Europäische Liebeslyrik

(in deutscher Übersetzung)

Edward Charles Halle (1846-1914) - Die Musik

 


George Wither (1588-1667)


Des Schäfers Entschluss

Soll verzweifelnd ich vergehn,
Sterben, weil ein Weib ist schön,
Bleich gar härmen meine Wangen,
Weil auf andern Rosen prangen?
Mag sie schön und schöner sein,
Als die Blümlein all' im Mai'n,
Ist sie mir nicht hold, o sprich,
Ob sie schön sei, kümmert's mich?

Soll mein Herz sich schmachtend sehnen
Nach dem Liebreiz einer Schönen,
Oder weil Natur ihr neben
Anmuth Freundlichkeit gegeben?
Ob ich sanft und hold sie seh',
Wie ein Täubchen oder Reh,
Ist sie's gegen mich nicht, sprich,
Ob sie sanft sei, kümmert's mich?

Soll ich in das Grab mich legen
Eines Weibes Tugend wegen?
Soll von ihres Werthes Scheine
Ganz verdunkelt sein der meine?
Mag sie gut und engelrein,
Auch der Schönsten Schönste sein,
Ist sie's gegen mich nicht, sprich,
Ob sie gut sei, kümmert's mich?

Soll ich, weil sie hoch geboren,
Sterbend spielen einen Thoren?
Adliche Gemüther wissen,
Dass, die Geld und Güter missen
Und dem Weh doch halten Stand,
Nicht bedürfen solchen Tand.
Hat sie solch' Gemüth nicht, sprich,
Ob sie vornehm, kümmert's mich?

Vornehm, sanft, schön oder gut,
Nie verlier' ich d'rum den Muth,
Liebt mich Eine, die bedenke,
Dass ich sterb', eh' ich sie kränke;
Will mein Werben sie verschmäh'n,
Dann lass ich sie lachend gehn.
Dann ist sie für mich nicht, sprich,
Warum noch bekümmert's mich?
(S. 118-119)

Übersetzt von Friederike von Marées (1810-1864)

Aus: England und Amerika Fünf Bücher englischer
und amerikanischer Gedichte
von den Anfängen bis auf die Gegenwart
In deutschen Übersetzungen
Chronologisch geordnet mit litterarhistorisch-kritischen
Notizen und einer Einleitung
von Julius Hart
Minden i. W. J. C. C. Brun's Verlag 1885
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Auf einen gestohlnen Kuß

Der liebe Schlaf hat nun das Aug' umfangen,
Das wach den kühnsten Wunsch in Schranken hielt,
Zum süßen Mund kann ich frei gelangen,
Deß ros'gen Hauch zu schlürfen ich gewillt;

Von diesen beiden schmelzenden Rubinen
Ein Küßchen stehlen, kann nicht Sünde sein;
Da's Niemand sieht, kann zum Verrath nichts dienen,
Und sie büßt bei dem kleinen Raub nichts ein.

Ja, nähm' ich zwanzig Küsse weg, ich glaube,
Man sähe wirklich keine Spur davon:
Warum nur zögern mit des Küßchens Raube?
Sie könnt' erwachen, und ihr Zorn mir drohn!

Gut! wacht sie auf, geb' ich es wieder her,
Und für den Borg noch zwei Millionen mehr.
(S. 165-167)

Übersetzt von Otto Ludwig Heubner (1856)

Aus: Englische Dichter Eine Auswahl englischer Dichtungen
mit deutscher Übersetzung
von O. L. H ...r [Otto Ludwig Heubner]
Leipzig Verlag von Georg Wigand 1856

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Des Schäfers Entschluß

Soll ich trostlos untergehn,
Sterben, weil ein Weib ist schön?
Sollen meine Wangen bleichen,
Weil sich andre rosig zeigen?
Wär' sie schöner wie der Tag,
Wie im Mai der Blumenhag:
Ist's für einen andern Mann -
Sei sie schön, was geht's mich an?

Soll ich leiden Herzeweh,
Weil ein holdes Weib ich seh'?
Oder Formen, reich entfaltet,
Und ein Antlitz, wohl gestaltet?
Wär' sie hold und sanft und weich,
Pelikan und Täubchen gleich:
Ist's für einen andern Mann -
Sei sie hold, was geht's mich an?

Wenn ein Weib ist tugendsam,
Soll ich sterben drum vor Gram?
Hält man ihr Verdienst in Ehren,
Soll's mich meins vergessen lehren?
Wenn sie trefflich noch so sehr,
Ja, die allerbeste wär':
Ist's für einen andern Mann -
Sei sie gut, was geht's mich an?

Soll ich, weil sie groß und reich,
Närrisch werden, sterben gleich?
Nein! es denken edle Seelen,
Wenn sie arme Freier wählen:
"Kühne Minner ohne Gold,
Ei! was müßt ihr sein bei Gold!"
Wenn sie so nicht denken kann -
Sei sie reich, was geht's mich an?

Reich und gut und hold und schön -
Niemand soll mich trostlos sehn!
Traun, ich wollt', wenn sie mich liebte,
Sterben, eh' ich sie betrübte.
Doch, will sie mein Lieben schmähn -
Bin ich stolz und laß sie gehn.
Wenn sie mich nicht lieben kann,
Was geht mich ihr Lieben an?
(S. 167-169)

Übersetzt von Otto Ludwig Heubner (1856)

Aus: Englische Dichter Eine Auswahl englischer Dichtungen
mit deutscher Übersetzung
von O. L. H ...r [Otto Ludwig Heubner]
Leipzig Verlag von Georg Wigand 1856

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