Europäische Liebeslyrik

(in deutscher Übersetzung)

Der Frühling - Wandmalerei aus Stabiae

 


Epigramme aus der Gracchenzeit

(In der Übersetzung von Josef Maria Stowasser)


Valerius Aedituus (um 100 v. Chr.)


I.
Versuch' ich meines Herzens Pein
Dir auszusagen, Liebste mein,
Was ich von dir für mich ersehn' -
Will mir kein Wort vom Munde gehn.

Doch über die brünstige Brust sogleich
Ergießt der Schweiß sich warm und reich.
[Es brennt die Brust, es schweigt der Mund,]
In stiller Brunst geh' ich zugrund'.

II.
Was trägst du mir vor die Fackel noch?
O Eros, ich brauche keine doch.
Ich werd' so hingehn frisch und gut;
Es strahlt genug des Herzens Glut.

Der stärkste Sturm ist nicht imstand,
Zu löschen diesen wilden Brand,
Noch ein gewalt'ger Regenguß
Vom Himmel stürzend in jähem Fluß.

Ja gegen Frauen Venus Glut -
Wenn Venus nicht das Ihre tut -
So gibt es keine andre Kraft,
Die diesem Leid ein Ende schafft.
(S. 2)
_____


Q. Lutatius Catulus (um 150-87 v. Chr.)

I.
Ich stand dem Aufgang zugewandt
Und grüßte der Morgensonne Brand,
Als plötzlich mir zur linken Hand
Der süße junge Roscius stand.

Ihr Himmlischen, verzeihet mir,
Wenn offen ich bekenne hier,
Der Sterbliche schien mir schöner schier
Als selbst der Gott, [des Himmels Zier].

II.
Die Seele floh von mir. Ich mein',
Sie wird bei Theotimus sein,
Wie sie ja immer pflegt zu tun;
Er ist ihr Zuflucht, ist ihr Ruhn.

Als ob ich's nie verboten hätt',
Daß er die flücht'ge zu sich rett',
Den Eintritt ihr gestatt' bei sich,
Nein sie ausweis' unweigerlich.

Ich werde sie nun suchen gehn
Und doch ich fürcht', es wird geschehn,
Daß selbst zurückgehalten ich bleib',
O rate, Venus, was ich treib'.
(S. 2-3)
_____


Demselben Literaturkreis gehört an
Eine Inschrift aus Pompeji

Wie kommt's? Mit Macht, ihr Äugelein,
Triebt ihr ins Feuer mich hinein.
Jetzt - spendet euren Wangen ihr
Auch Hilfe reichlich nach Gebühr?
Ach, keine Tränen sind imstand,
Zu löschen diesen heißen Brand,
Der das Gesicht zur Glut entfacht
Und der die Seele schwinden macht.
(S. 3)
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Übersetzt von Josef Maria Stowasser (1854-1910)

Aus: Römerlyrik
In deutsche Verse übertragen von J. M. Stowasser
Heidelberg Carl Winters Universitätsbuchhandlung 1909
 




 

 


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