Europäische Liebeslyrik

(in deutscher Übersetzung)

Edward Charles Halle (1846-1914) - Die Musik

 

 

Prudens van Duyse (1804-1859)

(In der Übersetzung von Luise von Ploennies)



An eine Dichterin

O Weib, durchglüht von heil'ger Dichtung Flammen,
Der Wahn nur wähnt, die Weiblichkeit entweiht,
Nur schwache Geister sind's, die dich verdammen,
Für deine Rechte wag' ich kühn den Streit.
***

Ich preis' die Dichterin, nicht die Gelehrte,
Die Poesie, nicht eitle Wissenschaft,
Den Gottesfunken, der dein Herz verklärte,
Und dich durchdrang mit seiner Schöpferkraft.

Dir ist die Poesie kein künstlich Streben,
Das Recht dazu hat dir das Herz verliehn,
Sie blüht empor aus deinem tiefsten Leben,
Der Mann sei Redner, Du sei Dichterin.

Du singst von selbst gleich wie die Silberwelle,
Gleich dem Orkan, der kündet Gottes Macht,
Du singst gleich wie die Lerche klar und helle,
Denn die Natur ist's, die dein Lied entfacht.

Nicht künstlich schlingst du glänzende Gedanken,
Wirfst scherzend nicht der Brust Gefühle hin,
Du zündest an die Glut um Gott zu danken,
Der Opferflamme reine Priesterin.

Und ging uns hier die Poesie verloren,
Man fand sie wieder in der Frauen Brust,
Im Mutterherzen wird sie neu geboren
Mit jedem Schlag der Trauer und der Lust.

In welche Seele drückt mit ew'gem Stempel
Sich die Erinnerung? Wer ist wie sie
Der Hoffnung reinster, schönster Seelentempel
Durchströmt von heil'ger Liebesmelodie?

Und was ist Dichtung, als Erinn'rung, Hoffen,
Der Zukunft, des Vergang'nen Zaubertraum,
Ein Himmelsstrahl, dem ihre Seele offen,
Der ihr verklärt die Nacht mit gold'nem Saum.

Für Lieb und Poesie ist sie geboren,
Denn was ist Liebe sonst als Poesie,
Als Hochgefühl zu Himmelsglück erkoren,
Als Schöpferwonne, die uns Gott verlieh?

Ja, die am tiefstem fühlte und gesungen
Ihr Lied von Herzen warm und rein,
Die Frau, von höchster Poesie durchdrungen,
O glaubt es mir, wird auch die beste sein.

Nie wird aus Hoffarth sie ihr Herz vergeben,
Wird den nur wählen, der das Schöne ehrt,
Die Liebe ist das Höchste ihrem Leben,
Die Kinder sind der Schmuck, den sie begehrt.

Und dann ihr Lied? was ist es als das Wehen
Des Liebesathems der die Seele schwellt,
Das was im Tod versank, heißt auferstehen,
Bis er's begrüßt in einer schönern Welt.

Übersetzt von Luise von Ploennies (1803-1872)

Aus: Reise-Erinnerungen aus Belgien
Von Luise von Ploennies
Berlin Verlag von Dunker und Humblot 1845 (S. 303-305)

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