Europäische Liebeslyrik

(in deutscher Übersetzung)

Edward Charles Halle (1846-1914) - Die Musik

 

 

Iwan Iwanowitsch Dmitriew (1760-1837)

(In der Übersetzung von Karl Friedrich von der Borg)



Wär' es früher mir vertrauet,
Daß die Liebe Schmerzen macht,
Hätt' ich fröhlich nicht geschauet
Nach dem Stern der Mitternacht;
Nicht gegossen in der Stille
Mir ein golden Ringlein schön,
Nicht genährt die süße Grille,
Meinem trauten Freund zu seh'n.

Daß der Schlag mir geh' vorüber,
In der Gluth des Ungemachs
Hätt' ich mir gegossen lieber
Leichte Flügelchen von Wachs;
Und entschwebt' im Augenblicke
In des Trauten Heimaththal,
Säh' ihn an mit Liebesblicke,
Wär's auch nur ein einzig Mal.

Und sodann entflög' ich wieder
Schweren Herzens, thränennaß,
Kummermüde säß' ich nieder
An der großen Landesstraß';
Weinte, schluchzte, tief betrübet:
Gute Leute! welche Pein!
Treulos ist, den ich geliebet ...
Lehrt mich ohne Liebe seyn!
(S. 161-162)
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Genuß

Jeder wähle nach Gefallen!
Lorbeer, dich begehr' ich nicht;
Mir behagest du vor allen,
Myrte, die mir Liebchen bricht!

Sey der Held der Erde Dränger,
Sey der Weis' ein Licht der Welt:
Währ' es kürzer oder länger,
Jeder doch in Staub zerfällt!

Ob die Ros' am Grabe düfte,
Ob sich Wermuth wind' umher, -
Alles gleich! im Schoos der Grüfte,
Liebchen, fühlt' es Keiner mehr!

Fort denn, Sorge! fort, o Plage!
O durchflamm' uns, Liebesglück!
Ohne Rückkehr flieh'n die Tage, -
Kostbar jeder Augenblick!

Ach! vielleicht, o Traute, sendet
Heute noch des Schicksals Schluß
Mir die Parze, welche endet
Meiner ird'schen Tage Fluß:

Sprich, warum denn säumen, - bange
Warten, bis die Stunde schlägt?
Laß genießen uns, so lange
Noch das Herz sich in uns regt!
(S. 174-175)
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Traurig seufzt ein graues Täubchen
Tag und Nacht in Einem fort;
Ach, sein herzgeliebtes Weibchen
War entflohen weit von dort.

Und das Täubchen nicht mehr girret,
Weizenkörnchen sich versagt,
Immer weinet, immer irret,
Und für sich im Stillen klagt.

Hin und wieder fliegt das Täubchen,
Hüpft umher von Ast zu Ast;
Nach der Freundinn, nach dem Weibchen
Späht sein Auge sonder Rast.

Späht ... doch ach! erspäht sie nimmer;
Also das Geschick gebeut!
Matter, matter wird er immer,
Der voll Treu' und Zärtlichkeit.

Auf den Rasen sinkt er nieder,
Birgt sein Haupt in Federn tief;
Seufzet, stöhnet nimmer wieder, -
Ach! das Täubchen - es entschlief.

Heimgekehrt aus ferner Weite
Plötzlich die Geliebt' erscheint,
Setzt sich an des Trauten Seite,
Wecket, wecket ihren Freund.

Und sie flattert um den Treuen,
Läßt den Thränen freien Lauf ...
Chloe, ach! wie wird dich's reuen!
Denn der Freund steht nimmer auf.
(S. 200-201)
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Neulich sah ich den Pallast
Unsrer Mutter Catharine,
Ihrer Krone goldne Last
Und der Ringe Gluthrubine.

Alles herrlich! rief ich aus;
Doch ich schaute nach der Hütte:
Emma harrt' im kleinen Haus,
Dort hin wandt' ich meine Schritte.

Emma, meines Lebens Lust!
Klein sind unsre Erdengüter,
Emma! doch an deiner Brust -
Bin ich nicht ein Weltgebieter?

Eine frohe Stunde nur
Kauft der Fürst mit Millionen;
Uns verleiht sie die Natur
Unentgeltlich, statt der Kronen.

Wenn mir gleich die Sänger nicht
Lange Schmeichellieder schicken:
Ach! vergleich' ich ihr Gedicht
Wohl mit Emma's süßen Blicken?

Scepter - ist mein Stecken mir,
Und Pallast - Gebüsch und Weide;
Emma - Volk und Ruhm und Zier,
Und die Fülle jeder Freude!
(S. 218-219)
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An Chloe

Vor den Blumen allen
War mir Rose lieb.
Sie mein Wohlgefallen
Meine Freude blieb.

Täglich schien sie werther
Meinem Sinn zu seyn,
Täglich schien verklärter
Ihrer Röthe Schein.

Doch auf Glückes Loose
Baue Keiner je!
Bald sproß um die Rose
Wermuth in die Höh.

Rose farbig strahlte,
Rose nicht verdorrt;
Doch war's nicht die alte:
Denn - der Duft war fort!

O wie schrecklich lehrend
Ist dieß Beispiel, Kind!
Chloe! wie zerstörend
Laster Schönen sind!
(S. 232-233)
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Wohin mit dir mich kehren,
O leidenschaftlich Herz?
Hier muß ich mich verzehren,
Verbergen meinen Schmerz.

Die Freunde schelten immer,
Daß ich so freudenbaar:
Doch ach! sie ahnden nimmer,
Wie ich vor Zeiten war.

Auch ich hab' einst zufrieden
Mein Saitenspiel gerührt,
Den stillen Pfad hienieden
Mit Blumen ausgeziert!

O trauriges Erinnern!
Auf! nicht gesäumt, mein Herz!
Laß bergen uns im Innern
Des Waldes unsern Schmerz!

Dort tadelt mich nicht Einer
Ob meinem tiefen Weh;
Es nennet dort mir Keiner
Der Harten Namen je.

Will mich mit dir versenken
In trübe Phantasie'n,
An Chloe immer denken,
Ihr zürnen - und ihr glüh'n.
(S. 237-238)
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Übersetzt von Karl Friedrich von der Borg (1794-1848)
Aus: Poetische Erzeugnisse der Russen
Ein Versuch von Friedrich von der Borg
Erster Band
Riga und Dorpat 1823
In der Hartmannschen Buchhandlung



 

 


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