Europäische Liebeslyrik

(in deutscher Übersetzung)

Edward Charles Halle (1846-1914) - Die Musik

 

 

Guido Gezelle (1830-1899)

(In der Übersetzung von Wilhelm Schölermann)



Ich misse dich

Ich misse dich wo ich hinnefahr,
und wo ich hinnekehr,
die Morgenstund, die Tage rund
und die Abende noch mehr.

Wenn dann allein ich Tränen wein,
sei's Leid, sei's Freud nach dir,
ich misse dich, o ich miss' dich so,
ich misse dich neben mir!

So mißt fürwahr sein Widerpaar
kein Vögelchen im Netz,
so mißt kein Kind, wie zart beminnt,
die Mutter, noch sie es.

Nun singt man viel zum Orgelspiel,
und misse ich nichts, o nein,
doch dein Sang fehlt dem Orgelklang,
da misse ich's allmitein!

Ich misse dich, wenn die Lüge falsch
will munkeln . . . Da du kamst,
wenn Verse sacht du mir gebracht,
und Verse mit dir nahmst.

Ich misse dich noch . . . wo, weißt du doch,
du hast es oft gespürt . . .
Ach! hab doch oftmals heimelich
Gott ein zu dir geführt.

Da misse ich dich, da misse ich dich!
so vielmal und ich wein;
kein Hoffen mehr auf Wiederkehr,
kein Hoffen mehr, o nein!

Kein Hoffnung nein, ach, noch so klein,
dies Leben überfliegt;
nur in der Not der gute Tod:
. . . da misse ich dich doch nicht!

übersetzt von Wilhelm Schölermann (1865-1923)

Aus: Vlaemische Dichtung Eine Auswahl im Urtext und in Übersetzung
[Wilhelm Schölermann]
Verlegt bei Eugen Diederichs in Jena 1916 (S. 37-39)
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