Europäische Liebeslyrik

(in deutscher Übersetzung)

Edward Charles Halle (1846-1914) - Die Musik


 

Garcilaso de la Vega (1503-1536)

(In der Übersetzung von Friedrich Wilhelm Hoffmann,
Johannes Fastenrath und Sebastian Mutzl)

 

Sonett

O süsse Pfänder, mir zur Qual erfunden,
Ja, süss und froh, als Gott es wollte gönnen!
Nicht kann von euch sich die Erinnrung trennen,
Mit der zu meinem Tod ihr seid verbunden.

Wem ahnte wohl, als in vergangnen Stunden
Es höchste Wonne mir, euch mein zu nennen,
Dass euer Anblick jemals sollte können
So schmerzlich tief mein Innerstes verwunden?

Da ihr in Einer Stunde ganz zerstöret
Habt all mein Glück, mir nach und nach gespendet:
Auch dem zurückgebliebnen Schmerz nun wehret.

Sonst wähn' ich, daß ihr habt mir zugewendet
Solch Glück allein, weil ihr zu sehr begehret,
Wie der Erinnrung Qual mein Leben endet.

Übersetzt von Friedrich Wilhelm Hoffmann (1785-1869)

Aus: Blüthen spanischer Poesie
Metrisch übertragen von Friedrich Wilhelm Hoffmann
Dritte, stark vermehrte Auflage
Magdeburg und Leipzig
Verlag der Gebrüder Baensch 1857
(S. 94)

siehe auch spanisches Original unter:
http://es.wikisource.org/wiki/Oh_dulces_prendas,_por_mi_mal_halladas

(Oh dulces prendas, por mi mal halladas)

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Sonett

So lang' in Eurem Angesichte blühen
Die Farben noch der Lilien und Rosen,
Und Eures zücht'gen Auges Blick dem Tosen
Des Sturmes wehrt, die Wolken heisst entfliehen:

So lange jene Locken, die entliehen
Des Goldes Ader, noch, ein Spiel des losen
Und sanften Zephyrs, Euch mit art'gem Kosen
Den schönen, schlanken, weissen Hals umziehen:

Brecht ja die süsse Frucht Euch Eures frohen
Und heitern Lenzes, ehe, taub dem Flehen,
Die Zeit das schöne Haupt mit Reif beschütte!

Die Rose welkt, wenn kalte Lüfte wehen;
Der Jahre Flucht wird Allen Wandlung drohen,
Um nicht zu ändern die gewohnte Sitte.

Übersetzt von Friedrich Wilhelm Hoffmann (1785-1869)

Aus: Blüthen spanischer Poesie
Metrisch übertragen von Friedrich Wilhelm Hoffmann
Dritte, stark vermehrte Auflage
Magdeburg und Leipzig
Verlag der Gebrüder Baensch 1857
(S. 96)

siehe auch spanisches Original unter:
http://es.wikisource.org/wiki/En_tanto_que_de_rosa_y_azucena

(En tanto que de rosa y azucena)

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Canzone an die Blume von Gnido

Wär' mein die Macht der Töne,
Daß meine Lyra mit des Blitzes Schnelle
Den wilden Sturm versöhne,
Und ob es thurmhoch schwelle,
Das Meer bezähm' und seine zorn'ge Welle;

Könnt' ich auf steilem Gipfel
Mit süßem Sang die wilden Thiere rühren,
Würd' selbst der Bäume Wipfel
Des Liedes Allmacht spüren,
Würd's traumverwirrt den Tönen nach sie führen:

Dann, Gnido's schöne Blume,
Glaub' nicht, um Mars würd' meine Leyer werben,
Dem grausen Gott zum Ruhme,
Der Tod nur und Verderben
Und der sich nur mit Staub und Blut mag färben.

Nur Deiner Schönheit brächt' ich
In meinem Sang den Preis der Huldigungen,
Säng', wie Dein Reiz so mächtig,
Doch auch, wie unbezwungen
Du rauh noch hältst der Härte Schwert geschwungen!

Ich säng' von ihm, dem Armen,
Der, an der Venus Muschel angekettet,
Muß rudern ohn' Erbarmen,
Der lebend schon gebettet
Ist in den Tod, da Du ihn nicht errettet!

Durch Dich in Lieb' verloren,
Durch Dich versenkt in Sinnen und in Träumen,
Drückt er wie sonst die Sporen
Dem Roß nicht ein, deß Schäumen,
Deß Ungestüm er nicht wie sonst mag zäumen.

Durch Dich, durch Dich gefangen,
Schwingt nicht das Schwert mehr seine schnelle Rechte,
Flieht er wie gift'ge Schlangen
Staubwolken der Gefechte,
Ob ihm der Sieg auch Lorbeerzweige flechte!

Durch Dich, durch Dich kennt seine
Holdsel'ge Muse statt der hellen Cither
Der Klage Lied alleine,
Und Thränenfluth netzt bitter
Das Antlitz Deinem schwärmerischen Ritter!

Gedenk' mit Zagen heute,
Wie es ergangen einst Anaxarete,
Die ach so spät bereute,
Daß sie die Lieb' verschmähte:
Ein Marmelstein, ward sie der Liebe Stäte!

Frohsinn ob fremdem Leide
Erfüllt' die Brust ihr hart gleich einem Steine,
Als mitten in der Freude
Sie bleich im Dämmerscheine
Sah hingestreckt des Liebenden Gebeine!

An seinem Hals die Binde,
Mit der der Kette sich sein Herz entbunden,
Damit es Ruhe finde;
Kurz währten seine Wunden,
Doch die sie schlug hat ew'gen Lohn gefunden!

Die harte Brust erglommen
Fühlt plötzlich sie von frommer Lieb' Gewalten:
O Reu', so spät gekommen!
O letzten Mitleids Walten!
Ist größ're Härte noch Euch vorbehalten?

Es bohren sich wie Schwerter
Die Augen in den Leichnam, den sie schauen,
Da plötzlich hart und härter
Sieht sie zu einem rauhen
Gesteine wachsen ihren Leib mit Grauen!

Die sonst zu Eis gefroren,
Die Eingeweide sind zu Fels geschwollen,
Natur und Art verloren
Hat selbst das Blut, deß Rollen
Die Adern noch gefühlt, die kummervollen!

Zu starrem Steingebilde,
Zu Marmor wird ihr Haupt und Fuß und Lenden!
So rächte sich der wilde
Undank. Sieh also enden,
Die voll Verachtung sich von Amor wenden!

Drum, Herrin, Du erprobe
Nicht auch der zürnenden Vergeltung Pfeile!
Zu Deiner Schönheit Lobe
Nur sing' des Sängers Zeile,
Der sie des Stoffs Unsterblichkeit ertheile!

Doch nimmer sei verliehen
Durch Dich der Lyra und des Sängers Munde
Der Stoff zu Elegieen
Ob gleicher Trauerkunde:
Sei milde Du beglückt in Amor's Bunde!

Übersetzt von Johannes Fastenrath (1839-1908)

Aus: Hesperische Blüthen
Lieder, Sprüche und Romanzen
von Dr. Johannes Fastenrath
Leipzig 1869
Verlag von Eduard Heinrich Mayer
(S. 246-249)
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Die treue Mutter, die der kranke Knabe
Mit Thränen anfleht, etwas ihm zu reichen,
Was, wie ihr klar, wenn sie sich läßt erweichen,
Sein Leiden mehren wird mit kurzer Labe:

Sie hält sich nimmer, daß Bedacht sie habe,
Die Klugheit muß der heißen Liebe weichen,
Sie läuft, und sollt' es ihm zum Tod gereichen!
Und stillt sein Weinen mit der gift'gen Gabe.

So des Gedankens thörichtem Begehren,
Der Dich von mir verlangt zu eig'nen Peinen,
Wollt' ich solch tödtend Labsal weislich wehren;

Doch er verlangt, und will nicht ruh'n zu weinen,
Daß ich ihm, was er will, wohl muß gewähren,
Vergessend seinen Tod und auch den meinen.

Übersetzt von Sebastian Mutzl (1797-1863)

Aus: Blumenlese aus spanischen Dichtern
von Sebastian Mutzl
Landshut 1830
Druck und Verlag von Joseph Thomann
(S. 97)
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Weil noch von zarten Lilien und Rosen
Die Farben dir auf junger Wange blühen;
Weil noch dein Blick, den Zucht und Ernst durchglühen,
Mit hellem Licht bezähmt des Sturmes Tosen;

Weil noch dein Haar, - im edlen Schooß erkosen
Der Mine, wo des Goldes Adern glühen, -
Am schönen Hals in spielendem Bemühen
Der West verwirrt und hebt mit sanftem Kosen:

Aernte die süße Frucht der heitern Tage
Des Lenzes, eh' die Zeit nach altem Brauche
Im Zorn den schönen Scheitel überschneiet,

Die Rose welkt im eis'gen Windeshauche,
Das flücht'ge Alter Freude kehrt in Plage,
Und dich und Alles seiner Laune weihet.

Übersetzt von Sebastian Mutzl (1797-1863)

Aus: Blumenlese aus spanischen Dichtern
von Sebastian Mutzl
Landshut 1830
Druck und Verlag von Joseph Thomann
(S. 98)
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