.


II.
Zuerst, o weiches Herz, verklag' ich dich,
Um zweier Augen Blick, wer sollt' es denken?
Verirrt'st du dich aus des Gesetzes Hage.
Mich aber freut's, daß schon beim Schwerterschränken
Der Pöbel aus dem Schmutz bellt wider mich. -
Des Todes bin ich; ob der Treu beklage,
Die ich im Herzen trage,
Ich, daß ich Strafe leide ohne Grund. -
Auch sagt Sie nicht, ich sei Ihr zu geringe.
Drum meine Klage bringe
Ich laut an wider Sie; denn Ihr ist's kund,
Daß, wenn mein Herz an andre Liebe dächte,
Die Untreu sich an ihm am schwersten rächte.


III.
Gewiß hat dieses Weib ein Herz von Stein
Und so viel Rauheit, daß sie gleicht dem Bären,
Wenn sie des Knechts sich nicht erbarmen mag.
Sie wird, will sie mir Hülfe nicht gewähren,
(Amor, du weißt's) Schuld meines Todes sein.
Nicht hält die Hoffnung mehr mein Leben wach;
Drum weh mir Amor, ach,
Gestattet sie mir nicht aus gutem Herzen,
Ihr heitres Angesicht aufs neu zu sehn
(O Gott, wie ist sie schön!);
Doch fürcht' ich: nein, gedenk' ich meiner Schmerzen.
Gehofft hab' ich auf sie, wie lange schon;
Doch denkt sie nie an meiner Liebe Lohn.


IV.
Du kannst, mein Lied, die ganze Welt durchwandern,
Denn in drei Sprachen kleidet' ich dich ein,
Daß meine herbe Pein
In jedem Volk und Lande werd' erzählet;
Vielleicht erbarmt sich dann auch, die mich quälet.
(S. 109-110)
_____



Neunzehnte Canzone (19)

I.
Ich weiß nicht zu verhehlen meine Schmerzen,
Da schmerzlich auch mein Aeußres sich beweist,
Sowie an ihrem Theil die Seele drinnen.
Denn als genistet Amor mir im Herzen,
Trat er hervor, darstellend meinem Geist
Gedanken, die nun Ruhe nicht gewinnen,
Und oft die Gluten schüren mir tiefinnen,
Des Schmerzes eingedenk, dem sie entquollen,
Sammt jenen kummervollen
Wehlauten, die, ein mächtig Heer,
Für meine Kraft zu schwer,
Von außen schnell sich in mein Innres senken,
Wenn Amor mich Madonna's heißt gedenken.


II.
Die Phantasie voll Schmerzen, mich verzehrend,
Stellt mir vor meine Augen jedes Weh,
Das ich muß leiden bis zur letzten Stunde.
Meine Natur zwar kämpft dem Tode wehrend,
Den ich, wohin ich immer blicke, seh';
Doch wünscht mit ihm zu fliehn die Seel' im Bunde.
Heimlich kam Amor dann, und solche Wunde
Schlug er dem Herzen, daß mich Tod umfangen,
Und ließ mir kein Verlangen,
Des Kraft mir brächte Lebenstrost zurück;
Und wandt' ich meinen Blick,
Sah ich, wie Mitleid Sie in sich zerstöret,
Weßhalb in meinen Blick Tod eingekehret.


III.
Das Wesen wird vom Zufall unterdrücket,
Darum besiegt in Amors Kampf find' ich
Die Kraft, für die kein Beistand zu ersehen,
Wie sich in des Gesichtes Bläss' ausdrücket.
Aus meinem Aug' ergießen Thränen sich,
Die Seele möcht' in andrer Obhut stehen.
O wehe mir! denn muß ich solches sehen,
Werd' ich nicht selten einem Todten ähnlich,
Den Trost beweinend sehnlich,
Den ich erblick' in meinem Tode nur;
Denn obwol von Natur
Und durch Vernunft der Tod mir schien ein Leiden,
So däucht er mir nach jenem Schmerz wie Freuden.


IV.
Wann sich der Geist ermuthigt dann aufs neue,
Mischt Jene sich in die Gedanken mir,
Die stets als Seufzerlaute sich entwinden,
Und Amor wachet auf mit einem Schreie:
"Flieht, Lebensgeister! Sehet, Sie ist hier,
Von welcher eure Glieder Qual empfinden."
Wie ich dann bleibe, während sie entschwinden,
Wenn das, von denen die entfliehen, Einer
Erzählete statt seiner,
Der dort geblieben einsam und allein,
Der würde traun nicht sein
So hart, mir nicht zu weihen eine Zähre,
Sofern ich zu den Menschen doch gehöre.


V.
Mein Lied, in Thränen hab' ich dich vereinet,
Und meinem trüben Geist dich eingeätzt,
Denn mit ihm wirst du bald von hinnen gehen.
Hier weile bei der Schar, die trostlos weinet,
Und flieh von dort, wo Lust die Seele letzt,
Denn Gleichgesinntes soll zusammenstehen.
Liest dich ein Edler, sollst du ihn anflehen,
Dich Ihr, durch deren Hoheit sonder Gleichen
Mich Amor ließ erbleichen,
So vorzustellen, daß dein Sinn Ihr sei
Klar und von Anstoß frei;
Dann sieh, wenn schon mein Name Sie verletzet,
Wie Sie mein Wesen erst geringe schätzet.
(S. 115-117)
_____



Zwanzigste Canzone (20)

I.
Zum kurzen Tag und Uebermaß der Schatten
Bin ich gelangt, und Schnee liegt auf den Hügeln,
Wo längst verblich die Farbe frischer Kräuter;
Doch mein Verlangen hört nicht auf zu grünen,
So ist's verwurzelt in dem harten Steine,
Der redet und empfindet, wie ein Mädchen.


II.
Nicht minder starr erscheint dies junge Mädchen,
Als Schnee verhärtet, wenn er liegt im Schatten,
Denn sie erweicht, nicht mehr als harte Steine,
Die süße Zeit, die Wärme weckt in Hügeln,
Daß sie, statt weißer Decke, neu ergrünen,
Und Blümlein sprießen rings und würz'ge Kräuter.


III.
Umkränzen Ihre Stirne Blum' und Kräuter,
So raubt Sie die Erinn'rung andrer Mädchen.
So schön gesellt sich krauses Gold dem Grünen,
Daß Amor kommt, zu ruhn in solchem Schatten.
Gefangen bin ich zwischen kleinen Hügeln,
Daß Kalk nicht fester bindet Mauersteine.


IV.
Mehr Kraft besitzt Ihr Reiz als edle Steine.
Die Wunde, die Sie schlägt, heilt nicht durch Kräuter.
Ich irrt umher in Feldern und auf Hügeln,
Um zu entfliehn dem mitleidslosen Mädchen.
Vor Ihrem Licht gewährt kein Berg mir Schatten,
Kein Mauerwerk und keines Baumes Grünen.


V.
Einst sah ich Sie, so schön geschmückt mit grünen
Gewändern, daß Sie Lieb' erweckt im Steine,
Wie ich sie hege, selbst für Ihren Schatten.
Ich warb um sie auf einer Flur voll Kräuter,
So lieblich, wie nur je ein schönes Mädchen,
Und rings umschlossen von erhabnen Hügeln.


VI.
Eh aber kehrten Flüsse zu den Hügeln,
Als dieser Baum, dem frisch die Zweige grünen,
Entbrennte, wie wol sonst ein schönes Mädchen,
Für mich, der gerne schlief' auf hartem Steine,
Und weidete mein lebelang die Kräuter,
Dürft' ich nur sein, wo ihre Kleider schatten.


VII.
Liegt an den Hügeln - auch ein tiefer Schatten,
Es birgt im Grünen - sie dies junge Mädchen;
So bergen Steine - wol sich unter Kräuter.
(S. 118-119)
_____



Erste Ballate (1)

I.
O frische junge Rose
O holde Frühlingslüfte!
Am Bach durch Wiesendüfte
Geh' ich und jubl' und singe,
Daß euer Lob erklinge - rings im Grünen.


II.
Eu'r schönes Lob und Preisen
Sei freudig neu gesungen
Von Alten und von Jungen
Zu Hause wie auf Reisen.
Euch weihen Vögelzungen
In viel verschiednen Weisen
Bei jeder Stunde Kreisen
Aus Blüten Huldigungen.
Schon ist die Zeit gekommen,
Mit Liedern allerenden
Gebührend Lob zu spenden
Der Hoheit, die erlesen
In Euch, o Engelwesen - uns erschienen.


III.
Eu'r engelgleiches Prangen,
O holdeste der Fraun,
Läßt mich auf Glück vertraun
In diesem Glutverlangen.
Es geben sich, im Schaun
Der Schönheit Eurer Wangen,
Natur und Kunst gefangen.
Unglaublich ist sie traun!
Die Damen nennen Göttin
Euch unter sich mit Wahrheit;
Erzählt wird Eure Klarheit
Nie von erschaffnen Geistern;
Wer wird Natur zu meistern - sich erkühnen?


IV.
Eu'r zart holdselig Kleid
Schuf über Menschen Weise
Der Himmel zum Beweise,
Daß Ihr die Herrin seid.
So bleibt mir denn, o Speise
Der Augen, nimmer weit,
Daß Gottes Herrlichkeit
Sich freundlich mir erweise.
Und scheint es Euch anmaßlich,
Daß ich nur Euch ergeben,
Wollt mir die Schuld nicht geben,
Denn das sind Amors Werke,
Dem zu begegnen Stärk' - und Maß nichts dienen.
(S. 123-124)
_____



Zweite Ballate (2)

I.
Weil ich die Augen nicht an der Betrachtung
Der schönen Herrin jemals sätt'gen kann,
Schau' ich so fest sie an,
Bis daß ich selig werde, Sie betrachtend.


II.
Dem Engel gleich, der schon nach den Geschicken
Hoch stehend voll Entzücken
Nur Gott anschauend Seligkeit empfangen:
So könnt' ich, den der Erde Lasten drücken,
Fest hangend mit den Blicken
An Ihr, die Herz und Sinn mir hält gefangen,
Als Mensch hienieden Seligkeit erlangen.
So hohe Tugend beut und reicht Sie dar,
Doch nimmt sie Keiner wahr,
Als wer Ihr Huldigung darbringet schmachtend.
(S. 125)
_____



Dritte Ballate (3)

I.
"Ich bin ein kleines Mädchen, neu und reizend,
Und komme her und stelle mich euch dar
Vom anmuthreichen Ort, der mich gebar.


II.
Ich bin vom Himmel und will wieder hin,
Um Andern Lust mit meinem Glanz zu wecken;
Und wer mich sieht und nicht fühlt brünst'gen Sinn,
Wird nimmer Amors Lieblichkeit entdecken,
Der rein mich wollt' und frei von allen Flecken,
Als die Natur, ihr Fraun, mich dem gebar,
Der mich gesellt will sehen eurer Schar.


III.
Es läßt ins Auge jedes Sternes Licht
Mir ihren Werth und ihren Schimmer thauen.
Die Welt noch kannte meine Schönheit nicht,
Weil sie ertheilt mir von des Himmels Auen.
Drum ist es Niemand möglich Sie zu schauen;
In wen sich Amor senkt aus aller Schar,
Aus Lust an wem, nur der erschaut sie klar."


IV.
Und diese Schrift ist im Gesicht zu sehn
Des Engleins, das sich uns hat schauen lassen.
Ich, festhinstarrend drauf, ihm zu entgehn;
Bin in Gefahr nun Todes zu erblassen,
Weil der mir solche Wunde hinterlassen,
Den ich in Ihren Augen ward gewahr,
Daß ich nun wein', aufhörend nimmerdar.
(S. 126)
_____



Vierte Ballate (4)

I.
O Wölkchen, das in Amors Schutzgeleit
Vor meinen Augen plötzlich einst erschienen,
Hab Mitleid mit der Brust, die dir muß dienen,
Die auf dich hofft und stirbt vor Herzeleid.


II.
Gewölk von überirdischer Gestalt,
In meiner Brust hast du ein Glühn entzündet
Mit deiner Rede Qualen.
Dann mit dem Hauch, der Hoffnung schafft und kündet,
Heilst du mich schnell mit liebender Gewalt,
Wo deine Augen stralen.
O keinen Blick! Vertraun muß ich ihm zahlen.
Mein Glutverlangen wolle lieber schauen;
Denn Andrer Herzeleid hat tausend Frauen,
Weil sie zu lange säumten, tief gereut.
(S. 127)
_____



Fünfte Ballate (5)

I.
Zu thun, was dich erfreut,
O Amor, ist mein einziges Begehren,
Denn dir anzugehören
Wünsch' ich, mein süßer Herr, zu aller Zeit.


II.
Zu aller Zeit ist mir's gleich süße Pflicht,
Der holden Frau zu dienen,
Mit deren Schau du Amor mich geletzet
Einst plötzlich, daß so tief mir eingeätzet
Die demuthvollen Mienen,
Als ich dich fand in Ihrer Augen Licht,
Und daß mir nicht - verleiht
Seitdem sonst etwas inniges Behagen,
Als sinnend nachzujagen
Dem Huldgebilde jener Lieblichkeit.


III.
Dies Sinnen, Amor, freuet mich so sehr,
Und hat mich so erfüllet,
Daß stets ich schaue, was ich damals schaute.
Zwar es zu schildern wehrt der Schmerz dem Laute,
Obwol nichts weiter quillet
Zu meinem Busen; still bin ich daher;
Denn nimmermehr - wol beut
Sich Farbe meinem Wort zu Ihrem Bilde.
Sprich, Amor, du voll Milde
Dort, wo geweiht ich meine Dienstbarkeit.


IV.
Wol bin ich stets bereit
Dich, Gott der Liebe, dankend zu verehren,
Weil ich der Hohen, hehren,
Auf deinen Wink und Zuruf mich geweiht.
(S. 128-129)
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Sechste Ballate (6)

I.
Was mag von mir, o Fraun, Amor heischen,
Da ich, wie scharfen Todesstreich er dräue,
Doch Linderung der Schmerzen mehr noch scheue?


II.
Den tiefsten Kern von meinem Innern kläret
Ein Schimmer schöner Augen, daß das Wehe
Der herben Sehnsucht flieht;
Obwol von dort ein Pfeil hinunterfähret,
Der Trockenheit in meines Herzens See
Erzeugt, eh' er verglüht.
Das thut mir Amor, ruft er ins Gemüth
Die süße Hand mir und die reine Treue,
Die meinem Glück verliehe sichre Weihe.
(S. 129)
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Siebente Ballate (7)

I.
Die ihr des Amor wohlbelehret seid,
Hört meiner klagenden Ballata Klänge,
Die kund euch machen einer Herrin Strenge,
Durch deren Macht mein Herz vergeht in Leid.


II.
Wer Sie auch sieht, Sie ist so stolz gemuthet,
Das er die Augen senkt von Furcht erfüllt,
Denn immerwährend um die Ihren fluthet
Ein Schimmer, welchem bittre Härt' entquillt;
In Ihnen aber wohnt ein süßes Bild,
Das edle Herzen heißt um Gnade flehen,
So tugendlich, daß Allen, die es sehen,
Seufzer entlockt der Brust Beklommenheit.


III.
Sie scheint zu sagen: "Nimmer werd' ich dienen
Dem, der zu meinen Augen blickt hinauf,
Weil ich den edlen Herren trag' in ihnen,
Der mich erreicht mit seiner Pfeile Lauf."
Und wahrlich, Sie hat sorgsam Acht darauf,
Daß Sie bei sich sie sehe nach Belieben;
So pflegen Frauen Widerstand zu üben,
Wirbt man um ihren Reiz aus Eitelkeit.


IV.
Ich zweifl', ob je nur kurzen Anschauns Jene
Wen würdig hält in mitleidsloser Brust:
So wenig mild ist Sie bei Ihrer Schöne,
In Ihren Augen Amors sich bewußt.
Doch heg' und wahre diesen Sie nach Lust,
Und lasse soviel Heil mich noch entbehren;
Mich stählet doch mein flammendes Begehren
Und trotzt dem Stolz, mit dem mir Amor dräut.
(S. 130-131)
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Achte Ballate (8)

I.
Madonna, jener Herr, der in dem Schein
Von Euren Augen Alles überwindet,
Hat sicher mir verkündet,
Ihr werdet einst mir noch mitleidig sein.


II.
Denn, wo verweilend Amor sich befindet
Mit wunderbarer Schönheit im Verein,
Da zieht die Tugend ein,
Weil alle Macht auf ihn allein sich gründet.
Nur dadurch wird mein Hoffen neu entzündet,
Dem, was mir widerfährt, so sehr entgegen,
Daß es schon längst erlegen,
Wenn nicht durch Amors Güte
Mir Muth in jedem Misgeschick erblühte
Durch seinen Anblick, welchem sich verbündet
Des süßen Orts Erinnrung und der Blüte,
Die duftend mein Gemüthe
Umkränzt mit heitrer Wonne,
Dank, Dame, sei es Eurer Gnadensonne.
(S. 132)
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Neunte Ballate (9)

I.
Nachdem ich einen Kranz
Gesehn, weckt jede Blume
Mir banger Seufzer Laut.


II.
Ich sah Euch, Herrin, tragen einen Kranz,
Selbst hold wie Blumen sind,
Und drüber flatterte in lichtem Glanz
Ein sanftes Liebesenglein gar geschwind.
Sein Lied klang leis' und lind:
"Zu meines Herren Ruhme
Wird singen, wer mich schaut."


III.
Komm' ich, wo nur ein Blümchen sprießet hin,
So werd' ich seufzend bangen,
Und sagen: "meine holde Königin
Kränzt sich mit Amors Blüten Stirn und Wangen."
Zu mehren das Verlangen
Wird sie vom Herrn mit Ruhme
Gekrönt gleich einer Braut.


IV.
Aus Blumen haben Wort' in neuer Art,
Dies Tänzerlied gemacht;
Aus Blumen, die der Reim im Spiel gepaart,
Entstand ein Kleid, wie Keiner noch erdacht,
Drum bitt' ich, habet Acht,
Daß Niemand seinem Ruhme
Zu wehren sich getraut.
(S. 133)
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Zehnte Ballate (10)

I.
In einer weisen Botin Pilgertracht
Mach eilig dich, Ballate, auf; berichte
Der schönen Herrin, an die ich dich richte,
Wie schwach der Gram mein Leben schon gemacht.


II.
Von meiner Augen Loos sollst du beginnen,
Die, schauend einst die englische Gestalt,
In Sehnsuchtkronen pflegen zu erglänzen.
Jetzt, wo Ihr Anschaun sie nicht mehr gewinnen,
Bedräuet sie so sehr des Tod's Gewalt,
Daß sie zwei Marterkronen rings umkränzen.
Weh mir! nach welchem Ziel, zu welchen Grenzen
Send' ich zu ihrer Lust sie aus? - Dem Tode nah
Triffst du mich an, bringst du nicht Trost von da,
Wo sie verweilt. - Ballate habe Acht!
(S. 134)
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Elfte Ballate (11)

I.
Weil Du gewahrst, wie jung Du bist und schön,
Wie Deine Blicke Amors Flammen schüren,
Ließ't grausam Du zum Stolze Dich verführen.


II.
Wol hast in Härte Du Dich überhoben,
Weil Du bemüht, mir Tod zu geben bist.
So glaub' ich thust Du nur um zu erproben,
Ob Amors Kraft zu tödten fähig ist.
Weil Du vor Andern mich gefangen siehst,
Läßt Du durch meine Schmerzen Dich nicht rühren. -
O möchtest je Du seine Macht verspüren!
(S. 135)
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übersetzt von Karl Ludwig Kannegießer (1781-1861)
und Karl Witte (1800-1883)

Aus: Dante Alighier's lyrische Gedichte
Übersetzt und erläutert von
Karl Ludwig Kannegießer und Karl Witte
Zweite, vermehrte und verbesserte Auflage
Erster Theil: Text
Leipzig F. A. Brockhaus 1842


 

 


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