Europäische Liebeslyrik

(in deutscher Übersetzung)

Edward Charles Halle (1846-1914) - Die Musik

 


Eduard Robert Bulwer Lytton (1831-1891)


Indisches Liebeslied

Mein Körper schläft, mein Herz ist licht:
Es ruft mein Mund im Traume dich.
Hinsinkt das Bild, der Schlummer bricht,
Und zu dir, Mädchen, zieht es mich.
Du ziehest mich - du ziehst mich
Durch Schlaf und Nacht! Fern tönt der Bach,
Der Tiger ist im Walde wach,
Und durch das Dunkel suche ich.

Der Dörfer letzter Laut verklang,
Und schweigend stehen Feld und Flur.
Am Myrrhenwald ging ich entlang
Und sah der wilden Heerden Spur.
Mir zeigt der honigfeuchte Stein,
Wohin den Seim die Biene trug.
Im Aarnest ruht der Wind vom Flug.
Der Mond verschwand. Ich bin allein.

Du ziehest mich - du ziehest mich
Durch wilder Oeden bleiche Nacht!
Hinzieht mich, Mädchen, minniglich
Der Blick, der unter Locken lacht.
Die Welt ist vielfach - Liebe eins;
Der meinen kann kein Bild ich leihn!
Der Zimmetbaum wächst tief im Hain,
Stolz freut der Goldbaum sich des Scheins.

Wer hat ihr prächtig Haar gesehn?
Den Taubenblick - wer ihn geschaut?
Wer sah sie durch die Wildniss gehn
Und hörte ihrer Stimme Laut?
Nichts kann gleich ihrer Schönheit sein.
Sie ziehet mich - sie ziehet mich!
Am Weihrauchbaum dein harrte ich,
Beim Aloë - im Fichtenhain ...

Wo bist du, meines Herzens Lust,
Mit Taubenblick und Lockenschein?
Der Nachtthau hängt an Haupt und Brust,
Wund riss die Füsse das Gestein.
Nicht Cedernhauch giebt noch Geleit!
Mir ist der Pfad nicht mehr vertraut,
Und von den Höhen tönt ein Laut
Von Strömen durch die Dunkelheit.

Giftblumen fallen rings vom Strauch.
Mir träufelt Gummi nicht ein Baum;
Doch deiner Lauben mächtiger Hauch,
Der duftgetränkten Kammer Raum,
Sie ziehen mich - sie ziehen mich!
Dein Bad bereite: Warte mein
Gesalbten Hauptes! Lass mich ein:
Zu dir, zu dir ja komme ich.

Im Dunkel birgt dein Gitter sich.
Die Thür ist still. Mit sanftem Ton,
Mein Täubchen, auf und zeige dich!
Weiss scheint die Kampherstaude schon,
Und sacht bricht Dämmerung herein.
Ausdehnt mein Geist sich mit dem Licht,
Und Graun und Nebel hält ihn nicht:
Leis' zieht es ihn, bei dir zu sein.
(S. 346-347)

Übersetzt von Karl Vollheim (1835-?)

Aus: England und Amerika Fünf Bücher englischer
und amerikanischer Gedichte
von den Anfängen bis auf die Gegenwart
In deutschen Übersetzungen
Chronologisch geordnet mit litterarhistorisch-kritischen
Notizen und einer Einleitung
von Julius Hart
Minden i. W. J. C. C. Brun's Verlag 1885
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